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Fantasy (diverse)



China Mieville

Un Lon Dun

rezensiert von Thomas Harbach

In seiner kurzen EinfĂŒhrung dank China Mieville Schriftstellern, die fĂŒr die Entstehung seines ersten Jugendbuches besonders wichtig gewesen sind. Neben Neil Gaiman, der mit “Neverwhere” ebenfalls ein alternatives London beschrieben hat, erwĂ€hnt Mieville auch Walter Moers. Wie Moers einzigartige Romanen sucht Mieville auch eine Kombination aus Bild und Text. So finden sich im Roman verstreut fast einhundert kleine Zeichnungen, auf denen die skurrilen Charaktere seines Werkes vom Autor selbst zum Leben erweckt werden. Noch fehlt Mieville die FĂ€higkeit, aus Bild und Text eine Symbiose zu erschaffen, die Grenzen sind noch nicht wie bei Walter Moers fließend. Wie Gaiman in seinem erwĂ€hnten “Neverwhere” und Walter Moers in seinen Zamonienromanen legt China Mieville in seinem vorliegenden Buch mehr Wert auf die HintergrĂŒnde als eine plottechnisch ĂŒberraschende Geschichte. Von Beginn an erzĂ€hlt der Brite seinen Stoff insbesondere fĂŒr seine bisherigen Werke ungewöhnlich stringent und teilweise auf simple Mechanismen der gegenwĂ€rtigen Jugendbuchgeneration reduziert. Neben der bekannten RealitĂ€t Londons existiert eine zweite Welt, die nur ĂŒber die eine trans-dimensionale Barriere erreicht werden kann. Dieser Weg ist fĂŒr die meisten Menschen, Wesen und GegenstĂ€nde eine Einbahnstraße. In diesem “Un London” - stellvertretend fĂŒr die vielen anderen StĂ€dte unserer Welt - sammeln sich nicht nur die verlorenen und kaputten GegenstĂ€nde, wie der Klappentext suggeriert, sondern hat sich eine eigene archaische Kultur entwickelt. Zwei MĂ€dchen dringen durch einen Zufall durch diese Barriere. Zanna und Deeba fĂŒrchten sich zu erst, doch dann glauben die Bewohner schnell, dass Zanna nicht zuletzt aufgrund ihrer Travelcard die AuserwĂ€hlte ist, welche Un Lon Dun vor dem Smog, dem finsteren Wesen, das die Stadt bedroht, retten wird. In der Prophezeiung ist Zanna die große Retterin, wĂ€hrend Deeba mit ihren gleichfalls zwölf Jahren auf den Status eines lustigen Sidekicks reduziert wird. Nach der HĂ€lfte des Plots bricht China Mieville in einer der wenigen wirklich plottechnisch inspirierten Szenen des Buches diesen klischeehaften Aufbau ab, um quasi noch einmal von vorne anzufangen. Nur in der zweiten Fassung trĂ€gt Deeba alleine das Schicksal im Grunde von zwei Welten auf ihren schmalen Schultern.

