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Die Bibliothek von Babel



Villiers de Lísle- Adams

Der Tischgast der letzten Feste

rezensiert von Thomas Harbach

Villiers de Lísle- Adams Name ist sicherlich einer der längsten der dreißig Bände umfassenden Bibliothek von Babel. „Der Tischgast der letzten Feste“ besteht aus einigen Texten der Sammlung „Contes Cruels“ und der Originaltitel fast den Inhalt der insgesamt sieben Storys sehr passend zusammen. Es geht um Mord, Folter, Verrat und den unabdingbaren Tod, der einige Menschen zu Helden und viele andere zu Feiglingen macht. Jean Marie Matthias Phillipe-Auguste, Graf von Villiers de Lísle Adam ist am 7. November 1838 in der Bretagne geboren worden. Trotz seiner Abstammung, welche er bis zu den Malteserrittern zurückverfolgen konnte, wuchs der Graf in ärmlichen Verhältnissen auf. Als Schriftsteller machte er sich vor allem als Satiriker einen Namen. So gehört seine Erzählung „Eva Futura“ nicht nur zu den ersten Science Fiction Geschichten, im Jahre 1886 veröffentlicht, sie hält der Wissenschaft wie auch der Politik den Narrenspiegel entgegen. Gegenüber seinen Mitmenschen anscheinend oft großspurig und über seine Verhältnisse lebend wollte er als Autor immer wieder mit dem Begriff der Grausamen - alleine in Bezug auf die Menschen und ihr tierisches Verhalten gegeneinander - spielen. Diese Auseinandersetzung sowohl in Hinblick auf historische Ereignisse wie die Inquisition oder mit der Hinterhältigkeit der Frauen durchzieht soweit es aus den hier vorliegenden Texten ablesbar ist sein Gesamtwerk. Mit knapp einundsechzig Jahren ist der Graf in Paris verstorben. Die hier versammelten Texte geben einen guten Überblick über seine phantasiereichen, aber nicht immer phantastischen Geschichten, welche den Bogen zu Poes gruseligen Geschichten schlagen und durchaus als europäische Gegenstücke betrachtet werden können und müssen. Es ist nicht bekannt, in wie weit De Lísle- Adam die Poe´schen Texte gekannt hat, aber der Nihilismus und die Morbidität prägen beide Autoren bis in den dunklen Kern und die falschen Herzen ihrer Werke.


