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Fantasy (diverse)



Brandon Sanderson

Elantris

rezensiert von Thomas Harbach

Mit Brandon Sandersons „Elantris“ legt der Heyne- Verlag den ersten Roman eines Newcomers in der Fantasy- Szene vor. Dabei sind Ähnlichkeiten im Formalen mit Sean McMullens „Seelen in der großen Maschine“ nicht von der Hand zu weisen. Oft scheitern insbesondere neuere Fantasy- Veröffentlichungen an ihrer Einfallslosigkeit im Vergleich zu einem angenehm zu lesenden Stil. Wie bei „Seelen in der großen Maschine“ leidet „Elantris“ selbst in der deutschen Übersetzung unter der sperrigen Erzählstruktur und trotz sehr vieler Ideen unter der Überambition des Autors. Reduziert man den Roman auf sein grundlegendes Konzept von dem dickköpfigen, entschlossenen und progressiven Prinzen – der gleich zu Beginn des Buches für „tot“ erklärt wird und fortan verkleidet agiert -, der feministischen Prinzessin, die sich im richtigen Augenblick wieder auf ihre weiblichen Tugenden konzentriert, dem mittelalterlich gestalteten Königreich und den Barbaren, welche nicht nur das Leben, sondern die Ordnung des Landes bedrohen, dann benötigt das Buch einen starken, entschlossenen Autoren, der aus diesen bekannten Fakten einen gelungenen Roman macht. Oder einen Schriftsteller, dessen Stärken im Detail liegen. Das Letztere spricht für Brandon Sanderson, welcher dem Leser rückblickend die perfekte kommunistische Utopie unter der Leitung der geheimnisvollen Magier präsentiert. Elantris ist zu Beginn des Romans eine verfluchte Stadt, in welche die von einer geheimnisvollen Seuche gezeichneten Menschen lebendig begraben werden. Vor langer Zeit war sie eine „goldene“ Stadt. Die Bewohner standen aufgrund ihrer magischen Fähigkeiten Göttern gleich und haben das Land geschützt und die Menschen versorgt. Ein Paradies Eden unter einem totalitären System. Aus heiterem Himmel brach diese Idylle zusammen. Elantris wurde zu einer Ruinenstadt und ihre Bewohner zu lebenden Monstren. Das Volk erhob sich gegen die ehemaligen Heilsbringer und pferchte sie in den Ruinen ihrer Herrschaft ein. Durch ihre potentielle Unsterblichkeit zum Dahinsiechen verbannt. Das Kapital übernahm die Macht im Land und zum König wurde einer der reichen Kaufleute ausgerufen. Schnell wurde das einfache Volk versklavt und das bequeme Leben endete in ewiger Dienerschaft. In der Gegenwart der Handlung wird natürlich die Zukunft des Landes von drei Personen bestimmt. Dem nach Elantris verbannten Königssohn, seiner dickköpfigen Verlobten/Ehefrau, die mittels Fernheirat noch nie ihren Mann gesehen hat und einem Barbaren/ Skeptiker, der das Land ins Chaos stürzt, um es zu retten.

Tritt der Leser einen Schritt zurück, überrascht erst einmal die wahrlich naive Feststellung, dass das Volk regiert werden muss. Das Volk braucht Anführer und einige Männer sind dafür prädestiniert, andere nicht. In Sandersons Roman trifft diese Implikation auf zwei Gruppen zu: einmal die Königssöhne, die nach der Ausbeutung des Volkes wieder ein Auge auf eine natürliche Gerechtigkeit werfen und zweitens auf die Verbannten der Stadt Elantris, die uneigennützig dem Volk gedient haben. Diese politische Vorstellung ist nicht nur naiv, sie wird teilweise sehr brachial in die Handlungsstruktur eingeflochten. Es gibt in Sandersons Buch keinen Raum für Grautöne und das macht insbesondere den Hintergrund zu einer ganz schweren und unglaubwürdigen Kost. Die Idee selbst, eine Utopie gegen eine kapitalistische Monarchie zu stellen, ist gar nicht schlecht und durchaus originell. Sanderson setzt sich mit den Stärken und Schwächen beider Extreme auseinander. Insbesondere die Utopie der Vergangenheit wird nach und nach aus ihrer idealistischen Position herausgelöst. Die Versorgung des Volkes aus einer Art Füllhorn bedeutet gleichzeitig die Kontrolle aller Bodenschätze und Anbauflächen. Das einfache Volk wird in einem paradiesischen, aber die Kreativität und den Willen lähmenden Zustand gehalten. Auf der anderen Seite besteht diese Idylle aber auch Frieden. Die wichtigsten Gründe, um Krieg im eigenen Land zu führen, fallen durch diese komplette Kontrolle weg. In wie weit die Herrschenden allerdings eine ideale Diktatur darstellen, bleibt außen vor. Zu Beginn des Romans herrscht im Land das genaue Gegenteil. Ein grenzenloser Kapitalismus, der das Volk in Arme und Reiche spaltet. Sanderson ist ein sehr guter intellektueller Theoretiker, welcher im Verlaufe seines umfangreichen Romans die Stärken als auch die Schwächen der beiden Systeme gegenüberstellt. Da es eine magische Utopie im Grunde nie geben wird und nie gegeben hat, wirkt seine kapitalistisch orientierte Gesellschaft überzeugender und nuancierter. Leider macht der Autor in seiner Überambition den Fehler, dem Leser am Ende des Buches Antworten zu schulden. Und so entsteht aus beiden Systemen ein sozialverträglicher Absolutismus, welchen der Autor nur noch theoretisch entwickeln, aber nicht mehr mit Leben erfüllen kann. Damit widerspricht der Autor auch seinen Ansätzen, das in jeder Maschine jedes einzelne Teil – in diesem Fall jeder Bürger – eine wichtige Rolle spielen kann und spielen sollte. Insbesondere in Bezug auf sein politisches System scheitert der Autor genauso großartig wie Sean McMullen, dessen „Seelen in der großen Maschine“ aus einer Reihe hervorragender Ideen bestanden hat, die sich partout geweigert zu haben, zu einem stringenten Buch verbunden zu werden.

