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Fantasy (diverse)



Eoin Colfer

Artemis Fowl - die verlorene Kolonie

rezensiert von Thomas Harbach

Zeitgleich mit der Veröffentlichung seines fünften Artemis Fowl Romans bereiste Colfer auf seiner Lesereise auch mehrere Städte in Deutschland. Unter anderem erzählte er, wie er die grundlegende Struktur der verlorenen Kolonie von einer Story ohne den intelligenten Ex- Verbrecher zu einem weiteren Fowl Roman umgeschrieben hat. Auf den ersten Blick wird ein solches Vorgehen sicherlich die Kritiker auf den Plan rufen, auf der anderen Seite sind aber insbesondere seine letzten Romane per se so vielschichtig gewesen, dass mit ihrer oft mehrstufigen parallel laufenden Handlungsstruktur ein Strang durchaus in eine andere literarische Umgebung „zwangsversetzt“ werden konnte. Als strukturelle Schwäche könnten Kritiker anmerken, dass die Dämonenwelt um die Nummer eins durch die Änderung zu kurz kommt und zu schnell der Fokus wieder auf den sich in den Vordergrund drängenden Artemis Fowl gelegt wird. Dieser möglichen Schwäche tritt Colfer als Autor ungewöhnlich entschlossen entgegen, die Charakterisierung seiner Protagonisten gehört zum Besten, was er bislang in dieser inzwischen auch umfangreichen Serie veröffentlicht hat. Dazu das Thema Pubertät in Form eines weiblichen, hübschen Gegenspielers. Letzteres bleibt allerdings mehr an der Oberfläche – ein Sprung von fast drei Jahren am Ende des Buches wirkt ebenfalls nicht sonderlich überzeugend -, hier hätten mehr die Funken fliehen können und müssen. Um direkt auszusprechen, Artemis Fowls Wandel vom Verbrecher zum braven, aber intelligenten Jungen war ansprechender und überzeugender beschrieben worden als sein Versuch, mit dem anderen Geschlecht zurechtzukommen. Auch der Ausblick auf weitere Fowls am Ende des Buches deutet darauf hin, dass Colfer dieses Thema nicht unbedingt vordergründig vertiefen möchte. Schade eigentlich.

Alleine die Geschichte der verlorenen Kolonie – der achten Familie – ist eine Mischung aus bekannten oder vertrauten Elementen und einer ironischen Modernisierung. Die Menschen kennen die Mitglieder dieser Familie einfach als Dämonen. Vor mehr als zehntausend Jahren haben sie nach verlustreichen Kriegen mit der Menschheit die Familie der Feen verlassen – die erste originelle Idee des Buches, im Einklang stehend mit dem Märchen – oder sagenübergreifenden Hintergrund von Colfers Universum – und ihre Insel Hybras wurde von einem der mächtigen Warlocks isoliert. Seitdem schmachten sie in der Isolation, ihr Gott ist ein Schmachtfetzen, in dem eine erfundene Geschichte um große Gefühle, Rache und einen neuen Gott erzählt wird. Dieses Zeitgefängnis beginnt sich langsam aufzulösen und einer der ersten, der die Chancen und Risiken erkennt, ist Artemis Fowl, das inzwischen vierzehnjährige Genie mit der Abstinenz bei Verbrechen. Zu Beginn des Romans versucht er die unfreiwillige Ankunft eines eher tollpatschigen Dämonens in unserer Realität zu verbergen und diesen vor den Folgen seiner Reise zu schützen. Einige der anderen Feenvölker – alles Vertraute aus den ersten Romanen - beobachten seit Generationen die Menschen im Allgemeinen und seit kurzem natürlich Artemis Fowl im Besonderen. Schnell erkennt Fowl, dass er nicht der einzige Mensch mit einem Interesse an den Dämonen ist. Ein junges sehr hübsches Mädchen namens Minerva schnappt sich die Beute direkt vor Artemis Augen. Schnell steht Fowl zusammen mit seinen inzwischen zu Freunden gewordenen Kameraden vor insgesamt drei Problemen: den Dämon wieder aus den Klauen Minervas zu befreien, einen ebenbürtigen Gegner unblutig zu besiegen und sich mit den brutalen Verrätern in Minervas Organisation auseinanderzusetzen. Und außerdem mit der aufkommenden Pubertät – aus seiner Sicht ein ungewolltes Übel, das ihn am klaren Denken hindert – kämpfen.

