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Fantasy (diverse)



Jeff VanderMeer

Die Stadt der Heiligen und Verrückten

rezensiert von Thomas Harbach

Klett Cottas wunderschöne Ausgabe von Jeff VanderMeers „City of Saints and Madmen“ ist ein Buch, wie man es sich unter dem Weihnachtsbaum Wünschen kann. Solide gebunden, auffälliger, interessanter Buchumschlag, optisch sehr ansprechendes Lay-Out und ein vielschichtiger Inhalt. Michael Moorcock schreibt in seinem interessanten Vorwort, dass VanderMeer einer der inzwischen aussterbenden Vertreter der Mehr-als-eine-Idee-pro-Buch Autoren ist. Aber „City of Saints and Madmen“ ist kein Roman, sondern die Geschichte einer fiktiven Stadt – Ambergris – und seiner Einwohner. Dabei nutzt VanderMeer die Novelle als fast kongeniale „Übertragungsmöglichkeit“ zum Leser. Von den vier Geschichten ist „The Transformation of Martin Lake“ schon gesondert mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet worden.

Der deutsche Verlag kombiniert die in den Jahren 2001 – im Kleinverlag Cosmos Book – und 2002 – als Paperback bei Prime Books – veröffentlichten Ausgaben. So enthält diese gebundene Ausgabe nicht nur die Fiktion der ursprünglichen Veröffentlichung, sondern auch mehr als zweihundert Seiten zusätzliches Material.

Nicht nur die äußere Gestaltung spricht für ein ungewöhnliches Leseerlebnis. VanderMeer ist einer der wenigen Fantasy- Autoren auf dem Niveau Michael Moorcocks, der bereit ist, Risiken einzugehen. Nicht nur inhaltliche – das hat Jacqueline Carey mit der Geschichte einer S/M Sklavin schon angedeutet – sondern sprachliche und stilistische Risiken. Jede der folgenden Geschichte stellt eine Facette des Autors dar. Sie spielen alle vor dem reichhaltigen Hintergrund – der Stadt Ambergis. Hier haben neben Michael Moorcock Autoren wie China Mieville und nicht zu vergessen Fritz Leiber Pate gestanden. Viele Elemente dieser Stadt werden sich in den einzelnen Figuren der unterschiedlichen Geschichten wieder finden.

Die Stadt wird beschrieben, als ob die „Tänzer am Ende der Zeit“ – siehe den Moorcock Zyklus – unterschiedliche Element aus allen Zeitepochen zusammen gestohlen und achtlos in der Zukunft abgeladen haben. Wir finden Viertel, die eindeutig der vorindustriellen und landwirtschaftlichen autarken Dorfgemeinde zuzuordnen sind. Dem Gegenüber findet eine eindeutig industrielle Produktion statt. So ist auch die Gründerfamilie inzwischen Inhaber eines Mischkonzerns, der von Büchern bis zu Haushaltsgeräten alles produziert bzw. vertreibt.

