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Fantasy (diverse)



Sean mcMullen

Seelen in der großen Maschine

rezensiert von Thomas Harbach

Dieser Tage erfĂ€hrt Sean McMullen gleich die doppelte Ehre einer deutschen Veröffentlichung. WĂ€hrend im Zuge des „Fluch der Karibik“s sein Piratenroman mit entsprechendem Cover im Heyne Verlag erschienen ist, veröffentlich die ehrenwerte Hobbit- Presse den Auftakt seiner „Great Winter“ Trilogie. Um es gleich vorweg zu nehmen, von seinen Ideen her gehört das Buch in die Kategorie eines wĂŒrdigen Epigonen des Klassikers „Lobgesang auf Leibowitz“, eine intelligente Postdoomsday Geschichte mit einer faszinierenden Kultur und einer sich stetig weiter entwickelnden Bedrohung der neu aufgebauten Zivilisation durch die nimmermĂŒde Technik. Auf der anderen Seite gehört insbesondere die zweite HĂ€lfte des Romans aufgrund dieser vielen sehr positiven Ideen zu den frustrierenden Leseerlebnissen dieses Sommers. Dabei gehört McMullen nicht nur aufgrund seiner Preise – zweimal den DITMAR Award in Australien gewonnen, auf den ersten Blick keine hohe HĂŒrde, aber dieser Kontinent hat mit George Turner den Science Romantiker hervorgebracht und sein Buch „The Sea and Summer“ gehört zu den zehn besten Postdoomsday- Geschichten aller Zeiten.

Dabei sind seine Ideen wundervoll: Man stelle sich eine Welt ohne Technik vor, die unter schwierigen UmstĂ€nden eine Kultur, eine Zivilisation und schließlich im Grunde auch einen Computer erfunden hat. Die große Maschine und die Titel gebenden Seelen sind tausende von Menschen, die die Transistoren und Verbindungen ersetzt haben. Meistens StraffĂ€llige oder zufĂ€llig mathematisch begabte Menschen mĂŒssen nach den ihnen gegebenen Anweisungen immer wieder und wieder mathematische Wahrscheinlichkeiten ausrechnen. Die ZĂŒge werden von Muskelkraft betrieben und die fleißigen „Fahrradfahrer“ erhalten am Ende der Reise Bonuspunkte. Duelle laufen nach bizarren festen Regeln ab. Die Kirche agiert als Gegenpol zur Politik und auf dem Mond bauen NANO- Maschinen, vor dem alles vernichtenden Krieg nach oben geschickt, an einem Schild, der die Erde vor der Sonnenstrahlung schĂŒtzen soll. Nur wenige Menschen ahnen, dass wieder ein großer Winter bevorsteht. Das letzte Mal nach dem irrtĂŒmlich ausgelösten Atomkrieg hĂ€tten die ökologischen Folgen beinahe die gesamte Menschheit vernichtet. Dieses Mal stehen die Menschen ihrem Schicksal noch hilfsloser gegenĂŒber.

