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Die Bibliothek von Babel



H.G. Wells

Die Tür in der Mauer

rezensiert von Thomas Harbach

H.G. Wells dürfte einer der bekanntesten Autoren zusammen mit Edgar Allan Poe, Jack London, Robert Louis Stevenson oder Franz Kafkas in Borges “Bibliothek von Babel” sein. Auf den ersten Blick überrascht vielleicht die Hereinnahme des britischen Vaters der Science Fiction im Vergleich zum Fehlen eines Jules Vernes. Weiterhin gilt H.G. Wells eher als Romancier und später Essayist, weniger als Verfasser spannender Kurzgeschichten. Die fünf hier versammelten Geschichten geben aber einen anderen Eindruck von Wells wieder. Sie sind pointiert und kritisch, manchmal melancholisch sentimental, aber immer unterhaltsam. Wells ist 1866 in Kent geboren worden, sein Vater besaß einen kleinen Stoffladen - daher vielleicht auch eine gewisse Affinität mit den kleinen “Krämern”, die in zwei der fünf Storys durchscheint - und Wells arbeitete bis 1893 als Lehrer an einer kleinen Grundschule in der Grafschaft. In diesen Jahren litt Wells an Schwindsucht und konnte sich mit seinem knappen Lehrergehalt kaum über Wasser halten. Sein erstes Buch hat noch den kuriosen Titel “Selected Conversations wich an Uncle”. 1895 erschien sein Bestseller “Die Zeitmaschine” und machte ihn auf einen Schlag bekannt. In rascher Folge veröffentlichte Wells weitere utopisch- wissenschaftliche Bücher wie “Der Unsichtbare” (1897) oder “Die Insel des Dr. Moreau” (manche Quellen geben das Jahr 1896 an, andere erst 1897) oder “Die ersten Menschen auf dem Mond” und “Krieg der Welten”(beide 1898). Wells traute in seinen Büchern niemals das Aristokratie oder den Wissenschaftlern. Wie Shaw gehörte er der Gesellschaft der Fabier an, die ihren Namen vom Zauderer Fabius Maximus abgeleitet haben. Trotz seiner Unzufriedenheit mit der politischen Ordnung gründete er zusammen mit anderen Schriftstellern die übernationale PEN Organisation und zog sich von der phantastischen Literatur zurück, um Nachschlagwerke zu verfassen. 1946 verstarb H.G. Wells in London.

Lionel Wallace, ein anerkannter und aufstrebender Politiker, erzählt seinem Freund und Ich- Erzähler von seinen geheimsten Wünschen. Die beiden Männer sind zusammen aufgewachsen und schnell hat Wallace mit seinem scheinbar überlegenen Intellekt den Erzähler und offensichtliches Alter Egos Wells sowohl in Hinblick auf die schulischen Leistungen als auch die berufliche Karriere hinter sich gelassen. Allerdings zu einem hohen Preis. Er ist in einem lieblosen Elternhaus unter der harten Schule seines Vaters aufgewachsen. Eines Tages findet er eine grüne Tür in einer weißen Mauer und schreitet durch diese in ein Paradies, das ihn von der strengen viktorianischen Erziehung zumindest für einen Augenblick befreit, dem Einzelkind Spielkameraden schenkt und durch seine exotische Schönheit einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Wallace verlässt dieses Paradies. Während der nächsten Jahre wird er immer wieder von diesem Ort träumen, lässt aber dreimal die Chance verstreichen, wieder durch diese Tür zu gehen. Im Vergleich zu seinen phantastischen Geschichten ist “Die Tür in der Mauer” eine Hymne auf die Kraft der Phantasie und die Aufforderung, das eigene Leben nach eigenem Gutdünken zu gestalten und sich gegen die Einflüsse anderer zu wehren. Wallace ist nur einen einzigen Augenblick in seinem Leben wirklich glücklich, in einer anderen Welt, einer Phantasiewelt, von welcher der Leser allerdings nicht weiß, ob es sie wirklich gibt oder ob der einsame Junge sie in seiner Verzweifelung in seinem Spiel erfunden hat. Die Geschichte durchzieht nicht nur eine Kritik an den zu strengen, geistlosen Elternhäusern und dem starren Schulsystem, sondern der Erwartungshaltung der Gesellschaft gegenüber den Karrieremenschen. Das Ende ist tragisch, der Leser wünscht Wallace ein kleines Happy End. Alleine es fehlt der Glaube. “Die Tür in der Mauer” ist eine mit sehr vielen Emotionen geschriebene Geschichte, die als Prisma der Wells´schen Zeit vielleicht heute etwas veraltet wirkt, aber deren Botschaft sich zum Beispiel in Michael Endes “Die unendliche Geschichte impliziert wieder findet.

