Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Darkover (2)
:: Die Chroniken von Narnia (7)
:: Drachengasse 13 (2)
:: Saga vom magischen Land Xanth (2)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Fantasy (diverse)



George R.R. Martin

Das Lied von Eis und Feuer

rezensiert von Andreas Koberstein

Der Sommer liegt in seinen letzten Zügen, und der nahende Winter wird nicht nur wenige Monate, sondern Jahre andauern. Während der letzten schönen Tage erhält Lord Eddard Stark, Herrscher über den unwirtlichen Norden diesseits der Mauer und Herr der Burg Winterfell, ein Angebot seines Freundes und Königs, Robert Baratheon: Er soll den Posten der so genannten Hand einnehmen, des engsten Vertrauten und Beraters des Monarchen. Eddard weiß um die Situation bei Hofe: Wie Geier scharen sich die Mitglieder des Hochadels um den Thron, auf dem ein vergnügungssüchtiger, schwacher König sitzt, allen voran Cersei Lannister, die durchtriebene Königin, und ihr brutaler Bruder und Beschäler Jaime, insgeheim Vater des Thronfolgers. Eddard ist klar, dass er den höfischen Intrigen und Machtspielen nicht gewachsen ist, doch Robert appelliert an Eddards Freundschaft, denn der König weiß um seine Schwächen, um die falsche Treue seiner Untergebenen und um die Machtgier der Familie seiner Ehefrau. Eddard schlägt ein – und begeht damit einen folgenschweren Fehler...

George R.R. Martins Lied von Eis und Feuer rankt sich um ein Land, das von den "Männern der Nachtwache" beschützt wird, die eine gewaltige Mauer halten, hinter der sich großes Unheil zusammenbraut; um ein Land, in dem Tyrannen herrschen und politische Bündnisse ebenso schnell verraten werden, wie sie geschlossen wurden; um ein Land, in dem ein Krieg um den Thron aufzieht, während sich die Mächtigen besser auf den nahenden Winter vorbereiten sollten, der sehr viel Schlimmeres verheißt als Schnee und Kälte. Wer in diesem Fantasy-Zyklus nach hinreichend bekannten Standards und Archetypen der Fantasy sucht, liegt gründlich falsch. Hier gibt es weder die allgegenwärtigen unterprivilegierten Küchenjungen, die zu Großem geboren sind, noch die rechtschaffenen, selbstlosen Ritter. Der Großteil der Charaktere – und davon hat Martins Epos ausgesprochen viele zu bieten – weigert sich, etablierten Klischees zu entsprechen, und viele von ihnen vermögen den Leser auch noch nach 1000 Seiten zu überraschen. Eindeutige Klassifizierungen in Gut und Böse verbieten sich schon von daher, weil es in den Sieben Königreichen vor fiesen Gesellen nur so wimmelt, doch selbst die Bösewichter weisen auch ihre guten Seiten auf. In der Tat ist einer der Feinde der Starks sogar die faszinierendste Persönlichkeit der ganzen Serie und avanciert – als Bösewicht, wohlgemerkt – zum Sympathieträger. Nichts ist, wie es scheint, und gerade, wenn der Leser meint, ein Handlungsmuster erkannt zu haben und zu wissen, was als nächstes geschieht, präsentiert ihm der Autor eine unerwartete Wendung der Geschehnisse. Gleichzeitig gelingt es ihm, eine bedrohliche Atmosphäre zu vermitteln, die mehr als nur die einzelnen Handlungsfäden umfasst, denn der Leser ist der Einzige, dem allmählich aufgeht, dass die Krieg führenden Parteien besser ihre Fehden begraben und geschlossen der Gefahr jenseits der Mauer entgegentreten sollten, wollen sie nicht den Untergang des ganzen Reiches miterleben.

