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Die Bibliothek von Babel



Richard F. Burton

Geschichten aus 1001 Nacht nach Burton

rezensiert von Thomas Harbach

Im zweiten Band mit Geschichten aus „1001 Nacht“ greift der Herausgeber Borges auf die Übersetzung bzw. Bearbeitung des nicht minder charismatischen Richard F. Burton zurück. Nicht nur für Borges stellt dessen Übersetzung die lebhaftere, manchmal deftigere Version verschiedener Fassungen dar. Der am 19. März 1821 in Torquay geborene Burton ist eine der farbenprächtigsten, aber auch schwierig zu greifenden Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Nach seiner Ausbildung unternahm er ausgedehnte Reisen nach Asien, Amerika und Afrika. In einer Reihe von Werken schrieb Burton seine Erfahrungen nieder. Er beherrschte mehr als ein Dutzend Sprachen und suchte die Quelle des Nils. Nach seinen Abenteuerjahren liess er sich als Konsul in Damaskus und Triest nieder. Hier begann er Werke wie das „Kama Sutra“ oder „Tausendundeine Nacht“ aus dem Arabischen zu übersetzen. Bis zu seinem Tod im Jahre 1890 hat er mehr als achtzig sehr unterschiedliche Bücher veröffentlicht. Zum Entsetzen der damaligen Sittenwächter ist seine Fassung der Geschichten um „1001 Nacht“ deutlich fleischiger. Die Moral ist aus deren Sicht entsetzlich niedrig - das zeigt sich auch in der kleinen Parabel „Die Erzählung des jüdischen Arztes“, in welcher Mann und Frau ihre Begierden unabhängig von Eheversprechen oder gar einer legitimen Verbindung befriedigen - , was zu zahlreichen Kürzungen und Streichungen geführt hat. Im vorliegenden Band hat Borges neben der schon angesprochenen Geschichte den kompletten Subzyklus „Die Erzählung der Schlangenkönigin“ zusammengefasst. Diese ineinander verschachtelten Geschichten hat Burton zwischen 1885 und 1888 übersetzt und zum Teil als Privatdruck für seine Anhänger mit einer Auflage von 1000 Exemplaren veröffentlicht.

Das verbindende Element aller Erzählungen ist die Lebensgeschichte des Sohns Hasib Karin al- Din eines griechischen Gelehrten Daniels. Er ist ein Faulenzer. Sein Vater hat kurz vor seinem Tod während einer Reise einer Prophezeiung gemäß seinem Sohn fünf Weisheiten auf verschiedenen Buchseiten hinterlassen, welche seinem Leben großen Erfolg bescheren könnte. Der Junge will nichts davon wissen, keinen Beruf erlernen oder im Haushalt arbeiten. Schließlich überreden Freunde ihn, gemeinsam mit ihnen im Wald Holz zu hacken und dieses zu verkaufen. Dabei stösst er auf eine Höhle, in welcher sich ein Vermögen an Honig befindet. Während Hasib zurückbleibt, um den Schatz zu bewachen, betrügen ihn seine Freunde. Später stossen sie ihn in die Höhle, um ihren Betrug zu verdecken. Hasib beginnt die Höhe zu untersuchen und findet einen kleinen Gang, der ihn zu einer gewaltigen Schlange führt. Die Schlange trägt die Gesichtszüge einer Frau. Sie bewirtet ihn und beginnt ihm, verschiedene kleinere Geschichten zu erzählen.

