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Fantasy (diverse)



Marc Hillefeld

Der Herrscher der Zeit

rezensiert von Thomas Harbach

Der 1968 in Paderborn geborene Marc Hillefeld studierte an der Universität Münster Ethnologie und arbeitete an diversen Fernsehprojekten, Sachbüchern und TV Dokumentationen mit. Er verfasste den deutschen Hintergrundroman – ein weiterer Band ist aus der Feder zweier europäischer Autoren über andere Werken des Autoren in Vorbereitung – zu Dan Browns hochstilisierten Thriller „Sakrileg“.

Zu Beginn des eigentlichen Romans beschreibt Hillefeld in kurzen prägnanten Szenen die mögliche Entstehung der Sternenscheibe, die in unserer Gegenwart in Sachsen-Anhalt gefunden worden ist . Ein Sternenpriester entwickelt diese Sternenscheibe als Hilfsmittel, den Himmel und den Flug der Gestirne nachzubilden und diese für Ernten relevanten Informationen aus den Händen der so genannten Herrscher der Zeit dem einfachen Volk zurückzugeben. Er wird als Frevler von den konservativen Kräften hingerichtet. Die Trümmer seiner Erfindung werden von einem anderen Priester gerettet, welcher der Meinung ist, die Priester hätten ihre eigentlichen Aufgaben aus den Augen verloren. Sie beuten die einfache Dorfbevölkerung aus, anstatt über den Glauben und geistige Entwicklung der ihnen anvertrauten Menschen zu wachen. In diesem Punkt setzt Hillefeld auf ein Thema, das heute genauso aktuell ist wie vor fast viertausend Jahren. Es wäre vermessen, diesen Roman als früheste Beschreibung der geistigen Versklavung der arbeitenden Bevölkerung darzustellen und eine Herausarbeitung der verschiedenen gesellschaftlichen Positionen. Die Priester, die in ihrem Auftreten mehr an die Steuereintreiber des Mittelalters erinnern , als geistige Tyrannen. Hier wünscht sich der Leser tiefere Einblicke in deren Organisation und Struktur . Marc Hillefeld bleibt bis auf einzelne Bespiele sehr vage. Dann die einfachen abergläubischen Arbeiter und dazwischen als Verbindungsglied die Dorfvorsteher. In diese hierarchische Pyramide passt dann nicht die aufgeklärte, kleine Handlungssiedlung. Geschickter weise lädt uns der Autor ein, den größten Teil dieser Welt nur aus einer einzigen Perspektive zu betrachten. Hier zieht er sich auf die klassische Quest Thematik zurück und führt einen für diese Zeit sehr auffälligen und eher modern angelegten Helden ein.

Seine Mutter starb bei der Geburt des jungen Brints und sein Vater kam kurze Zeit später beim Einsturz eines Schachts der Zinnmiene ums Leben. Schon diese Unglücke kennzeichnen ihn bei den anderen abergläubischen Dorfbewohnern als Unglücksrabe, dessen Schicksal nur auf sie abfärben kann. Der junge Mann kennt nur ein Ziel: er will Sternenpriester werden, ein so genannter Herrscher der Zeit. Der eifersüchtige Dorfvorsteher arbeitet eifrig hinter den Kulissen an Brints schlechten Ruf im Dorf . Die Seherin des Dorfes sagt dem Jungen dagegen eine bedeutsame Zukunft vor und alleine auf einem Felsvorsprung außerhalb des Dorfes beobachtet der hochintelligente Brint den Mond und die Gestirne. Er beginnt, ohne weitere Ausbildung die Vorgänge zu hinterfragen.

In der beginnenden Bronzezeit gibt es die Legende von einem blonden Jungen, der das Rätsel der Scheibe lösen kann. Ein erzkonservativer, machtgieriger Priester weiß, dass die Trümmer noch vorhanden sind und möchte seinen willfährigen Konkurrenten in der Priesterschaft zusammen mit der Scheibe endgültig beseitigen. Dabei wäre ihm auch ein mörderischer Krieg recht.

