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rezensiert von David Meiländer
Es ist schon kurios, dass eine vor 25 Jahren verstorbene Schriftstellerin in diesem Jahr eine Neuerscheinung auf den Markt bringt, zumindest für den deutschen Leser. Dabei ist "Flucht ins Feenland" bereits 1926 fertig gestellt und veröffentlicht worden, allerdings niemals in deutscher Sprache. Für den Piper-Verlag übernahm das nun 77 Jahre später der Übersetzer Hannes Riffel und bietet uns somit endlich eines der Meilensteine der Fantasy schlechthin, obwohl man weitläufig der Meinung ist, es hier eben nicht mit einem typischen Fantasy-Roman zu tun zu haben. Nicht einmal mit einer typischen Autorin.
Hope Mirrless war in vielerlei Hinsicht eine besondere Frau. Als gute Freundin von Virginia Woolf und Mitglied des berühmten "Bloomsbury-Kreis" gehörte sie zu einem sehr exklusiven Umfeld von Schriftstellern. Trotzdem war ihr literarischer Ruhm nur von kurzer Dauer, sodass man sie heute fast vergessen hat. Nach ihrem erfolgreichsten Roman "Flucht ins Feenland" verlor sie ihr Interesse an der Literatur und wurde laut den Tagebüchern Woolfs "immer dicker" und richtete ihre gesamte Aufmerksamkeit "auf ihren Mops und ihre Schilddrüse". Auch ihr Buch ist heute nicht so populär, wie sie es vielleicht verdient hätte. Ein vergessener Meilenstein?
In den Rezensionen wird ihr Schreibstil mit Charles Dickens verglichen. Man sieht "Flucht ins Feenland" mehr als eine Detektiv-Geschichte – vielleicht sogar eine Polit-Satire. Ein typischer Fantasy-Roman sei es jedenfalls nicht. Das stimmt irgendwo schon, aber eben auch nur zum Teil. Angesichts der Tatsache, dass der dominierende und prägende Roman der zeitgenössischen Fantasy der "Herr der Ringe" ist, fällt die Bewertung des vorliegenden Buches – aus einer ganz anderen Zeit stammend – entsprechend schwer. Man sieht hier, wie weit man dieses Genre noch fassen kann.
"Flucht ins Feenland" handelt von hochaktueller Politik, enthält sowohl sozialkritische Elemente, aber eben auch die klassische Abenteuergeschichte. Alles dreht sich um das Land Dorimare, das lange Jahre unter der Herrschaft des selbstsüchtigen Herzogs Aubrey stand. Er war bekannt für seine zynischen Streiche und seine Tugendlosigkeit, weshalb es der nach Geld und Reichtum gierenden Mittelschicht aus Kaufleuten gelang, die Bevölkerung gegen ihren Herrscher aufzuhetzen.
Das daraus entstehende Regime ist der Ausgangspunkt unserer Geschichte. Hatte man in den Zeiten des Herzogs das Feenland und die daraus kommenden Güter noch mit Erfurcht betrachtet, wurden sie mit der Revolution als Teil des alten Systems vollkommen verbannt und tabuisiert. Viele sahen die moralische Degeneration des Herzogs in Verbindung mit dessen verstärktem Konsum der "Feenfrüchte", die eine halluzinatorische Wirkung haben sollen. Der Handel damit ist natürlich verboten und mit der Zeit wurden alle Verbindungen zur Feenland in der Kultur unterdrückt und vergessen. Der Gesetzesverstoß mit den Feenfrüchten zu handeln, wird daher in der Juristerei beispielsweise als "Seidenhandel" bezeichnet. Nichts soll darauf hindeuten, dass es diese Früchte wirklich gibt.
Das ist die politische Seite des Buches: Die Herrschenden bestimmen die Realität, bestimmen was Wahrheit ist. Etwas, was auch schon George Orwell in seinem "1984" aufgegriffen hat. Aber auch Orwell belässt es in seinem Buch nicht bei der Beschreibung einer politischen Situation. Auch er hat ein Drama, doch im Unterschied zu Mirrless steht dieses direkt im Mittelpunkt. Sie jedoch versucht durch seitenlange Erklärungen zunächst einen Überblick über die kulturelle, politische und soziale Situation des Dorfes "Lud-in-den-Nebeln", dem Mittelpunkt Dorimares und unserer Geschichte zu geben. Ein Minuspunkt, denn über 50 Seiten ohne Handlung sind als Abendlektüre schwer zu verdauen.
So einiges verdauen muss auch die Hauptfigur in Mirrless Erzählung, der Bürgermeister von "Lud-in-den-Nebeln", Nathan Hanenkamp. Ausgerechnet sein Sohn hat von den Feenfrüchten gegessen und muss sich daher mit immensen Selbstzweifeln und Sehnsüchten nach dem Feenland herumschlagen, die nicht nur ihm schwer zu schaffen machen. Zu allem Überfluss beginnt auch ein rothaariger Tanzlehrer die jungen Damen aus der örtlichen Tanzschule zu "haltloser Ekstase und Tänzen im Mondschein" zu verführen, die darin enden, dass sie alle über die Hügel ins Feenland verschwinden. Dorimare droht im Chaos zu versinken und Bürgermeister Hanenkamp macht sich auf, um die Verschwundenen zu finden.
Die Geschichte ist fassettenreich und verdient es, gelesen zu werden. Über gelegentliche Längen, wie bei der erwähnten Einführung der Situation am Anfang des Buches, muss man hinwegsehen. "Flucht ins Feenland", übrigens Mirrless einziges Fantasy-Buch, stellt eine erfrischend andere Richtung in der Fantasy-Literatur dar und mischt verschiedene Welten und Richtungen der Literatur zu einer gelungenen Gesamtkomposition.
Was Hanenkamp hinter den Hügeln erwartet, wird zumindest in diesem Artikel ein Geheimnis bleiben. Allerdings kann gesagt werden, dass es sich lohnt, gespannt darauf zu sein und irgendwo kann man sich diesmal mit der Hauptfigur sehr gut identifizieren, betritt sie doch auch diese zauberhafte Welt zum ersten Mal und ist daher dem Leser um fast nichts voraus.
Hope Mirrlees: "Flucht ins Feenland"
Roman, Hardcover, 336 Seiten
Piper Verlag 2003
ISBN 3-4927-0019-5
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