Es ehrt einen Autoren, wenn er rechtzeitig erkennt, dass eine gute Idee nicht ausreicht, um einen Roman zu füllen. Das hat Colfer sehr scheint er schnell bei der Konzeption dieses Buches erkannt zu haben. So hat sich die Dämonenwelt – nur der Begriff stimmt mit dem klassischen Begriff überein – gänzlich anders als erwartet entwickelt. Dank eines Schundromans versuchen die Dämonen sich immer noch im Armbrustschießen und tragen altertümliche Kleidung. Als schließlich die Wahrheit in doppelter Hinsicht ans Licht kommt – die Religion basiert auf einer Lüge und die Menschen haben sich technologisch zu weit fort entwickelt – bricht zumindest eine Illusion zusammen. Natürlich hätte Colfer deutlich mehr aus dieser achten Familie und ihrer Heimat herausholen können. Um eine autarke Gesellschaft aufzubauen, hätte der notwendige Kontrast gefehlt. Eine ideale, wenn auch schon mit Ecken und Kanten versehene Idee wäre es gewesen, Artemis Fowl in diese Welt zu versetzen, ihm die Möglichkeit zu schenken, seinen wachen Verstand an einer archaischen Umgebung zu schärfen und ohne technologische Hilfe, das Internet oder gar seinen Leibwächter zu überleben und seine Mission zu erfüllen. So faszinierend und verführerisch diese Idee gewesen wäre, sie hätte keinen Roman getragen. Einen Dämonen oder gar eine ganze Dämonenarmee aus deren Dimension auf eine gegenwärtige Erde zu versetzen, sie in einen mehr oder minder direkten Konflikt mit den anderen Feenfamilien oder gar den unterirdischen Überwachungsorganen und deren Polizeiorganisation scheitern oder bestehen zu lassen, wäre die andere Seite der Münze gewesen, auch ein Unterfangen, das erstens mehrmals versucht worden ist und zweitens einen wirklich originellen, außerordentlich packenden schreibenden Autoren mit einer Reihe von grotesken, skurrilen oder ironischen Einfällen verlangt hätte. Auch wenn Colfer ein außerordentlicher guter Schriftsteller ist, so ist er weder ein früher Robert Asprin noch ein impulsiver Steven Brust. Die dritte mögliche Variante wäre eine brüchige Kooperation mit Artemis Fowl, um irgendein verschollenes Gut wiederzufinden, nun… diese Idee hat es in unterschiedlichen Kombinationen schon mehrmals in der Serie gegeben und wird auch niemanden mehr begeistern.

Also beschränkt sich Colfer auf das Notwendige, er beginnt seine Leser nicht nur zu unterhalten, sondern in Bezug auf die Exposition auch zu verwirren. Immer noch traut man der Läuterung des ehemaligen Meisterverbrechers – der seine Wurzeln auch in Pulpfiguren wie „Arsene Lupin“ hat – nicht über den Weg, wahrscheinlich ist die Begegnung mit einer übernatürlichen Erscheinung auf dem überfüllten Platz in Barcelona das erste Schritt zur Durchführung eines neuen Meisterplans. Nach und nach muss sich der Leser von dieser vorgefertigten und von Colfer sehr geschickt unterstrichenen Meinung verabschieden und erkennen, dass Artemis Fowl wirklich für die Dämonenwelt und damit auch für die Menschheit handelt. Dazu setzt der Autor nicht nur handlungstechnisch sehr früh ein Ausrufezeichen – die liebvolle Minerva ist im Grunde eine weibliche Inkarnation des frühen Artemis Fowls, allerdings von Beginn an mit einem reichen und mächtigen Vater ausgestattet, dessen Erziehungsversuche eher lächerlich als effektiv wirken. Dazu kommt noch der einsame Dämon Nummer eins, einer der wenigen Bewohner der Insel Hybras, der noch nicht den schnellen, gewaltsamen Sprung vom Jugendlichen zum Erwachsenen vollzogen hat. So hat der Leser im Grunde die Möglichkeit, auf zwei Ebenen einen altklugen, nicht geläuterten Artemis Fowl in Person eines jungen, hübschen Mädchens zu verfolgen, sowie wahrscheinlich eine nicht untreffende vorpubertäre Version Fowls, die zwar in der Gestalt eines Dämonen daherkommt und nicht auf der Erde lebt, aber diese „Kleinigkeiten“ werden von der unterhaltsamen Handlung gut überdeckt. Die Skatrunde vervollständigt dann das Original, das in seinem Streben mehr oder minder auf das bekannte Team zurückgreifen kann. Bevor auf das Verhältnis zwischen den einzelnen Teammitgliedern eingegangen werden soll – das hat sich drastisch im Vergleich zu den ersten Büchern zum Positiven verändert – lohnt es sich, einen Blick auf die beiden Abbilder Fowls zu werfen. So erhält Nummer eins natürlich erst seinen Namen, nachdem er den Sprung zum Erwachsenen vollzogen hat und in klassisch klischeehafter Manier wird er nach seinen Abenteuern seine Bezeichnung Nummer eins voller Stolz behalten, er ragt aus der Masse der Dämonen auch heraus, als er durch einen Zufall erkennt, dass er über magische Fähigkeiten verfügt, der erste Warlock seit mehr als eintausend Jahren und Warlocks „springen“ nicht. Leider hat sich diese Erkenntnis in der dämonischen Bevölkerung noch nicht herumgesprochen. So wird er aufgrund seiner vorsichtigen Versuche, seine Fähigkeiten zu erläutern, verspottet. Am besten wäre, wenn er sich in einen Vulkan wirft. Gesagt und fast getan, er kommt in die Nähe eines Vulkans, wird aus seiner dämonischen Existenzebene gerissen und landet schließlich in den Klauen Minervas. Die Passagen in Dämonien sind vielleicht auf der einen Seite kürzer als erhofft oder erwartet, allerdings finden sich dort auch nur wenige wirklich gute Ideen und der Entwicklungsprozess des sympathischen Außenseiters liest sich gut, aber für einen ganzen Roman hätte diese Handlungsebene nicht gereicht. Während also Nummer eins seine Fähigkeiten noch weiter entwickeln muss und zumindest aufgrund des fehlenden Entwicklungssprunges als Außenseiter betrachtet wird, ist Minerva auf der Jagd nach dem Nobelpreis dieses Jahres – in welcher Sparte Dämonenkunde vertreten sein soll, lässt Colfer allerdings offen. Sie eine weibliche Inkarnation Fowls mit einer Besessenheit für die Wissenschaft, während dieser sich ja in erster Linie um lukrative Verbrechen gekümmert hat. Es folgen einige sehr gute verbale Auseinandersetzungen mit Fowl, dieser legt mit einem ungemein komplizierten und eher auf dem Prinzip Hoffung sowie Zufall basierenden Plan Minerva rein, aber zwischen den pubertären Teenangern fehlt die emotionale Bindung, alleine sind sie beide sehr gut gezeichnet, auch Artemis Fowl wirkt mehr und mehr wie ein abgerundeter Charakter mit einer nicht zu leugnen Fähigkeit, zu lernen und sich nicht nur auf seine in den ersten beiden zu penetrante Allwissenheit in Kombination mit Arroganz zu verlassen. Im Gegensatz zu Fowl macht sie auf ihrer ersten aufgezeichneten großen Mission einen Fehler, den Fowl ausgleichen muss. Damit beweist Colfer gleich, dass Mädchen nicht auf der gleichen Stufe wie Jungs stehen, vielleicht wäre es handlungsdramatisch sogar sinnvoller gewesen, Fowl den Fehler zuzugestehen und Minerva ihn reparieren zu lassen, denn hätte Colfer mehr gegen die immer noch vorherrschenden Klischees von technisch unbegabten Mädchen und den alles könnenden Jungen agiert, anstatt sie auf diese Art zu verfestigen.