Im Nachwort erläutert Marc Hillefeld den historischen Auslöser seines Romans- die Entdeckung der Himmelsscheibe von Nebra im Jahre 1999 in Sachsen-Anhalt. Aus diesem Grund siedelte er seine Handlung auch 3700 Jahre vor unserer Zeit in Mitteleuropa an und beschreibt die ersten zaghaften Ansätze einer über den Status des Jägers und Sammlers hinausgehenden Kultur. Diese Bronzezeit fließt sich authentisch und ungemein detailliert in dieses Werk mit ein. Dabei schließt Hillefeld Lücken in der bisherigen Erforschung dieser Epoche mit logischen, aber literarischen Einschüben. Diese setzen sich weniger mit dem Alltagsleben auseinander, sondern zeigen und beschreiben das Entstehen der ersten kleinen Handelsplätze, der „Produktion“ von Waren wie Sicheln oder Waffen in abgestimmten, aufeinander folgenden einzelnen Schritten verschiedener Handwerker und nicht mehr als einzelnen Prozess. Darüber hinaus hat Marc Hillefeld mit dem einfallsreichen Brint eine Figur geschaffen, die von seinem brennenden Ehrgeiz getrieben, einer der Herrscher der Zeit zu werden, eine Reihe von Entdeckungen macht oder diese unkonventionell einsetzt. Das beginnt mit der Nutzung eines Pferdes als Reittier und nicht mehr als Fleischgrundlage, über den wahrscheinlich ersten Angriff mit pyrotechnischen Pfeilraketen bis zur Nutzung der Scheibe als Sonnenreflektor, der die stürmischen Angriffe der Feinde in sich zusammenbrechen lässt. Diese verschiedenen Erfindungen können wahrscheinlich dieser Zeit zugeordnet werden, der Schwachpunkt des Romans ist die Konzentration auf einen Menschen als Katalysator. Anfänglich rührt Brints Schicksal und seine daraus folgende Odyssee den Leser. Im Laufe der folgenden Ereignisse konzentriert sich Hillefeld in wahrster literarischer Not auf diese einzelne Figur. Viel besser wäre es gewesen, Brint in einigen Szenen als passiven Beobachter im Hintergrund zu halten, der dank seiner langen Reise von vielen Orten die für ihn am nützlichsten Erkenntnisse mitnimmt und nutzbringend einsetzt. Obwohl die Handlung räumlich weit gestreut und zeitlich mit den ersten Lebensjahren Brints umfangreich angelegt ist, führt der Autor sie durch die permanente Nutzung einer Figur mit nur einer einzigen, erst gegen Ende des Buches relevanten echten Nebenhandlung, zu schnell in einen Keil hinein. Die meisten historischen Romane überzeugen durch die Beschreibung einer Epoche und ihren Auswirkungen auf eine Vielzahl von Charakteren. Diese vielschichtigen Möglichkeiten verschenkt Hillefeld.

Zu erst fallen einem Leser die vielen, oft sinnlos kurzen Kapitel ins Auge. Das die Durchnummerierung genau wie die vier Hauptbücher – die vier Kreise – elementare Bedeutung haben, erhöht den Reiz des Romans ungemein und tröstet über eine Schwächen in der Exposition und im Aufbau hinweg. Obwohl mit einer Fülle von wichtigen oder nur lehrreichen Details ausgestattet, fesselt „Der Herrscher der Zeit“ seine Leser nicht gänzlich. Hillefeld erzählt den oft nur sporadisch vorhandenen roten Faden viel zu breit. Fasst man einige der Abschnitte in markanten, kurzen Worten zusammen, wird man erkennen, wie viel Füllstoff verwendet worden ist. Dabei gelingt es ihm ohne Frage, sein umfangreiches historisches Wissen - ohne mit dem Zeigefinger zu drohen – fließend zu erzählen, seine grundlegende Handlung wirkt oft in der Anlage seiner Figuren zu modern und manchmal ein bisschen zu klischeehaft. Das Brint sich zu denen jungfräulichen Damen hingezogen fühlt und parallel von einem Scharlatan lernt, erinnert eher an die oft oberflächlichen Komödien, die zur Zeit der Besiedelung des Wilden Westen spielen als an die Bronzezeit.