Die Auftaktgeschichte „Die Hoffnung“ spielte in einem fiktiven, aber durchaus möglichen Spanien der Inquisition. L ísle-Adam nimmt Poes nihilistische „Die Grube und das Pendel“ vorweg. Ein Jude wird von der Inquisition gefoltert und ihm wird schließlich offenbart, das er am nächsten Morgen verbrannt werden soll. Nachdem seine Peiniger gegangen sind, erkennt der Gefangene, das seine Wächter die Zellentür nicht richtig geschlossen haben. Hoffnung keimt auf. Eine sehr dunkle, fatalistische Geschichte mit einem schmerzhaft verstörenden Ende. Auch wenn Folter und Tod in Villiers de L´isle- Adam Texten gewichtige Rollen spielen, wird der Autor von diesen Eruptionen der politischen oder geistigen Gewalt gleichermaßen fasziniert wie abgestossen. Was „Die Hoffnung“ zu einem so einprägsamen Lesemisserlebnis macht, ist die implizierte Charakterisierung des Protagonisten. Der Leser hat keine Möglichkeit, sich mit ihm zu identifizieren, dazu ist der Text zu kurz. Trotzdem verbündet er sich indirekt mit ihm und hofft, das die Flucht gelingen möge. Die Häscher der Kirche stellt der Autor mit wenigen Zügen als Handlanger des Teufels und nicht den Glaubens dar. Diese kritische Haltung gegenüber der Institution Kirche wird sich durch einige der hier gesammelten Geschichten ziehen. In „Die Einsatz“ verspricht ein Kartenspieler, nachdem er sein ganzes Geld verspielt hat, das Geheimnis der Kirche zu verraten, wenn er die nächste Party verlieren sollte. Die Mitspieler sind neugierig und natürlich verliert der Spieler dieses Kartenspiel. Was er offenbart, ist aus heutiger Sicht vielleicht eher belanglos. Im 19. Jahrhundert entzieht der Autor damit aber den Dogmen der Kirche den Nährboden und zerstört das Netz aus Sühne und Strafe. Es sind die kleinen Details, welche sich schließlich zu einem perfiden Gesamtbild zusammensetzen und den Leser faszinieren. Neben der Kirche hat der Autor auch eine Abneigung gegen Frauen, was sicherlich auch mit seiner kleinen Gestalt und seiner Armut zu tun hat. In „Königin Isabeau“ rächt sich eine Adlige an ihrem Liebhaber für dessen vorlaute Art auf eine perfide Weise. Das Ende dreht die Schraube weiter an, obwohl es in Zwischenzeit nicht unbedingt mehr eine Überraschung darstellt. Wie einige andere Geschichten dieser Sammlung enthält der Text im Grunde keine phantastischen Elemente. Nur die perfide Rachestory und vor allem die missbräuchliche Ausübung von Macht rücken den Text nahe an Poes dunkle Texte heran.
Wie seine erste Geschichte „Die Hoffnung“ in einem fiktiven, aber historisch zumindest glaubwürdig beschriebenen Spanien spielt, schlägt „Das Abenteuer des Tse-I-La“ den Bogen zu einem unglaubwürdigen China. Nach dem Motto den Feind mit dessen Waffen zu schlagen kommt es zu einem verbalen und intellektuellen Duell zwischen einem grausamen Tyrannen und einem Boten einer möglicherweise übernatürlichen Macht. Beide Seiten bluffen in der Auseinandersetzung. Für den Leser ist es fast unmöglich, den Wahrheitsgehalt der Behauptungen zu erkennen. Im Vergleich zu den in Europa spielenden Geschichten vor der Inquisition baut sich so eine teilweise unnötige Distanz zwischen Leser und dem Drama auf. Am Ende steht im Vergleich zu den anderen Texten die Hoffnung auf Großmut und Vergebung. Aber selbst diese im Grunde positive Geste enthält eine Demütigung. Zumindest zu Beginn gelingt es De Lísle- Adam seine Leser für einen Moment irre zu führen und phasenweise beschreibt er ein China, das es nicht in der Realität, sondern nur in der Phantasie einzelner Märchenerzähler – siehe auch Jules Vernes „Die Leiden eines Chinesen in China“ – gegeben hat.

Die längste Geschichte der Sammlung „Der Tischgast der letzte Feste“ - gleichzeitig die Titelgeschichte - beginnt heiter ironisch. Man feiert ausgelassen sich selbst in der Oberschicht Paris, in den exklusiven Clubs. Als eines Abends ein unbekannter Gast erscheint, nimmt man ihn herzlich in die Runde auf. Erst im Verlaufe der nächsten Besuche erkennt man, das von dem Fremden eine seltsam, erst befremdliche, dann bedrohliche Aura ausgeht. Als man sich von dem jetzt nicht mehr erwünschten Gast trennen möchte, ist es zu spät und das Geheimnis, das ihn umgibt, ist auch heute noch gültig. Mit bösartigen Vergnügen entlarvt der Autor die Illusion der besseren Gesellschaft als Farce und reduziert die einzelnen Charaktere auf den Status oberflächlicher Genussmenschen. Ihr Gast wird dagegen von Beginn als dunkel und bedrohlich, dann wieder charmant mit durchstechenden Augen beschrieben. Wenn de L`Isle- Adam am Ende der Geschichte die Frage nach Tätern und Verantwortlichen stellt und herausarbeitet, ob der ausführende Henker oder der die Anweisungen gebende Führer einer Nation verantwortlich ist und die eigentliche Schuld trägt, erreicht seine Geschichte eine philosophisch aktuell Ebene, die unter die Haut geht. Groteske Züge nimmt dabei die Suche es Gastes nach einer Art Auszeichnung oder offiziellen Ernennung zum Oberhenker an. Nach einem langsamen, aber stimmungsvoll naiven Anfang wird das illustrere Geschehen mehr und mehr von einer dunkel bedrohlichen Atmosphäre durchsetzt, welche den Leser insbesondere auf den letzten Seiten in ihren Bann schlägt. Wenn die Ereignisse schließlich im Wahnsinn kumulieren, erinnert der Text an die besten Arbeiten eines Edgar Allan Poe und später eines C. A. Smiths.

