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Fantasy (diverse)



Gene Wolfe

Der Zauberer: Mythgarthr 02

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Der Zauberer“ liegt die zweite Hälfte von Gene Wolfes umfangreichen Ritterroman vor. Gene Wolfe gehört zu den Lieblingen der Kritiker. Jedes seiner Werke ist einzigartig und passt sich doch in seinen thematischen Gesamtkomplex vom klassischen Außenseiter ein, der vor unlösbaren Aufgaben steht, in einer fremden Welt seinen Mann stehen muss und schließlich dank seines Intellekts als Sieger hervorgeht. Zu einigen seiner Helden – selbst der Folterer aus seiner berühmten „Buch der Neuen Sonne“ Serie trägt ähnliche Charakterzüge, man sollte seinen Beruf nicht gegen ihn verwenden – würde der Titel eines Ritters vielleicht sogar besser passen zum Titelcharakter der vorliegenden sehr umfangreichen Bände. Es hat keinen Sinn, den vorliegenden Band ohne Kenntnis des ersten Buches zu beginnen. Um es noch einmal deutlich zu machen, es handelt sich ja nicht um den zweiten Band einer Serie, sondern um die zweite Hälfte eines einzigen Romans. Auch wenn Gene Wolfe ironisch durch sein Alter Ego noch einmal die wichtigsten Protagonisten beider Bücher zu Beginn auflistet, ist es für den Leser elementar wichtig, das erste Buch gelesen zu haben. Es gibt keine Zusammenfassung oder Einführung. Der rote Handlungsfaden wird von Gene Wolfe wieder aufgenommen und konsequent, boshaft gesprochen sklavisch weitergeführt. Die Aufteilung hat nur mit dem Umfang des Romans zu tun und nach Abschluss der Lektüre fragt man sich unwillkürlich, ob diese exorbitante Länge wirklich notwendig gewesen ist. Gene Wolfe hat seinen Roman in einzelne kurze, manchmal signifikante, dann wieder verspielte Unterabschnitte aufgeteilt. Handlungstechnisch allerdings kümmert sich Wolfe weniger um konsequente Spannungsbögen als es dem Buch gut tut. Er verliebt sich in seine Geschichte und verlässt den roten Faden immer wieder zu unnötigen Nebenhandlungen. Sie zeigen und verdeutlichen den Reifeprozess eines Jungen in einer fiktiven Phantasiewelt zu einem aufrechten Ritter. Da Gene Wolfe den Text als einen einzigen, sehr umfangreichen Roman sieht, hat er auf jegliche Rückblicke verzichtet. Für den Leser ist es elementar, dass er nicht nur die meisten Ereignisse des ersten Bandes noch gut im Gedächtnis hat, sondern vor allem noch mit den einzelnen Protagonisten vertraut ist. Dies erfordert eine intensive Beschäftigung mit dem Buch. Eine Herausforderung, der sich in diesen medienüberfluteten Zeiten nur noch wenige Leser stellen wollen oder können. Gene Wolfe extrapoliert seine im Grunde anachronistische Geschichte über den eigentlichen Plot hinaus und fordert von seinen Lesern die gleiche Liebe zum geschriebenen Wort, wie er sie anscheinend bei jedem einzelnen Buchstaben, den er niedergeschrieben hat, selbst empfunden hat. Wenn diese Affinität zwischen Buch, Autor und Leser nicht funktioniert, werden „Der Ritter“ und „der Zauberer“ zu einer sehr anstrengenden, sehr trocknen Lektüre. Wem der erste Band nicht gefallen hat, wird mit dem zweiten Buch auch nichts anfangen können. Wem allerdings „Der Ritter“ – wie den meisten Kritikern – sehr gut gefallen hat, findet in der zweiten Hälfte des Buches über weite Strecken eine gleichförmig verlaufende Handlung auf dem gleichen hohen Niveau. Leider versäumt es Gene Wolfe, seinen Plot und vor allem seine Charaktere weiter auszubauen und viele der elementaren Fragen aus dem ersten Band überzeugend zu beantworten. Schon die Grundidee eines Jungen, der in einer fremden Welt im Körper eines fremden Mannes gefangen gehalten wird, beinhaltet sehr viel mehr Konfliktpotential, als es Gene Wolfe enttäuschend für seine Kunst überhaupt ansprechen kann. Eine zusätzliche Steigerung dieser Idee findet nicht statt. Natürlich ist es wahrscheinlich der Traum vieler Jungen, als Ritter Abenteuer zu erleben, die holde Maid zu beschützen und schließlich den Drachen zu erlegen. Unabhängig von dieser phantastischen Prämisse wirkt es nicht überzeugend, wenn sich der Junge in der Rüstung intellektuell nicht weiterentwickelt.
Da kann Gene Wolfe noch so sehr tricksen, Kämpfe und Abenteuer verändern jeden Menschen und dieser Entwicklungsprozess findet im Grunde nicht statt. Dadurch baut sich allmählich in dem sehr umfangreichen Roman eine Distanz zwischen dem Leser und dem Protagonisten auf. Die Idee Able als eine Art modernen Parzifal mit seinem naiven Charme darzustellen, ist eine intellektuelle Versuchung, der Gene Wolfe nicht widerstehen kann. Es ist allerdings schwierig, Wolfes Ansatz wirklich nachzuvollziehen. Wer diese Prämisse akzeptiert, wird mit dem Buch sehr viel Freude haben. Wer sie als zu wenig ausformuliert empfindet, wird an dem roten Faden ziehen können und das handlungstechnische Gerüst bricht in sich wie ein Kartenhaus zusammen.
Zu Beginn des Buches entstehen absichtlich handlungstechnisch schwarze Löcher. Es handelt sich meistens um Ansätze, die ein naiver Junge nicht beachtet, nicht beachten kann. Hier erwartet der Autor von seinen intellektuell reiferen Lesern, dass sie die Lücken selbst füllen. Es ist wichtig, auch auf die Kleinigkeiten zu achten, denen Wolfes Charaktere keine Beachtung schenken. Leider agiert der Autor am Ende des Doppelbandes zu unentschlossen, um diese schwarzen Löcher zumindest an einigen wichtigen Punkten für seine Leser zu füllen.