Eine Kombination aus “Die Zeitmaschine” und “Der Unsichtbare” stellt die folgende Geschichte, nämlich “Plattners Geschichte” dar. Der Schullehrer Plattner verschwindet für einige Tage und kehrt dann spiegelverkehrt zur Verblüffung seiner Mitmenschen zurück. Seine linke und rechte Seite sind vertauscht. Die Folgen eines Experiments mit einer grünen Substanz - grün scheint für Wells eine besondere Bedeutung zu haben, auch “Die Tür in der Mauer” ist grün -, welche ein Schüler gefunden hat. Ein wiederkehrender funktionaler Bestandteil der Wells´schen Geschichten ist das Erzählen der phantastischen Elementen einem Dritten gegenüber. Meistens dem Verfasser der eigentlichen Texte gegenüber, der das Geschehen aus der Ich- Perspektive zusammenfasst. Plattner berichtet also von den Tagen, in denen er verschwunden ist. Zu erst wird er unsichtbar und im Grunde löst sich seine Materie auf, da die Schüler durch ihn durch gehen können. Später wird er in ein anderes Land, auf einen anderen Planeten getrieben, auf dem grüne Menschen leben. Erst am Ende reißt ihn ein im Grunde alltägliches Ereignis aus dieser Dimension zurück in die Heimatsphäre. Im Gegensatz zu “Die Zeitmaschine” gibt Wells seiner Geschichte eine gewisse Authentizität, in dem er zu Beginn sehr ausführlich von Plattners plötzlicher Unförmigkeit berichtet. Jugendfotos sollen beweisen, das diese körperlichen Veränderungen nicht angeboren sind. Mit dieser sehr langen Exposition stimmt er die Leser auf die kommenden, phantastischen Ereignisse ein. Im Vergleich allerdings zu “Die Zeitmaschine” und weniger in Hinblick auf “Der Unsichtbare” bleibt Plattner für den Leser über weite Strecken eine Chiffre. Wells stellt ihn als das klassische Klischee des grauen, aber gewissenhaften Lehrers dar, der stoisch seine Pflicht versieht. Es fällt schwer, eine Beziehung zu dieser Figur aufzubauen, welche wahrscheinlich seine sehr kompakt beschriebenen Abenteuer dreidimensionaler hätte erscheinen lassen. Der Leser befindet sich zwei Ebenen - erst berichtet Plattner von seinen Abenteuern, welche der Ich- Erzähler dann für den Leser aufbereitet niederschreibt - vom Geschehen weg und diese Distanz kann nicht überwunden werden. Das Ende des Textes geht dann ins Metaphysische, auch hier liefert Wells keine weiteren Erläuterungen und verlangt vom Leser eine Akzeptanz, auf die er sie nicht vorbereitet. Eine unterhaltsame Geschichte, die allerdings nicht an die beiden eingangs erwähnten Romane heranreicht, auch wenn sie insbesondere die Idee der “Zeitmaschine” mit einer anderen, nur räumlichen Dimension ergänzt.

„Die Geschichte des verstorbenen Mr. Elvesham“ unterscheidet sich in der Perspektive von den anderen Texten, da das Opfer selbst von seinem Schicksal berichtet und diese Aufzeichnungen erst später gefunden werden. Es ist die Geschichte eines perfiden Betrugs, welche Züge von Stevensons „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ trägt. In beiden Fällen ist es eine Mixtur, welche die Veränderung bewirkt. Während in Stevensons Text der Wissenschaftler die Grenzen der Forschung überschreitet, handelt es sich hier um eine geschickte Falle, welche dem Opfer gestellt wird. Aus heutiger Sicht ist die Absicht des ältlichen Philosophen frühzeitig zu erkennen. Das liegt aber in der Tatsache begründet, das H.G. Wells Idee inzwischen mehrfach unter anderem auch in einigen Fernsehserien verwandt worden ist. Wells geling es insbesondere in der zweiten Hälfte des Textes das Konträre – Jugend und Reichtum, Lebensfreude und Macht – in einfachen, aber eindrucksvollen Bildern darzustellen. Eine unterhaltsame Geschichte mit natürlich einer frühzeitig erkennbaren moralischen Prämissen, welche für den Protagonisten zu spät, für den Leser rechtzeitig erkennbar ist. Der ironische Epilog unterstreicht, das man seinem Schicksal vor allem nicht mit unlauteren Tricks entkommen kann.

