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Die Bibliothek von Babel



Voltaire

Mikromegas

rezensiert von Thomas Harbach

Der bekannte französische Schriftsteller und Philosoph Franquis- Marie Arounet mit dem Künstlernamen Voltaire ist am 21. November 1694 in Paris geboren worden. Nach einem abgebrochenen Rechtsstudium begann er mit der Schriftstellerei. Seinen ersten großen Erfolg errang er 1718 mit der Tragödie “Oedipe”. Obwohl Voltaire in der gehobenen französischen Gesellschaft sehr beliebt gewesen ist, musste er wegen seiner bissigen Satiren auf das Königshaus und den König mehrmals ins Gefängnis. Teile dieser bissigen Kritik finden sich auch in den hier zusammengefassten Geschichten. Mit der Kirche ging Voltaire ebenso hart ins Gericht. Später floh er nach England. 1729 kehrte er allerdings nach Frankreich zurück und wurde 1746 sogar ein Mitglied der Academie Francaise. 1758 zog sich Voltaire an den Genfer See zurück. Nicht zuletzt aufgrund seines beträchtlichen Vermögens konnte er dort auch vielen Bedürftigen Hilfestellung leisten. Voltaire ist Zeit seines Lebens ein Quergeist gewesen, der allerdings im Gegensatz zum Pessimisten Jonathan Swift immer an das Gute und an die Zukunft geglaubt hat. In seinen Texten versuchte er den Kontrast zwischen der Augenblicken politischen und Gesellschaften Misere und eines besseren Menschengeschlechts herauszuarbeiten, das nur bedingt auf die Idealen der griechischen Antike basiert. Nicht alle der hier gesammelten Geschichten enthalten phantastische Elemente, der Band bildet aber aufgrund der integrierten Märchentexte eine interessante Ergänzung zu den “Geschichten aus 1001 Nacht” in der Übersetzung von Galland. Dieser Band ist ebenfalls im Rahmen der “Bibliothek von Babel” erschienen.

Im antiken Ninive mit allerdings deutlich französischen Einschlag und vor allem einem bösartigen Seitenhieb auf die amerikanischen Frauen erzählt Voltaire eine moralische Fabel über das Zufriedensein. In „Memnon oder die menschliche Weisheit“ will sich Memnon von allen weltlichen Dingen wie hübschen Frauen und köstlichen Speisen/ Getränken enthalten sowie von seinen Zinsen in Bescheidenheit leben. Kaum hat er diesen Entschluss gefasst, entzieht ihm das Schicksal auf eine ironisch überzogene und deswegen so köstlich unterhaltsame Weise jede dieser Segnungen des Lebens. Voltaire regt sich in seiner kleinen Geschichte über die Arroganz der mittleren bis oberen gesellschaftlichen Schichten auf, wie es sich für eine lehrreiche Geschichte gehört, erkennt Memnon erst im Augenblick seines tiefsten Absturzes – nur seinem Bruder wird es noch schlechter gehen – , das er es besser gehabt hat als viele andere Menschen. Anstatt die kurzweilig zu lesende Story mit dieser Botschaft zu beenden, fügt Voltaire noch einen Besuch eines überirdischen Wesens hinzu, das Memnon zu den Saturnmonden nach seiner inneren Katharsis einlädt. Damit eröffnet der Optimist Voltaire seinem Charakter noch eine kleine Hintertür, negiert aber die bissig ironische Botschaft, welche er in der ersten Hälfte der Geschichte verbreitet. Unabhängig vom eher unschlüssigen Ende eine interessante Fabel. Nur knappe drei Seiten umfasst das literarische Bonmot „Die beiden Getrösteten“, in welcher der Philosoph Citophil – dieser Charakter könnte ein Alter Ego Voltaires sein – eine Dame mit der Geschichte der Tochter Henry des IV. und Maria Stuart zu trösten sucht. Die Botschaft ist relativ einfach. Egal wie vordergründig schlecht es dir geht, es gibt andere Menschen, denen größeres oder ähnliches Leid geschehen ist. Impliziert hat Voltaire mit der Leidensgeschichte der beiden Frauen auch das Chaos der französischen Revolution im Vorgriff charakterisiert, das nur wenige Jahre nach Voltaires Tod das Land in die Anarchie stürzen sollte. Auf den drei Seiten bleibt aber neben der komprimierten Aufzählung der historischen Fakten kein Raum, die Figuren weiter zu charakterisieren.

