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rezensiert von Thomas Harbach
Spätestens seit Adams „Watership Down“ wird Fantasy mit Tieren nicht unbedingt gleich der kindlichen Jugendliteratur zugerechnet. Trotzdem beschränken sich viele Autoren alleine auf die Beschreibung von menschlich agierenden Vierbeinern und versuchen in ihrer Erzählung, die Tiere auf die gleiche Ebene wie die Menschen zu setzen. Dabei gehen typische und elementare Elemente verloren. Was aber alle Bücher gemeinsam haben, ist die Abneigung gegen den Menschen als Teil des natürlichen Kreislaufes. An drastischen, schockierenden Einzelbeispielen zeigen die Autoren Grausamkeiten des Menschen gegenüber der Tierwelt auf. Das reicht von sadistischen Quälereien bis zur Nutzung von heran gezüchteten Tieren als Nahrungsgrundlage.
Garry Kilworths Zyklus um die intelligenten Wiesel geht in eine andere Richtung. Die Menschen sind verschwunden. Die meisten Tiere vermissen sie nicht. Sie haben sich eine eigene Nische aufgebaut. Jetzt ist diese Welt bedroht. Die Dämme um die Insel drohen zu zerfallen und das Meer ihren natürlichen Lebensraum zu vernichten. Nur die verschwundenen Menschen können diese Idylle retten, auch wenn es die Tiere in der natürlichen Rangleiter wieder eine Stelle zurück versetzen wird.
Das Kilworth inzwischen ein routinierter und fintenreicher Erzähler ist, unterstreicht der Aufbau und die Handlungsführung des Auftaktromans „Sucht die Donnereiche.“
Obwohl sein Schwerpunkt auf Fantasy für jugendliche Leser liegt und die Geschichten um die Wiesel nur einen Teil seiner Tiergeschichten bilden, hat sich Garry Kilworth sowohl im Bereich der Science Fiction mit einer Reihe origineller Werke als auch bei historischen Kriegsromanen einen guten Namen erarbeitet. In „Angel“ verband er religiöse Themen mit einer intensiven und atmosphärisch dichten Gruselhandlung. Oft wirken seine Romane auf den ersten Blick glatt und ohne Ecken und Kanten. Erst eine intensive Beschäftigung mit seinen dreidimensional gezeichneten Charakteren hebt sie dann aus der Masse heraus.
Bei seinen Tiergeschichten kommt es weniger auf die eigentliche Handlung an, als auf die wirklich interessant gestalteten Protagonisten. Auch „Sucht die Donnereiche“ reiht sich in diese Kategorie ein. Zusammenfassend würde man dem Roman kein Unrecht tun, wenn man ihn als Robin Hood auf einer Quest charakterisiert.
Sylver, das Wiesel, lebt mit seinen Kameraden als Freibeuter im Wald. Die anderen Tiere leben unter der Knechtschaft der arroganten Hermeline. Mit Hilfe von Schleudern und Pfeilen wehren sie sich gegen die schwer bewaffneten Truppen des feigen Sheriffs. Dieser versucht wiederum sein kostbares Fell im täglichen Konflikt mit seinem neurotischen Prinzen zu behalten.
Sylver schlägt im kleinen Kreise vor, die verschwundenen Menschen zu suchen. Sie sollen nicht nur die Dämme reparieren, sondern in erster Linie alle Tiere von der Knechtschaft der Hermeline befreien. Dazu muss er allerdings verschiedenen Hinweisen folgen. Die erste Spur soll unter den Wurzeln der Donnereiche zu finden sein. Mit einer Handvoll Freiwilliger macht er sich auf die gefährliche Reise.
Es empfiehlt sich, Inhalt und Charaktere deutlich voneinander zu trennen. Die sehr simple, in einzelne Episoden aufgeteilte Handlung wirkt gegen Ende des Buches ein bisschen gezwungen. Unterschiedliche kleinere Gruppierungen geraten in verschiedene brenzlige Situationen und können sich entweder aufgrund ihres eigenen Intellektes, willkürliche Hilfe von außen – mindestens dreimal – oder direkte Konfrontation retten. Dabei eilen sie dank eines Kompasses immer weiter in Richtung Donnereiche. Killworth gelingt es hier kaum, der Handlung überraschende Momente zu geben oder gar gegen die typischen Bestandteile klassischer Fantasy gegenzusteuern. Schließt der Leser die Augen und konzentriert sich nur auf den Fluss der Ereignisse, gibt es kaum Unterschiede zu simplen Menschen- Fantasy- Geschichten.