Trotzdem findet VanderMeer in der eher romantischen Auftaktgeschichte poetische Worte, während zum Beispiel Duncan Shriek in seiner Zusammenfassung im nächsten Text der bisher bekannten Geschichte der Stadt Ambergris bewusst steif, akademisch direkt und gefühlsneutral schreibt. Damit verstärkt der Autor den Eindruck, dem Leser eine aus mehreren unterschiedlichen Teilen zusammengestellte Sammlung von verschiedenen Autoren und keine Fiktion zu präsentieren. Die Schwierigkeit dieses ungewöhnlichen, aber hier diszipliniert durchgeplanten Ansatzes liegt in der Kommunikation mit dem Leser. VanderMeer ist keine der Autoren, der auf Fragen direkte und abschließende Antworten gibt. Wie die reale Geschichte einer Stadt gibt es immer wieder Ecken und Kanten, Abkürzungen und Umwege und nur aus den verschiedenen Informationen formt sich in der Phantasie des Lesers ein Gesamtbild. Bedenkt man dann auch noch, dass es mehr als zweihundert Seiten Hintergrundinformationen – bis zu einer verblüffend originellen und nicht enden wollenden Liste von Literatur zum Thema Kalmare gibt – und eine der vier Novellen im Grunde auch nicht mehr, aber auf keinen Fall weniger als ein geschichtlicher Exzess ist, dann wird dem Betrachter plötzlich klar, wie lange und intensiv sich VanderMeer mit diesem, seinem ersten richtigen Buch beschäftigt hat. Unter der Vielzahl von Informationen gehen oft kleinere Details verloren. So sind die Anspielungen auf Gottheiten und für unsere Realität den einen Gott voll bitterer Ironie. Auf nicht einmal drei Zeilen zerlegt VanderMeer einen Mythos. Oberflächliche Lektüre ist eine Bedrohung dieser kleinen Spitzen. Auf der anderen Seite eine Warnung. Manchmal möchte der Leser zu viel in einzelne Ereignisse hineindeuten und droht – eigentlich wie die oft tragischen Figuren – an dieser Suche zu scheitern. Ein typisches Beispiel ist die Auftaktgeschichte „Dradin, verliebt“. Wie selbst der Autor in diversen Interviews zugibt, passiert auf den ersten Zweidritteln der Geschichte nicht sonderlich viel. Erzählt wird von einem glücklosen Missionar, der nach schwerer Fiebererkrankung aus dem Dschungel in die Stadt zurückkehrt und Arbeit sucht. Unter einem Fenster stehend sieht er dort seine zukünftige Frau am Fenster sitzen. Er verliebt sich sofort und unsterblich. Mit Hilfe eines finsteren Gesellen versucht er sich, ihr zu nähern. Mit einem Geschenk – von einem Boten überbracht – versucht er sie zu verführen. Im gleichen Maße beginnt VanderMeer sein unsichtbares Netz zu spinnen und verführt seine Leser. Sie sollen näher treten und die geheimnisvolle Bühne in langsam verrottender Pracht bewundern. Darum lässt er seinen Protagonisten mit seinen Lesern die Stadt zu Fuß erkunden. Aus der persönlichen Liebesgeschichte wird die Hommage an die nicht weniger geheimnisvolle, sich zierende Stadt. Eine Stadt voller Armut, dunkler Gassen, stetigem Zerfall im scheinbar feuchtwarmen Klima, eine Stadt, beherrscht von den Reichen und verwaltet von den Kriminellen. Neben den vom Schicksal bestraften Menschen lebt dort eine geheimnisvolle Rasse von Pilswesen, auf die VanderMeer nur streiflichtartig eingeht und die er in ihrer Erscheinung mit auf wenige, fast kindliche Zeichnungen seinen Lesern schenkt. Eine detaillierte Beschreibung könnte nicht mehr Unwohlsein hervorrufen. Aber diese bizarren Bilder fügen sich mit fast nahtlos in das Portrait einer Dickenschen Stadt ein. Kraftvoll, liebevoll, angetrieben von der inneren Leidenschaft des in seinem Herzen schon fast gestorbenen Missionars treibt VanderMeer sein bösartiges Spiel auf eine gemeine Spitze. Auch wenn der Leser die Pointe zu ahnen scheint und sich diese Vermutung fast im Nebensatz bestätigt, ist der Weg zur Erlösung eine Tour de Force der Ideen, der Bilder und schließlich auch der Emotionen.