Die Schwierigkeit des Autoren und damit auch seines Romans liegt in der Charakterisierung der einzelnen Protagonisten und einer ĂŒberzeugenden Motivation hinter ihrem Handeln. Schon von Beginn an schaltet McMullen die Möglichkeit eines großen, dem Leser erst im letzten Band der Trilogie zu enthĂŒllenden Plots aus. Er versucht diese bizarre und von außerordentlichen Ideen ĂŒberfließende Welt seinen Lesern an Hand einer Handvoll von unterschiedlichen Protagonisten nĂ€her zu bringen. Das Spektrum reicht von der nach LIBRIS, der Stadt des Geistes fliehenden, jungen, sehr emotionalen Tochter des Waffenschmiedes, die im Rahmen der Blutrache mehr als eine Handvoll Leben ausgelöscht hat, ĂŒber einen Casanova, der die Rache einer intelligenten Frau zu spĂŒren bekommt, ĂŒber eine ehemalige hochrangige Kirchenfrau – verantwortlich fĂŒr den CALCULATOR -, die schließlich zu einer einsamen, aber sehr weisen Königin wird bis zu einer Reihe von dĂŒsteren Finsterlingen, politisch fragwĂŒrdig, ideologisch verschlagen und nur daran interessiert, die eigenen MachtgelĂŒste zu befriedigen. Die klassische Gut- Böse Konstellation so vieler Fantasy- Geschichten. Was in der ersten HĂ€lfte des Buches fragmentarisch wirkt, aber hervorragend funktioniert, lĂ€sst der Autor fast mit einem Handstreich hinter sich. Lemorel, bislang ein Protege der mĂ€chtigen und weisen Königin, diente bislang als SchlĂŒsselcharakter in der stringenten, wenn auch bizarren Fortentwicklung archaisch wirkender menschlicher Technik. Sie verlĂ€sst ohne besondere Motivation von einem Tag zum anderen ihre Kameraden, Liebhaber und Freunde, marschiert durch eine tödliche WĂŒste, schließt sich einer technologisch unterlegenen, aber zahlenmĂ€ĂŸig erdrĂŒckend ĂŒberlegenen anderen Diktatur an und beginnt als Kommandantin einen Blitzkrieg gegen ihre alte Heimat. Auch wenn McMullen diesen all zu typischen Krieg nutzt, um zu einem den stetigen Konflikt zwischen Erfahrung und Herz – die bisherigen Kommandanten – sowie mathematischem Zufallsprinzip – es gibt inzwischen Kampfkalkulatoren – zu demonstrieren, zum anderen die inzwischen phlegmatisch wirkende Handlung zu beleben, er verliert diesen roten Faden viel zu schnell wieder auf den Augen. Nicht nur Lemorel verliert ihre Motivation und wirkt plötzlich deplatziert, fast farblos, McMullen beginnt unnötigerweise eine weitere Handlungsebene, in der die Menschen von den intelligenten Robotern auf dem Mond erfahren, die einen Schutzschild um die Erde bauen. Im zweiten Teil der Trilogie wĂ€re diese Idee besser aufgehoben, hier stört sie denn inzwischen kaum noch vorhanden narrativen Fluss und lenkt von der so sorgfĂ€ltig extrapolierten Welt ab. Dieses Beispiel steht fĂŒr eine Reihe von Szenen, in denen McMullen mit der KontinuitĂ€t zu kĂ€mpfen hat. Außerdem geht er recht zwanglos mit der chronologischen Reihenfolge innerhalb seiner Geschichte um. Mal vergehen innerhalb eines Kapitels Jahre, dann nur Stunden bei Ereignissen, die fĂŒr sich genommen einen deutlich grĂ¶ĂŸeren Spielraum benötigt hĂ€tten. Manche der Figuren erkennen sich nach Tagen nicht wieder, andere nach Sklaverei, Folter und Frondienst fast Jahrzehnte spĂ€ter ohne Schwierigkeiten. Auch die Emotionen werden sehr bunt gemischt. Um es hart zusagen: die Charakterisierung einzelner, aber elementarer Protagonisten erinnert an die WunschtrĂ€ume eines arglosen Teenangers oder die Phantasien eines lĂŒsternen alten Menschen. Eine hervorragende Kommandantin muss vollkommen unmotiviert an einer Stelle ihre BrĂŒste liebkosen, andere Figuren werden wie Pin- Up MĂ€dchen mit dem immer wieder hervorgehobenen großen Busen dargestellt – der spĂ€ter liebkost wird. Die MĂ€nner greifen sich problemlos mit unglaublich naiven, aber in dieser fiktiven Welt funktionierenden Anmachen die schönsten, die erotischen, entweder sehr erfahrenen oder fast jungfrĂ€ulichen Frauen und schenken ihnen unvergessliche Stunden oder werden selbst beschenkt. Selbst die mĂ€chtigste Frau dieser Welt degeneriert schließlich zu einer willigen Kurtisane, als sie einem ihrer im CALCULATOR gefangenen MĂ€nner begegnet und dessen ruhige, bestimmende Art sie bricht, sie wird schwanger und heiratet diesen Mann schließlich. Dazu kommen fast unglaubliche Dialoge und einige der schablonenhaft angelegten Charaktere sterben auf eine derart lĂ€cherliche Art, dass man bei einigen SchlĂŒsselfiguren zu erst wegen ihres ĂŒberraschenden und nicht vorhersehbaren Endes verblĂŒfft, dann verĂ€rgert und schließlich gleichgĂŒltig ist. Zu sehr wiederholt McMullen dieses Plotelement an verschiedenen Stellen seiner unĂŒbersichtlichen und leider nicht sonderlich gut strukturierten Handlung. Einzig die verschiedenen Sterbeszenen wirken rĂŒckblickend „erheiternd“. Diese frustrierende Art des Schreibens- einen Subplot sehr detailliert und vor allem voller guter Ideen aufbauen und dann belanglos und fast im Nebensatz wieder fallenlassen – zieht sich leider durch den gesamten Roman.


