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Fantasy (diverse)



Matthew Phipps Shiel

Huguenins Frau

rezensiert von Thomas Harbach

Mit der Geschichtensammlung „Huguenis Frau“ stellt die angesehene Klett Cotta Reihe einen - inzwischen in Vergessenheit geratenen - Autoren des vorletzten Jahrhunderts vor. Wieder entdeckt durch den Spanier Javier Marias, der ein phasenweise ironisch übertriebenes Vorwort zur Sammlung besteuert und im ersten von zwei Anhängen sich eher despektierlich über fragwürdige Ehrentitel noch fragwürdigerer Zeitgenossen äußert. Er vermittelt einige wenige Informationen nicht nur über Shiel als Einstimmung auf die folgenden Geschichten, sondern beschreibt das Königreich von Redonda – eine unbewohnte Insel in unmittelbarer Nachbarschaft von Shiels Geburtsinsel Montserrat – und seine literarische Dynastie. Weitere Mitglieder dieser Dynastie sind John Gawsworth und eben Javier Marias.

Viele seiner Geschichten erschienen um die Jahrhundertwende in diversen Magazinen. Daneben veröffentlichte er eine Reihe von Kriminalgeschichten. Schon die hier vorliegenden sechs Beiträge verteilen sich über insgesamt dreißig Jahre und erschienen in den verschiedensten Magazinen.

Shiels Geschichten sollten nach dem Zweiten Weltkrieg auch im Arkham Verlag erscheinen, finanzielle Probleme des Verlages, der Tod Shiels im Jahre 1947 und eine Reihe weiterer eher trauriger, als obskurer Ereignisse führten fast dreißig Jahre lang zu Verzögerungen.
Der dann allerdings publizierte Band kann als Initialzündung zumindest im südeuropäischen Raum gewertet werden.
Die Vorlage dieser deutschen Sammlung stammt aus dem Spanischen und ist im Jahr 2000 publiziert worden.

Es empfiehlt sich, neben dem Vorwort auch „Was mich betrifft“ von Shiel selbst im Vorwege zu lesen. Dieser Artikel gibt nicht nur einen guten Einblick in sein Leben, sondern bringt dem unbedarften Leser auch dessen literarische Ambitionen näher. So kann er auf einige der folgenden Storys in der Tradition Poes, Lovecrafts und William Hodgsons besser eingehen.

Im Vergleich zu seinen folgenden Geschichten erzählt Shiel aus seinem bisherigen Leben mit ungewöhnlicher Wärme, aber auch ein wenig ironisierter Selbstkritik. Als einziger Sohn mit acht Schwestern auf einer einsamen Insel Montserrat geboren worden, Vater religiös, aber bald vom Sohn eingeholt, gebildet, verlässt sehr schnell sein Königreich in Richtung England, von Poe fasziniert, besessen seit frühester Jugend Geschichten zu erzählen, aber nicht unbedingt als Autor zu leben, Kontakte zu besseren Londoner Gesellschaft und schließlich die ersten Verkäufe seiner Geschichten. Einige Kriminalromane finden sehr gute Resonanz, Shiel beginnt zum Teil anonym für und mit Louis Tracy zu arbeiten. In dem kurzen Text steckten eine Reihe von philosophischen Betrachtungen, aber auch verblüffend simplen Lebenserkenntnissen. Es ist ein sachlicher Bericht eines Menschen, der mit seinem Leben und seinem Schaffen zufrieden ist. Nicht arrogant, sondern liebevoll zieht er ein Resümee. Um ein wenig über Shiels Persönlichkeit zu erfahren und den starken Kontrast zwischen seinen Geschichten und seinem Leben aufzuzeigen, ist es eine ideale Einstiegslektüre.


