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Fantasy (diverse)



Fritz Leiber

Die Herren von Quarmall

rezensiert von Thomas Harbach

Mit der Sammlung „Lean Times in Lankhmar“ legt die Edition Phantasia die zweite Sammlung mit Geschichten im Fritz Leibers berühmteste Schöpfungen Fafhrd und den Graun Mausling vor. Lars Nestler hat die von Joachim Körber neu übersetzte Sammlung mit einem stimmungsvollen Titelbild versehen.
Raymond Feist stellt in seinem sehr kurzen Vorwort die beiden so unterschiedlichen Helden noch einmal vor und verweist auf den frühen Einfluss Lovecrafts. Interessant sind die Ausschnitte aus Lovecrafts Briefen, in denen er seine Freunde auffordert, eine unveröffentlichte Geschichte Leibers – seine erste Arbeit und in dieser Sammlung unter dem Titel „Adepten- Gambit“ ebenfalls veröffentlicht – zu lesen, die als Kopien verschickt worden ist. Fritz Leibers sich anschließende und einleitende Worte geben dem Leser einen Überblick über die Entstehungszeit der ursprünglichen Geschichten in den vierziger und fünfziger Jahren und den verbindenden Elementen. Diese oft plakativen und sehr kurzen Texte hat Leiber für die erste Buchveröffentlichung am Ende der sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre.

„Die Wolke des Hasses“ ist noch eine der Geschichten, in denen Leiber der Tradition Conans und seines Schöpfer Robert E. Howard folgte. Dunkle Magie, geheimnisvolle Priesterkulte und mitten im Geschehen die beiden so ungleichen Helden. Sie sind Mitglieder einer Wachtruppe und stoßen bei einer nächtlichen Patrouille auf einen Nebel, dem verschiedene Stadtbewohner auf grauenhafte Weise zum Opfer stellen. Sie stellen das „Geschöpf“ und besiegen es schließlich. Die geradlinige Handlung wird durch die launischen Dialoge zwischen den beiden Freunden unterstützt. Gleich zu Beginn des Handlungsbogens baut Leiber konzentriert und kompakt eine bedrohliche, unheilvolle Atmosphäre auf. Auch wenn die eigentliche Konfrontation mit dem Nebelgeistes effektiv und routiniert geschrieben worden ist, wirkt die Geschichte zu kurz und zu einfach komponiert.

Der erste Höhepunkt ist die Novelle „Schwere Zeiten in Lankhmar“, die Titel gebende Geschichte der amerikanischen Sammlung. Die beiden Helden haben sich in der großen Stadt Lankhmar getrennt. Die Gerüchteküche brodelt auf. Sind aus den Freunden inzwischen Feinde geworden ? Weswegen haben sie sich getrennt? Wegen des Geldes oder einer Frau? Sind ihnen die Abenteuer ausgegangen? Schnell stehen die beiden auf unterschiedlichen Seiten der Gilden.

Alleine der Hintergrund mit seinen vielfältigen, oft skurrilen Ideen ist eine Betrachtung wert. In der Stadt gibt es zwei Arten von Göttern: die Götter von Lankhmar – die oberste Instanz – und die Götter in Lankhmar, die oft machtlosen gestrandeten Halb- und Scheingötter. Daneben hat sich auf der Straße der Götter ein religiöser Wanderzirkus gebildet. Von der Bedeutungslosigkeit bis zu den Tempeln ziehen Priester mit ihren kleinen Wanderaltären. Jeder näher sie dem Tempel kommen, desto wichtiger sind die unbekannten Gottheiten, die sie verehren, desto umfangreicher und wertvoller die Spenden und schon kommen die Mitglieder der Erpressergarde. Mit einer Bandbreite aus sanfter Ironie und bissigem Spot parodiert Leiber die klassische Heroic Fantasy. Er reduziert die Motive seiner Figuren auf das Lebensnotwendige – Freunde, Frauen, Alkohol und genügend Geld bis zum nächsten Tag. Die Stärke des Autoren ist, einen farbenprächtigen Background mit den Motiven der insbesondere in den dreißiger Jahren populären Gauner- gegen – Gauner Filme zu kombinieren. Das er in „Schwere Zeiten in Lankhmar“ auch die verschiedenen Religionsgemeinschaften und ihr eigentliches Ziel – das Geldverdienen – entlarvt und am Ende mit dem auferstandenen Gott einen Höhepunkt seiner literarischen Laufbahn erschafft, macht die fast fünfzig Jahre alte Geschichte auch heute noch zu einem Lesevergnügen.