In einer Art menschlicher Tragödie berichtet Voltaire in einem fiktiven Reisebericht von den Errungenschaften der Zivilisation. Sein Protagonist Scarmentado ist 1600 geboren worden. Sicherlich kein Zufall, dass er im ersten Jahr des Zeitalters der Epoche der Aufklärung in Westeuropa geboren worden ist. Geistige Ausbildung soll Scarmentado in Rom erhalten, er wird allerdings der Lustsklave seines Lehrers. Da ihm aufgrund des Zwischenfalls – obwohl er das Opfer und nicht der Täter ist – Verbannung droht, beginnt er als Priester seine Reise durch Europa, Asian und schließlich Afrika. Im übertrieben ironischen Ton berichtet der Erzähler von den vielen Gräueltaten, denen er entweder begegnet ist oder denen er zum Opfer fällt. Viele im Namen der Kirche oder der jeweiligen Götter, aber zur eigenen Belustigung und Bereicherung begangen. Voltaire zeichnet ganz bewusst ein zynisch dunkles Bild seiner Mitmenschen. Er zeigt sie als eitel, verlogen und selbstverliebt. Keine Spur einer geistigen Entwicklung. Die heiligen Schriften werden zu einer Farce und den Hass zwischen den Mitgliedern unterschiedlicher Rassen und Stände bestimmen das Handeln der Menschen. Unabhängig von dem grausigen Schicksal bleibt Scarmentado ein hoffnungsloser Optimist, der sich schließlich in einem keinen Ort mit eigener Familie von der Welt zurückzieht. Auch dank der guten Übersetzung von Maria Bamberg – allerdings aus dem Spanischen und nicht dem Französischen - eine absolut lesenswerte Geschichte. Sie ist ungewöhnlich kompakt geschrieben. Dabei imitiert der Autor die gebräuchliche Form der Reiseberichte, suggeriert dem Leser zu Beginn eine gewisse Sicherheit – immerhin begleitet man einen Priester -, bevor er mit boshaftem Vergnügen sowohl dem Leser als auch seinem Protagonisten den Boden unter der Füßen wegzieht und ihn von einem Schrecken zum nächsten taumeln lässt.

Voltaire reiht eine schreckliche Tat an die andere, er lässt den Leser nicht zur Ruhe kommen und im Kopf des Betrachters entsteht ein nihilistisches Bild eines Menschengeschlechts, das im Grunde noch auf dem Niveau von Wilden verharrt. Dabei scheut sich der französische Dichter nicht, sowohl die Kirche als auch die Regierenden bitterböse zu kritisieren. Der Rückzug seines Protagonisten ins Exil kann auch keine Lösung darstellen.

