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Fantasy (diverse)



Charles Coleman Finlay

Der verlorene Troll

rezensiert von Thomas Harbach

In den letzten Jahren hat sich die Hobbit- Presse des Klett Cotta Verlages mehr und mehr zu einer sehr guten Quelle neuer und bislang unentdeckter Fantasy- Autoren entwickelt. Insbesondere Ricardo Pinto oder Scott Bakker seien hier stellvertretend genannt. In beiden Fällen handelt es sich schließlich um Autoren, die in erster Linie durch ihre bestechenden Weltentwürfe die Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Mit Charles Coleman Finlay reiht sich ein weiterer junger, aber sehr viel versprechender Autor in diese Riege, auch wenn sein Debütroman mehr an die mit magischem Realismus durchsetzten Romane eines Charles de Lint erinnert als die umfangreichen Epen eines Pintos oder Bakkers. Bislang hat Finlay in verschiedenen amerikanischen Magazinen und Anthologien Kurzgeschichten und Novellen veröffentlicht. Wie so oft für Erstlinge hat Finlay einige seiner Kurzgeschichten zu einem Roman zusammengefasst. Im Gegensatz zu vielen Debütanten ist es ihm dabei gelungen, die Strukturen der Kurzgeschichten aufzulösen und sie konsequent sowie stringent in eine Romanhandlung zu integrieren. Allerdings fordert er von seinen Lesern auch Geduld, denn der Plot entwickelt sich alles anderes als viel versprechend. Eine Burg wird belagert, der Fall der Festung ist nur noch eine Frage von Tagen. Ein tapferer Ritter flieht heimlich mit einer Maid und dem Königssohn aus dem Schloss, um den Thronerben in Sicherheit zu bringen. Dieser ist noch ein Säugling. Ihre verzweifelte Flucht endet tragisch und der Säugling Claye wird von einer Trollmutter aufgefunden, die um ihre eigene Todgeburt trauert. Sie nimmt den Säugling an Kindesstatt an und zieht ihn groß.