Eine Parodie auf die zweifelhafte Ehre ist „Düster die Erzählung, düsterer noch der Erzähler“. Alleine die Prämisse, das dem Ich- Erzähler von einem gemeinsamen Freund berichtet wird, der sich für die Ehre seiner Mutter duellieren will, ist heutzutage nicht mehr Ernst zu nehmen. Da L´Isle-Adam in einer Zeit gelebt hat, in welcher die Genugtuung mit der Pistole noch an der Tagesordnung gewesen ist - siehe alleine Ridley Scotts schönen und im Kern absurden Streifen „Die Duellisten“ - wird ihre Wirkung bei ihrer Erstveröffentlichung eine andere gewesen sein. Am Ende versucht er zwar für den Leser den Kreis zu schließen, hier wäre es allerdings sinnvoller gewesen, das Opfer und den Erzähler vielleicht durch ein übernatürliches Element miteinander zu verbinden. Nur wenige Jahre später wird Ambrose Bierce diese Präzision in seinen Kurzgeschichte unterstreichen. Im Vergleich zu den anderen, eher zeitlosen Storys der Sammlung wirkt die Idee zwar auf den ersten Blick unglaubwürdig, aber originell, doch die statische Ausführung - die Geschichte einer Geschichte - arbeitet gegen den kaum vorhandenen Plot. Was dem Autoren allerdings sehr gut gelingt, ist die Angst der Duellanten in wenige prägnante Sätze zu packen.

Die letzte Geschichte „Vera“ schlägt noch einmal den Bogen zu Poe. Nicht wie bei „Die Hoffnung“ zu Texten wie „Grube und Pendel“, sondern zu der Liebe über den Tod hinaus, mit welcher sich der Amerikaner ebenfalls auseinandergesetzt hat. Der Graf kommt über den frühen Tod seiner jungen Geliebten nicht hinweg und schließt sich für ein Jahr in ihrem gemeinsamen Palais ein. Er verhält sich so, als sei sie immer noch an seiner Seite. Sehr zum Entsetzen des treuen Leibdieners. Am Jahrestag hat er das Gefühl, als materialisiere sich ihr Geist in seinem Zimmer. Erst als es zum Kuss kommt, wacht er aus seinem Wahn auf, um schließlich den einzigen, für den Leser weit im voraus erkennbaren Weg zu beschreiten, um mit ihr wieder zusammen zu sein. Während dieser Ausweg für den Protagonisten eine Verheißung verspricht, ist es für den Außenstehenden Betrachter letzt endlich erkennbar, das sich der Graf endgültig in seiner Wahnwelt gefangen hat. Eine typische Prämisse auch für Poes Geschichten. Sehr geradlinig, stellenweise fast lyrisch erzählt. Für die damalige Zeit sicherlich eine Provokation, heute ist der Plot leider inzwischen durch zahllose Erzählungen, Romane und schließlich auch mehr oder minder gute Filme abgenutzt.

Wie später Kafka oder auch Poe verzichtet Villiers de Lísle- Adam in seinen Geschichten oft auf die vollständige Angaben von Namen oder Jahreszahlen. Wenn von einem D oder einem A im Jahre 18.. gesprochen wird, anonymisiert er auf der einen Seite seine Protagonisten, auf der anderen Seiten allerdings erweckt er auch den Eindruck, als könne der Leser der Entblätterung eines Skandals mit Landesweit bekannten Persönlichkeiten folgen. Aus heutiger Sicht besteht diese Notwendigkeit nicht mehr, darum wirkt die Vorgehensweise eher befremdlich. Die Texte erhalten keine phantastischen Elemente, können aber vor allem aufgrund ihrer morbiden Atmosphäre und ihrem oft latent vorhanden, in einem Fall konkreten Wahnsinn in den Bereich des gothic Horrors gezählt werden. Insbesondere Anhänger von Edgar Allan Poe werden in dem französischen Adligen einen Zeitgenossen finden, der in einer Reihe der hier versammelten Geschichten eigenständig das Niveau des Amerikaners mit seinen dunklen Geschichten um vergebliche Liebe, Folter, Wahnsinn und schließlich Tod erreicht.

Villiers de Lísle- Adams : "Der Tischgast der letzten Feste"
Anthologie, Hardcover, 128 Seiten
Edition Büchergilde 2008

ISBN 9-7839-4011-1272

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