Das Konzept der Geschichte in der Geschichte wird insbesondere in Burtons Fassung auf die Spitze getrieben. Der Leser hat teilweise den Eindruck, als werden Erfahrungen nur über die verbale Erzählebene und hier entweder von Gelehrten oder übernatürlichen Wesen weitergegeben. Ein aktives Handeln findet bis auf wenige Ausnahmen nicht statt. Diese komplexe, teilweise überspannte Konstruktion der Texte fordert die Aufmerksamkeit der Leser. Erst in den letzten Texten fließen die einzelnen Elemente zu einer Moral, einer manchmal sehr überraschenden Botschaft zusammen. Zu den Geschichten, welche die Schlangenkönigin Hasib erzählt, gehören unter anderem die Abenteuer Bulukias. Wieder hinterlässt ein Vater - in diesem Fall ein verehrter jüdischer König - seinem Sohn Bulukias Schriften. Diese verkünden die Ankunft des Propheten und Messias Mohammed. Bulukias will Mohammed unbedingt kennen lernen. Bei seinen Reisen trifft er auf die Schlangenkönigin. Später will er zusammen mit dem charakterlich ambivalenten Affan die Schlangenkönigin fangen und dank ihrer Fähigkeiten eine einzigartige Salbe gewinnen. Diese soll es ermöglichen, zum geheimen Grab Salomons zu fliegen. Mit dessen Siegelring soll man die Herrschaft über alle Kreaturen übernehmen können. Das Wasser des Lebens dagegen verleit unsterblich, um irgendwann dem Messias Mohammed begegnen zu können. Am Ende ihrer abenteuerlichen Reise trennen sich Bulukias und Affan. Kurze Zeit später trifft Bulukias auf einen jungen Mann, der ihm eine andere, neue Geschichte erzählt. Bei der Geschichte von Janschah, dem längsten Text der Sammlung, handelt es sich um die letzte Subgeschichte des Schlangenköniginzyklus. Wieder geht es um einen Sohn aus gehobenen Hause. Janschah ist der Sohn des Königs von Kabul. Er ist im Gegensatz zu den bisherigen Söhnen tapfer, gelehrig, aber auch stolz. Ein perfekter Thronfolger. Auf einer ausgedehnten Jagd auf See wird er mit seiner Mannschaft abgetrieben und finden sich in unbekannten Gefilden wieder. Eine Reihe von haarsträubenden und die Glaubwürdigkeit des Märchens arg strapazierender Abenteuer erreichen sie das Reich des Scheichs Nasr, des Königs der Vögel. Der alte Mann nimmt den Jüngling bei sich auf. Einmal im Jahr mustert Nasr alle Vögel für den ewigen König Salomon. In dieser Zeit soll Janschah auf den Schlüssel zu einer geheimnisvollen Kammer hinter einer prächtigen Tür aufpassen. Natürlich ist die Versuchung zu stark und Janschah dringt in die Kammer ein, in welcher er seinem eigenen Schicksal in Frau einer hübschen Frau begegnet.