Die anschließende Episode „Ihre Herrin, das Meer“ hat nicht nur die Aufgabe, einen Übergang zwischen den längeren Texten der Sammlung zu schaffen. In diesem Fall verbindet sie die beiden entzweiten Freunde wieder. Geschickt lässt Leiber bislang beschriebene und noch unbekannte Abenteuer Revue passieren und macht aus den so unterschiedlichen Charakteren wieder ein Heldenpaar. Dabei verkneift sich der Autor nicht einige obligatorische Seitenhiebe auf die eher erfolglose Piraterie.

„In Abwesenheit des Königs der Meere“ beschreibt das Eindringen der beiden Helden in die unterseeische Welt. Obwohl Fritz Leiber weiterhin eine farbenprächtige und bizarre Welt scheinbar aus dem Ärmel schüttelt, gelingt es dem Autoren nicht, die Aktionen mit dem Hintergrund ausreichend zu koordinieren. Fafhrd und der Graue Mausling reagieren eher auf die fremde Welt als das sie wie in den besten Geschichten der Sammlung agieren. Dadurch fehlt der Geschichte auch ein bestimmendes Element: die Mischung aus Bauernschläue und Raffinesse, um zumindest für einen Augenblick an den Futtertrögen der Reichen sich mästen zu können. Unwillkürlich erinnert Leibers Schöpfung an die auch in den sechziger Jahren so populären Comics um „Namor, the Submariner“ und „Aquaman“. Die Unterwasserwelt stellt allerdings eine interessante Hintergrundvariation der bisherigen Lankhmargeschichten dar.

Der unbekannte Chronist der Füllgeschichte „ Die falsche Abzweigung“ beginnt mit einem philosophischen Exkurs in Michael Moorcocks Multiversum. Angeblich haben die beiden Helden auch in anderen Universen und auf anderen Welten sich versucht. Diese unglückliche Überleitung ist notwendig, da die folgende Geschichte – die erste, die Leiber nach eigenen Angaben ja zu Papier gebracht hat und die erste Jahrzehnte später veröffentlicht worden ist – vor einigen Jahrhunderten auf der Erde spielte.
Trotz des Versuches, den Text in sein späteres Universum zu integrieren, nimmt Leiber den Faden der letzten Erzählung wieder auf. Fafhrd und der Graue Mausling fürchten den Zorn des Meeresgottes, in dessen Reich sie eingedrungen sind. Der Text wirkt weniger wie eine Erzählung, sondern eher wie ein Expose eines umfangreicheren Romans. Viele der Gefahren, denen die Helden auf ihre Reise über die See auf dem „Schwarzen Schatzsucher“ begegnen, werden nur angedeutet oder mit wenigen Worten beschrieben. Darum ist eine Beurteilung des Textes auch kaum möglich.

H.P. Lovecraft überarbeitete eher oberflächlich und weniger inhaltlich das folgende Manuskript „Adepten-Gambit“. Inhaltlich nimmt Leibers erste Geschichte viele ironisch verzehrte Ideen seines späteren Werkes wieder auf. Mit einer gewissen Frechheit erzählt er die Fabel eines sonderbaren Fluchs: alle Frauen aus der Umgebung Fafhrds und des Grauen Mausling verwandeln sich nach kurzer Zeit in Schweine. Mit vagen Hinweisen ausgestattet versuchen die beiden so ungleichen Helden den Zauberer zu finden, der für diesen Fluch verantwortlich ist. Dabei reisen sie durch den Nahen Osten. Die Konzeption des Handlungsbogen erinnert unwillkürlich an eine Mischung aus Karl May – eine sehr genaue Reiseroute und viele Hintergrundinformationen aus diversen sekundärliterarischen Werken – und H.P. Lovecraft – die Handlung wird fast ausschließlich durch Beschreibungen und weniger durch Dialoge vorangetrieben. Leiber bemüht sich, die Fremdartigkeit des Vorderen Orients einfühlsam und interessant zu beschreiben. Die Charakterisierung seiner einzelnen Charaktere wirkt noch ein wenig unbeholfen, fast steif. Im Gegensatz zu den jüngeren Texten gelingt es ihm kaum, seinen Figuren eine nachvollziehbare Motivation ins Stammbuch zu schreiben. Für eine mit einer unheimlichen Atmosphäre ausgestatten Geschichte wirkt der beschriebene Fluch nicht effektiv genug, als Parodie der aufkommenden Heroic Fantasy und insbesondere des Werkes Robert E. Howards ist der Gegensatz zu Conan zu stark. Trotzdem lässt sich in diesem Frühwerk der genaue und ins Detailverliebte Chronist dieser Saga erkennen. Unbekümmert vermischt Leiber Fakt und Fiktion zu einer sehr kompakten, wenn auch als Gesamtkonstrukt noch sehr instabilen und episodenhaften Geschichte.