Schon frühere Wolfe Romane litten unter seiner Schwäche, teilweise zu intellektuell vorzugehen und sich damit trotz seiner literarischen Fähigkeiten von seinem Zielpublikum zu sehr zu entfernen. Der kleine Junge – er könnte Dorothys Bruder sein, der in ein mittelalterliches „Oz“ verschlagen wird und damit den uramerikanischen Abenteuerroman in der Tradition Mark Twains wiederbelebt – alleine reicht nicht. Als Autor kann er besser mit „fertigen“ gereiften Charakteren umgehen, die plötzlich in einer fremden Welt ihren Mann stehen müssen und dabei auf ihren Erfahrungsschatz zurückgreifen können. Spätestens am Ende der mehr als eintausend Seiten hat Wolfe die letzten Sympathien aufgebracht und das zu Beginn interessante und phantastische Szenario wirkt eindimensional und teilweise farblos. Das liegt aber auch an Wolfes Weigerung, seine Fantasywelt, die anscheinend aus sieben Schichten besteht, für seine Leser wirklich zu öffnen. Zu Beginn des Buches ist der Leser der Überzeugung, diese Welt zusammen mit dem Jungen erkunden zu können und zu müssen. Die Mischung aus Mystizismus, Märchen und klassischer Heldensaga hat insbesondere bei einem so exzellenten Erzähler wie Wolfe hohe Erwartungen im Leser erweckt. Zu Beginn des ersten Buches ist es noch verständlich, dass sich der Autor nicht in die Karten schauen lassen möchte und die Scheuklappenperspektive seines Protagonisten wählt, um die Geschichte sehr behutsam, teilweise aber auch sehr phlegmatisch zu entwickeln. Im zweiten Buch ist die Erwartungshaltung deutlich höher und der Leser möchte mehr wissen als ihm der Autor anbietet. Dazu kommt die durch die Titel suggerierte Konfrontation zwischen dem Ritterteil und dem Zaubererteil. Insbesondere der Unterschied zwischen dem Zauberer und dem Ritter wird zu spät und zu wenig entwickelt.

Einen Teil dieser Schwächen kann Gene Wolfe durch seine hervorragenden Szenarien und seine farbenprächtige Weltenschöpfung ausgleichen, aber leider nicht alles. Das Überraschende an diesem umfangreichen Roman ist die Tatsache, dass Gene Wolfe seine Figuren und seinen Hintergrund nicht zu einem perfekten Roman verbinden kann. Mit dem Doppelroman kehrt Wolfe in die Zeit von Tolkiens „Herr der Ringe“ zurück. Der Leser findet zwar die obligatorischen Figuren des gegenwärtigen Fantasy- Genres wie Drachen und Elfen, aber auch bösartige Riesen, edle Damen und wie schon angesprochen zu edle Ritter. Die Idee des Ritters, der sich durch Taten für sein zukünftiges Leben beweisen und um seine Liebe kämpfen muss, der im Grunde nur durch Rückschläge reifen kann und niemals von seinem dornigen Weg abweichen sollte, ist eine wunderbar anachronistische Idee, die dank Gene Wolfes modernen Schreibstil teilweise überraschend ansprechend wieder zum Leben erweckt wird. Dem Autor gelingt es sehr gut, einzelne Rituale und Kampfszenen dreidimensional und packend zu beschreiben, auf der anderen Seite aber auch den Hintergrund der Geschichte zu entwickeln. Vielleicht fehlt es manchen modernen Menschen aber auch an der Muse, diesen im Grunde altmodischen Roman noch einmal mit den Augen des Kindes zu sehen und auf die Meßlatte gegenwärtiger phantastischer Literatur zu verzichten.

Gene Wolfe: "Der Zauberer: Mythgarthr 02"
Roman, Hardcover, 664 Seiten
Klett Cotta 2006

ISBN 3-6089-3776-5

Weitere Bücher von Gene Wolfe:
 - Home Fires
 - Mythgarthr 1- der Ritter
 - Pirate Freedom

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