„Vaila“ – die Titelgeschichte – erschien ursprünglich 1896 in dem Geschichtsband SHAPES IN THE FIRE. Nach einer umfangreichen Überarbeitung inklusiv weitreichenden Kürzungen veröffentlichte er sie unter dem passenden Titel „House of Sounds“ 1911 in einer weiteren Geschichtensammlung. In der deutschen Ausgabe liegt der Originaltext vor. Dabei steht das „House of Sounds“ – ein merkwürdiges, aber denkwürdiges Bauwerk auf einer Insel am Rande der Welt nördlich von Großbritannien - deutlich über der ansonsten sehr routiniert und eindrucksvoll, aber nicht unbedingt originellen Geschichten. Familienwahnsinn, ungewöhnliche, fast an den Inzest grenzende Mutterliebe, ein Freund, der von außen in diese morbide, aber eben überwiegend tote Gesellschaft eindringt und ein dramatisches Ende erinnern eher an eine der vielen Variationen Poes oder William Hodgsons. Der Auftakt der Geschichte ist schwermütig, fast melancholisch. Der Ich- Erzähler reiht in fast fragmentarisch kurzen Dialogen mit seinem Freund und potentiellen Wahnsinnigen Harco Harfanger skurrile und bizarre Nachrichten und scheinbar wahre Geschichten aneinander. Damit bereitet Shiel seine Leser auf die folgende Reise zu der Insel und die Begegnung mit Harfangers Familie vor. Da Shiel seine Jugend am Meer auf einer kleinen Insel verbracht hat, gelingt es ihm, diese einzigartige, stürmische und doch so unwiderstehliche Atmosphäre in kurzen, sehr einprägsamen Bildern einzufangen. Das graue Meer wird förmlich mit dem auffälligen, aber verfaulenden und damit dem Tode geweihten Haus auf der einsamen Insel eins. Dem Ich- Erzähler fällt das Schwanken – durch eine besondere Konstruktion – des Hauses auf. Die folgenden Geschehnisse sind zwar fesselnd und sehr morbide beschrieben, Shiel gelingt es aber in seiner Geschichte nicht, einen entsprechenden Handlungsbogen in die erdrückende Atmosphäre zu integrieren und so verfolgt der Leser eher passiv wie bei einem Tatsachenbericht die sich entfaltende Tragödie.

Stellvertretend für seine andere in diesem Band versammelten Geschichten sei angemerkt, dass Shiel zwar einen unterhaltsamen, sehr leichten Stil hat, seine Beschreibungen aber oft Fremdwörtern aus heutiger Sicht für höhere Gesellschaftsschichten versieht und eine Reihe von Anspielungen auf andere literarische Werke der Moderne, aber auch der Klassik an passenden, aber mehrmals auch unpassenden Stellen integriert. Dadurch wirken die wenigen Dialoge ungewöhnlich steif und unnatürlich, aber nicht fremdartig.

Dies Titel gebende Geschichte „Huguenins Frau“ entstand 1895. Sie nimmt einige Ideen der längeren Geschichte „Vaila“ vorweg und wirkt stellenweise wie eine interessante Übung vor einem gänzlich anderen, eher historischen denn bizarren Hintergrund. Wieder erhält ein Freund eine geheimnisvolle, verrückt klingende Nachricht. Er macht sich auf den beschwerlichen Weg – dieses Mal von London nach Griechenland – und findet einen verstörten Freund vor. Im Gegensatz zu „Vaila“ kommt die Bedrohung dieses Mal von der wunderschönen Ehefrau bzw. ihrer Leiche. Da der Text nur knappe zwanzig Seiten lang ist, verzichtet Shiel auf eine großartige Exposition und ersetzt dieses durch den langen Nachdruck des Briefes. Auf der Insel selbst überschlagen sich die Ereignisse. Die Übertragung griechischer Mythen in die Gegenwart funktioniert nur bedingt, Shiels nimmt sich zu wenig Raum, die Ideen komplex weiter zu entwickeln und vor allem den skeptischen Besucher zu überzeugen. Das Ende erinnert in Wirkung und Ausführung an die klassischen Poe Geschichten. Im Vergleich zu der Auftaktgeschichte wirkt die zweite hier präsentierte Arbeit durchwachsen und offenbart einige erzählerische Schwächen. Zusätzlich erscheint Shiels Stil zu geschwollen und selbst für eine über einhundert Jahre alte Geschichte zu bemüht.