Der Leser mag sich eingangs ob der unzähligen Charaktere, die hier auf ihn einstürmen, überfordert fühlen, zumal er insgesamt sage und schreibe zehn (!) Handlungsstränge im Auge zu behalten hat, doch gelingt Martin das schier unmögliche Unterfangen, jedem der tragenden Charaktere so immens viel Persönlichkeit zu verleihen, dass dem Leser der ständige Wechsel zwischen ihnen überhaupt nicht negativ auffällt. Auch dem Wust der Nebenfiguren ist dank des üblicherweise über dreißigseitigen Anhangs (welcher in der Regel mehr als 500 Namen enthält!) nach einer kleinen Eingewöhnungsphase leicht beizukommen. Wie sich schon auf den ersten Blick erahnen lässt, hat Martin bei der Erschaffung seiner Welt eine Fleißarbeit geleistet, die sich anschickt, in Tolkiensche Dimensionen vorzustoßen. Nun liegt es in der Natur der Sache, dass bei zehn Hauptcharakteren – und den daraus resultierenden zehn Handlungsfäden – oft der Eindruck entsteht, die Geschichte trete bisweilen ein wenig auf der Stelle. Man mag Martin zum Vorwurf machen, dass er mithin nicht schnell genug auf den Punkt kommt und die Handlung nicht zügig genug vorantreibt. Tatsächlich entstehen hier und da einige Längen, doch sobald man sich fragt, wann denn endlich mal wieder etwas Bedeutendes geschieht, läutet der Autor gewitzt mit Pauken und Trompeten den nächsten Akt ein.

Was die Handlung an sich betrifft, so greift der Autor tief in die Trickkiste anspruchsvoller Erzählkunst und macht reichlich von jeder Möglichkeit Gebrauch, den Leser bei der Stange zu halten: Die Identifikationsfiguren haben bei Martin wahrlich nichts zu lachen und werden von einer Misere in die nächste gestoßen, so dass man sich irgendwann unwillkürlich fragt, wie die Geschichte denn überhaupt noch ein gutes Ende nehmen soll. "Das kann er doch nicht machen", mag einem zartbesaiteten Leser an so mancher Stelle entfahren – doch, er kann. Wer sich in trügerischer Sicherheit wiegt und meint, einem handlungstragenden Charakter werde der Autor schon nicht das Lebenslicht ausblasen, wird eines Besseren belehrt und lernt, besser keine verfrühten Prognosen bezüglich der Story abzugeben. Allein diese einfache Tatsache – dass man im Gegensatz zu den meisten anderen Fantasy-Epen eben nicht sicher sein kann, wer überlebt und wer das Zeitliche segnet – trägt maßgeblich zur Spannung bei, welche Martin zwar nicht durchgehend, aber doch über große Strecken aufrecht erhält. Dass seine Sieben Königreiche förmlich vor Leben pulsieren und die eigentliche Geschichte immer wieder durch kleinere Episoden unterbrochen wird, rundet das Bild ab. Die Beschreibungen und Charakterzeichnungen, die der Autor aus dem Hut zaubert, suchen ihresgleichen und halten einem Vergleich mit den Werken der Konkurrenz mühelos stand und heben sich gar dahingehend von ihnen ab, dass Martins Welt wenig märchenhaft, sondern grausam, brutal und schmutzig ist. Der phantastische Faktor hält sich zugunsten eines harten Realismus im Hintergrund. Wenn man Ken Folletts Säulen der Erde auf eine Fantasy-Welt überträgt, erhält man schon ein ganz repräsentatives Bild vom Lied von Eis und Feuer.

Fazit: George R.R. Martins Epos ist nicht umsonst von der internationalen Presse mit Lob überschüttet worden. Seit Tolkiens Mittelerde hat es keine Fantasy-Welt mehr gegeben, die so ausgeklügelt und stimmig durchdacht daherkommt und so verschwenderisch ins Detail geht, als berichte der Autor lediglich von seiner Reise nach Winterfell. Wer auf zauberstabschwingende Magier und edle Ritter ohne Furcht und Tadel auszukommen vermag und Geschmack an politischen Intrigen und Kriegsstrategien findet, kommt um das Lied von Eis und Feuer einfach nicht herum.

George R.R. Martin: "Das Lied von Eis und Feuer"
Roman, Softcover, 543 Seiten
Blanvalet 1997

ISBN 3-4422-4729-2

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::