Zu den bekanntesten kürzeren Texten Wells gehört „Das Kristall- Ei“. Ein älterer Besitzer eines Kramladens lebt in einer unglücklichen Ehe mit seinem zänkischen Weib und seinen selbst verliebten Stiefkindern. Zu den Schätzen seines Ladens gehört ein Kristall, den er selbst für die ungeheure Summe von 5 Pfund nicht verkaufen will. Seine Familie drängt auf den Verkauf, bis der Kristall eines Tages verschwunden ist. Der Mann hat ihm bei einem Freund versteckt. Unter dem richtigen Lichtwinkel ermöglicht der Kristall den Blick in eine gänzlich fremde Welt – den Mars. Der Mars ist – im Gegensatz zu Wells Roman – von friedlichen engelsähnlichen Wesen bewohnt. Mehr und mehr wird der Blick in diese Welt zu einer Obsession für den alten Mann, eine Flucht aus seiner düsteren Realität. Auch diese Idee ist inzwischen mehrfach von diversen Schriftstellern und Drehbuchautoren aufgenommen worden. Wie bei allen Texten der Sammlung bleibt letzt endlich offen, ob der phantastische Gehalt nicht die Ausgeburt eines aufkommenden Wahnsinns ist. In „Das Kristall- Ei“ gelingt es allerdings Wells sehr gut, einen vom Leben enttäuschten und doch in seiner kleinen Welt glücklichen alten Mann zu zeichnen. Unabhängig davon, ob der Kristall wirklich den Blick auf den Mars freigibt, wünscht man diesem Charakter, das er für die wenigen Momente mit dem Stein seinen Frieden findet.

Dem letzten Text „Der Zauberladen“ fehlt die ironisch pointierte Kritik an der britischen Gesellschaft mit ihrem Hang zu veralteten Traditionen, welche das Individuum unterdrücken. Vater und Sohn betreten einen Laden mit Zauberartikeln, der Verkäufer ist natürlich ein komischer Kauz und nach einigen verstörenden Illusionen (?) verlassen Vater und Sohn den Laden wieder. Zusammen mit einem jungen Kätzchen und einigen Spielsoldaten, die vielleicht ein Eigenleben führen. Wells fügt seiner kurzweilig zu lesenden, aber im Vergleich zu anderen Geschichten der Sammlung eher oberflächlichen Handlung keine erläuternden Elemente hinzu. Nur an einigen wenigen Stellen gelingt es dem Autoren, den naiven Flair magischer Illusion heraufzubeschwören, allerdings zeigt sich, das Wells dieses Thema nicht liegt. Ihm fehlt die romantisch- naive Ader, eine solche Idee überzeugend und unheilvoll zu gleich mit magischem Leben zu erwecken.

Insgesamt vermitteln die fünf Texte – und nicht sechs, wie fälschlicherweise in Borges Vorwort aufgeführt – einen guten Eindruck von H.G. Wells in erster Linie phantastischen Werk. Die ersten beiden Geschichten erweisen sich als interessante Varianten seiner bekannteren Romane „Der Unsichtbare“ und „Die Zeitmaschine“, die dritte Story ist eine Hommage an die populären Gruselgeschichten insbesondere eines Poe, Stevensons oder Shiels. Das „Kristall- Ei“ und „Der Zauberladen“ haben eine ähnliche Prämisse zum Anfang – was kann man nicht alles in den kleinen Geschäften entdecken? -, die Handlung selbst entwickelt sich allerdings unterschiedlich. Trotz ihres Alters und ihren Bezügen zum inzwischen untergegangenen britischen Imperium lassen sich die Kurzgeschichten dank ihres teilweise zwischen den Zeilen trockenen, aber schwarzen Humors immer noch sehr gut lesen. Im Gegensatz zu seinen gesellschaftskritischeren Romanen trauern die Protagonisten dieser Storys mehr wegen des eigenen Schicksals und der vergebenen Chancen. Wobei man sowohl bei Wallace aus „Die Tür in der Mauer“ und dem Kaufmann aus „Das Kristall- Ei“ nicht weiß, ob sie nach ihrem tragischen Ende nicht Erfüllung in den Welten gefunden haben, die sie zu Lebzeiten nur in ihren Träumen oder durch Spiegel besuchen konnten. So verbreitet H.G. Wells impliziert auch ein wenig Hoffnung.

H.G. Wells: "Die Tür in der Mauer"
Anthologie, Hardcover, 154 Seiten
Edition Büchergilde 2008

ISBN 9-7839-4011-1296

Weitere Bücher von H.G. Wells:
 - Der Besuch
 - Der Unsichtbare
 - Die ersten Menschen auf dem Mond
 - Die ersten Menschen auf dem Mond
 - Die Insel des Dr. Moreau
 - Die Zeitmaschine
 - Im Jahre des Kometen
 - Kinder der Sterne
 - Kipps
 - Krieg der Welten
 - Menschen, Göttern gleich
 - Mr. Blettsworthy auf der Insel Rampole
 - The World set free
 - Tono- Bungay
 - Unsterbliches Feuer
 - Von kommenden Tagen
 - Wenn der Schläfer erwacht
Weitere Links zu diesem Thema:
 - H.G. Wells: Biographie

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