Im Gegensatz zu anderen bekannten Phantastikautoren dieser Zeit bemüht sich Shiel, seinen Texten Authentizität zu geben. In der im vorhergehenden Absatz vorgestellten Geschichte steuern die Ereignisse auf ein bestimmtes Datum zu. In der nächsten Story berichtet Saul nicht nur – etwas übertrieben – von der spanischen Inquisition in der Karibik, sondern von inzwischen zwar übertriebenen von der Geschichte verzerrten, aber trotz verbürgten Charakteren wie Sir Francis Drake oder Thomas Stukely.


„Elendes Los eines gewissen Sauls“ hätte durchaus einen anderen Protagonisten verdient. Einen Jonas. Wieder gibt Shiel der Geschichte einen interessanten Rahmen. In diesem Fall keinen Ich- Erzähler, sondern ein obskures Schriftstück, das viele Jahrhunderte später in einer Sammlung eines Museums gefunden worden ist. Dadurch erhöht der Autor den Spannungsgrad, denn der Leser kann im Gegensatz zum Ich- Erzähler nicht wissen, ob der Autor des Briefes die Ereignisse wirklich überlebt hat. Es ist sehr viel interessanter, wie Shiel klassische Gruselmotive in der Tradition Hodgsons zu einer kompakten, unchristlichen Seefahrtsgeschichte verarbeitet hat. Insbesondere das „Lebendig Begraben Werden“ bekommt eine besondere Bedeutung und stellt in seiner Eindringlichkeit einen frühen Höhepunkt der Geschichte dar. In diesem Fall landet das Opfer allerdings in einem unterirdischen Paradies, das ihm Nahrung, Wasser und später sogar das Schreibmaterial zur Verfügung stellt. Nach einiger Zeit fürchtet er in der mit vielen Höhlen ausgestatteten Luftblase auf dem Meeresgrund um seinen Verstand und schließlich auch durch den sich nicht erneuernden Sauerstoff um sein Leben. Die Geschichte erstand 1912, im Vergleich zu den ersten beiden Texten beschränk sich in der Tradition Gullivers Reisen Shiel auf die Beschreibung einer einzigartig bizarren Situation. Die unheimlichen Elemente – das Versenken des Fasses im Meer, das Erkunden des Grabes, egal wie ausufernd und nahrungsreich dieses ist – finden sich immer dicht unter der Oberfläche, ohne das sie die Oberhand gewinnen können. Diese Mischung aus Abenteuergeschichte und psychologischen Horror funktioniert noch besser durch das Zurücksetzen der Handlung um mehrere hundert Jahre. Obwohl Shiel seinen Lesern in erster Linie oberflächliche Informationen über den einzigen echten Protagonisten dieser Erzählung zugesteht, wirkt das Ende des unvollständigen Rahmens ungewöhnlich ergreifend und der Autor zwingt seine Leser, das Gelesene noch einmal zu rekapitulieren.

„Die Braut“ – 1902 – ist eine bunte Mischung aus romantischer Erzählung und Gruselgeschichte. Ein Mann verliebt sich in zwei Schwestern und die beiden sehr unterschiedlichen Frauen verlieben sich in ihn. Dieses Trio wird durch einen schrecklichen Unfall aufgelöst. Diese Tragödie und die Hartherzigkeit der einen Schwester sind der Katalysator für einen unheimlichen Tod. Shiel entwickelt seine drei sehr unterschiedlichen Protagonisten warmherzig und detailliert. Der religiöse Ehemann in Spe, die eher pummelige Schwester und das eigentliche Objekt der vordergründigen Begierde, die andere elegantere, aber auch mit schlechten Zähnen ausgestattete Schwester. Da beide Frauen in ihren Vornamen eine Rachel tragen, macht die versteckten Gelüste des Mannes noch deutlicher. Im Grunde würde er am liebsten beide Frauen still und heimlich heiraten. Diesen Plan versucht er auch geschickt umzusetzen, bis eine der beiden Frauen durch ihre Neugierde ums Leben kommt. Shiel hat allerdings Probleme, die natürlich-romantischen Elemente schließlich mit einer gruseligen Pointe zu verbinden und diese ist auch das schwächste Glied der ansonsten flott geschriebenen, amüsanten und heiteren Geschichten.