Was die Lektüre erträglicher macht, sind die überzeugend gezeichneten Charaktere. Fängt man mit den obligatorischen Nebenfiguren kann, so versucht Sanderson insbesondere den Nebenfiguren ein wenig Tiefe zu geben. Auch wenn sie oft klischeehaft agieren und vor allem als Steigbügelhalter für Sandersons diverse Theorien dienen, sind die sympathisch gezeichnet. Von den Hauptpersonen fällt positiv insbesondere Sarene aus dem Rahmen. Sie kommt als unverheiratete Witwe in einem ihr fremden Land an. Die Hochzeit ist sie in erster Linie aus politischem Kalkül eingegangen, jetzt möchte sie aber zumindest etwas über das Schicksal ihres an einer Seuche gestorbenen Mannes erfahren und beginnt sich in die Politik des Landes einzumischen. Sanderson zeigt den Interessenskonflikt ihrer Figur. Auf der einen Seite eine Frau mit einer nicht zu leugnenden traditionellen Einstellung gegenüber Ehemann und Kindern, auf der anderen Seite versucht sie als Frau eine besonders männliche Politik durchzusetzen. Nur selten lässt der Autor seine Figuren wirklich agieren, zu oft konzentriert er sich auf umständliche Dialoge, welche die kaum fortschreitende Handlung gänzlich zum Erliegen bringen und den Leser schnell langweilen. Gyorn Hrathen ist vielleicht die am meisten tragische Figur des Buches. Er weiß, dass er das System in seinen Grundfesten erschüttern muss und trotz liebt er seine Landsleute und sein Land. Nur durch sein Opfer gelingt schließlich die Veränderung. Es ist schade, dass Sanderson bis auf seinen deutlich besser geschriebenen Epilog diese Figur dem Leser nicht näher bringt. Die schwächste Figur in seinem politischen Poker ist Prinz Raoden, der gleich zu Beginn aufgrund seiner Erkrankung in den Sündenpfuhl Elantris abgeschoben wird. Er ist zu optimistisch, zu gut und zu sozial. Der klassische strahlende Held, den kein Verrat erschüttern, keine Lanze verletzen und keine unüberwindliche Aufgabe vor Probleme stellen kann. Insbesondere der soziale Umbau einer bis in seine Grundfeste erschütterten Gesellschaft geht unter seiner weisen Führung so mühelos, das der Leser nicht mehr einen Fantasy- Roman zu lesen glaubt, sondern ein Märchen.

Stilistisch hat man das Gefühl, nicht eine ausufernde Geschichte zu lesen, sondern eine soziale These in Romanform. Sanderson zeigt an vielen Stellen sehr deutlich, dass insbesondere die Dialoge/ Gespräche wichtig sind. Er hat in seinem Aufbau keinen Platz für Romantik – auch wenn er selbst am Ende seines Buches unwillkürlich zu einem romantisch, weltfremden Idealisten wird, sonst wäre sein Buch von Beginn an zum Scheitern verurteilt – und insbesondere seine Prosa spiegelt immer wieder einen fast geschäftlichen Eindruck wieder. Zu viele Ideale und Ideen versucht der Autor seinen Lesern direkt oder indirekt zu vermitteln. Dabei vergisst er mehr als einmal, dass nicht alles analysiert und vor allem vor dem Leser ausgebreitet werden muss oder werden sollte. Es finden sich in diesem überambitionierten Roman sehr viele Anfängerfehler, die ein entschlossener Lektor in Zusammenarbeit mit dem Autoren hätte ausmerzen müssen. In seiner vorliegenden Form ist „Elantris“ ein interessanter, aber letzt endlich erfolgloser Versuch einer sozial reformierten Fantasy.

Brandon Sanderson: "Elantris"
Roman, Softcover, 895 Seiten
Heyne 2007

ISBN 3-4535-2167-6

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