Deutlich besser harmoniert Fowls Team, aus der brüchigen Zweckgemeinschaft mit seinem Bodyguard Butler – er hat eine sehr schöne Szene am Ende des Romans – und der Elfenpolizistin Holly Short, sowie Mulch Diggins, dem ehemals kriminell kleptomanen Zwerg mit der OSCAR – Manier ist inzwischen ein gutes Team geworden, das nicht nur seine Fähigkeiten gegenseitig respektiert, sondern kooperiert. Dabei ist sich Colfer nicht zu schade, einige Ideen – Holly Short denkt kontinuierlich über ihre nicht alltägliche Karriere und den freien Fall nach, Mulch Diggins fast einzigartige Art des running commertary – aus seinen anderen Büchern in diesen Roman zu übertragen und vor allem fortzuentwickeln.

Handlungstechnisch zerfällt der Roman in im Grunde drei große Abschnitte: der erste Plan, bei dem sich Fowl und Minerva gegenseitig behindern, der Überfall auf den Palast von Minervas Vater und die Entführung des Dämonen durch die wirklich bösen Männer und schließlich die komplexe Rettung, die einen Dimensionensprung und einen unfreiwilligen Flug zum Mond umfasst. Colfer gelingen hier einige sehr gute Actionszenen, der Roman lebt in erster Linie allerdings von den gut gezeichneten Charakteren, der Plot ist eine moderne, sehr humorvolle Fantasy- Quest, in der sich weder die Charaktere richtig ernst nehmen noch der Autor versucht, den reinen Gesetzen des Genres zu folgen. Kunterbunt mischt er natürlich auch Anspielungen an die „James Bond“ Filme – die Szenen auf der höchsten Konstruktion und nicht dem höchsten Gebäude der Welt – oder den „Mission Impossible“ Filmen –die Verfolgungsjagd mit den natürlich modernen und schicken BMW Geländewagen – unter die Handlung. Mit den Dämonenszenen kann sich Colfer allerdings auch eine Parodie auf Dan Browns „schwere“ Kost „Der Da- Vinchi- Code“ nicht verkneifen, respektlos geht er die Idee des Glaubens nicht nur an, sondern stellt sie für die Dämonen gleich mehrmals komplett auf den Kopf. Mit diesen bissigen Seitenhieben zeigt der Autor, dass er nach dem eher schwächeren dritten Roman sowie dem akzeptablen, aber unnötig komplizierten „Die Verschwörung“ wieder auf die richtige Spur zurückgekehrt ist.

Eoin Colfer: "Artemis Fowl - die verlorene Kolonie"
Roman, Hardcover, 304 Seiten
List Verlag 2007

ISBN 3-4717-7280-4

Weitere Bücher von Eoin Colfer:
 - Artemis Fowl- Das Zeitparadox
 - Artemis Fowl- Der Geheimcode
 - Artemis Fowl: Der Atlantis- Komplex
 - Cosmo Hill- der Supernaturalist
 - Fletcher Moon - Privatdetektiv
 - Meg Finn und die Liste der vier Wünsche
 - Und übrigens noch was

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