Im Text und Profil seines Protagonisten selbst stecken viele Ideen, die später bezeichnend für das Gesamtwerk VanderMeers sind. Neben der vergeblichen Liebe stellt der Autor mitten in den Raum, dass er hier einen arbeitslosen Missionar beschreibt. Im Grunde ein Widerspruch. Solange seine Kirche existiert und sein Glaube ungetrübt, kann er nicht arbeitslos sein. Außerdem verfügt er über ein bescheidenes Vermögen, das ihm die arme Kirche selbst nach seiner schweren Erkrankung nicht zur Verfügung stellen könnte. Skrupellos gibt er dieses Geld für seine persönlichen Interessen aus. Nicht eine Sekunde versucht er seine Seele im Zwiegespräch mit seinem Gott rein zu waschen. Einen Augenblick hat der Leser den Eindruck, Dradin hat seinen Glauben wie einen alten Mantel abgelegt. Außerdem beschreibt ihn der Autor eher als egoistischen, oberflächlichen und unsensiblen jungen Mann. Er hat in seinem bisherigen Leben sehr viel Leid gesehen und vielleicht einen kleinen Teil davon heilen können, aber er hat aus diesen Erfahrungen nichts gelernt. Naiv, uneinsichtig und sprachlos lässt er sich in sein Verderben locken und verdient die Strafe auch. Erst im letzten Augenblick durchbricht er seinen Unglauben und kann sich zumindest zeitweilig retten.

Obwohl ihm der Autor eine Reihe von unsympathischen Attributen förmlich auf den Leib geschrieben hat, gewinnt er die Sympathien der Leser. Je schneller diese Erkennen, dass sich Dradin in seiner eigenen, verzerrten Realität bewegt, in der es auf Logik und Vernunft keine Antwort geben kann und wird, um so schnell akzeptieren sie seinen Weg. Er ist nicht mehr in der Lage, seinen Irrglauben zu widerlegen. So diskutiert er mit seinem ehemaligen Lehrer erst aus der Position des Welt erfahrenen Missionars, dann aus der Position der Schülers und schließlich des verzweifelten Bettlers – obwohl er noch über finanzielle Mittel verfügt. Mit kurzen, etwas holzschnittartigen Beschreibungen charakterisiert VanderMeer diese inneren Wandlungen innerhalb einer einzigen Szene. Außerdem schwankt er als Autor zwischen der typischen, fast übertriebenen Darstellung eines Egoisten, der immer mehr haben möchte – mehr Glauben, mehr Geld und vor allem mehr Liebe – und einem Träumer, der sich ein schönes zu Hause wünscht, eine harmonische, fast idealisierte Beziehung und einen Beruf, der ihm Freude macht.

„Hoegbottons Führer zur Frühgeschichte der Stadt Ambra“ – leider wirkt der deutsche Titel deutlich weniger geheimnisvoll als im Original die Stadt Ambergris – ist eine Mischung aus fiktiver Erzählung und trockener sachlicher Berichterstattung. Im Gegensatz zum fast schwülstigen und leicht übertriebenen Erzählstil der ersten Geschichte ist der Aufbau sachlich, die textliche Grundlage knochentrocken und das Spiel mit den Fußnoten herausfordernd. Genüsslich setzt VanderMeer zu Beginn die Fußnoten der Fußnoten der ursprünglichen Anmerkungen ein, um den Leser in ein Gewirr aus Fakten, Daten und Personen zu stoßen. Kaum hat der Leser aufgehört, den kleinen Seitenhieben zu folgen, werden diese urplötzlich wichtig und enthalten eine Reihe von Informationen, die auch das Lesevergnügen der folgenden beiden Storys deutlich erhöhen.

