Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: SachbĂŒcher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Die Bibliothek von Babel



Richard F. Burton

Geschichten aus 1001 Nacht nach Burton

rezensiert von Thomas Harbach

Im zweiten Band mit Geschichten aus „1001 Nacht“ greift der Herausgeber Borges auf die Übersetzung bzw. Bearbeitung des nicht minder charismatischen Richard F. Burton zurĂŒck. Nicht nur fĂŒr Borges stellt dessen Übersetzung die lebhaftere, manchmal deftigere Version verschiedener Fassungen dar. Der am 19. MĂ€rz 1821 in Torquay geborene Burton ist eine der farbenprĂ€chtigsten, aber auch schwierig zu greifenden Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Nach seiner Ausbildung unternahm er ausgedehnte Reisen nach Asien, Amerika und Afrika. In einer Reihe von Werken schrieb Burton seine Erfahrungen nieder. Er beherrschte mehr als ein Dutzend Sprachen und suchte die Quelle des Nils. Nach seinen Abenteuerjahren liess er sich als Konsul in Damaskus und Triest nieder. Hier begann er Werke wie das „Kama Sutra“ oder „Tausendundeine Nacht“ aus dem Arabischen zu ĂŒbersetzen. Bis zu seinem Tod im Jahre 1890 hat er mehr als achtzig sehr unterschiedliche BĂŒcher veröffentlicht. Zum Entsetzen der damaligen SittenwĂ€chter ist seine Fassung der Geschichten um „1001 Nacht“ deutlich fleischiger. Die Moral ist aus deren Sicht entsetzlich niedrig - das zeigt sich auch in der kleinen Parabel „Die ErzĂ€hlung des jĂŒdischen Arztes“, in welcher Mann und Frau ihre Begierden unabhĂ€ngig von Eheversprechen oder gar einer legitimen Verbindung befriedigen - , was zu zahlreichen KĂŒrzungen und Streichungen gefĂŒhrt hat. Im vorliegenden Band hat Borges neben der schon angesprochenen Geschichte den kompletten Subzyklus „Die ErzĂ€hlung der Schlangenkönigin“ zusammengefasst. Diese ineinander verschachtelten Geschichten hat Burton zwischen 1885 und 1888 ĂŒbersetzt und zum Teil als Privatdruck fĂŒr seine AnhĂ€nger mit einer Auflage von 1000 Exemplaren veröffentlicht.

Das verbindende Element aller ErzĂ€hlungen ist die Lebensgeschichte des Sohns Hasib Karin al- Din eines griechischen Gelehrten Daniels. Er ist ein Faulenzer. Sein Vater hat kurz vor seinem Tod wĂ€hrend einer Reise einer Prophezeiung gemĂ€ĂŸ seinem Sohn fĂŒnf Weisheiten auf verschiedenen Buchseiten hinterlassen, welche seinem Leben großen Erfolg bescheren könnte. Der Junge will nichts davon wissen, keinen Beruf erlernen oder im Haushalt arbeiten. Schließlich ĂŒberreden Freunde ihn, gemeinsam mit ihnen im Wald Holz zu hacken und dieses zu verkaufen. Dabei stösst er auf eine Höhle, in welcher sich ein Vermögen an Honig befindet. WĂ€hrend Hasib zurĂŒckbleibt, um den Schatz zu bewachen, betrĂŒgen ihn seine Freunde. SpĂ€ter stossen sie ihn in die Höhle, um ihren Betrug zu verdecken. Hasib beginnt die Höhe zu untersuchen und findet einen kleinen Gang, der ihn zu einer gewaltigen Schlange fĂŒhrt. Die Schlange trĂ€gt die GesichtszĂŒge einer Frau. Sie bewirtet ihn und beginnt ihm, verschiedene kleinere Geschichten zu erzĂ€hlen.

