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Fantasy (diverse)



George R.R. Martin

Das Lied von Eis und Feuer

rezensiert von Andreas Koberstein

Der Sommer liegt in seinen letzten Z√ľgen, und der nahende Winter wird nicht nur wenige Monate, sondern Jahre andauern. W√§hrend der letzten sch√∂nen Tage erh√§lt Lord Eddard Stark, Herrscher √ľber den unwirtlichen Norden diesseits der Mauer und Herr der Burg Winterfell, ein Angebot seines Freundes und K√∂nigs, Robert Baratheon: Er soll den Posten der so genannten Hand einnehmen, des engsten Vertrauten und Beraters des Monarchen. Eddard wei√ü um die Situation bei Hofe: Wie Geier scharen sich die Mitglieder des Hochadels um den Thron, auf dem ein vergn√ľgungss√ľchtiger, schwacher K√∂nig sitzt, allen voran Cersei Lannister, die durchtriebene K√∂nigin, und ihr brutaler Bruder und Besch√§ler Jaime, insgeheim Vater des Thronfolgers. Eddard ist klar, dass er den h√∂fischen Intrigen und Machtspielen nicht gewachsen ist, doch Robert appelliert an Eddards Freundschaft, denn der K√∂nig wei√ü um seine Schw√§chen, um die falsche Treue seiner Untergebenen und um die Machtgier der Familie seiner Ehefrau. Eddard schl√§gt ein ‚Äď und begeht damit einen folgenschweren Fehler...

George R.R. Martins Lied von Eis und Feuer rankt sich um ein Land, das von den "M√§nnern der Nachtwache" besch√ľtzt wird, die eine gewaltige Mauer halten, hinter der sich gro√ües Unheil zusammenbraut; um ein Land, in dem Tyrannen herrschen und politische B√ľndnisse ebenso schnell verraten werden, wie sie geschlossen wurden; um ein Land, in dem ein Krieg um den Thron aufzieht, w√§hrend sich die M√§chtigen besser auf den nahenden Winter vorbereiten sollten, der sehr viel Schlimmeres verhei√üt als Schnee und K√§lte. Wer in diesem Fantasy-Zyklus nach hinreichend bekannten Standards und Archetypen der Fantasy sucht, liegt gr√ľndlich falsch. Hier gibt es weder die allgegenw√§rtigen unterprivilegierten K√ľchenjungen, die zu Gro√üem geboren sind, noch die rechtschaffenen, selbstlosen Ritter. Der Gro√üteil der Charaktere ‚Äď und davon hat Martins Epos ausgesprochen viele zu bieten ‚Äď weigert sich, etablierten Klischees zu entsprechen, und viele von ihnen verm√∂gen den Leser auch noch nach 1000 Seiten zu √ľberraschen. Eindeutige Klassifizierungen in Gut und B√∂se verbieten sich schon von daher, weil es in den Sieben K√∂nigreichen vor fiesen Gesellen nur so wimmelt, doch selbst die B√∂sewichter weisen auch ihre guten Seiten auf. In der Tat ist einer der Feinde der Starks sogar die faszinierendste Pers√∂nlichkeit der ganzen Serie und avanciert ‚Äď als B√∂sewicht, wohlgemerkt ‚Äď zum Sympathietr√§ger. Nichts ist, wie es scheint, und gerade, wenn der Leser meint, ein Handlungsmuster erkannt zu haben und zu wissen, was als n√§chstes geschieht, pr√§sentiert ihm der Autor eine unerwartete Wendung der Geschehnisse. Gleichzeitig gelingt es ihm, eine bedrohliche Atmosph√§re zu vermitteln, die mehr als nur die einzelnen Handlungsf√§den umfasst, denn der Leser ist der Einzige, dem allm√§hlich aufgeht, dass die Krieg f√ľhrenden Parteien besser ihre Fehden begraben und geschlossen der Gefahr jenseits der Mauer entgegentreten sollten, wollen sie nicht den Untergang des ganzen Reiches miterleben.

