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Fantasy (diverse)



Sergej Lukianenko

Wächter der Nacht

rezensiert von Thomas Harbach

Mit Lukianenkos „Wächter der Nacht“ liegt im Schatten der Big Budget Verfilmung der erste Band seiner Fantasy/ Horror Serie als gediegener Heyne Paperback vor. Der 1968 geborene in Kazakhstan geborene Lukianenko arbeitete zunächst als Psychiater. Neben seinem Beruf schrieb und veröffentlichte in den später achtziger Jahren einige Kurzgeschichten in diversen russischen Magazinen. Seine ersten Kurzgeschichten stellten eine Mischung aus Robert A. Heinleins und Krapivins Jugendstoffen dar. Im Laufe der Zeit wandte er sich von seinen eher intellektuellen, wenn auch für Jugendliche geschriebenen Space Operas ab. Mit „The Night Patrol“, zu denen dieser Roman den Auftakt bildet, erschloss er sich die Dark Fantasy Leserschaft. Die Bücher sind so populär, dass im Augenblick neben der opulenten Verfilmung auch eine Fernsehserie in der Produktion ist. Er schreibt die Drehbücher. Inzwischen ist er nach Moskau umgezogen.

Wie populäre Fantasy Autoren von der kriminellen Realität in Russland eingeholt werden können, zeigt das tragische Schicksal eines der berühmtesten Fantasy Autoren des Landes. Sein Sohn wurde im letzten Jahr von einer organisierten Bande entführt und schon vor einer eventuellen Lösegeldforderung ermordet. In diesen Augenblick bleibt jegliche Phantasie hinter der brutalen Realität zurück.

Der Auftaktband dieser Trilogie besteht auch aus drei auf den ersten Blick nur unzureichend zusammenhängenden Novellen. Das Buch ist sowohl von der Tag als auch der Nachtwache geprüft worden. Diese ersten Blicke auf die unterschiedlichen Welten unter Moskaus heutigem Himmel eröffnen dem Leser eine farbenprächtige, oft mit treffenden, skurrilen Bemerkungen angereicherte Welt. Unbewusst erinnern Teile des Romans an Neil Gaimans klassische Geschichte „Neverwhere“. Die „Wächter der Nacht“ arbeiten zusammen mit ihrem Gegenpart „Den Wächtern des Tages“ an der Einhaltung eines erst vor wenigen Jahren geschlossenen brüchigen Friedens zwischen den Mächten des Lichtes und des Dunkels. Die Tagwache besteht aus Vampiren, Werwölfen, Dämonen und dunklen Magiern. Sie sichern sich ihre Existenz durch die Ausnutzung der ahnungslosen normalen Menschen. Die Nachtwache dagegen haben sich dem Schutz dieser Beute verschrieben und bestehen aus in erster Linie übernatürlich begabten Menschen und Tiermenschen. Die Regeln sind streng. Nur Vampire besitzen einen Jagdschein, mit dem sie Menschen erlegen und deren Blut trinken dürfen. Wer ohne diese Erlaubnis wildert, kann im günstigen Fall vor ein Gericht gezerrt, im ungünstigen Fall mit dem sofortigen Tod bestraft werden. Oft erübrigt sich die Frage nach dem Motiv.

Der Ich- Erzähler Anton agiert als Mittler zwischen dieser fremden Welt und den Lesern. Von Beruf Softwareadministrator für die Nachtwache. In einer köstlichen Szene freut sich ein Moskauer Unternehmer, dass ausgerechnet eine solche Kapazität in sein Taxi „fällt“. Er versucht ihn abzuwerben, aber der Hinweis auf den besonderen Arbeitgeber – auch wenn auf den Geheimdienst getippt wird – erstickt das Vorhaben im Keim. Da die Nachtwache nur eine kleine Einheit ist, wird Anton von seinem Chef auch zu Außendiensteinsätzen abkommandiert. Dieses Entwurzeln des Charakters geht einher mit dem Kennenlernen dieser magischen Welt durch den Leser. Die erste Begegnung mit dem Übernatürlichen ist ein bösartiger Fluch, der wie eine schwarze Wolke über dem Haupt einer jungen Frau namens Swetlana hängt. Die Kraft dieses Fluches könnte eine Großstadt ausradieren. Kaum hat sich Anton mit diesem Problem auf ungewöhnlichem Wege auseinandergesetzt, trifft er auf einen nicht lizensierten Überfall zweier Vampire auf einen Menschen. Es gelingt ihm, einen der Vampire zu töten, die Anstifterin entkommt und Anton droht Ungemach durch seinen Chef. Das sensible Gebilde zwischen Tag- und Nachtwache, zwischen Hoffnung und Angst droht auseinander zu brechen. Nichts ist wirklich Zufall. So kommt es wenig überraschend, dass Anton sehr bald der jungen Swetlana wieder begegnet, die für sein zukünftiges Schicksal bestimmend sein wird.