Das Konzept der Geschichte in der Geschichte wird insbesondere in Burtons Fassung auf die Spitze getrieben. Der Leser hat teilweise den Eindruck, als werden Erfahrungen nur ĂŒber die verbale ErzĂ€hlebene und hier entweder von Gelehrten oder ĂŒbernatĂŒrlichen Wesen weitergegeben. Ein aktives Handeln findet bis auf wenige Ausnahmen nicht statt. Diese komplexe, teilweise ĂŒberspannte Konstruktion der Texte fordert die Aufmerksamkeit der Leser. Erst in den letzten Texten fließen die einzelnen Elemente zu einer Moral, einer manchmal sehr ĂŒberraschenden Botschaft zusammen. Zu den Geschichten, welche die Schlangenkönigin Hasib erzĂ€hlt, gehören unter anderem die Abenteuer Bulukias. Wieder hinterlĂ€sst ein Vater - in diesem Fall ein verehrter jĂŒdischer König - seinem Sohn Bulukias Schriften. Diese verkĂŒnden die Ankunft des Propheten und Messias Mohammed. Bulukias will Mohammed unbedingt kennen lernen. Bei seinen Reisen trifft er auf die Schlangenkönigin. SpĂ€ter will er zusammen mit dem charakterlich ambivalenten Affan die Schlangenkönigin fangen und dank ihrer FĂ€higkeiten eine einzigartige Salbe gewinnen. Diese soll es ermöglichen, zum geheimen Grab Salomons zu fliegen. Mit dessen Siegelring soll man die Herrschaft ĂŒber alle Kreaturen ĂŒbernehmen können. Das Wasser des Lebens dagegen verleit unsterblich, um irgendwann dem Messias Mohammed begegnen zu können. Am Ende ihrer abenteuerlichen Reise trennen sich Bulukias und Affan. Kurze Zeit spĂ€ter trifft Bulukias auf einen jungen Mann, der ihm eine andere, neue Geschichte erzĂ€hlt. Bei der Geschichte von Janschah, dem lĂ€ngsten Text der Sammlung, handelt es sich um die letzte Subgeschichte des Schlangenköniginzyklus. Wieder geht es um einen Sohn aus gehobenen Hause. Janschah ist der Sohn des Königs von Kabul. Er ist im Gegensatz zu den bisherigen Söhnen tapfer, gelehrig, aber auch stolz. Ein perfekter Thronfolger. Auf einer ausgedehnten Jagd auf See wird er mit seiner Mannschaft abgetrieben und finden sich in unbekannten Gefilden wieder. Eine Reihe von haarstrĂ€ubenden und die GlaubwĂŒrdigkeit des MĂ€rchens arg strapazierender Abenteuer erreichen sie das Reich des Scheichs Nasr, des Königs der Vögel. Der alte Mann nimmt den JĂŒngling bei sich auf. Einmal im Jahr mustert Nasr alle Vögel fĂŒr den ewigen König Salomon. In dieser Zeit soll Janschah auf den SchlĂŒssel zu einer geheimnisvollen Kammer hinter einer prĂ€chtigen TĂŒr aufpassen. NatĂŒrlich ist die Versuchung zu stark und Janschah dringt in die Kammer ein, in welcher er seinem eigenen Schicksal in Frau einer hĂŒbschen Frau begegnet.