Dazwischen finden sich immer wieder amüsante Ideen. Der Hermelin- Sheriff mit der Wasserphobie wird auf einem Floß gebunden ins Wasser geworfen, der Prinzregent kegelt mit seinem Hofstatt und die Kegel sind Wiesel oder der geheimnisvolle Mönch in der sich im Inneren immer wieder verändernden klosterähnlichen Anlage. Hier zeigt sich der Autor als amüsanter ironischer Kommentator und der „Feind“ wird auf eine einzigartige und lustige Art vom auf den ersten Blick geistig schwächsten Mitglied der Gruppe besiegt. Diese kleinen Ideen haben den Roman aus dem Durchschnitt heraus und fangen den Leser immer wieder ein.
Löst sich ein aufmerksamer Betrachter vom äußeren Rahmen und betrachtet die Charaktere, beginnt die Geschichte – allerdings in klassischer Legenden und Märchentradition – zu leben. Feinfühlig und geschickt entwickelt Killworth seine unterschiedlichen Figuren in erster Linie an ihrem Tierbild und überträgt ihnen dann erst menschliche Züge. Damit unterscheidet er sich von einer Reihe von Autoren, die den umgekehrten Weg gegangen und an dieser Aufgabe gescheitert sind. Der erste Vergleich lässt sich zu Disney Zeichentrickfilm „Robin Hood“ ziehen und trotz des optisch sehr schönen Titelbildes flackern im Unterbewusstsein des Lesers eher Füchse als Wiesel auf.
Bei der Betrachtung der einzelnen Figuren kann getrost beim dummen Bösewicht und seinem Stellvertreter angefangen werden. Das Hermelin Punktum ist der Herrscher der ganzen Insel. Dank seiner Macht hat er seine von der Natur gegebenen Tugenden vergessen. Er friert selbst im Sommer und seine Instinkte sind verkümmert. Der Hypochonder wird von seinen willigen Untertanen auf Pfoten getragen und kann sich trotz augenscheinlicher Unfähigkeit alles erlauben. Allerdings charakterisiert ihn Killworth trotz einiger obligatorischer Grausamkeiten auch als nachgiebigen, eher zerstreuten Charakter. Diese Tendenz verstärkt sich noch im geldgierigen Sheriff Trugkopp. Militärisch vollkommen überfordert und eher feige als Soldat versucht er die Rebellen um Sylber erst zu verhaften und dann zu töten. Dabei scheitert er an deren Intelligenz und seiner eigenen Unfähigkeit. Slapstick dagegen ist die Szene, in welcher der Prinz seinen treuen Sheriff in dessen Gemach besucht und gleichzeitig beim Baden unterbricht. Halsbrecherisch gelingt es Trugkopp noch, eine besondere schöne silberne Vase in seinem Badewasser zu verstecken und mit unbeholfenen Bewegungen vor den gierigen Blicken seines Prinzen zu schützen. Das ist nicht die einzige Szene, in der der Autor überdrehte Hollywoodklischees in seine Handlung integriert. Auch die abenteuerliche Flussfahrt – sehr unterhaltsam und abenteuerlich aufgebaut – zu Beginn des Romans ist eine Mischung aus Dramatik und Humor. Hier spielt Killworth mit den Charakteristika der Tiere.
Obwohl Trugkopp und Punktum zusammen mit einer Handvoll weiterer Schurken für die dunkle Seite der Macht stehen und aufzeigen, wie diese im Grunde zutrauliche Tiere verändert, wirken sie weder bedrohlich noch gefährlich. Oft negiert Killworth ihre Handlungen durch heitere Szenen oder intelligente Konterangriffe der aufrührerischen Wiesel. Diese von Natur aus nett anzusehenden Tiere haben nicht nur einen optischen Vorteil gegenüber den räuberischen Hermelinen. Killworth bemüht sich, sie als nett, friedlich und intelligent zu beschreiben. Mit dieser offensichtlichen Unterscheidung hilft er seinem oft jugendlichen Publikum, die Fronten zu erkennen und sich natürlich auf die Seite der Guten zu schlagen. Das diese – zwar nicht unbedingt aus Überzeugung, aber zumindest aus der Notwendigkeit heraus - gute Menschen suchen, dient als Brücke zu dem tierfreundlicheren Lesern.
