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Fantasy (diverse)



Patricia McKillip

Das Buch der Dornen

rezensiert von Thomas Harbach

In ihren märchenhaften, fast intimen Geschichten spielt die preisgekrönte Fantasy Autorin Patricia McKillip immer wieder mit unterschiedlichen Realitäten, verschiedenen Zeitebenen und vor allem mit ihren ausgefeilten Charakteren. Berufung – in diesem Fall die Krönung der vierzehnjährigen Tessera zur Königin von Raine – ist nicht immer Bestimmung – die Aufgabe, das Königreich vor einer noch unbestimmten, aber zumindest fühlbaren Bedrohung von außen zu schützen, fällt einem Waisen, einer jungen Übersetzerin namens Nepenthe, zu. Diese junge Frau lebt für ihre Bücher, ist eine der besten Übersetzerinnen des Königreichs und diesem treu ergeben. Eines Tages erhält sie von einem ihr unbekannten jungen Magier ein Buch in einer unbekannten Sprache. Dieses soll sie eigentlich in die Bibliothek zurückbringen, doch aus einem ihr nicht erklärbaren Grund behält sie das Buch und beginnt den unbekannten, mit dornenähnlichen Buchstaben geschriebenen Text zu übersetzen. Es ist die Geschichte des großen historisch aber nicht belegten Königs Axis, der zusammen mit dem maskierten Zauberer Kane die zwölf Königreiche erobert. Faszinierend übersetzt sie diese Geschichte. Zuerst ist sie der Meinung, nur eine Sage in der Hand zu halten, nach und nach erkennt sie mit Hilfe ihrer Freunde einige historische Bezüge und insbesondere die treu ergebene Zauberin Kane – im Laufe der fiktiven Handlung konzentriert sich die übergeordnete Autorin Patricia McKillip sehr stark auf diese Figur – gewinnt an Dreidimensionalität.

In einer Parallelhandlung erkennt der Leser, dass die junge Königin Tessera kein Interesse an den Regierungsgeschäften hat. Ihre Berater verzagen, während sie scheinbar träumend durch die dunklen Wälder wandert, es droht eine Rebellion und der seit Jahrhunderten schlafende König erscheint der jungen Thronerbin und warnt sie weniger vor den inneren Konflikten, als vor einer Bedrohung aus der tiefsten Vergangenheit.

Patricia McKillips selbst in der deutschen Übersetzung noch sprachlich dichter Roman funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Ganz bewusst steuert sie mit ihrer mehrschichtigen Handlung von den eher klassischen Klischees weg zu einer sagenhaften Struktur. Die erste Ebene ist die Illusion ihrer Protagonistin Tessera in tausenden von fiktiven Welten, ihren Büchern. Gleich zu Anfang wird sie als talentierte Übersetzerin beschrieben, die sich im Grunde nur in der Bibliothek wohl fühlt. Als sie diese Räume verlassen muss, um einer Freundin einen Gefallen zu tun, bricht ihre geordnete Welt zusammen. Sie verliebt sich in ein neues Buch, ohne diese Faszination wirklich erklären zu können und beginnt es heimlich zu übersetzen. Dieser Bruch der Regeln ist der Katalysator für die Rettung des Königreichs. Impliziert deutet die Autorin an, dass insbesondere in unserer heutigen, schnelllebigen und oberflächlichen Welt die Weisheit der Vergangenheit auch noch eine Rolle spielen kann und das Buch gelesen und verstanden werden sollten. Sie sind zwar auch ein Teil der Vergangenheit, aber ein entscheidender Teil, dessen Wurzeln in die Gegenwart reichen können. Obwohl das reine Übersetzen eine konzentrierte, aber wenig aufregende Angelegenheit ist, kombiniert Patricia McKillip diese Tätigkeit mit dem Inhalt des zu übersetzenden Stoffes. Durch eine Parallelhandlung erfährt der Leser zwar ein wenig distanziert – es bleibt im Dunkeln, ob es sich um eine historische Chronik oder eine Sagengeschichte handelt, darum wird dieser Teil des Buches auch im Grunde verschlüsselt und emotionslos wirken – von den Ereignissen. Während der König der Nacht Axis in seinem Portrait die Züge Alexander, des Großen trägt, erscheint die symbolische Figur der Kane deutlich dreidimensionaler. In ihrer Liebe zum König Axis unterwirft sie ihre fast grenzenlosen magischen Kräfte seinem Ziel. Dabei kümmert sie sich nicht um die Gerechtigkeit, erträgt Axis Geliebten aufgrund der Deformation ihres Gesichts und hilft ihm in den entscheidenden Schlachten. Diese Passagen hätten durchaus umfangreicher ausfallen können, insbesondere bei der Motivation der einzelnen Protagonisten bleibt die Autorin über weite Strecken der Handlung hinter den Erwartungen zurück. Erst als diese historischen Figuren auf die Gegenwart zurückzugreifen drohen, wird die Komplexität des Buches und der dahinter stehenden Idee dem Leser bewusst. In diesem Augenblick gewinnt das Buch an Spannung, während insbesondere die erste Hälfte des kurzweilig zu lesenden Romans unter der umfangreichen Exposition leidet.