Im Gesamtkontext dieser Sammlung erscheint plötzlich die ausgezeichnete Geschichte „Die Verwandlung des Martin See“ unlogisch und der Leser beginnt sich zu hinterfragen, warum VanderMeer ohne Not eine solche Konstruktion gewählt hat. Die handwerklichen Bestandteile der Geschichte – also Prosa und Charakterisierung – stehen weiterhin außer Frage. Doch die Transformation eines eher biederen Künstlers zu einem kreativen Genie – vergleichbar dem Übergang eines talentierten Erzählers zu einem erfolgreichen Romancier ? – scheitert an den vielschichtigen Vorgaben. VanderMeer zeichnet vorsichtig und vielschichtig einen Charakter, der gerade in dieser Stadt immer auf der sicheren Seite sein möchte. Erschwert wird diese Tatsache, durch den plötzlich Tod des Komponisten und Politikers Voss Bender. Die Meinungen in der Stadt sind geteilt. Während die eine Gruppe über dessen Tod eine gewisse Erleichterung verspürt, sprechen die anderen von einer Tragödie. Ausgerechnet in dieser Unsicherheit hinein erhält der Künstler Martin See eine geheimnisvolle Einladung. Spielte die erste Geschichte eher in den Hafenvierteln der Stadt, so begeben wir uns hier eindeutig in die kultivierte Oberwelt. In der es trotzdem Verbrechen gibt. VanderMeer setzt sich in der Person seines Künstlers mit zwei Fragen auseinander: Was ist Feigheit? Nur der Wunsch zu überleben? Oder seinem geheimen Wunsch zu widerstehen? Martin See muss sich seiner dunklen Seite stellen und erkennt, dass er erst über seinen persönlichen Schatten – ob gut oder böse ist nicht die Frage – springen muss, um sich so die soziale Anerkennung zu verdienen, nach der er immer gestrebt hat. Der Künstler tötet den Feind der Künste. Während Dradin zumindest einen kleinen Teil seiner vergeblichen Liebe aufbewahren kann, wird Martin See durch seine Tat zum Gegenstand der Bewunderung, er erreicht die nächste Ebene. Beide so unterschiedlichen Figuren müssen sich extremen Situationen stellen und reagieren unterschiedlich auf diese. Dradin empfängt die ihm bis dato fremden Gefühle mit offenem Herzen, während sich See eher vor seinen innersten Gelüsten versteckt. Im Endeffekt wird in der Stadt Ambergris der Zweifler gelobt und der Optimist bestraft. Diese Umkehrung klassischer Literatur spiegelt sich nicht nur in diesen beiden Charakteren wieder. Unbewusst hat VanderMeer unsere verkehrte Medienwelt in seine fiktive Stadt transferiert. Im Gegensatz zu Dradin begegnet See unmittelbar vor seinem Abstieg in eine persönliche Hölle einer auf den ersten Blick Furchterregenden Figur, einem Insektenfänger, der wie aus dem Nichts – in diesem Fall dem Nebel – auftaucht und seiner Arbeit nachgeht. Seelen fangen. VanderMeers Vater wird in der überwiegend fiktiven Biographie ein ähnlicher Beruf zugeschrieben. Haben See und VanderMeer ihre jeweiligen Vaterfiguren gefunden? Sind sie dadurch bereit, den nächsten Schritt zu gehen?