“Mikromegas” ist sicherlich eine der Geschichten, in denen Voltaire mit den Swift´schen Ideen spielt und später französische Autoren wie Camille Flammarion sowie den deutschen Kurd Laßwitz inspiriert hat. Mikromegas ist ein Gelehrter. Er lebt allerdings auf der Sternenwelt Sirius. Er ist acht Meilen hoch, die normale Größe der über viertausend Jahre alt werdenden Sirianer. Mikromegas hat ein Buch über die Urform der Flöhe veröffentlicht, das bei den Muftis nicht wohl gesonnen aufgenommen worden ist. Sie haben ihn der Ketzerei beschuldigt und verbannt. Bei seinen Reisen durch das Universum freundet sich Mikromegas mit einem Wesen vom Saturn an. Gemeinsam reisen sie zur Erde und sind über die Verhältnisse auf dem blauen Planeten etwas erstaunt. Obwohl Voltaire seine Arbeit eine philosophische Erzählung nennt, lassen sich die satirischen Aspekte nicht verhehlen. Wie Swift mit seinen fremden Welten, in welche Gulliver reist, ist Voltaire weniger zu den Sternen, sondern über die Erde gereist und hat die verschiedenen Scheuklappendenker mit seinen außerirdischen doch so menschlichen ähnlichen Geschöpften charakterisiert. Dabei geht es ihm nicht um einen authentischen wissenschaftlichen Hintergrund, der Franzose spielt mit Aristoteles oder Descartes, um seine kritischen Ideen originell und sehr beschwingt vorzutragen.

In “Der Weiße und der Schwarze” persifliert Voltaire gewisse Ideen der Geschichtensammlung “1001 Nacht”, welche sein Landsmann Galland so erfolgreich ins Französische übersetzt hat. Dabei nutzt Voltaire seine umfangreichen Kenntnisse dieser Geschichten, imitiert ihn Stil und erzählt doch ein etwas anderes Märchen mit aktuellen Bezügen. Rustan, der Sohn eines afghanischen Mirza, sucht auf dem Jahrmarkt in Kabul nach einer passenden Frau. Die Prinzessin, welcher er begegnet, ist auf der Suche nach den verlorenen Schätzen ihres Vaters, unter anderem einen nur Daumen großen Diamanten mit ihrem Bild und einen magischen Speer. Die beiden jungen Menschen verlieben sich ineinander und Rustan verspricht der Prinzessin, sie in Kaschmir zu besuchen. Eine wundersame und gefährliche Reise. Insbesondere in Bezug auf den Helden greift Voltaire Ideen einiger Geschichten aus “1001 Nacht” auf. Rustan ist nicht der entschlossene Held, welcher mit magischer Hilfe und einem gesunden Selbstbewusstsein alle Probleme aus dem Weg schaffen kann. Bei Schwierigkeiten verlässt ihn der Mut, ist die Angelegenheit zu seinen Gunsten dagegen geklärt, marschiert er bis zum nächsten Hindernis furchtlos dahin. Im Grunde wirkt Rustan wie ein Abbild der Menschheit, deren ungläubiges Fortschrittsschreiten Voltaire in effektiven und vor allem märchenhaft ausgestalteten Bildern beschreibt. Für Rustan wird es nicht die klassische Reise ins Glück. Immer wieder durchbricht Voltaire die märchenhafte Struktur, um unverständliche bis groteske Orakelsprüche und scheinbare Wunder zu präsentieren. Das absurde Ende soll die Leser zum Nachdenken anregen, steht aber in einem krassen Gegensatz zum zu Beginn sehr geradlinigen und interessanten Plot.

Die längste Novelle der Sammlung “Die Prinzessin von Babylon” ist ähnlich aufgebaut. Zu Beginn nutzt Voltaire Versatzelemente der Sagen- und Märchenwelt, um seine Figuren und ihre Handlungen zu bestimmen. Vor vielen Jahrtausenden spielt die Geschichte in Babylon unter der Regentschaft des Königs Belon von Babylon, welcher das Erbe seiner Vorfahren im Grunde vergessen hat und seine Regentschaft arrogant als die Krone der Schöpfung ansieht. Seine wunderschöne Tochter Formosante soll den besten Kandidaten heiraten. Ein geheimnisvolles Orakel kündet davon, dass ihr zukünftiger Mann verschiedene Aufgaben bewältigen muss: er soll den Bogen des Jägers Nimrod spannen, einen Löwen töten und seine Nebenbuhler niederringen. Weiterhin soll er intelligent und charmant gut aussehend zu gleich sein. Drei Königssöhne stellen sich diesen Herausforderungen. Zu Beginn des Wettstreits gesellt sich ein vierter Mann, der sich als Schäfer ausgibt, zu den Wettstreitenden. Während die drei Prinzen beim Bogenspannen scheitern, gelingt ihm diese Aufgabe. Er rettet den letzten Kandidaten vor dem wilden Löwen, erobert das Herz der Prinzessin mit spontaner Lyrik, einem Wundervogel und Diamanten. Bevor allerdings die Vermählung verkündet werden kann, eilt der Fremde zu seinem kranken Vater und lässt den König in einem offensichtlichen Gewissenskonflikt zurück. Er will seine Hand keinem Schäfer geben, zumal das Orakel noch eine lange Reise für die Prinzessin prophezeit.