Die „Helden“ – Sylber, Grind und Kunicht – zeichnet der Autor sehr detailliert und mit feinen charakterlichen Unterschieden. Im Grunde bilden sie in ihrer Gesamtheit eine komplexe Figur.
Grind stellt eine Inkarnation des Bruder Tuck aus dem Misthaufen geboren dar. In seinem Dorf zu niederen Arbeiten eingeteilt, nutzt er die Chance, sich den Suchenden anzuschließen. Dabei offenbart er ein vielschichtiges Wissen, zusammengestellt aus theoretischer Erfahrung und gelungener Kombinationsgabe. Trotz der Erfahrung Sylbers als Unruhestifter wirkt Grind realistischer. Ihm wird sein größter Traum erfüllt, das nicht geliebte Heimatdorf zu verlassen, Abenteuer zu erleben und etwas Sinnvolles zu tun. Sylber dagegen trägt auf seinen Schultern die selbst gewählte Verantwortung, etwas für die Gemeinschaft der Tiere tun zu müssen. Killworth schreibt ihm zwar die meisten Eigenschaften auf das Fell, trotzdem wirkt er – wie es sich für klassische Helden gehört – zu optimistisch, zu positiv und schließlich auch zu oberflächlich. Auch wenn er nicht jede Situation selbst klärt, überstrahlt seine Persönlichkeit die anderen Mitglieder seines obligatorisch notwendigen Teams. Er löst einige seiner Aufgaben mit Raffinesse und weniger Erfahrung, seine Instinkte helfen ihm. Wenn er einmal in einer Sackgasse landet, weiß der Leser, dass Hilfe in der Luft liegt. Meistens kommt diese durch das unfreiwillige dritte Mitglied der Führungsriege Kunicht, der am liebsten auf der faulen Haut und ein möglichst langes Leben haben möchte. Das wird ihm an der Seite von Sylber nicht vergönnt und mehrmals muss er unter der potentiellen Opferung seines Lebens seinem Chef zur Seite eilen. Dabei gilt er im Team zeitweise als feiger Verräter. Wie im realen Leben muss er dieses berechtigte Misstrauen überwinden und sich den Aufgaben stellen. Kunicht wird von seinem Schöpfer sehr sympathisch und überraschend facettenreich dargestellt. Der Leser kann sich schnell mit ihm identifizieren, er verkörpert nicht den Helden, sondern den besorgten und vorsichtigen Mitläufer. Solche Typen brauchen eine funktionierende Gruppe und ein vielschichtig gestalteter Roman.
Wirkt vom Team her „Sucht die Sonnereiche“ eher wie eine Anspielung auf Robin Hood in Kombination mit einigen wenigen Elementen des „Herr der Ringe“ – eine Gruppe unheldenhafter Kreaturen muss und bewältigt eine Aufgabe, die eigentlich einen Krieger fordert - , so erinnert die Handlung nach kurzer Zeit an eine grüne Alternative zu Orwells „Farm der Tiere“ inklusiv der politischen Bezüge. Selbst das Schwein taucht in einer allerdings veränderten Form auf. Diese Bezüge zu bekannten Werken wirken nicht negativ, sie erhöhen zum Teil das Lesevergnügen. Garry Killwort Stil ist einfach, fast simpel. Seine Beschreibungen der Landschaft sind farbenprächtig, die frische irische Luft und den stetigen Wind kann der Leser zwischen den Zeilen spüren und die Dialoge schlagkräftig und lebensecht geschrieben. Für einen Auftaktroman allerdings mit fast fünfhundert Seiten Umfang passiert phasenweise zu wenig und einige Szenen – die ominöse Flussfahrt und der Aufenthalt in der Abtei – sind zu breit und zu lang angelegt. Garry Kilworth fehlte in diesen Passagen das Gespür für ein richtiges Timing. Der Roman bietet ein kurzweiliges Lesevergnügen und gehobene Unterhaltung auf einem möglichst allgemein verständlichen Niveau.
Garry Kilworth: "Sucht die Donnereiche"
Roman, Softcover
Piper Fantasy 2005
ISBN 3-4922-6580-4
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