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Fantasy (diverse)



Ian Irvine

Der Spiegel der Erinnerung

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Der Spiegel der Erinnerung“ legt der Bastei- Verlag die erste Hälfte des ersten Bandes der neuen „The View from a Mirror“ Tetralogie des australischen Autoren Ian Irvine vor. Der zweite Teil des ersten Buches ist inzwischen unter dem Titel „Das magische Relikt“ erschienen. Die nachfolgende Rezension umfasst die beiden ersten auf Deutsch erschienenen Bände. In Australien ist die Serie inzwischen nach vier sehr umfangreichen Büchern abgeschlossen worden. Sie hinterlässt den Eindruck, von Beginn an als derart umfangreicher Zyklus konzipiert worden zu sein. Immerhin spielt die Handlung auf insgesamt drei Welten, welchen durch einen Void getrennt sind. Nur mit Hilfe magischer Hilfsmittel lässt sich dieser Abgrund allerdings nicht immer sicher überwinden. Irvine hat sein Konzept sehr interessant angelegt. Die Geschichte beginnt mit einer Saga, die sich schnell als zumindest leicht hingebogen herausstellt. Da insbesondere die Obrigkeit kein Interesse hat, die Wahrheit über dieses wichtige Ereignis in der eigenen Geschichte zu veröffentlichten, steht der erste Charakter Llian – ein Geschichtsschüler, was auf dieser Welt gleichbedeutend ist mit einem Geschichteerzählenden – isoliert dar. Er will die Historie so erzählen wie es sich laut den neusten Recherchen ereignet hat. Er vertritt seine Meinung leidenschaftlich, wenn ihm auch die Nervosität vor dem Stein, den er lostreten wird, deutlich anzumerken ist. Wie viele Forscher lebt er in der Illusion seines Elfenbeinturms und kann die politische Realität nicht einschätzen. Es ist bezeichnend, dass sich ausgerechnet diese weltfremden Wissenschaftler das kulturelle Erbe eines Volkes auf ihre schmalen Schultern laden. Gleich zu Beginn unterstreicht Ian Irvine, dass es sich in seiner vielschichtigen Welt um eine andere Art der Fantasy- Literatur handelt, die er dem australischen Vorbild Sean McMullen und seiner Chronik vom großen Winter – siehe „Seelen in der großen Maschine“ – gleicht als den Epen eines Terry Brooks, David Gemmels oder David Eddings. Keine der Protagonisten entspricht dem Bild, das der Autor mit sichtlichem Vergnügen in der Anfangsphase ihres Auftretens suggeriert. Die Schwierigkeit des Romans liegt allerdings weniger in der Manipulation des Lesers, sondern in der fehlenden Identifikationsbasis für den außen stehenden Betrachter. Inzwischen bei den beiden Geschlechtern scheut er vor jedem Klischee zurück und gibt ihnen die Aufgaben, die in seiner komplexen Geschichte übernommen werden müssen. Diese Aufteilung erfolgt nur nach den angelernten oder natürlichen Fähigkeiten und reduziert sich nicht auf die Klischees einer Reihe von gegenwärtig populären Fantasy- Epen. Insbesondere bei den offensichtlichen Schurken ist sich Irvine nicht zu schade, diese nuanciert und vielschichtig zu charakterisieren. Ganz entgegen der Genrestandards gelingt es dem Autoren auch, ihnen durchaus positive Eigenschaften zuzuschreiben. Damit negiert er die Vielfach zu findende Tendenz, entweder überzeugende Charaktere oder eine dreidimensionale Welt zu kreieren. Ian Irvine gelingt es in beiden Punkten, für einen Erstling sehr überzeugend zu schreiben. Dabei ist seine Weltenschöpfung noch eindrucksvoller als die einzelnen Charaktere.