Löst sich der Leser von der unmittelbaren Textebene, erweitert sich das Spektrum des Buches und lädt zu zahlreichen Interpretationen ein. Interessant ist weiterhin die Beschreibung einer Welt im Griff verschiedener Gruppen: die Dorfvorsteher als Vertreter der Herrscher der Zeit – die die wichtigen Daten zu Aussaat und Ernte liefern können - , dann die eigentlichen Herrscher der Zeit, die in erster Linie sich um ihren eigenen Nutzen kümmern und erst dann für ihr Volk da sind und schließlich die Heiler, die vielleicht im Hintergrund agierenden eigentlichen Herrscher vieler der kleinen Siedlungen. Hillefeld gelingt es sehr gut, die einzelnen Gruppen zu beschreiben und ihre hintergründigen Motive vor Brint – und damit dem Leser – bloßzulegen. Eine erste politische Studie mit erstaunlich modernen Ansichten. So hat Brint gegen Ende des Buches keine Probleme, das Schicksal der Stadt in die Hände der Tochter des im Kampf gefallenen Häuptlings zu legen. In manchen anderen Gemeinden herrscht fast schon eine Basisdemokratie. Außerdem schildert Hillefeld den Vollzug der zum Teil drastischen Strafen als Notwendigkeit, die oft brüchige Ordnung in den kleinen Gemeinden aufrechtzuerhalten und nicht als Unterhaltung der Massen. Kritisch geht es zumindest zu Beginn und gegen Ende des Buches mit den zwielichtigen Charakteren um, die ihre Macht zum eigenen Vorteil missbrauchen. Obwohl in seinem Opus die Priester auch in der Funktion als intellektuelle Antreiber zu Beginn einer neuen und bis dahin noch nicht da gewesenen Epoche im Mittelpunkt stehen, verzichtet er auf tiefer gehende religiöse Betrachtungen und konzentriert sich mehr auf das alltägliche Überleben in einem finsteren Zeitalter.

Obwohl der Heyne-Verlag den Roman außerhalb jeglicher phantastischer Reihen publiziert hat, gehört er aufgrund seines spekulativen Grundcharakters eher in den Bereich der historischen Fantasy. Unbewusst nutzt Hillefeld viele Elemente dieses Subgenres – auch wenn Brint und vielleicht auch sein Schöpfer nicht wahrhaben wollen, entspricht er einem intelligenten einsamen Wanderer, der durchaus aus Fritz Leibers oder vielleicht mit Abstrichen Poul Andersons Feder entsprungen sein könnte. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich die Ereignisse um die Himmelsscheibe von Nebra wirklich so abgespielt haben. Dazu legt Hillefeld seinen Roman zu dramaturgisch bekannt an. Ihm gelingt es phasenweise nicht, eine eigenständige Handlung zu erzählen oder originelle, neue Elemente zusätzlich zu einem bislang fast gänzlich unbekannten Zeitalter zu einer packenden Gesamtkonstruktion zu vereinen. Entweder wirkt der Hintergrund schwerfällig und wie eine verfremdete Hommage an einer Reihe bekannter Stoffe oder wenn Hillefeld sich von allein indirekten und sicherlich unabsichtlichen Einflüssen löst, erscheinen seine Figuren zu modern und das offene Ende ist hoffentlich nicht als Einladung zu einer Fortsetzung zu verstehen.

Stilistisch unauffällig, aber ansprechend erzählt Hillefeld seine umfangreiche Biographie eines der ersten modernen Menschen in einem dunklen Zeitalter. Geschickt und über weite Strecken lesenswert inszeniert er eine in sich logische, wenn auch nicht unbedingt neuartige Geschichte um einen der größten archäologischen Funde. Als Zugeständnis für moderne Leser finden sich einige humorvolle Passagen, die streng genommen, in scharfen Kontrast zu dem ansonsten präsentierten düsteren Gemälde stehen. „Der Herrscher der Zeit“ ist eine andere Art von Unterhaltung auf einem zumindest historischen Fundament literarisch extrapoliert und fast schon zu geschliffen präsentiert. Die meisten Schwächen des Romans stecken in der verständlichen Schwierigkeit, eine längst vergangene Epoche modernen Menschen zugänglich zu machen und mit einer zu simplen Handlung und einer zu clever konzipierten Hauptfigur hat sich Marc Hillefeld nicht unbedingt einen Gefallen getan. Hier ist der Autor zu viele Kompromisse eingegangen, um diesen archäologisch ungeheuren Fund einer breiteren Schicht zu präsentieren.

Marc Hillefeld: "Der Herrscher der Zeit"
Roman, Softcover, 570 Seiten
Heyne 2005

ISBN 3-4534-0041-0

Weitere Bücher von Marc Hillefeld:
 - Die Quantenfestung

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