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Fantasy (diverse)



Ursula Le Guin

Die Geissel des Himmels

rezensiert von Thomas Harbach

Fast zeitgleich erscheinen Urusla LeGuin neuster Roman „Die Wilde Gabe“ – als Hardcover bei Piper – und wahrscheinlich einer ihrer besten, aber unterschätzten Romane aus der goldenen ersten Schaffensperiode Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre – „Die Geissel des Himmels“ im Grunde zum ersten Mal in Deutschland. Während diese sarkastische Behauptung nicht unbedingt für die deutsche Erstveröffentlichung gilt, zeigt sich an der sorgfältigen und auch sprachlich treffenden Übersetzung Joachim Körbers für diese Neuherausgabe, wie stark viele Klassiker im Rahmen des Heyne oder bekannter weise Goldmann - Verlages bearbeitet und oberflächlich übersetzt worden sind. Die Taschenbuchausgabe verfügte meines Wissens über knappe 140 zwar eng bedruckte Seiten, die Neuherausgabe im größeren Format besteht aus 220 Seiten. Wie viele gute Geschichten aus LeGuin spitzer Feder wirkt der Text sehr kompakt, ganz bewusst reduziert sie ihre in Philip K. Dicks Reich der Irrealitäten spielende Story auf ein Kammerspiel mit drei Protagonisten. „Die Geissel des Himmels“ entstand im Jahr 1971, mitten in LeGuins wahrscheinlich bester Periode als Autorin. Zwischen 1967 und 1974 veröffentlichte sie neben der heute noch ungeheuer populären ERDSEE- Trilogie Bahn brechende Science Fiction Romane wie „Planet der Habenichtse“ und „Die linke Hand der Dunkelheit“. Sie erhielt für die hier aufgeführten Romane alle wichtigen SF Preise: mehrmals den HUGO und NEBULA. Im gleichen Jahr wie „Die Geissel des Himmels“ erschien auch der zweite Band der ERDSEE Serie und setzte sich gegenüber dem – auf den ersten Blick –hässlichen dystopistischen Entlein durch. Selbst die sehr ansprechende Fernsehverfilmung im Jahr 1980 konnte nichts an der auf Sparflamme brennenden Popularität des Buches ändern. Die Aufnahme unter die Science Fiction Meisterwerke und die obligatorische Neuveröffentlichung in Großbritannien als ansprechendes Paperback lenkte ein wenig die Aufmerksamkeit auf den Roman und im Zusammenspiel mit einigen der besten Philip K. Dick Werke aus dieser Reihe lässt sich erst heute erkennen, wie stark Urusla LeGuin zwar von dessen Ideen begeistert aber nicht beeinflusst worden ist. Im Gegenteil suchte sie für eine ähnliche Thematik – welche Bedeutung hat die Realität, wenn ich sie mit einem Traum „zerstören“ kann – eine für sie typische Ausdrucksweise. Der entstandene Romane ist eine ironische Abrechnung mit den so genannten weichen Wissenschaften, eine politische Warnung vor diktatorischen Systemen, eine Mahnung an die Eigenverantwortung der Menschen und schließlich ein hoffnungsvoller Ausblick auf eine Menschheit, die ihre Aggressionen und Ängste zugunsten einer besseren Existenz – zwar aus den Ruinen der Vergangenheit heraus, aber zumindest zielstrebig zukunftsorientiert – sprichwörtlich über Bord ins graue Nichts geworfen haben.