Typisch für einen Fantasy Roman treffen fast auf die Person Antons konzentriert wieder verschiedene schicksalshafte Strömungen aufeinander. Die Nachtwache erwartet seit Jahrzehnten die Geburt eines mit gewaltigen Kräften ausgestatten Magiers, die bestehende Ordnung könnte umgestoßen und der brüchige Friede aufgekündigt werden. Diese fast klischeehaften Grundideen variiert der Autor geschickt. Ein Fluch über Moskau mit der Kraft von mehreren Atombomben, der schließlich die ganze Welt bedroht, wirkt fast übertrieben bemüht, die Begegnung mit zwei Vampiren in einer dunklen Gasse, die einen Menschen überfallen und töten, unheimlich realistisch.

Aber zwischen den Zeilen steckt in diesem umfangreichen Episodenroman viel mehr. Immer wieder wird die Frage nach Gut oder Böse neu hinterfragt, selten neu interpretiert. Stellvertretend für den Leser übernimmt Anton diese schwierige Aufgabe, diskutiert verschiedene Möglichkeiten im Zwiegespräch mit normalen Menschen, aber auch magischen Wesen. Diese zeichnen oft deutlich menschlichere Züge als die ahnungslosen Moskowiter aus.

Eine Szene dieses Romans ist besonders bemerkenswert. Da wird Anton gefragt, warum die weißen Magier nicht mit einer Handbewegung alles Elend dieser Welt bereinigen und den Menschen helfen. Die Antwort ist simpel. Für jede gute Tat darf das Böse ebenfalls eine Untat begehen. Daher gibt es auf unserer Welt immer beide Seiten der goldenen Münze zu begutachten. Das Gute und das Böse gehören nicht nur dank dieses Paktes untrennbar zusammen. Diese oft eindrucksvollen, aber allgemein verständlichen Bilder zeichnen neben der exotischen Atmosphäre einer sich wandelnden Stadt Moskau den Roman aus.

Der Roman lebt allerdings in erster Linie von der Gestalt Antons. Mit einem geradezu lächerlicheren Namen ausgestattet, bemüht sich der Autor, die Figur vielschichtig, aber nicht einseitig zu charakterisieren. In seiner neuen Aufgabe ist der vereinsamte Theoretiker unsicher, ungestüm, manchmal egoistisch, dann wieder zu sozial. Die Ich- Erzählerperspektive erhöht die Intimität zu der Figur, macht es aber fast unmöglich, Anton aus der Sicht anderer, interessanter Protagonisten kennen zulernen. Der Leser kommt nur mit Antons Reaktionen und Ansichten in Berührung, alles andere wirkt distanziert und oft unbeholfen konstruiert. Natürlich muss – im Gegensatz zum widerwilligen Helden Thomas Covenant, dem Zweifler – eine solche Figur an seinen immer größer werdenden Aufgaben reifen. Aus dem Reaktionär wird ein intelligenter Planer. Schnell distanziert er sich von seinem Chef und dessen undurchschaubaren Plänen. Gegen Ende des Handlungsbogens zeigt Lukianenko auf, wie sehr sich dieser seiner Aufgabe verschrieben hat. Im Grunde ist der namenlose Chef eine aus einem Paralleluniversum eingedrungene ältere Inkarnation Antons. Oder eines Antons, der nicht in letzter Sekunde seine einzige Liebe gefunden hat. Mit Gefühlen geht der Autor für einen Fantasy Roman ungewöhnlich offen um. Mit Gefühlen, weniger mit Sex oder Gewalt. Die schwermütige russische Seele ist allgegenwärtig.