Da beide BĂ€nde der Geschichten aus „1001 Nacht“ der Bibliothek von Babel nur Ausschnitte aus dem Gesamtwerk - dessen komplette LektĂŒre laut arabischen Stimmen zum Tod fĂŒhren könnte - anbieten, fehlt die Vorgeschichte. Der Leser sollte sich als Schehrezad als ErzĂ€hlerin vorstellen. Burtons hier vorliegende Übersetzung verzichtet auf diese ĂŒbergeordnete Einleitung, die einzelnen Geschichten in ihren Schachtelkonstruktionen gehen sehr geschickt ineinander ĂŒber. Vom Ausgangspunkt aus wird dem jugendlichen Protagonisten stellvertretend fĂŒr eine erziehungsbedĂŒrftige ĂŒberwiegend mĂ€nnliche Lesergeneration sein bisheriges Fehlverhalten an Hand von teilweise drastischen Beispielen aufgezeigt. Auch wenn die Texte nicht fĂŒr Kinder geeignet sind, ist die moralische Basis vergleichbar den grimmÂŽschen MĂ€rchen sehr gut zu erkennen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass nur der letzte Sohn Janschah seinem Vater den notwendigen Respekt entgegenbringt und nicht nur die eigene Faulheit oder UntĂ€tigkeit dazu verdammt worden ist, einen schweren Weg zu gehen. Janschah wird durch ein UnglĂŒck aus seinem behĂŒteten Vaterhaus vertrieben. Ihm widerfĂ€hrt auch trotz haarstrĂ€ubender Abenteuer noch wĂ€hrend seiner Reise das grĂ¶ĂŸte GlĂŒck, wĂ€hrend sich die anderen beiden mĂ€nnlichen Protagonisten noch ethisch bewĂ€hren mĂŒssen. Die Schachtelkonstruktion in diesem Subzyklus fordert den Leser in zweifacher Hinsicht heraus. Er muss sich bei jeder Geschichte mit neuen Problemen, PrĂ€missen und nicht unbedingt sympathisch gezeichneten Charakteren auseinandersetzen und zumindest anfĂ€nglich ĂŒberwiegt die Frustration, das die Geschichten handlungstechnisch abgebrochen werden, um einer neuen ErzĂ€hlung Platz zu schaffen. Es fehlt die klassische chronologische ErzĂ€hlstruktur. Ein Manko, das im Verlaufe des Zykluses sehr gut ausgeglichen wird. Wie Schehrezad muss die Schlangenkönigin Hasib an sich binden, um zu leben. Es gibt eine Prophezeiung, dass sie sterben wird, wenn der junge Mann wieder ein öffentliches Bad besucht. Darum erzĂ€hlt sie ihm Geschichten, weil sie ihn aufgrund ihrer moralischen Vorstellungen nicht töten kann. Im Vergleich zur Rahmenhandlung der Geschichten aus „1001 Nacht“ wird die Position der Schlangenkönigin allerdings nicht ĂŒberbetont. Sie dient als einfachste Methode, die unterschiedlichen, aber moralisch tugendhaften Botschaften den Lesern sehr konzentriert zu vermitteln. In Bulukias Schicksalsgeschichte wird sie ĂŒber ihren Status als ErzĂ€hlerin hinaus aktiv und gibt dem ganzen Subzyklus eine interessante, allerdings logisch nicht nachvollziehbare surrealistische Note. Diese Position erreicht die junge Schehrezad im ganzen Werk nicht. Dabei erzĂ€hlt die Schlangenkönigin von Ereignissen, die sie nicht wissen kann. Es gibt weiterhin keinen Hinweis, dass ihr diese Ereignisse erzĂ€hlt worden sind. Diese kleinen Fehler machen insbesondere Bulukias Lebensgeschichte trotz der meisten phantastischen Elemente und der stringentesten Handlung der Sammlung zu einem durchschnittlichen LesevergnĂŒgen. Viel effektiver auch in Hinblick auf die Kritik an der bestechlichen Obrigkeit sowie den auch sexuellen Eskapaden der Reichen ist „Die ErzĂ€hlung des jĂŒdischen Arztes“, die Zyklus von Texten um „Die Geschichte des Buckligen“ gehört. Ein jĂŒdischer Arzt ist zu einem geschwĂ€chten Edelmann gerufen, dessen rechte Hand - eigentlich das Brandzeichen eines Diebes - abgeschlagen worden ist. Der Edelmann erzĂ€hlt ihm schließlich seine Leidensgeschichte. Er ist den sexuell dekadenten Töchtern eines reichen Mannes in die HĂ€nde gefallen und von den korrupten Gerichten bestraft worden. Es ist erstaunlich, welche sexuellen Freiheiten das einfache Volk - die Zielgruppe dieser verbal ĂŒbermitteln von Moral durchsetzten Fabeln - den Frauen und Töchtern der Reichen zugestanden haben. Das Geld sowohl die Welt als auch die Justiz beherrscht, ist keine neue Idee. Die von Rchard F. Burton ĂŒbersetzten Texten sollen in Hinblick auf ihre sexuellen Eskapaden entschĂ€rft worden sein. Das lĂ€sst sich insbesondere im Vergleich mit dem zweiten Band „Tausendundeine Nacht nach Antonino Galland“ noch feststellen. WĂ€hrend der Zyklus um den Buckligen zu den frĂŒhen Arbeiten der „1001 Nacht“ gehören, ist „Die ErzĂ€hlung der Schlangenkönigin“ eine spĂ€tere Arbeit. In ihr finden sich alle Motive, welche das Gesamtwerk auszeichnet: VerstĂŒmmelungen und Verwandlungen menschlicher Körper, eine enge Verbindung zu ĂŒbernatĂŒrlichen MĂ€chten, alle Prinzessin sind schön, wenn auch nicht immer edel, die Herrscher mĂ€chtig. Gesetze und Moral werden nicht von den entsprechenden Organen durchgesetzt, sondern ergeben sich aus dem Ablauf des Geschehens von selbst. Wie in „Aladin“ kann der Taugenichts Erfolg im Leben haben, wenn er sich im rechten Moment anstrengt und seiner göttlichen FĂŒgung vertraut. Alles was in einem indirekten oder direkten Zusammenhang mit Magie steht, ist böse und verfĂŒhrt die eher unbedarften Menschen. Nur „Aladin“ hat in dieser Zusammenstellung eine Ausnahmestellung, welche die Thesen unterstreicht, dass der Text nicht aus den originalen „Geschichten aus 1001 Nacht“ stammt, sondern von dem Übersetzer Antoine Galland seiner Sammlung hinzugefĂŒgt worden ist. Stellt der Leser die beiden Arbeiten der „Bibliothek von Babel“ aus „1001 Nacht“ gegenĂŒber, ist der Band nach Antoine Galland nicht zuletzt aufgrund seiner stringenteren Struktur die lesenswertere Sammlung. Dagegen finden sich im vorliegenden Text nach Richard F. Burton sehr viel mehr Charakteristika der ursprĂŒnglichen Sammlung. Insbesondere die verschachtelte Struktur der „Schlangenkönigin“ ErzĂ€hlung frustriert und verfĂŒhrt den Leser zu gleich. Am Ende geht der Übersetzer Volker Wehdeking noch auf Richard F. Burtons insbesondere aus heutiger Sicht veralteten Stil ein. Dabei kommen Burtons VersĂŒbersetzungen am Schlechtesten weg. Wie bei vielen BĂ€nden der „Bibliothek von Babel“ ist vor allem die Begegnung mit dem bisher Unbekannten der grĂ¶ĂŸte Reiz dieser Ausgabe und eine LektĂŒre wert.





Richard F. Burton : "Geschichten aus 1001 Nacht nach Burton"
Anthologie, Hardcover, 183 Seiten
Edition BĂŒchergilde 2008

ISBN 9-7839-4011-1265

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::