Das zweite Buch dieser Sammlung „Schwerter gegen Zauberei“ besteht aus drei Novellen und einer kurzen Einleitung. In dieser Einleitung als eigenständigen Geschichte – „Im Zeit der
Hexe“ – zeigt Leiber die unterschiedlichen Gefahren der Magie eher einfallslos als interessant auf. Der Autor brauchte für seine besseren Geschichten nicht nur mehr Raum, um den Hintergrund mit Leben zu erfüllen. Am effektivsten sind seine Texte, wenn er eine fast alltägliche Begebenheit immer mehr verfremdet und ausschmückt. Dabei entwickelt sich ein oft derart verschachtelter Plot, das Leser und Protagonisten über die ungewöhnlichen Ergebnisse staunen.

Einen ungewöhnlichen Plot hat die folgende Geschichten „Sternenrampe“. Die beiden suchen auf dem höchsten Gipfel ihrer Welt nach dem größten, noch unentdeckten Schatz. Dramatisch erzählt Leiber den beschwerlichen Aufstieg, die Begegnung mit den Damen eines vergessenen Volkes und schließlich den halsbrecherischen Abstieg. Mit dieser Hommage verneigt sich Leiber vor den klassischen Abenteuerautoren wie Sir Henry Rider Haggard. Obwohl die Dialoge mit lakonischen Untertönen durchsetzt sind, fasziniert die genaue Beschreibung des Aufstieges die Leser. Dem Autoren gelingt es, den waghalsigen Mut der Beiden in eine Art Sucht nach dem ultimativen Erfolg umzuwandeln. Wie der Berg ruft, kann der Leser ihre Besessenheit fast mit den Händen greifen. Dabei geht es Fafhrd und dem Grauen Mausling nicht unbedingt um den Reichtum per se, sondern um das Gefühl, eine weitere Herausforderung geschafft zu haben. Die gemeinsame Besteigung einer unüberwindlichen Gletscherwand, das Gefühl – vergleichbar dem Kampf gegen eine erdrückende Übermacht – sein Leben in die Hände des Partners zu legen, wird intensiv beschrieben. Dagegen ist die Begegnung mit dem Volk der Unsichtbaren und ihren Damen erheiternd. Mit einem Augenzwinkern nimmt Leiber die Omnipotenz anderer Barbaren auf die Schippe und entwickelt ein angenehmes Gegengewicht zu den oft über Gebühr ernsten und in sich selbst verliebten Heroic Fantasy Geschichten.

„Die zwei besten Diebe in Lankhmar“ schließt unmittelbar an „Sternenrampe“ an. Fafhrd und der Graue Mausling sind nicht mit gänzlich leeren Händen aus den Bergen zurückgekommen. Allerdings ist ihr Schatz unsichtbar. Und so beschließen sie, jeweils ihren Anteil an der Beute an die einzig möglichen Adressen zu verkaufen: einen blinden Hehler und eine andere Diebin, die ihre Geschäfte nur in der Nacht abschließt. Leider verliert die Geschichte nach einem sehr guten, witzigen Auftakt ihre Linie. Leiber versucht zu viele weitere Elemente – zwei weibliche Diebe und einen seltsamen Auftrag für den trinkfesten Fafhrd, der unmittelbar auf die Abschlussgeschichte der Sammlung überleitet – in den kurzen Texten zu integrieren. Schöner wäre es gewesen, den beiden Helden weitere Hindernisse beim Verkauf der unsichtbaren Steine in den Weg zu legen und den phantastischen Hintergrund Lankhmars mehr zu nutzen.