Die letzte Geschichte spielt in einer gotischen Anstalt für Geisteskranke. Lange, einsame Korridore, kaputte Glühbirnen und überall Feuchtigkeit an den Wänden. Der unbekannte Patient X ist der festen Überzeugung, dass Ambergris eine reale Stadt ist. Für seinen Arzt befindet er sich in einem geistigen Käfig gefangen. Die Gitterstäbe sind seine eigenen Schuldgefühle. Der Auftakt der Geschichte besteht aus Mitschriften von verschiedenen Befragungen des kranken Mannes. Im Laufe der Geschichte spielt VanderMeer mit Realität und Kreativität. Immer wieder nehmen die aufgezeichneten Gespräche Bezug auf die bisherigen Geschichten. So hält der Patient natürlich auch ein Exemplar von VanderMeers „City of Saints and Madmen“ in den Händen, als er in die Klinik eingeliefert wird. Mit kraftvollen Metaphern eröffnet er den Handlungsbogen. Erst im Laufe der Geschichte – je mehr der Leser erkennt, dass hier das Portrait eines Autoren gezeichnet wird, der sich in seiner eigenen, geistigen Schöpfung verirrt hat und seine Realität nicht mehr von seiner Fiktion unterscheiden kann – ändert sich der Stil. Dazu kommt die oft wechselnde Perspektive zwischen erster und dritter Person. Das Problem von Geschichten, die clever konstruiert sind und irgendwann um ihrer selbst Willen unterhaltsam strahlen, ist das Verhältnis zum Leser. Der Protagonist sollte vielschichtig und sympathisch gezeichnet werden. Der Leser muss sich mit ihm identifizieren. Seinen Blick über dessen Schulter auf das verworrene Szenario richten, die aufkommende Paranoia spüren und schließlich von der Lösung überrascht werden. Insbesondere die Auflösung des Plots gelingt VanderMeer nur unzureichend. Ein aufmerksamer Leser ahnt schnell die Zusammenhänge. Der Autor versucht seine Welt geschickt und intelligent zu konstruieren. Genauso verschlagen nimmt er sie für seinen Herrn X – wahrscheinlich eine Anspielung auf Kafkas Verschwörungsszenarien – diese Welt Scheibe für Scheibe wieder auseinander. VanderMeer experimentiert hier ein ums andere Mal zu viel. Um der Geschichte intensiv zu folgen, benötigt der Leser an einigen Stellen ein dickes Fell. Es empfiehlt sich an diesen Stellen, den Text laufen zu lassen, den oft ironischen Dialogen zu folgen und auf keinen Fall über Realität, Fiktion und Wahnsinn nachzudenken.

Die Kurzgeschichten/ Novellen bildeten das Herz der ersten Ausgabe. Aus der Paperbackausgabe hat Klett Cotta den mit zweihundert Seiten genauso umfangreichen Anhang entnommen. In diesem zeigt sich VanderMeer trotz des oft ernsten Inhalts eher verspielt. Eine wilde Mischung aus Notizen, Dokumenten, kurzen Prosatexten von scheinbar anderen Autoren, deren fiktive Charaktere in den vorangestalten VanderMeer Geschichten eine Rolle spielten und wundersame Begebenheiten. Höhepunkt ist eine verschlüsselte Geschichte. Der Leser müsste jedes Wort gesondert aufschreiben und sich damit intensiv mit Inhalt und Kontext der Geschichte auseinandersetzen. Damit überschreitet der Autor allerdings die natürlichen Fähigkeiten einer Lesergeneration, die nicht mehr am heimischen Schreibtisch in aller Ruhe ein Buch goutiert, sondern oft unterwegs die Texte zur Hand nimmt. Insbesondere die fiktiven historischen Studien mit ihren Ausflügen in die Bereiche Erotik und Softpornographie unterhalten mit einem humorvollen Augenzwinkern. Andere sekundärliterarische Texte sind eindeutig zu verspielt und zu lang. Hier überträgt VanderMeer die Bezüge zu seinen lieblichen Geschöpfen. In der letzten Kurzgeschichte um den Autoren „X“ hat er das Verhältnis Fiktion-Realität- Ambergris deutlich vielschichtiger und homogener angelegt. Ein typisches Beispiel ist die Auflistung diverser Literatur zum Thema Kopffüßler. Zu erst recht lustig voller literarischer Seitenhiebe, dann langweilig und schließlich Kraft raubend. Oft dank und wegen des humorvollen Ansatzes raubt VanderMeer seiner Schöpfung eine gewisse Intensität. Ein Leser wird nicht unbedingt fast fünfzig Seiten Glossar studieren. Oberflächlich werden sie sich einzelne Bereiche durchlesen oder einen bestimmten Eintrag suchen. Dabei entgehen ihnen viel warmer Humor, verschiedene Geheimnisse und schließlich einige Vignetten. Doch VanderMeers Stoff ist zu Beginn zu übersättigend trocken. Dem Buch hätte es besser getan, dass Glossar mehr in den vorliegenden Text zu integrieren.

