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Fantasy (diverse)



Kenneth Oppel

Fledermaus-Trilogie

rezensiert von Thomas Harbach

Silberflügel/ Sonnenflügel/ Feuerflügel

Kenneth Oppel veröffentlichte seinen ersten Roman dank seines Mentors Roald Dahl mit vierzehn Jahren. Wenige Jahre später umfasst sein Werk neben okkulten Thrillern und einer im letzten Jahr begonnenen Alternativweltserie – „Wolkenpanther“ – auch die für ein jüngeres Publikum geschriebene Fledermaus- Trilogie. Besonders in diesen drei zum Teil umfangreichen Romanen verzichtet er fast gänzlich auf menschliche Charaktere. Ein gewagtes Unterfangen, denn elementar für das Gelingen des Projektes ist eine Sympathieebene zwischen den Fledermäusen und den überwiegend jugendlichen Lesern aufzubauen. Da ist es vorteilhaft, mit der jungen und unterentwickelten Fledermaus Schatten einen Außenseiter in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen.


Diese junge Fledermaus gilt als verhätschelter Schwächling unter den Jungtieren der Silberflügel-Kolonie. Nicht zuletzt aufgrund seiner kurzen, aber kompakten Flügel ist er in der Luft wendig, sein Flug selbst sieht aber unbeholfen und langsam aus. Trotzdem zeichnet ihn die Neugierde seines Vaters aus. Dieser ist vor einem Jahr ums Leben gekommen. So wagt Schatten als einziger bei Tagesanbruch den Fledermäusen verbotenen Flug. Er bricht damit ein uraltes Gesetz zwischen den Fledermäusen und Eulen. Denen gehört der Wald nach Sonnenaufgang. Die Eulen sinnen auf Rache und wollen den Übeltäter opfern. Der Stammesälteste weigert sich. Daraufhin brennen die Eulen den Stammsitz der Fledermäuse im Wald nieder und die Fledermäuse ziehen vorzeitig nach Süden. Während eines Sturms auf diesem Flug wird Schatten abgetrieben und findet sich erschöpft und verlassen auf einer Insel im Ozean wieder.

Auf seiner Suche nach seinem Stamm begegnet Schatten einer Reihe von geheimnisvollen und verschlagenen Fremden, lernt neue Freunde kennen und muss sich vor grausamen Feinden in Sicherheit bringen. Auf dieser Reise erkennt er, dass sein Überleben mit dem Überleben seines Stammes in engem Zusammenhang steht.

Kenneth Oppel stellt sich von Beginn an der Schwierigkeit, aus einer verzerrten Perspektive – Fledermäuse gelten ja eher als unsympathische Nachtkreaturen – heraus einen überzeugenden und vor allem interessanten Charakter zu erschaffen. Das gelingt ihm mit dem relativ einfachen Trick der Vermenschlichung. Dazu kommt noch die Außenseiterstellung, aus der dieser neugierige „Junge“ heraus agiert. Auch der Konflikt mit stärkeren, gesünderen Fledermausjungen, seine Einsamkeit wegen des frühen Todes seiner Vaters und schließlich die klassische Entwurzelung – in doppelter Hinsicht, auf seiner ersten Reise in den Süden muss er den angestammten Hort verlassen und verliert gleichzeitig auf dem Flug die Orientierung und damit seine Familie – sind typische Themen moderner Jugendliteratur. Eben nur ins Tierreich übertragen.

Dazu kommt eine Mischung aus Fantasieelementen – die mythische Prophezeiung und Hinweis auf den alten Konflikt mit den Eulen und dem daraus resultierenden brüchigen Frieden – und Konflikt mit den Menschen – die Beringung, von der die Fledermäuse nichts verstehen und einige es als langsamen Tod ansehen. Oppel bemüht sich, deren Kultur so menschlich wie möglich, deren Verhalten so artgerecht wie notwendig darzustellen. Es finden sich Anspeilungen auf verschiedene Glaubensrichtungen, deren religiöse Ausrichtung und schließlich die zumindest im ersten Band der Serie nicht näher erläuterten Mythen. Aktuelle sehr kritische Bezüge erhält der Romane durch seine offene, nicht belehrende, aber interessante Auseinandersetzung mit Sekten. Oppel untersucht deren Faszination bis zur Selbstaufgabe der einzelnen Schüler. In den Folgebänden werden noch mehr zeitgeschichtliche Bezüge auf untergegangene Hochkulturen und Kriegsexperimente der Menschen finden.

