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Graham Joyce

Frontal

rezensiert von Thomas Harbach

Auf den ersten Blick wirkt Graham Joyces Jugendbuch „Frontal“ – im Original nach passender TWOC, das heißt Taking without owner´s consent – in seinem bisherigen Werk mit Schwerpunkt magischer Realismus wie ein Fremdkörper. Auf den zweiten Blick experimentiert Graham Joyce nicht nur literarisch, sondern der Roman fügt sich fast nahtlos in seine Entwicklungstrilogie ein. Im Mittelpunkt des ersten und bislang besten Teils „The Facts of Life“ stand das Schicksal einer englischen Großfamilie zur Zeit der Bombenangriffe auf die britischen Städte während des Zweiten Weltkrieges und die brüchige Zeit nach dem Krieg. Der chronologisch als Mittelteil zu bezeichnende „Limits of Enchantment“ beschreibt nicht die kulturellen und industriell hervorgerufenen Veränderungen im ländlichen Großbritannien in den sechziger Jahren und den Reifeprozess einer jungen Frau, die sich notgedrungen vom Einfluss ihrer Übermutter freischwimmen muss. Mit „TWOC“ untersucht Joyce das Sozialverhalten innerhalb einer zerrütteten und unter dem großmannsüchtigen Kapitalismus der Thatcher- Ära stehenden Familie. Hauchdünn ist die Verbindung zur Phantastik, angedeutet in der Geistererscheinung des bei einem Unfall ums Leben gekommenen Jake. Graham Joyce erzählt aber diese Geschichte – manchmal mit Hilfe von Rückblenden, seltener durch indirekte Berichterstattung – aus der Perspektive von Jakes Bruder Matt. Dieser hatte zusammen mit Jakes Freundin den Unfall überlebt. Beide verletzt. Der Unfall geschah mit einem gestohlenen Sportwagen und unter Drogeneinfluss. Matt kommt weder mit dem Verlust des Bruders klar, noch mit seinen Schuldgefühlen. Erst nach und nach gesteht er sich ein, dass die bisherige Version des Unfalls nicht den wahren Umständen entspricht. Innerlich räumt er seine Schuld ein, die Leser erfahren diese Veränderung durch Matts Reaktion auf seine Umwelt, in erster Linie durch die Gruppendynamik seiner ebenfalls vorbestraften jugendlichen Leidensgenossen. Durch diesen literarischen Kniff kann Joyce die eigentliche Pointe vor seinen Lesern über weite Strecken des Buches verstecken und den eher bekannten und selten wirklich originellen, aber packend geschriebenen Stoff strecken.

Technisch ist seine Geschichte eine typische Selbstfindungsstory. Ein junger Mann kehrt auf den Pfad der Tugend zurück, als er an positiven Beispielen erkennt, dass andere Menschen oft schlimmere und nicht selbst zugefügte Schicksale erlitten haben. Im zweiten Teil des Buches nutzt Joyce die Gruppendynamik sehr gut aus, um auf der einen Seite leider sattsam bekannte Klischees - wie Einsamkeit und Missbrauch durch den Stiefvater – als Argumente in die Handlung zu integrieren, auf der anderen Seite aber Matt eine Zukunft zu geben. Je mehr Matt Verantwortung für die eigenen Taten entwickelt, desto deutlicher fährt der Autor den oft zynischen Humor der ersten Hälfte des Buches zurück. Erstaunlich ist die Offenheit, mit der Joyce seinen Hauptcharakter Matt mit der eigenen Sexualität umgehen lässt. Nach außen versucht er sich als Macho zu etablieren - insbesondere das Gespräch mit seiner Bewährungshelferin ist eine Mischung aus Provokation und Naivität -, nach innen zeichnet der Autor ein sehr interessantes und differenziertes Portrait. Diese Szenen bleiben dem Leser unwillkürlich in der Erinnerung, während Matts über weite Strecken aggressives Verhalten eher klischeehaft nachgestellt als wirklich überzeugend entwickelt wirkt. Alle anderen Charaktere haben kaum die Freiräume, individuelle Züge zu zeigen. Die nicht lineare Handlungsstruktur erschwert an einigen Stellen den Zugang zu den einzelnen Protagonisten. Dieses Ungleichgewicht wird nicht mehr gänzlich durch eine Fokussierung auf Matt und seinen eingeschränkten Realismus ausgeglichen.