Die einzige Ausnahme ist die unkonventionelle Geschichte des Robert Hoegbottons. Ein Stillleben: ausgestopfte Tiere, sperrige Möbel, eine beschädigte und blutbeschmierte Uhr, eine Wand voller Bücher, ein Notar und seine Klienten. Alle warten auf Robert Hoegbotton. Er soll die zum Verkauf stehenden Sachen taxieren. Dank dieser ungewöhnlichen Eröffnung lässt VanderMeer die einzelnen Dinge fast ihre eigene Geschichte erzählen. Geschickt verknüpft er diese mit dem tragischen Schicksal Hoegbottons. Der Autor zeichnet am Verhältnis der Familie Hoegbotton die oft tragischen Verwicklungen zwischen der Stadt Ambergris und ihrer wichtigsten Familie auf. Die Reduktion auf eine Familie hilft dem Leser, die Stadt mit klareren Augen zu sehen. Während die eigentlichen vier Storys mehr Äußerlichkeiten als Ziel hatten, führt dieser Pfad direkt in das dunkle Herz der Stadt.
Neben der dekadenten Atmosphäre zeichnet sich die Geschichte durch ihre Unvorhersehbarkeit aus. Jeden Augenblick können Geschichte und Zukunft sich in den Person Hoegbottons vereinen. Unsicher reagiert der Leser auf die sich auflösenden familiären Bande. Eine Symbiose zur Stadt scheint die unausgesprochene einzige Lösung. Dazu schwingt einigen Bemerkungen eine offensichtlich spürbare, aber stilisierte Perversität mit. Mit mehr Falten als Andeutungen entwirft VanderMeer hier eine herausragende Geschichte, die im sie umgebenden Material fast untergeht.

„City of Saints and Madmen“ ist endlich seit langer Zeit wieder ein Text, der in Buchform gedruckt und veröffentlicht werden muss. Neben dem sauberen, süchtig machenden Layout – verschiedene Drucktypen, Rahmen und letzt endlich auch verwirrende Zeichnungen im Text – ist die Geschichte der Stadt unglaublich umfangreich – manchmal nur in einem Nebensatz abgehandelt – und vielschichtig. Vielleicht ist es eine übergeordnete Ironie, dass die Anspielung auf das vorliegende Buch in „X“ sich auf eine Taschenbuchausgabe bezieht. VanderMeer schreibt allerdings für ein intellektuelles Publikum. Im Gegensatz zu manchen anderen Autoren leben seine Geschichten von ihrer ironischen Spitze und der genauen Beobachtungsgabe ihres Schöpfers. Mit viel Emotion überträgt VanderMeer alltägliche Ereignisse in seine farbenprächtige Welt. Er konzentriert sich auf Elemente wie Liebe, Vertrauen und Familie. Mit boshafter Genauigkeit zerlegt er diese in ihre unterschiedlichen Facetten und setzt sie nach einem verrückten Plan wieder zusammen. Das alles vor dem bizarren Hintergrund einer verfaulenden Stadt – unbewusst erinnert seine Stadt an Venedig in Kombination mit dem Mardi Grass Fest in New Orleans. VanderMeer ist ein auffälliger, erstaunlich selbstbewusster Erzähler, der manchmal zu sehr die Form über den Inhalt stellt. Bei einigen seiner Kurzgeschichten funktioniert diese Vorgehensweise ausgesprochen gut, andere Texte wirken dagegen fast apathisch. Trotzdem eine ungewöhnliche Sammlung eines ungewöhnlichen Autoren in einem Verlag, der mit seiner Fantasy Reihe andere Wege geht und nicht dem Leitfaden seines Namensgebers – dem „Herr der Ringe“ – folgend unzählige Epigonen herausbringt.

Jeff VanderMeer: "Die Stadt der Heiligen und Verrückten"
Roman, Softcover
Klett Cotta 2005

ISBN 3-6089-3773-0

Weitere Bücher von Jeff VanderMeer:
 - Shriek

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