Da beide Bände der Geschichten aus „1001 Nacht“ der Bibliothek von Babel nur Ausschnitte aus dem Gesamtwerk - dessen komplette Lektüre laut arabischen Stimmen zum Tod führen könnte - anbieten, fehlt die Vorgeschichte. Der Leser sollte sich als Schehrezad als Erzählerin vorstellen. Burtons hier vorliegende Übersetzung verzichtet auf diese übergeordnete Einleitung, die einzelnen Geschichten in ihren Schachtelkonstruktionen gehen sehr geschickt ineinander über. Vom Ausgangspunkt aus wird dem jugendlichen Protagonisten stellvertretend für eine erziehungsbedürftige überwiegend männliche Lesergeneration sein bisheriges Fehlverhalten an Hand von teilweise drastischen Beispielen aufgezeigt. Auch wenn die Texte nicht für Kinder geeignet sind, ist die moralische Basis vergleichbar den grimm´schen Märchen sehr gut zu erkennen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass nur der letzte Sohn Janschah seinem Vater den notwendigen Respekt entgegenbringt und nicht nur die eigene Faulheit oder Untätigkeit dazu verdammt worden ist, einen schweren Weg zu gehen. Janschah wird durch ein Unglück aus seinem behüteten Vaterhaus vertrieben. Ihm widerfährt auch trotz haarsträubender Abenteuer noch während seiner Reise das größte Glück, während sich die anderen beiden männlichen Protagonisten noch ethisch bewähren müssen. Die Schachtelkonstruktion in diesem Subzyklus fordert den Leser in zweifacher Hinsicht heraus. Er muss sich bei jeder Geschichte mit neuen Problemen, Prämissen und nicht unbedingt sympathisch gezeichneten Charakteren auseinandersetzen und zumindest anfänglich überwiegt die Frustration, das die Geschichten handlungstechnisch abgebrochen werden, um einer neuen Erzählung Platz zu schaffen. Es fehlt die klassische chronologische Erzählstruktur. Ein Manko, das im Verlaufe des Zykluses sehr gut ausgeglichen wird. Wie Schehrezad muss die Schlangenkönigin Hasib an sich binden, um zu leben. Es gibt eine Prophezeiung, dass sie sterben wird, wenn der junge Mann wieder ein öffentliches Bad besucht. Darum erzählt sie ihm Geschichten, weil sie ihn aufgrund ihrer moralischen Vorstellungen nicht töten kann. Im Vergleich zur Rahmenhandlung der Geschichten aus „1001 Nacht“ wird die Position der Schlangenkönigin allerdings nicht überbetont. Sie dient als einfachste Methode, die unterschiedlichen, aber moralisch tugendhaften Botschaften den Lesern sehr konzentriert zu vermitteln. In Bulukias Schicksalsgeschichte wird sie über ihren Status als Erzählerin hinaus aktiv und gibt dem ganzen Subzyklus eine interessante, allerdings logisch nicht nachvollziehbare surrealistische Note. Diese Position erreicht die junge Schehrezad im ganzen Werk nicht. Dabei erzählt die Schlangenkönigin von Ereignissen, die sie nicht wissen kann. Es gibt weiterhin keinen Hinweis, dass ihr diese Ereignisse erzählt worden sind. Diese kleinen Fehler machen insbesondere Bulukias Lebensgeschichte trotz der meisten phantastischen Elemente und der stringentesten Handlung der Sammlung zu einem durchschnittlichen Lesevergnügen. Viel effektiver auch in Hinblick auf die Kritik an der bestechlichen Obrigkeit sowie den auch sexuellen Eskapaden der Reichen ist „Die Erzählung des jüdischen Arztes“, die Zyklus von Texten um „Die Geschichte des Buckligen“ gehört. Ein jüdischer Arzt ist zu einem geschwächten Edelmann gerufen, dessen rechte Hand - eigentlich das Brandzeichen eines Diebes - abgeschlagen worden ist. Der Edelmann erzählt ihm schließlich seine Leidensgeschichte. Er ist den sexuell dekadenten Töchtern eines reichen Mannes in die Hände gefallen und von den korrupten Gerichten bestraft worden. Es ist erstaunlich, welche sexuellen Freiheiten das einfache Volk - die Zielgruppe dieser verbal übermitteln von Moral durchsetzten Fabeln - den Frauen und Töchtern der Reichen zugestanden haben. Das Geld sowohl die Welt als auch die Justiz beherrscht, ist keine neue Idee. Die von Rchard F. Burton übersetzten Texten sollen in Hinblick auf ihre sexuellen Eskapaden entschärft worden sein. Das lässt sich insbesondere im Vergleich mit dem zweiten Band „Tausendundeine Nacht nach Antonino Galland“ noch feststellen. Während der Zyklus um den Buckligen zu den frühen Arbeiten der „1001 Nacht“ gehören, ist „Die Erzählung der Schlangenkönigin“ eine spätere Arbeit. In ihr finden sich alle Motive, welche das Gesamtwerk auszeichnet: Verstümmelungen und Verwandlungen menschlicher Körper, eine enge Verbindung zu übernatürlichen Mächten, alle Prinzessin sind schön, wenn auch nicht immer edel, die Herrscher mächtig. Gesetze und Moral werden nicht von den entsprechenden Organen durchgesetzt, sondern ergeben sich aus dem Ablauf des Geschehens von selbst. Wie in „Aladin“ kann der Taugenichts Erfolg im Leben haben, wenn er sich im rechten Moment anstrengt und seiner göttlichen Fügung vertraut. Alles was in einem indirekten oder direkten Zusammenhang mit Magie steht, ist böse und verführt die eher unbedarften Menschen. Nur „Aladin“ hat in dieser Zusammenstellung eine Ausnahmestellung, welche die Thesen unterstreicht, dass der Text nicht aus den originalen „Geschichten aus 1001 Nacht“ stammt, sondern von dem Übersetzer Antoine Galland seiner Sammlung hinzugefügt worden ist. Stellt der Leser die beiden Arbeiten der „Bibliothek von Babel“ aus „1001 Nacht“ gegenüber, ist der Band nach Antoine Galland nicht zuletzt aufgrund seiner stringenteren Struktur die lesenswertere Sammlung. Dagegen finden sich im vorliegenden Text nach Richard F. Burton sehr viel mehr Charakteristika der ursprünglichen Sammlung. Insbesondere die verschachtelte Struktur der „Schlangenkönigin“ Erzählung frustriert und verführt den Leser zu gleich. Am Ende geht der Übersetzer Volker Wehdeking noch auf Richard F. Burtons insbesondere aus heutiger Sicht veralteten Stil ein. Dabei kommen Burtons Versübersetzungen am Schlechtesten weg. Wie bei vielen Bänden der „Bibliothek von Babel“ ist vor allem die Begegnung mit dem bisher Unbekannten der größte Reiz dieser Ausgabe und eine Lektüre wert.





Richard F. Burton : "Geschichten aus 1001 Nacht nach Burton"
Anthologie, Hardcover, 183 Seiten
Edition Büchergilde 2008

ISBN 9-7839-4011-1265

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