Im Mittelpunkt steht – wie bei Dicks besten Romanen – ein typischer Jedermann. George Orr. Der Name könnte eine Anspielung auf George Orwells berühmten Roman „1984“ sein, dessen anti-utopistische Tendenzen Ursula LeGuin zwar aufnimmt, aber durch die Integration verschiedener möglicher oder unmöglicher Parallelwelten ergänzt und geschickt kommentiert. Nichts umsonst hat der Leser zu Beginn der Lektüre nicht unbedingt das Gefühl, ein Traumlabor zu betreten, sondern eine moderne Verhörzelle. Die ärztlichen Gespräche zwischen Orr und seinem Therapeuten Dr. William Haber verlagern sich schnell auf eine gänzlich andere Ebene. Dabei sollte Orr doch nur wegen Medikamentenmissbrauch von einem Verhaltensgelehrten untersucht und „neu“ eingestellt werden. Im Laufe der ersten Gespräche vertraut Orr Haber an, dass er befürchtet, seine Träume könnten die bestehende Realität verändern. Mit Hilfe der Medikamente wollte Orr seine Träume unterdrücken oder zumindest kontrollieren. Haber verhält sich zu Beginn skeptisch und abwartend. Erst als er erkennt, dass Orr vielleicht die Wahrheit - so subjektiv sie auch sein mag - sagt, beginnt er seine eigene Position zu überdenken. Er nutzt Orrs Kräfte, um die Welt geschickt, aber im Grunde nur manipulierend zum Besseren zu verändern.

Im Gegensatz zu den klassischen Parallelweltgeschichten konzentriert sich Ursula LeGuin nicht auf eine mehr oder minder vertraute andere Welt, sondern sie entwickelt nicht nur verschiedene sehr plastisch beschriebene und logisch fundiert aufgebaute Szenarien, sie verfügt mit Orr über zumindest einen Charakter, der sich auch im Grunde die einzelnen Variationen der einen, nämlich unserer Welt nach einer ökologischen Katastrophe, einem darauf folgenden Krieg und schließlich einer fortlaufenden diktatorischen Regierung erinnern kann. Für alle anderen Protagonisten erlischt die alte Welt mit Orrs jeweiligem Aufwachen nach einem mehr oder minder manipulierten Traum. Geschickt und sehr emotionell überzeugend stellt die Autorin durch dieses Vorgehen einen Kontrast zwischen Wunsch und wiederum fiktiver Realität dar. Mit sanfter Ironie und ein wenig Bedauern verfolgt sie stellvertretend für die Leser Orrs kontinuierliche Versuche, seinen Mitmenschen und damit sich selbst eine bessere Zukunft zu geben. Eine der besten Szenen ist die angebliche Invasion der Außerirdischen, die nach Orrs Vision der Mond besetzt halten. Da er sich den Mond frei von seinen Geschöpfen wünscht, überfallen diese die Erde. Es kommt zu einer direkten Konfrontation zwischen den Militärs und den Fremden im Großen und einen Begegnung zwischen Kreatur – in diesem Fall Aggressor – und seinem Schöpfer – Orr. Stilistisch ganz bewusst nahe an George Wells klassische Geschichte „War of the Worlds“ angelehnt, spielt die Autorin souverän mit den entsprechenden Klischees und überrascht ihren Protagonisten ebenso wie ihre Leser mit einer verblüffend simplen, effektiven und berührenden Auflösung dieses Handlungsstranges.

Herausragend ist auch die entwaffnende Auseinandersetzung mit rassistischen Vorurteilen. Die Lösung ist ein simples grau. Ohne näher auf diesen Subplot einzugehen, zeigt Ursula LeGuin in diesen Passagen eine ungewöhnliche Reife. Sie agiert als Beobachter auf der Höhe der damals ebenso wilden politischen Zeit und kommentiert politisch und gesellschaftlich bedenkliche Strömungen mit einem bitterbösen Augenzwinkern. Es sind diese kleine Ideen, die den Roman aus der Masse pseudokritischer Science Fiction herausheben. Aber nicht nur der Handlungsaufbau funktioniert vorzüglich und konsequent. Das Buch lebt von seinen drei sehr unterschiedlichen, aber voneinander abhängigen Charakteren.