So hat die Autorin nicht nur das Königreich von Raine zu entwerfen – hier bleibt sie skizzenhaft und der Hintergrund ihrer Welt unterscheidet sich nicht sonderlich von einer Reihe ihrer anderen Bücher -, sondern zwei wichtige Protagonisten. Einmal die junge Königin Tessera, deren Wanderungen in den dunklen Wäldern einen zu breiten Raum im Vergleich zu Unruhe in ihrem Königreich einnehmen, und die junge Waise Nepenthe. Ihr Charakter wächst im Grunde in erster Linie durch ihre Handlungen und während der Übersetzung macht sich der Leser mit dieser Figur vertraut. Diese ungewöhnliche Vorgehensweise wirkt faszinierend und schnell gewöhnt man sich an die ruhige, sympathische, aber zumindest von diesem Text besessene junge Frau. Der Leser folgt ihren sich widersprechenden Emotionen, der Sucht, die Geschichte zu übersetzen, die Furcht vor der Entdeckung ihrer lästerlichen Tat und schließlich die Erkenntnis, dass ausgerechnet in dieser Geschichte der Dornen der Schlüssel zur Gegenwart steckt. Im Gegensatz zu einigen anderen ihrer Bücher verzichtet sie gänzlich auf die so für ihr Werk so charakteristische Innenperspektive. Das Bild ihrer Protagonisten formt sich ausschließlich aus ihren Handlungen und den Beschreibungen, aber nicht ihrer inneren Motivation. Auf den ersten Blick wirkt diese Vorgehensweise wie bei einem Film oder Theaterstück Distanz schaffend, auf den zweiten Blick dagegen eine interessante literarische Herausforderung, sowohl die Figuren als auch die Handlung entsprechend zu gestalten.

Ihre konzentrierte Sprache, die Fähigkeit, auch große Ereignisse in klare, verständliche Worte zu verpacken und die Struktur ihrer märchenhaften Geschichte bilden eine für das gegenwärtige Fantasy- Genre einzigartige Einheit. Jedem Protagonisten widmet sie einzelne Kapitel, die im Laufe des Romans nahtlos ineinander fließen. Ungezwungen und vor allem nicht konstruiert. Dazu kommen eine Reihe von sprachlichen Bildern – elementar in einem Buch, das sich mit Sprachen in Wort und Schrift auseinandersetzt – und überraschenden Metaphern. Ganz bewusst spielt die Autoren mit den oft inzwischen zu Klischee erstarrten Bestandteilen der High Fantasy. Viele Passagen wirken nicht nur märchenhaft, sie unterliegen auch den Gesetzen dieses Subgenres. Sowohl das Waisenkind als auch die kindliche Königin findet der aufmerksame Leser als entsprechende Inkarnationen in Märchen der zweiten Generation – Hans Christian Anderson oder die russische Fabeln - wieder, McKillip spielt mit diesen Konzepten und entwirft im Hintergrund eine eigene, eine fremdartige, doch hinter den Rosen ungewöhnlich vertraute Welt. Die Autorin spricht durch ihre Charaktere Themen wie Eigenverantwortlichkeit und Verantwortung gegenüber Dritten an. Nicht mahnend, sondern beispielhaft und das macht den Reiz dieser kurzweiligen Geschichte aus. Über die Bücher hinaus gibt es eine reale Welt zu entdecken und zu meistern. Genau wie manche Leser muss sich Nepenthe dieser Herausforderung stellen und für ihre Leser meistert sie diese Aufgabe.

Patricia McKillip: "Das Buch der Dornen"
Roman, Softcover, 315 Seiten
Blanvalet 2006

ISBN 3-4422-4391-2

Weitere Bücher von Patricia McKillip:
 - Meereszauber

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