Diese kurze Zusammenfassung erweckt den Eindruck, als wenn Finlay auf Burroughs Tarzangeschichten bei der Konzeption dieses Plots zurückgegriffen hat. Diesem Vorwurf muss sich der Autor auch stellen. Allerdings verpackt er diese Hommage sehr geschickt. Er lässt den Zuschauer im Irrglauben, die Flucht könne gelingen und der tapfere Ritter seine Pflicht erfüllen. Sehr geschickt entwickelt er durchaus dreidimensionale Charaktere, um sie dann allzu tragisch und für den Leser gänzlich überraschend scheitern zu lassen. Mit diesem handlungstechnischen Bruch beginnt die eigentliche phantastische Geschichte des Romans, sie spielt im Trollreich. Die Trolle sind ein vom Aussterben bedrohtes Volk. Sie zählen nur noch wenige Köpfe. Im Laufe von Clayes Entwicklung wird verdeutlich, dass Finlay für die grundlegende Intention seines Romans diesen vertrauten Plot gerade zu benötigt. Immer tiefer gehend setzt er sich mit der auch in der Gegenwart aktuellen Frage auseinander, was es wirklich bedeutet, ein Mensch bzw. was es bedeuten kann, Mitglied einer aussterbenden Rasse zu sein, die unter der Entwicklung des Menschen leidet. Dabei polarisiert Finlay nicht, sondern zeigt beide Rasse mit ihren Stärken und Schwächen. Insbesondere die Trolle leiden unter ihrer Unfähigkeit, nicht planen zu können. Ihnen fehlt die Fähigkeit, auf die bevorstehenden Veränderungen mit langfristigen Alternativen reagieren zu können. Sie halten sich an alten Idealen wie Treue, Ehre und vor allem Familienzusammengehörigkeit fest. Damit öffnen sie den verschlagenen Menschen Tür und Tor. Stellvertretend für die Trolle lernt der Leser diese unterschiedlichen Welten ausschließlich aus der Perspektive des jungen Clayes – der inzwischen Maggot heißt – kennen. Auf seinen Reisen – eine der wenigen menschlichen Fähigkeiten, welche die Troll- Erziehung überlebt haben – begegnet er unterschiedlichen Menschen, lernt die politischen Ränkespiele kennen, die Sinnlosigkeit des Krieges und die Standesordnungen, welche für ihn eine unüberwindliche Barriere darstellen. Er erkennt allerdings auch aus eigener Erfahrung, dass die Menschen treue und mutig sein können, lernte Gefühle wie Liebe und Hass kennen. Kurz beschrieben, er durchlebt die ganze Bandbreite von positiven wie negativen Erfahrungen. Wie Tarzan ist er im Herzen eine Kind der Trolle, kann aber seine menschliche Natur nicht gänzlich ablegen. Wie der Herr des Dschungels lernt er von den oder durch die Menschen, bleibt aber aus eigenem Entschluss in seinem Herzen Troll. Will man die hier aufgegriffene Symbolik noch weiter fortführen, dann könnten die Trolle durchaus für die Indianer stehen. Ein Naturvolk, das mit der Ausbreitung des weißen Mannes seine Individualität und vor allem seine Heimat verloren hat. Auf welcher Seite der Autor steht, wird aus dem Text sehr schnell deutlich. Seine Trollwelt ist „realistischer“ und vor allem farbenprächtig detailliert beschrieben. Er nimmt sich Zeit, Clayes Entwicklung in dieser phantasievollen, aber nicht unbedingt fremdartigen Gesellschaft ausführlich zu beschreiben. Damit gibt er nicht nur seinem Charakter ein notwendiges Fundament, er erweckt in den Lesern eine gewisse Sehnsucht nach der guten alten friedlichen Zeit. Diese emotionale, phasenweise ein wenig zu zuckersüße Manipulation ist notwendig um einen Resonanzkörper für die Begegnung zwischen Claye und den Menschen zu etablieren. Insbesondere stilistisch ragt diese Passage aus dem gesamten Roman heraus und ist am leichtesten als abgeschlossene Novelle zu erkennen. Finlay gelingt es, das Lebensgefühl und – Rhythmus seinen Lesern zu vermitteln, eine einzigartige Leistung für einen noch so jungen und nicht unbedingt erfahrenen Autoren. Mit dem Übergang ins Menschenreich wird sein Roman in Bezug auf das handlungstechnische Tempo schneller, aber auch oberflächlicher. Anfangs noch unentschlossen, in wie weit er dem Tarzan Vorbild zu folgen bereit ist, entschließt er sich mit der Einführung der obligatorischen „Jane“ die Hommage zu perfektionieren. Dabei bleibt Finlay seine Linie treu und konzentriert sich auf Clayes Perspektive. Dabei gehen eine Reihe von interessanten Ideen und vor allem eine dreidimensionale Charakterisierung der jungen Frau verloren. Um seinem Roman quasi einen doppelten Boden zu verleihen, begegnet Claye auf seiner Wanderschaft dem äquivalent der nordamerikanischen Indianer. Ihrer Lebensart bringt der junge Mann das meiste Verständnis entgegen und sie vermitteln ihm fast obligatorisch das theoretische Ideal einer nur auf kleinsten gemeinsamen Nenner funktionierenden Gesellschaft. Allerdings scheut Finlay mit der Einführung dieses Naturvolkes auch eine weitergehende Konfrontation mit Clayes Herkunft und Erziehung. Das sehr abrupte Ende ahnt der Leser schon lange im voraus. Das fehlende Überraschungsmoment beendet einen über weite Strecken interessanten, aber nicht unbedingt originellen Handlungsbogen. Diese Schwächen gleicht Finlay durch auch in der guten deutschen Übersetzung angenehm zu lesenden, sehr humorvollen, aber nicht albernen Stil aus. Er scheut sich nicht im Gegensatz zu der übertriebenen Heroisierung Tarzans auch einen Narren aus seinem „Helden“ zu machen, der Beginn des Romans ist dunkel, brutal und Unheil schwanger. In diesen Auftaktkapiteln überwiegen lange Beschreibungen, kurze, fast abgehackte Dialoge, plötzliche Eruptionen von Gewalt. Das Blatt dreht sich in dem Augenblick, in dem Claye/Maggot versucht, seine Trollerfahrung auf das menschliche Verhalten zu übertragen. Er versucht, Muster zu entwickeln und scheitert. Dieses Scheitern enthält genügend tragische Elemente, um die Aufmerksamkeit des Lesers zu erhalten, aber auch genügend humorvolle oder lustige Szenen, um die ein wenig träge dahindümpelnde Handlung zu beleben. Die Welt, die Claye durchwandert, ist vielschichtig, facettenreich und vor allem sehr originell präsentiert. Wie eine Zwiebel muss sie sich häuten, damit der Leser – und mit ihm der Protagonist – sie wirklich spüren und erleben kann. Auch wenn das Ende erkennbar ist, versucht Finlay eine Art dritten Weg aufzubauen. Nicht der reine „Zurück-zur-Natur“ Gedanke beherrscht die Szenerie, sondern der Ansatz einer „Die-Beste-aller-Welten“ Theorie. Der Autor gibt sich allerdings nicht den Raum, diese Idee auch nur bruchstückhaft umzusetzen. Er beendet das Buch zu abrupt und fast floskelhaft. Es besteht zu befürchten, dass weitere Teile folgen werden. Bis dahin ist „Der verlorene Troll“ ein interessanter Versuch, die Tarzan- Geschichte vor einer reinen Fantasy- Welt zu erzählen. Wer dieses Konzept annimmt, wird sehr gut unterhalten und verbringt mit Finlays Schöpfung einige vergnügliche Lesestunden. Aber aufgrund dieses bekannten Plots bleibt nach der Lektüre zumindest ein fader Nachgeschmack hängen.


Charles Coleman Finlay: "Der verlorene Troll"
Roman, Softcover, 442 Seiten
Klett Cotta 2007

ISBN 3-6089-3786-2

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