Handlungstechnisch ist “Un Lon Dun” selbst fĂŒr ein Jugendbuch zu einfach, zu bemĂŒht simpel geschrieben. Immer wieder erkennt insbesondere der AnhĂ€nger China Mievilles und seiner exzentrischen Romane, wie sich der Autor an einigen Stellen ganz bewusst zurĂŒckgenommen hat. Etwas mehr Erfahrung und vor allem Aufmerksamkeit hĂ€tte der Brite seiner neuen Lesergeneration schon zutrauen sollen. Der Roman beginnt mit seinen vielen kleinen skurrilen Ideen zu leben. Es sind vor allem die Nebenfiguren, welche die Handlung auf ihren Schultern tragen. Deeba und Zanna werden als lebenslustige MĂ€dchen beschrieben, die sich schnell wie Dorothy in einem modernen Oz zu Recht finden. Auch akzeptieren sie viel zu schnell ihre Position als Retter von Un Lon Dun. Reagieren sie zu beginn des Buches noch mit zynischer Ablehnung auf die Bewunderung der Bewohner dieser fremdartigen Welt, glĂ€ttet Mieville dieses belebende Element im Verlaufe der Handlung zu sehr. Ein paar mehr Spitzen, etwas mehr Zynismus hĂ€tte dem Plot gut getan. Insbesondere in Verbindung mit ihrer zurĂŒckgelassenen Welt ist der Leser gedanklich den beiden MĂ€dchen mindestens einen Schritt voraus und diese Passagen gehören zu den schwĂ€chsten des Buches. Es bleibt das GefĂŒhl zurĂŒck, als wolle China Mieville immer wieder unnötig den mahnenden Zeigefinger haben, der unterstreicht, das Ausreißen selbst auf einer wichtigen Mission nicht erlaubt. Um es gleich vorweg zu nehmen, “Un Lon Dun” ist keine Fortsetzung von “Neverwhere”, auch wenn die Romane sehr viele Elemente verbindet. Wie Neil Gaimans erster eigenstĂ€ndiger Roman nach der Zusammenarbeit mit Terry Pratchett fehlt beiden Werke die einzigartige Stimme ihrer Autoren. In beiden FĂ€llen handelt es sich um lesenswerte Variationen des “Alice im Wonderland” Themas, die von ihren hintergrĂŒndigen bestimmt werden. So ist die erste Reise der beiden zwölfjĂ€hrigen MdĂ€chen durch “Un Lon Dun” ein erster Höhepunkt des Romans. Wenn ihr Reisebus in einen Ballon eindringt, um ĂŒber die Stadt zu fliegen, beginnt das Buch im wahrsten Sinne des Wortes zu leben. Regenschirme mit ihren spinnenhaft dĂŒnnen Gliedern werden zu schaurigen Begleitern. Die Bibliothek zu einem Hort des Wissens und gleichzeitig der Gefahr. Sobald sich China Mieville von seiner teilweise doch ein wenig verkrampften Handlung löst und seine Welt zu bevölkern und zu benennen beginnt, wird der Leser mitgerissen. Sehr pointiert in der Tradition Walter Moers - ohne dessen Seitenhiebe in die Handlung auf Biegen oder Brechen zu integrieren - entwickelt der Brite eine Welt, die in dieser Hinsicht seinen anderen erwachsenen Werken in wenig hinterher steht. Mit dem allgegenwĂ€rtigen “Smog” - ein kleiner Seitenhieb auf den britischen Nebel - entwickelt er genauso einen charismatischen Schurken, welcher natĂŒrlich nur mit einer “UnGun” erledigt werden kann. NatĂŒrlich wird die Prophezeiung durch eines der beiden MĂ€dchen - einer der wenigen eigenstĂ€ndig cleveren Plotelemente des Romans - erfĂŒllt wird, steht außer Frage. Die Reise zu diesem Ziel ist aufgrund von China Mievilles Phantasie das bestechende Element dieses Buches. Mieville gehört zu den wenigen Autoren, welche mit viel Respekt einen Klassiker der Literatur wie “Alice im Wunderland” auf ihre Kernelemente reduziert haben. Viele Elemente werden eher metaphorisch ĂŒbertragen als gnadenlos modernisiert. Die hinter Lewis Carrolls Werk stehenden zeitlosen Ideen werden in dieser akzeptablen Hommage ganz vorsichtig restauriert und fĂŒr eine neue Lesergeneration in ihren Kernaussagen konserviert. Die richtige Balance zwischen der Nutzung der Genreelemente und einer Parodie auf diese gelingt China Mieville im Verlaufe seines Buches kontinuierlich besser. Zu Beginn ist der Roman teilweise noch ein wenig zu statisch und bemĂŒht. Der Kampf zwischen Handlung - fĂŒr einen Autoren mit Mievilles FĂ€higkeiten muss es eine stetige Selbstbeschneidung gewesen sein - und Hintergrund ist hier deutlich erkennbar. Erst als er sich in WĂŒrde den Regeln des Genres unterwirft, kann er sich gĂ€nzlich auf den Hintergrund seines Buches konzentrieren. SpĂ€testens ab dieser Sekunde nimmt sich “Un Lon Dun” nicht mehr ganz ernst, behandelt aber den Leser als mĂŒndigen BĂŒrger und versucht in keiner Sekunde, das Genre selbst lĂ€cherlich zu machen. Mieville greift auf den Fundus der Klassiker zurĂŒck und schnell gelingt es ihm im positiven Sinne, seinem Buche eine eigene erkennbare IdentitĂ€t zu verleihen. “Un Lon Dun” ist mit deutlich Abstand China Mievilles einfachstes Buch. Keine gebrochenen Charaktere mit dunklen Vergangenheit ohne Zukunft - selbst der Schurke fĂ€llt nicht in dieses Klischee und stellt im Gesamtkontext von Mievilles Werk eine solide Abwechselung dar - und vor allem eine stringente Handlung.
FĂŒr den Schriftsteller Mieville sicherlich ein prĂ€sentierbarer Beweis, dass er nicht nur exzentrische Werke wie zuletzt “Der eiserne Rat” schreiben und publizieren kann. Auf der anderen Seite muss sich der Brite auch den Vorwurf gefallen lassen, auf der “Harry Potter” und jugendliche Fantasy Welle im Vergleich zu Neil Gaiman, dessen “Neverwhere” weit vor Potter veröffentlicht worden ist, mit zu schwimmen und einen kommerziell erfolgreichen Hit zu suchen. UnabhĂ€ngig vom farbenprĂ€chtigen Hintergrund lĂ€sst sich dieser Vorwurf nach der LektĂŒre nicht ganz entkrĂ€ften. Und so wirkt China Mieville teilweise wie eine seiner eigenen Schöpfungen: er beschreibt Fische, die dank moderner Technik auf dem Land ihr Dasein fristen können und teilweise hinterlĂ€sst der solide zu lesende Roman auch im Leser diesen Eindruck.

China Mieville: "Un Lon Dun"
Roman, Softcover, 482 Seiten
Bastei Verlag 2008

ISBN 9-7834-0420-5882

Weitere Bücher von China Mieville:
 - Andere Himmel
 - Der Eiserne Rat

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