Der Leser mag sich eingangs ob der unz√§hligen Charaktere, die hier auf ihn einst√ľrmen, √ľberfordert f√ľhlen, zumal er insgesamt sage und schreibe zehn (!) Handlungsstr√§nge im Auge zu behalten hat, doch gelingt Martin das schier unm√∂gliche Unterfangen, jedem der tragenden Charaktere so immens viel Pers√∂nlichkeit zu verleihen, dass dem Leser der st√§ndige Wechsel zwischen ihnen √ľberhaupt nicht negativ auff√§llt. Auch dem Wust der Nebenfiguren ist dank des √ľblicherweise √ľber drei√üigseitigen Anhangs (welcher in der Regel mehr als 500 Namen enth√§lt!) nach einer kleinen Eingew√∂hnungsphase leicht beizukommen. Wie sich schon auf den ersten Blick erahnen l√§sst, hat Martin bei der Erschaffung seiner Welt eine Flei√üarbeit geleistet, die sich anschickt, in Tolkiensche Dimensionen vorzusto√üen. Nun liegt es in der Natur der Sache, dass bei zehn Hauptcharakteren ‚Äď und den daraus resultierenden zehn Handlungsf√§den ‚Äď oft der Eindruck entsteht, die Geschichte trete bisweilen ein wenig auf der Stelle. Man mag Martin zum Vorwurf machen, dass er mithin nicht schnell genug auf den Punkt kommt und die Handlung nicht z√ľgig genug vorantreibt. Tats√§chlich entstehen hier und da einige L√§ngen, doch sobald man sich fragt, wann denn endlich mal wieder etwas Bedeutendes geschieht, l√§utet der Autor gewitzt mit Pauken und Trompeten den n√§chsten Akt ein.

Was die Handlung an sich betrifft, so greift der Autor tief in die Trickkiste anspruchsvoller Erz√§hlkunst und macht reichlich von jeder M√∂glichkeit Gebrauch, den Leser bei der Stange zu halten: Die Identifikationsfiguren haben bei Martin wahrlich nichts zu lachen und werden von einer Misere in die n√§chste gesto√üen, so dass man sich irgendwann unwillk√ľrlich fragt, wie die Geschichte denn √ľberhaupt noch ein gutes Ende nehmen soll. "Das kann er doch nicht machen", mag einem zartbesaiteten Leser an so mancher Stelle entfahren ‚Äď doch, er kann. Wer sich in tr√ľgerischer Sicherheit wiegt und meint, einem handlungstragenden Charakter werde der Autor schon nicht das Lebenslicht ausblasen, wird eines Besseren belehrt und lernt, besser keine verfr√ľhten Prognosen bez√ľglich der Story abzugeben. Allein diese einfache Tatsache ‚Äď dass man im Gegensatz zu den meisten anderen Fantasy-Epen eben nicht sicher sein kann, wer √ľberlebt und wer das Zeitliche segnet ‚Äď tr√§gt ma√ügeblich zur Spannung bei, welche Martin zwar nicht durchgehend, aber doch √ľber gro√üe Strecken aufrecht erh√§lt. Dass seine Sieben K√∂nigreiche f√∂rmlich vor Leben pulsieren und die eigentliche Geschichte immer wieder durch kleinere Episoden unterbrochen wird, rundet das Bild ab. Die Beschreibungen und Charakterzeichnungen, die der Autor aus dem Hut zaubert, suchen ihresgleichen und halten einem Vergleich mit den Werken der Konkurrenz m√ľhelos stand und heben sich gar dahingehend von ihnen ab, dass Martins Welt wenig m√§rchenhaft, sondern grausam, brutal und schmutzig ist. Der phantastische Faktor h√§lt sich zugunsten eines harten Realismus im Hintergrund. Wenn man Ken Folletts S√§ulen der Erde auf eine Fantasy-Welt √ľbertr√§gt, erh√§lt man schon ein ganz repr√§sentatives Bild vom Lied von Eis und Feuer.

Fazit: George R.R. Martins Epos ist nicht umsonst von der internationalen Presse mit Lob √ľbersch√ľttet worden. Seit Tolkiens Mittelerde hat es keine Fantasy-Welt mehr gegeben, die so ausgekl√ľgelt und stimmig durchdacht daherkommt und so verschwenderisch ins Detail geht, als berichte der Autor lediglich von seiner Reise nach Winterfell. Wer auf zauberstabschwingende Magier und edle Ritter ohne Furcht und Tadel auszukommen vermag und Geschmack an politischen Intrigen und Kriegsstrategien findet, kommt um das Lied von Eis und Feuer einfach nicht herum.

George R.R. Martin: "Das Lied von Eis und Feuer"
Roman, Softcover, 543 Seiten
Blanvalet 1997

ISBN 3-4422-4729-2

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