Neben einer Gesellschaft, die sehr stark auf den Traditionen Frankreichs der Alexandre Dumas Abenteuerliteraturzeit aufgebaut ist, integriert McMullen eine weitere Idee in das ĂŒbergeordnete Handlungsschema: den Ruf. Alle Wesen grĂ¶ĂŸer als eine Katze mĂŒssen diesem Ruf folgen. Sie werden von dem nicht erforschten PhĂ€nomen gezwungen, in eine bestimmte Richtung zu gehen. Je nach der LĂ€nge des Rufes finden sich die Menschen in fremden LĂ€ndern, oder stĂŒrzen von Klippen sowie in FlĂŒsse, werden schließlich Sklaven, wenn sie sich vom Ruf befreit haben. Dank Rettungsankern in kleinen Taschen am Körper oder AuffangfĂ€ngen versuchen sie sich vor diesem Schicksal zu bewahren. In der zweiten HĂ€lfte des Buches deutet McMullen eine Art ErklĂ€rung an. Da diese aber anscheinend in keinem Zusammenhang mit dem großen Krieg steht und eher eine natĂŒrliche Ursache zu haben scheint, negiert er wieder den faszinierenden Ausgang und liefert zumindest im ersten Teil der Trilogie eine wenig befriedigende ErlĂ€uterung. Dabei wĂ€re eine Verbindung mit dem mehr als tausend Jahre zurĂŒckliegenden Krieg durchaus denkbar, denn seine Kultur hat mĂŒhsam die Windkraft wieder entdeckt, Dampfmaschinen sind von den starken religiösen Gruppen verbannt worden und jedes Mal, wenn man einen elektrischen Draht nutzt, brennt dieser augenblicklich durch. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Entwicklung von richtigen Maschinen zum Stillstand gekommen. Die ErklĂ€rung, die der Autor fĂŒr dieses PhĂ€nomen liefert, ist augenscheinlich besser prĂ€pariert, wirkt aber in erster Linie optisch, aber nicht mehr nach grĂŒndlichem Nachdenken.

„Seelen in der großen Maschine“ wirkt und ist wahrscheinlich auch die Zusammenfassung mehrere Texte. So finden sich BezĂŒge zu seinen ersten beiden Romanen „Voices in the Light“ und „Mirrorsun Riding“ sowie einigen Kurzgeschichten. Aufgrund dieser Kombination verschiedener Werke, die wahrscheinlich ein wenig geglĂ€ttet worden sind, wirkt der Text oft unnötig uneinheitlich. McMullen konnte sich nicht entschließen, die langen Passagen im zweiten Viertel des Textes zu kĂŒrzen oder ganz zu streichen. Oft versucht er als ĂŒbergeordneter ErzĂ€hler kritische Passagen zusammenzufassen und die Leser so auf eine Ebene mit dem ErzĂ€hler zu bringen. Das funktioniert nur phasenweise, oft wirkt dieses stilistische Element nicht nur ermĂŒdend, es drĂŒckt die einzelnen Charaktere und Situationen in einen Seitenarm dieses nur scheinbar komplexen Buches. Erst gegen Ende seines Romans gelingt es dem Autoren, das einengende GerĂŒst seiner eigenen Vorlagen abzuwerfen und emotional ĂŒberzeugend und einem Epos gebĂŒhrend ein interessantes, ein spannendes Ende zu entwerfen. Dazwischen stehen immer wieder großartige Ideen einer interessanten Future History einer fast albernen Handlung gegenĂŒber. Der Leser muss fĂŒr sich entscheiden, ob er die Suche nach den wenigen, dafĂŒr aber wertvollen Nuggets auf sich nimmt oder lieber zu einem reifen, fertigen Roman greift.

Sean mcMullen: "Seelen in der großen Maschine"
SekundÀrwerk, Hardcover, 629 Seiten
Klett Cotta 2006

ISBN 3-6089-3779-X

Weitere Bücher von Sean mcMullen:
 - Die Fahrt der Shadowmoon

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