Der Autor kann sich die Kritik an der kritiklosen Übernahme der amerikanischen Konsumgesellschaft inklusiv schlechter, lauter Filme und zu vielen Drogen nicht verkneifen. Solche Szenen machen den Roman ungemein so realistisch und heben ihn aus der breiten Masse heraus. Die Mischung wirkt schon fast surrealistisch. Wo Harry Potter oft eine gewisse, märchenhaft künstliche Atmosphäre aufbaut, scheut sich Lukianenko nicht, in das Halbweltmilieu hinab zusteigen. Huren, Profikiller und Mafiosi spielen im Hintergrund kleinere Rollen. Über allem schwebt die unheilvolle, fast bedrohliche Atmosphäre der für einen Außenseiter kaum einzuschätzenden Stadt Moskau. Wie sehr er allerdings seine neue Heimatstadt liebt, macht er an kleinen, fast liebevoll gezeichneten Beispielen deutlich. So entsteht in erster Linie für Westeuropäer eine faszinierende Mischung aus Verbrecherpool, Wundern und der einzigartigen Kraft der Liebe.

Natürlich ist dieses Moskau eher eine deprimierende Stadt. Nur wenige haben es oft mit fragwürdigen Mitteln geschafft. Kriminalität ist über all zu spüren. Das es hier eher Tierwesen, Vampire oder dunkle Magier als Elfen oder Einhörner gibt, ist selbstverständlich. Die Fabelwesen passen sich der dunklen Umgebung nahtlos an. Die Idealisten der Nachtwache wirken eher auf verlorenem Posten. Die gewöhnlichen Menschen leben einsam, isoliert, oft in bitterer Armut mit einer Flasche billigen Wodka im Arm und hoffen auf eine neue Zeit. Die Revolution wirkt wie eine ungeplante und ungewünschte Veränderung. Wie sagen die dunklen Mächte so gerne. Die Oktoberrevolution und der Zweite Weltkrieg waren die gewünschten und geplanten Veränderungen, um die Menschheit auf eine neue Existenzebene zu hieven. Wahrscheinlich auch, um die dunkle Seite in neuem Glanz erstrahlen zu müssen. Die der demokratischen Revolution, der nicht mehr vorhandenen Großmacht können und wollen sie nichts anfangen.

Oft wirken die drei Episoden – obwohl glänzend mit der typischen Hommage an die amerikanischen Film Noir Klassiker erzählt – seltsam inhaltsleer. Anton steht sich zu oft selbst im Wege, die beschriebenen Ereignisse hätten sich deutlich raffen und straffen lassen und die am Ende des Buches gewonnenen Erkenntnisse werden eher als Antihöhepunkt vom Autoren in Szene gesetzt. Die verschachtelte Planung hätte einer „Mission Impossible“ Geschichte gut zu Gesicht gestanden. Überhaupt wirkt die Geschichte deutlich cineastisch angelegt. Die Actionszenen sind sehr perspektivisch in Szene gesetzt, insbesondere bei den ersten, schlaglichtartigen Begegnungen mit der dunklen Seite wirkt Lukianenkos Text wie eine rasante Kamerfahrt auf die jeweiligen Opfer hin. Kurze und prägnante Ideen bilden das Fundament eines verschachtelten und für den Leser selbst auf den zweiten Blick schwer zu erkennenden Plans. Die nächsten beiden Bücher der Trilogie haben es hier etwas einfacher, da sie nicht gleichzeitig den Rahmen etablieren und eine unterhaltsame Geschichte erzählen müssen. Sie können sich auf das Zweite konzentrieren.

Was überzeugt, ist die russische Seele, die in diesem Text mitschwingt. Was überzeugt sind die einzelnen, sehr liebevoll gestalteten Figuren unter der „Führung“ Antons. Was überzeugt, sind die gefeilten, spitzfindigen Dialoge. Was überzeugt ist der Enthusiasmus, mit dem eine kleine Gruppe unterschiedlicher Wesen auf beiden Seiten des Lichtes für Ordnung sorgen möchte… in einer Welt, die diese verloren hat. Was überzeugt ist die Andersartigkeit der Atmosphäre, des Textes, weniger des eigentlichen Inhaltes.

Sergej Lukianenko: "Wächter der Nacht"
Roman, Softcover, 524 Seiten
Heyne 2005

ISBN 3-4535-3080-2

Weitere Bücher von Sergej Lukianenko:
 - Das Schlangenschwert
 - Der falsche Spiegel
 - Der Herr der Finsternis
 - Die Ritter der vierzig Inseln
 - Labyrinth der Spiegel
 - Spektrum
 - Sternenschatten
 - Sternenspiel
 - Trix Solier- ein Zauberlehrling voller Fehl und Tadel
 - Weltengänger
 - Weltenträumer
 - Wächter der Ewigkeit
 - Wächter des Morgen

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