1928 veröffentlichte Shiel „Der bleiche Affe“, eine unverkennbare Hommage an Stevensons „Jekyll/ Hyde“, aber auch an Poes mehrfach verfilmte Geschichte. Ein Hauslehrer übernimmt in einem wohlhabenden Herrenhaus eine neue Anstellung. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen das Verhältnis der einzelnen, selten überzeugend beschriebenen Charaktere untereinander, sowie das Familiengeheimnis. Der Autor bemüht sich eine bedrohliche, fremdartige Atmosphäre zu erzeugen, da er aber wieder auf das Medium des Berichts aus der Vergangenheit zurückgreift, negiert er jegliche weitere Spannung. Im Vergleich zu den berühmteren Autoren gelingt es Shiel nicht, seine Leser in den Bann des Geschehens zu ziehen, zu neutral und selten emotional ansprechend erzählt er. Trotz der kompakten Handlung und der bizarren Atmosphäre wirkt „Der bleiche Affe“ besonders in Hinblick auf sein Entstehungsjahr und den aufkommenden Pulpmagazinen antiquiert.

Aus dem gleichen Jahr stammt „Der Primas der Rose“- schon der Titel ist eine ironische Anspielung auf das Ego einiger in sich selbst verliebter Männer. Shiel variiert das Thema vom „Lebendig Begraben“ in ungeahnter Manier. Jahre später wird ein kleiner, obskurer Film aus Holland namens „Vanishing“ ähnlich packend und ergreifend diese Idee wieder aufnehmen. Über weite Strecke ist die hier vorliegende Kurzgeschichte eher ein Beziehungsdrama. Die Geheimgesellschaften und die Tätigkeit des Reporters lenken eher von der eigentlichen Intention des Autoren ab. Im Gegensatz zu einigen anderen der hier gesammelten Geschichten fehlt dem Leser dieses Mal nicht durch die zeitliche Distanz und das fremdartige Sittenverhalten eine Bezugsmöglichkeit. Ehebruch, uneheliche Kinder und die gesellschaftliche Schande untersucht Shiel mit einem ironischen Augenzwinkern und führt den Täter einem grausamen, übertriebenen Schicksal zu. Zwar bleibt die Charakterisierung zum wiederholten Male an der Oberfläche und dem Leser, doch wie Lovecraft beschreibt Shiel den dicht unter der menschlichen Haut liegenden Irrsinn mit einer eindringlichen Intensität. Das schauerliche Ende gehört zum effektivsten dieser Sammlung und wird den Leser unwillkürlich an die alten, lieb gewonnenen Schwarzweiß Filme seiner Jugend erinnern.


ZU seinen Lebezeiten konnte Matthew Phipps Shiel eine Reihe von heute noch anerkannten Autoren zu seinen Anhängern zählen. Unter anderem werden von Javier Marias H.G. Wells, Dashiell Hammett oder Rebecca West gezählt. Seine Bücher und Kurzgeschichten verkauften sich zufrieden stellend. Im Gegensatz zu Autoren wie Poe oder mit Einschränkungen Lovecraft ist sein Werk dann allerdings der Vergessenheit anheim gefallen. Zum Teil zu Unrecht. Ihm gelingt es, mit wenigen Federstrichen unheimliche Situationen heraufzubeschwören. In seine Geschichten vermischt er immer wieder in Einschüben historische, geographische oder allgemeine Informationen. Hier bricht schon der Lehrer in ihm durch. Im Gegensatz zu anderen phantastischen Autoren seiner Zeit richtet das Böse in erster Linie an zwielichtige Charaktere. Weniger Gewalt, mehr Irrsinn sind die beherrschenden Themen seiner Geschichten. Die Angst vor dem Tod und dem danach sind wiederkehrende Motive. Es ist schön, dass der Klett Cotta Verlag in diesem ansprechenden Hardcover eine Handvoll Geschichten wieder zugänglich gemacht hat. Matthew Phipps Shiel gehört rückblickend zu den anerkannten Autoren der frühen Phantastik und stellt Literatur historisch eine Art Missing Link dar. In seinen Texten finden sich Variationen von Edgar Allan Poe und einige Motive wird H.P. Lovecraft später in seinen Geschichten verwenden.

Matthew Phipps Shiel: "Huguenins Frau"
Anthologie, Hardcover, 251 Seiten
Klett Cotta 2006

ISBN 3-6089-3631-9

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