Wie schwer die Konzeption dieses ansonsten stilistisch sehr ansprechend geschriebenen Stoffes Graham Joyce gefallen sein muss, erkennt ein aufmerksamer Leser am Ende des Buches. Matt hat nicht nur sich selbst angelogen, sondern im Grunde auch den Leser. Das Gefühl besteht während der Lektüre schon länger, doch der Verdacht des außen stehenden Betrachters wird unwillkürlich auf eine Mitschuld Matts gelenkt. Wenn dieser endlich bereit ist, seine eigene Position bei den Vorgängen darzulegen und die Schuld auf sich zu nehmen, fällt ihm anscheinend ein Stein vom Herzen, die geisterhafte Bedrohung Jakes und dessen ständige imaginäre Herausforderung lösen sich in Luft auf, es gelingt dem Autoren aber nicht, Matt in ein positives Licht zu rücken. Im Grunde fehlt das bestürzende Element und Autor, Charakter und Mitmenschen machen es sich zu leicht, diese Schuld Beiseite zuschieben und mit dem Leben fortzufahren. Auch die Begegnung mit seinem Opfer findet im handlungstechnischen „Off“ statt. Berücksichtigt man, dass Graham Joyce mit diesem Buch junge Menschen im Reifeprozess ansprechen wollte, ist seine implizierte Botschaft scheinheilig und stellenweise fadenscheinig. Egal was man getan hat, Strafe muss zwar sein, aber wenn man Zeichen der Besserung zeigt und mit seinem Leben fortfährt, dann wird das alles schon wieder. Natürlich hat Matt weiterhin Schuldgefühle. Aber viele gute Ideen untermalt mit einem ansprechenden, zynischen aber lesenswerten Stil werden gegen Ende des Stoffes fast in Hollywoodmanier weichgespült. Das ist in vielerlei Hinsicht schade: insbesondere zu Beginn trifft Graham Joyce nicht nur den Ton der Jugendlichen, sondern bemüht sich, seinen Protagonisten in einem gewöhnlichen Umfeld – mittelständige Familie, Vater hat Arbeit, auch wenn er nicht sonderlich glücklich ist, Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Eltern und Kindern, einzige Besonderheit: der frühe Unfalltod seines Bruders, allerdings zu diesem Zeitpunkt noch unter falscher Prämisse erzählt – interessant und facettenreich darzustellen. Über weite Strecken des Romans eine gewohnt solide Leistung. Wie nur wenige andere gegenwärtige schreibende Autoren der phantastischen Literatur entwickelt er komplexe Figuren aus Fragmenten, die sich in der Phantasie der Leser zu einem Ganzen zusammensetzen. Dabei setzt er gezielt und sehr effektiv phantastische Elemente als Verstärkung seiner Argumente ein. Er lenkt seine Leser nicht mit Taschenspielertricks ab. Zumindest nicht über weite Strecken des Buches. Nur konsequent bildet „Twoc“ im Grunde den Abschluss seiner locker verbundenen England- Trilogie. Vom Zerfall der Großfamilie über das Stadium des an Egoismus grenzenden Individualismus bis zu neuen, familienähnlichen Strukturen. Immer wieder appelliert er an fast vergessene Ideale wie Selbstkritik, Hilfsbereitschaft und Eigenverantwortung. In einem derart modernen Gewand wie dem vorliegenden Jugendroman wirken diese zu erst grotesk und weltfremd, im Laufe der oft ein wenig konstruierten Handlung bilden sie schließlich mit den Protagonisten eine Einheit. Die Selbstreinigung erfolgt in einem letzten, verzweifelten Versuch, zum alten, so faszinierend gefährlichen Spiel zurückzukehren. Es siegt schließlich die Erkenntnis, dass Matt das Vertrauen anderer Menschen in seine Person nicht zum wiederholten Male enttäuschen möchte.

In so weit ist „Twoc“ am Ende doch ein exemplarisches und lesenswertes Jugendbuch. Wie so oft in diesem Genre die Beschreibung eines Selbstfindungsprozesses mit einen originellen Tücken, der Versuch, Matts kriminellen Wurzeln auf die Spur zu kommen und aus dieser Position heraus zu analysieren, scheitert an Joyces fehlendem Mut, diese düstere Geschichte intensiver, einseitiger und schärfer zu erzählen. Selbst im deutschen Original bleibt allerdings Joyces realistischer Stil genauso im Gedächtnis wie die Passagen, in denen sich der Autor stellvertretend in der Person Matts mit den kaum zu kontrollierenden Hormonen auseinandersetzt, bis aus der Lust auf Sex Liebe wird.

Graham Joyce: "Frontal"
Roman, Softcover, 252 Seiten
Fischer 2006

ISBN 3-5961-6902-X

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