George Orr gehört zu den bodenständigsten Protagonisten der Science Fiction. Im Vergleich wieder zu den dick´schen Verlierern reagiert er nur auf die verschiedenen Ereignisse, versucht seine unterschiedlichen Ängste in Worte zu fassen und aus seiner Selbstisolation aus Furcht vor den katastrophalen Konsequenzen gar nicht erst auszubrechen. Nicht umsonst hat ihn Ursula LeGuin als weltfremden Idealisten mit pessimistischen Grundzügen beschrieben. Orr muss sich die Sympathie seiner Leser und auch seiner Anwältin erkämpfen. Hier entsteht das Portrait eines durchschnittlichen Menschen, dem im Leben nie etwas geschenkt worden ist. Als sich diese Wundertüte nicht zuletzt dank seiner einzigartigen Fähigkeiten zu Träumen zu öffnen beginnt, kann er diese Gabe weder einordnen, noch kontrollieren oder schätzen. Sie bedroht seine eher kümmerliche Existenz und nimmt ihm die wenige Kontrolle, die er über sein geordnetes Leben zu haben scheint. Erst diese Entwurzelung macht ihn zu einem Spielball des ambivalenten Haber. Ganz bewusst verhindert die vielschichtige Beschreibung eine klassische Einordnung im Rahmen einer Tragödie. Er ist hier der „Bösewicht“. Verschiebt ein wenig die Nuancen, könnte er in einer anderen hier beschriebenen Welt durchaus der Held sein, dessen Erfindung und Einsatz alles zum Besseren wendet. Hätte LeGuin die gleiche Geschichte wahrscheinlich aus seiner Perspektive erzählt, wären die Ergebnisse die gleichen gewesen, die Lebensschicksale umgekehrt, Orr die Bedrohung und Haber die Erlösung. Der Leser spürt, dass Haber bis in die Haarspitzen das Beste für Orr und damit auch die Welt erzielen möchte. Trotzdem bleibt der Leser nicht zuletzt dank LeGuin geschickter Führung von Anfang bis zum bitteren Ende auf Orrs Seite. In dieser klassischen Konstellation fehlt natürlich nur als verbindendes Glied eine Frau. In der Rechtsanwältin Heather Lalache fügt die Autorin eine anfänglich eher blass gezeichnete, aber mehr und mehr an Profil gewinnende intelligente, im Grunde unabhängige Frau ein. Ihr Leben war und ist von mehreren Schicksalsschlägen gekennzeichnet. Trotzdem wirkt sie weder verbittert noch desillusioniert. Darum wirkt die zarte Romanze auch so überzeugend.

Als psychologischer Thriller nimmt das Buch viele der späteren, so sensationell vermarkten Ideen der Bewusstseinsbeeinflussung vorweg. Über weite Strecken ist es der Kampf eines normalen Menschen um seine geistige Gesundheit und gegen seinen Therapeuten. Die Autorin beschreibt geschickt den schmalen Grad zwischen wirklicher Hilfsbereitschaft und der stetigen Versuchung, die eigenen, egoistischen Ziele in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht umsonst ist es eine bodenständigere Vision des oft in der utopischen Literatur beschrieenen Gottwerdens. Orr verfügt über gottähnliche Kräfte, im Schlaf kann er Welten vernichten oder erschaffen. Zumindest eine Welt vernichten und wieder neu nach seinem Gutdünken erschaffen. Und diese Fähigkeit nutzt er öfter als es auf den ersten Blick scheint. Im Grunde wird er im Verlauf der Handlung zu Gott, der seine Kinder ins gelobte Land führen möchte und an dieser Aufgabe schließlich scheitern muss. Dabei ist die Geschichte weder ketzerisch noch antireligiös, LeGuin hat hier sehr sensibel, bewegend und spannend eine auf den ersten Blick ausgereizte Idee mit neuem Leben erfüllt und sehr gut umgesetzt. Heute ist „Die Geissel des Himmels“ aktueller denn je und dank der ungekürzten Neuübersetzung der Edition Phantasia vielleicht zumindest im deutschen Sprachraum eine erste echte Entdeckung wert. Eine der Veröffentlichungen des Jahres 2006.

Ursula Le Guin: "Die Geissel des Himmels"
Roman, Softcover, 233 Seiten
Edition Phantasia 2006

ISBN 3-9378-9716-X

Weitere Bücher von Ursula Le Guin:
 - Die wilde Gabe

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