Ganz bewusst entzieht sich Ian Irvine bislang bekannten Spiegelbildern eines mittelalterlichen Europas vor einer exotischen Flora/ Fauna. Er nutzt sie nur ansatzweise, um dem Leser in seiner generationenlangen Verschwörung, dessen Katalysator ein Mord und das Verschwinden zweier magischer Gegenstände ist, einen Halt zu geben. Der Leser erhält möglichst wenige Informationen – das ist für diejenigen noch frustrierender, die insbesondere „Der Spiegel der Erinnerung“ als kompletten Auftaktband und nicht den ersten Teil des ersten Buches einer neuen Serie angesehen haben -, er erhält dadurch nicht die Möglichkeit, wie in vielen Krimis selbst zu theoretisieren. Ian Irvine bemüht sich, die Kontrolle über den Plot ganz bei sich zu behalten. Im Verlaufe der nicht immer einheitlichen oder Zufriedenstellenden
Handlung bleibt der Leser auf Augenhöhe der einzelnen Charaktere. Diese Vorgehensweise erhöht natürlich deutlich die Spannung, birgt aber auch die Gefahr, den Leser in einer zu komplexen Verschwörung zu verlieren. Obwohl Ian Irvine immerhin zehn Jahre an den ganzen vier umfangreichen Romanen geschrieben hat, um sie dann im Rahmen der Fantasy- Welle insbesondere australischer Autoren bei einem Verlag als Ganzes unterzubringen, finden sich viele klassische Erstlingsfehler, die in der überwältigenden Struktur nicht absolut störend wirken, aber das Lesevergnügen und vor allem den Fluss der Handlung deutlich beeinträchtigen. Die Reaktionen der einzelnen Protagonisten im Verlaufe der komplexen Handlung sind sehr unterschiedlich. Damit ist weniger die Reaktion eines jeden Charakters gemeint, sondern eines Protagonisten. Kaum glaubt der Leser, dass Ian Irvine die einzelnen Figuren ausreichend dreidimensional entwickelt hat, beginnt ihr neues Verhalten den bisherigen Aufbau zum Teil zu negieren bzw. empfindlich zu stören. Diese Unvorhersehbarkeit der Reaktionen kann bei einem sehr guten Autoren ein gutes Hilfsinstrument sein, hier wird Ian Irvines schriftstellerische Fähigkeit deutlich überfordert. Außerdem verbindet der Autor manchmal diese durchaus verständlichen emotionalen Ausbrüche zu wenig mit dem Plot der Geschichte. Der Leser kann nur erraten, warum die einzelnen Figuren solchen Stimmungsschwankungen unterliegen, es aber nicht im Buch selbst ablesen.

Weiterhin leidet insbesondere „Der Spiegel der Erinnerung“ unter Irvines Notwendigkeit, die Ereignisse der Vergangenheit zweimal darstellen zu müssen. Einmal wie in der verbalen Überlieferung und ein zweites Mal die tatsächlichen Fakten. Da diese Überlieferung die Kraft einer Bibel oder der zehn Gebote für dieses Volk hat, ist die kühle Reaktion der Befürworter dieser neuen Thesen genauso wenig verständlich wie das nur halbherzige Abwickeln der politischen Organe. Sprengstoff müsste ganz anders eingesetzt werden. Hier steht sich Ian Irvine mit seinem komplexen Weltentwurf selbst im Wege. Dieser lässt im Grunde keine Erschütterung zu und die Nutzung der Zweifler für die Fortsetzung der bestehenden Ordnung unter gewissen Einschränkungen wirkt konstruiert und nicht natürlich. Auf der anderen Seite hätte der Autor den Roman auch nicht chronologisch schreiben können, die zeitlichen Differenzen wären zu groß gewesen. Die einzige gangbare Alternative wäre die verstärkte Betonung des Verschwörungskomplotts, in dem die wichtigsten Charaktere die Abwandlung der alten Geschichte selbst feststellen, der Leser ihnen auf ihren Erkundungen folgt und sie schließlich mit der Wahrheit konfrontiert werden. Diese vielschichtige Welt bietet sich vornehmlich als Verschwörungsthriller an. Das der Roman dann auch noch frustrierend offen endet und dem Leser quasi das Schild „Cliffhanger“ um die Nase hängt, ist der reinste Hohn. Diese wichtige Handlungsebene hätte ohne Probleme beendet werden können, es bleiben ausreichend Fragen offen, die ein Weiterlesen in den Folgebänden interessant gemacht hätte. Wenn allerdings eine Grenze zur Provokation überschritten wird, dann wird die Kauflust nicht weiter verstärkt, sondern der Kunde und Leser frustriert. „Der Spiegel der Erinnerung“ und „Das magische Relinkt“ hinterlassen für einen Erstlingsroman einen soliden Eindruck. Was der Geschichte bislang fehlt, ist eine gewisse Konstanz und Stringenz. Zu schnell lässt Irvine durch – bislang – Nichtigkeiten ablenken und zieht den Leser aus dem einen wichtigen Handlungsfaden heraus. Die folgenden Informationen sind nicht unbedingt notwendig und eine Kürzung des vorliegenden Doppelbandes um einige hundert Seiten hätte insbesondere der fremdartig faszinierenden Welt gut getan. So hinterlässt Ian Irvine einen eher zwiespältigen Eindruck. Der Leser kann vor seiner Geduld, erst alle vier Bücher in der Kammer zu schreiben, den Hut ziehen, auf der anderen Seite wäre der Fantasy- Welt kein überragendes Epos verloren gegangen. Die Stärken und Schwächen heben sich im ersten Auftaktband noch auf. Was Ian Irvine in den Folgeromanen deutlich machen muss, ist die Geschichte, die Botschaft, die erzählen möchte. Diese Stimme ist noch deutlich zu unterentwickelt.

Ian Irvine: "Der Spiegel der Erinnerung"
Roman, Hardcover, 382 Seiten
Bastei- Verlag 2007

ISBN 3-4042-0569-3

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