Zwischen diesen eher intellektuellen Exkursen finden sich insgesamt vier sehr gut dosierte und spannende Handlungsbögen – beispielhaft der Angriff der Eulen, die brutale und verschlagene Kannibalenfledermaus. Es darf allerdings auch nicht entsprechende Romantik fehlen. So lernt der Außenseiter die ein bisschen ältere Fledermäusin Marina kennen.

Zwei Jahre später – 1999 – erschien mit „Silberflügel“ der Mittelteil seiner Fledermaustrilogie.

In diesem Band bezieht sich ein Teil der Handlung auf die absurden Experimente der Vereinigten Staaten während des Zweiten Weltkriegs. So wurden unter höchster Geheimhaltungsstufe Fledermäuse trainiert, Sprengkörperkapseln zu feindlichen Zielen zu transportieren. Auslöser dieser Forschungen waren ein Fluchtversuch von Fledermäusen, deren Radarsystem untersucht werden sollte. Diese ließen sich zu hunderten außerhalb des Geländes auf einem Brennstofftank nieder. Auf einer zweiten Ebene integriert Oppel die untergegangenen Hochkulturen der Mayas und Azteken. Für diese Subkultur hat der Autor einen eigenen Stamm von Fledermäusen geschaffen.

Die Faszination dieses Buches kommt aus dem nach vollziehbaren und sehr inszenierten Reifeprozess der einzelnen Charaktere. Schatten und Marina sind inzwischen ein Paar geworden. Auch wenn sie sich neuen Herausforderungen stellen müssen, fügt Oppel wieder erkennbar aus dem menschlichen Wesen übertragene Handlungsweisen in seinen Roman ein. Der geschichtliche Hintergrund wird eher sachlich, aber informativ dargeboten. Durch die Angleichung der Fledermäuse an Menschen erhalten diese Szenen einen tragischen Hintergrund. Sehr leicht könnten die Tiere durch geistig behinderte Menschen oder Kriegsgefangene ersetzt werden. Die Kombination phantastischer Elemente und historischer Bezüge ersetzt das im ersten Roman vorherrschende Thema der Entwurzelung und macht den Roman über seine abenteuerliche Komponente hinaus zu einem empfehlenswerten Lesevergnügen. Dabei verzichtet Oppel auf eine Bevormundung seiner Leser in den kritischen Passagen. Auf den ersten Blick sachlich, im Kern aber emotionell setzt er sich mit den ethischen Fragen in einem grausamen Vernichtungskrieg auseinander. Er stellt in seinem Roman auch die Verzweifelung der amerikanischen Militärs deutlich heraus, die gegen die anscheinend übermächtige Technologie der Deutschen und den selbstmörderischen Offensivdrang der Japaner nach Wunderwaffen gesucht haben.

Da Oppel nur aus der Perspektive der Opfer erzählt, hat der Leser keinen Informationsvorsprung. Zusammen mit Schatten setzt er das Bild der Ereignisse zusammen und kommt zeitgleich zum gleichen Ergebnis. Diese Erzählweise erhöht die Identifikation mit dem Hauptprotagonisten und unterstreicht die erzählerische Bravourleistung des Autoren doppelt. Sehr schnell werden die Barrieren zwischen Menschen – als Leser – und Fledermäusen – als die Handlung tragende Charaktere – überwunden. Es gelingt Oppel sehr gut, eine starke Sympathieebene zu den naturell sonst sehr fremdartigen und im Verhalten anderen Tieren aufzubauen.

Dazu kommt das – im Gegensatz zum ersten Band, dessen Aufgabe zur Hälfte in der Vorstellung der einzelnen Figuren und ihren Lebensraums bestanden hat – Gehetze von einem Abenteuer ins Nächste. Kaum sind die Fledermäuse dem Forschungskomplex entkommen, landen sie in einem Flugzeug und damit in der nächsten Gefahr. Komplexität erhält diese an die Indiane Jones Verfilmungen erinnernde Struktur durch eine Reihe von Begegnungen mit Charakteren – Guten und Bösen – aus dem ersten Buch.