Mit der letzten Geschichten der Sammlung und gleichzeitig der Titelstory „Die Herren von Quarmall“ zeigt sich ein Muster in Leibers Reisengeschichten. Die beiden Helden treffen an einem unwirklichen und unwahrscheinlichen Ort auf eine Zivilisation, versuchen ihr Glück zu machen und entkommen schließlich mit mehr oder minder heiler Haut. In diesem Fall stoßen sie unter einem winzigen Hügel auf eine faszinierende, fremdartige Stadt. Schnell machen sie dort Karriere, auch wenn ihnen das Gebaren des Herrschers und seine sadistischen Praktiken zu wider sind.

Trotz einer Reihe guter Ideen wirkt die Geschichte eher steif. Die Mischung aus Dialogen und Umgebung ist verschoben. ZU oft verliebt sich Lieber in seine Welt und lässt den Figuren keinen Raum zum Atmen. Hinzu kommt, dass Fafhrd und der Graue Mausling als Team ihre stärksten Szenen haben. Sei es als melancholische Verlierer und clevere Sieger, die die tumben Bösewichte oder hinterhältigen Magier überlistet haben. Die einzelnen Versatzstücke sind vorhanden, sie harmonieren nur schwerlich in dieser zu geradlinig angelegten Geschichte. Die einzigen echten Emotionen der Protagonisten finden sich am Ende der Geschichte und mit deren Abreise ist es zu spät, die Stadt unter dem Felsen noch einmal zu besuchen. Auf der anderen Seite unterstreicht diese Geschichte Leibers sein vielschichtig angelegtes Universum. Weiße und schwarze Magie sind überall zu spüren, sie erdrücken aber nicht jegliche vernünftige Handlung. Außerdem sind die beiden Freunde auch von Frauen – wieder das Gegenbeispiel Conan, der seinen diversen Freundinnen kaum eine Träne hinterher weint – und Magiern zu beeinflussen. Oft unterliegen sie verschiedenen Versuchungen und können in letzter Sekunde Haut und Schwert retten.

„Die Herren von Quartmall“ ist schon aus literaturhistorischen Gründen jedem Freund der Heroic Fantasy zu empfehlen. Darüber hinaus ermöglicht das genaue Studium der Geschichten die Entwicklung eines der stilistisch besten Erzähler des Genres zu verfolgen. Viele der Text stammen aus den frühen sechziger Jahren, gefolgt von den eher schwachen Einschüben aus den späten sechziger Jahren. Dazwischen finden sich aber Frühwerke, in denen Leiber noch sehr ungekünstelt und von seinen eigenen Fähigkeiten überzeugt, raffinierte Texte auf sehr hohem Niveau niedergeschrieben hat. Die Geschichte sind selbst für die frühen Pulpmagazine ungewöhnlich kompakt und intensiv geschrieben worden. Die Edition Phantasia präsentiert in den auch äußerlich schönen Paperbacks die Serie zum ersten Mal ungekürzt. Die Übersetzung von Joachim Körber ist sprachlich vielfältiger als die alten Heyne- Taschenbücher. Auch wenn der zweite Sammelband weniger Glanzstücke als die erste Sammlung enthält und keiner der Texte mit einem Nebula oder Hugo ausgezeichnet worden ist, wirkt sie geradliniger und fließender. Die persönliche Entwicklung der beiden Helden scheint eher stillzustehen, doch mit Geschichten wie „Sternenrampe“ zeigt Leiber sein herausragendes Talent, seine Bühne farbenprächtig und intensiv zu gestalten. Viele Ideen und ironische Kommentare finden sich in den eigentlichen Geschichten gut versteckt und fordern den Leser heraus. Während Fafhrd und der Graue Mausling auf ihrer Suche nach neuen Abenteuern und Reichtum immer größere Herausforderungen annehmen, entsteht vor dem geistigen Auge des Lesers eine der vielschichtigsten und ideenreichsten Fantasy Welten dieses Genres. Und die Entwicklung sollte man sich trotz des immer öfter zu erkennenden Alters der ursprünglichen Texte auf keinen Fall entgehen lassen.

Fritz Leiber: "Die Herren von Quarmall"
Anthologie, Hardcover, 345 Seiten
Edition Phantasia 2005

ISBN 3-9378-9710-0

Weitere Bücher von Fritz Leiber:
 - Das Meerweib
 - Der traurige Henker
 - Der unheilige Gral
 - Die Umtriebe des Daniel Kesserich

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