Zu Beginn der Geschichte persifliert Voltaire nicht nur die Sagen aus “1001 Nacht”, er spielt mit dem Machtgehabe wahrscheinlich auch des Sonnenkönigs, der sich den Ruhm seiner vielen Vorfahren an das Revers heftet. Scheinbar aus der Luft gegriffen kombiniert er neben den klassischen Sagen und Historien auch Elemente des Märchens und der Fabel zu einer in der ersten Hälfte sehr kompakten Geschichte. Die zweite Hälfte dominiert der Reisebericht der Prinzessin, die schließlich aus dieser märchenartigen Irrealität in das Europa Voltaires tritt. In dem er die europäischen Nationen als Mischung aus Barbaren und für seine Zeit intellektuell modernen Staatssystemen beschreibt, kann er sich auf der einen Seite offensichtliche Kritik nicht verkneifen, auf der anderen Seite ist Voltaire allerdings auch in der Grundform des Märchens gefangen. Sehr modern zeigt Voltaire, das dem Volk eine gewisse Intelligenz zugestanden worden muss, um es regieren und nicht nur unterdrücken zu können. Wie Swift dringen seine Figuren in fremde Länder ein, die sich im Spiegel als europäische Staaten mit ihren bornierten Politikern und Herrschern entpuppen. Voltaire provoziert seine Leser sehr gerne, er bietet ihnen allerdings auch keine Alternativen an. Stilistisch durchbricht er im Verlaufe dieser Novelle den Aufbau eines Märchens, wird fast postmodern in seiner Auflösung von Zeit und Raum, um dann am Ende der Geschichte wieder in die Ausgangszeit und das von allen politischen System fragwürdigste zurückzukehren. Es ist allerdings keine einfache Geschichte, Voltaire verführt seine Leser mit zu Beginn simplen Bildern, welche gut unterhalten. Im Verlaufe der Novelle wird er immer kritischer und intellektueller, hebt sich von seiner literarischen Basis ab und fordert seine Leser auf, aktiv mitzudenken. Aus einer Distanz von gut dreihundert Jahren und verschiedenen politischen Systemen keine einfache Aufgabe mehr. Unabhängig von dieser intellektuellen Herausforderung ist der Text von einer unglaublichen Dichte, alleine auf der ersten Seite finden sich sehr viele Anspielungen und Informationen, welche der Leser erst verarbeiten muss.

“Mikromegas” dürfte zusammen mit der Franz Kafka Sammlung zu den schwierigsten Texten der “Bibliothek von Babel” gehören. Es lässt sich sicherlich trefflich streiten, ob der Philosoph und Satiriker Voltaire wirklich phantastische Geschichten schreiben wollte. Ein Teil der Texte beinhalten keine phantastischen Elemente, die längeren Märchen sind in der Phantasiewelt von “1001 Nacht” mit aktuellen Bezügen angesiedelt. Voltaire hat allerdings ein offenes Ohr für die politische Stimmung im Volk und ihm gelingt es mit scharfer Zunge sowie bissigem Humor die Obrigkeit als arrogant und hohlköpfig zu entlarven.

Voltaire: "Mikromegas"
Anthologie, Hardcover, 202 Seiten
Edition Büchergilde 2008

ISBN 9-7839-4011-1289

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