Da im dritten Band der Serie die nächste Generation das Zepter in die Hand nimmt, ist „Sonnenflügel“ augenscheinlich die zweite Hälfte eines sehr umfangreichen und vielschichtigen Romans. Mit „Feuerflügel“ wird den Lesern Marina und Schattens Sohn Greif vorgestellt. Er leidet darunter, dass seine Eltern inzwischen zu Legenden der Silberflügelkolonie geworden sind. Dadurch beugt er sich dem Druck, seinem Vater ein guter Sohn zu sein. Ein klassisches Thema der Jugendbuchliteratur und eine gewisse Wiederholung einzelner Textpassagen aus dem ersten Buch. Während Schatten im ersten Band das Erbe seines Vaters antreten wollte, kommt es hier zwischen Greif und seinem Vater zu direkten Konfrontationen. Im Grunde sind sich aber Vater und Sohn charakterlich zu ähnlich, um ehrlich miteinander umgehen zu können.

Erst als Greif in einer Erdspalte verschwindet und Schatten seinen Sohn zu retten sucht, überwinden beide die emotionalen Barrieren. Trotz der verschobenen Perspektive ähneln sich das erste und das dritte Abenteuer sehr. Wieder sucht eine junge Fledermaus seine eigene Identität und gerät in eine Reihe von gefährlichen Abenteuern. Im Gegensatz zum zweiten Band der Serie ist „Feuerflügel“ eine gänzlich phantastische Geschichte. Es finden sich keine historischen Bezüge.

Kenneth Oppel äußert im Nachwort des ersten Bandes seine Zweifel, dass Leser Fledermäuse als Charaktere anerkennen könnten. Diese Sorge besteht nach der Lektüre der Trilogie nicht mehr. Schon alleine die vielfältigen Ideen – sehr spannend und abwechselungsreich erzählt – lassen die Unterschiede zwischen Fledermäusen und Menschen vergessen. Im Gegensatz zu anderen Tierfantasiegeschichten wie Richard Adams „Unten am Fluss“ oder Sir Henry Rider Haggards Fabel „Der Mahatma und der Hase“ legt Kenneth Oppel in erster Linie auf fundierte Unterhaltung mit kritischem Hintergrund. Am ehesten lassen sich die Romane mit Gary Kilworths „Gewiefte Wiesel“ Serie – allerdings haben es die niedlichen Wiesel sehr viel leichter, das Herz des Lesers zu erobern als tagscheue Fledermäuse – vergleichen.
Durch eine Reihe von kurzen, prägnanten Subhandlungsbögen entwickelt er seine Figuren kontinuierlich weiter. Wichtige Themen wie Entwurzelung, Selbstfindung und schließlich Verantwortung spricht der Autor auf fast spielerische Weise an. Dabei kommt es den Romanen zu Gute, dass der Autor in unserer bekannten Welt mit dem Fledermausreich eine phantasievolle, aber nicht fremdartige Zwischenwelt etabliert hat. Die erkennbaren Bezüge zur Menschenwelt lassen die Geschichte authentischer und spannender wirken. Mit den Fledermäusen kommen auf den ersten Blick ungewöhnliche, aber sehr vielschichtig und dreidimensional gezeichnete Protagonisten auf den Leser zu. Nach anfänglichen Schwierigkeiten im Handlungsaufbau – die ersten dreißig Seiten wirken stilistisch eher gezwungen. Ob es am Original oder der Übersetzung liegt, kann hier nicht beurteilt werden – gewinnt die Serie schnell an Fahrt und unterhält ältere Jugendliche und jung gebliebene Erwachsene überraschend gut.

Kenneth Oppel: "Fledermaus-Trilogie"
Roman, Softcover, 343 Seiten
Beltz 2004

ISBN 3-4077-8681-6

Weitere Bücher von Kenneth Oppel:
 - Nachtflügel
 - Wolkenpanther

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