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Die Bibliothek von Babel



Antoine Galland

Geschichten aus 1001 Nacht nach Galland

rezensiert von Thomas Harbach

Im 25. Band der ÔÇ×Bibliothek von BabelÔÇť legt Borges im Hauptteil die Geschichte von Aladin und der Wunderlampe nach der ├ťbersetzung oder Bearbeitung des Orientalisten Antoine Galland vor. Dieser 1646 bei Montididier lebende Orientalist und Sprachwissenschaftler ├╝bersetzte die Geschichten aus 1001 Nacht ins Franz├Âsische. Seine Arbeit gelten als die sprachlich anspruchsvollsten. Das Erstaunliche ist allerdings die Tatsache, dass die hier vorliegende Geschichte sich nicht in den Originaltexten finden l├Ąsst. Es scheint, als habe Galland den Text selbst geschrieben und sich damit in Generationen von Erz├Ąhlern eingef├╝gt, die an diesem Mammutwerk gearbeitet haben. Der Ursprung liegt auch nicht im arabischen Raum, sondern die ersten Erz├Ąhlungen sollen aus Indien - daher auch der starke chinesische Einfluss, wie er deutlich im Folgeband mit dem Zyklus um die Schlangenk├Ânigin zu sp├╝ren ist - stammen und erst m├╝ndlich von einer Generation auf die n├Ąchste weitergeben worden sein. Mit dem Auswanderern in den Nahen Osten sind die moralischen Parabeln dann immer weiter gern Westen gewandert. Um dem Titel von tausend und einer Nacht gerecht zu werden - gerade Zahlen bedeuteten in diesen Kulturen eher Ungl├╝ck- ist das Werk kontinuierlich erweitert worden. Wahrscheinlich hat Galland - sollte er wirklich der Erz├Ąhler dieser wunderbaren Geschichte sein - sich die kurze Fabel um ÔÇ×Abdullah, den blinden BettlerÔÇť als Vorbild genommen und den eigentlichen Kern der Parabel auf den Kopf gestellt. Abdulah ist vor vielen Jahren ein reicher Kaufmann mit achtzig Kamelen gewesen. Dann verspricht ihm ein Derwisch einen reichen Schatz, der sich in einer H├Âhle befindet, die durch ein Geheimwort gesichert ist. Wahrscheinlich auch das Vorbild f├╝r Ali Baba und die vierzig R├Ąuber. Da der Derwisch ├╝ber keine Kamele zum Abtransport der Sch├Ątze verf├╝gt, wollen die beiden teilen. Abdulah packt allerdings die Gier. Nach und nach ringt er dem Derwisch die Sch├Ątze mit einer verbl├╝ffenden Leichtigkeit wieder ab. Schlie├člich besitzt dieser nur noch ein Wundermittel, das im ├ťberma├č benutzt, zum Blindheit f├╝hrt. In seiner Gier blendet sich Abdulah selbst und der Derwisch zieht mit dem ganzen Schatz und allen Kamelen von dannen. Ein klassische, direkte Warnung vor Gier, welche den Verstand benebelt. Die Zeichnung der Figuren ist teilweise zu naiv, zu simpel. Immerhin wird Abdulah zu Beginn der mit sieben Seiten sehr kurzen Geschichte als ehrbarer Kaufmann bezeichnet, der sich dank Flei├č und seine Intelligenz dieses kleine Verm├Âgen aufgebaut hat. Das er ohne weitere Begr├╝ndungen schlie├člich seiner Gier erliegt, wirkt ein wenig zu konstruiert. Das Interessante ist allerdings eher die Tatsache, das hier aufgezeigt wird, dass ein verh├Ąltnism├Ą├čig verm├Âgender Mann mit weiterem Reichtum weniger gut umgehen kann als ein armer Taugenichts. In der n├Ąchsten Geschichte wird Aladin dank der Wunderlampe und dessen Geistes ├╝ber ungeahnte F├Ąhigkeiten verf├╝gen, die er deutlich besser zum eigenen Nutzen, aber auch mit gro├čz├╝gigen Spenden den armen Menschen gegen├╝ber einsetzen wird. Die Zusammenfassung dieser beiden Texte in einem Band unterstreicht die Reichhaltig- und lehrreiche M├Ąrchenhaftigkeit der originalen Sammlung. Nat├╝rlich d├╝rfte der Plot von ÔÇ×Aladin und der WunderlampeÔÇť bekannt sein. In der vorliegenden Fassung werden allerdings sowohl Prolog als auch eine Art Epilog dem mehrmals verfilmten und oft nur in verst├╝mmelter Form abgedruckten Text hinzugef├╝gt. Das Bild rundet sich dadurch deutlich mehr ab und das Geschehen wirkt stringenter, aber auch folgerichtiger. Den Hauptteil nimmt die ÔÇ×Historie von Aladin oder die wunderbare LampeÔÇť ein. Aladin ist ein Taugenichts, der keinen ehrbaren Beruf erlernen will. Seinen Vater hat er mit seiner sorglosen Haltung ins Grab gebracht. Ein afrikanischer Zauberer, der sich als sein Onkel ausgibt, beginnt sich um die Entwicklung des Jungen vordergr├╝ndig zu k├╝mmern. Er macht ihn mit anderen Kaufleuten bekannt und f├╝hrt ihn schlie├člich als H├Âhepunkt der Verf├╝hrung zu einem vordergr├╝ndig weit entfernten Garten. Mittels Magie wird eine Fallt├╝r freigelegt, die nur Aladin ├Âffnen kann. Die Erkl├Ąrung f├╝r die exklusive Stellung Aladins bleibt die Geschichte schuldig. Hier w├Ąre es angebracht gewesen, auf dessen Status als Faulpelz hinzuweisen. In dem Keller findet Aladin sehr viel Geld, in der n├Ąchsten Kammer Edelsteine und in der dritten Kammer schlie├člich eine unscheinbare Lampe. Aladin bringt wie erw├╝nscht die Lampe zum afrikanischen Zauberer, will sie ihm erst ├╝bergeben, nachdem dieser ihm aus dem Loch geholfen hat. Vor Wut schlie├čt dieser ihn ein. Mittels eines Zaubers ÔÇô aus dem ihm ├╝berlassenen Ring ÔÇô kommt Aladin frei und der zuf├Ąllig freigesetzte Geist der Lampe erf├╝llt ihm schlie├člich alle W├╝nsche, einschlie├člich dem Weg in das Herzen der Tochter des Sultans. Obwohl alle sp├Ąteren Fassungen dieser ber├╝hmten Fabel in Arabien spielen, legt sich Galland expliziert zu Beginn des Textes auf China fest. Alle folgenden Sitten und Gebr├Ąuche sind dann allerdings ausschlie├člich arabisch. Obwohl die Geschichte mit einem Umfang von ├╝ber einhundertsechzig Seiten eher einer Novelle entspricht, sind die Beschreibungen oft spartanisch. Nur bei den wirklich pr├Ąchtigen Dingen wie den Funden in der H├Âhle bis zu Aladins wundersamen Palast schwelgt der Text in Details. Sicherlich auch ÔÇô um auf die verbale Grundlage zur├╝ckzukommen ÔÇô den ├╝berwiegend armen Zuh├Ârern dank des Mittels der ├ťbertreibung dieser Wunderwelt zu vermitteln. Um zumindest eine Sympathieebene zum einfachen Volk zu behalten, wird der reiche Aladin, dessen Verm├Âgen ja nicht aus ehrlicher Arbeit stammt, als Wohlt├Ąter der Armen und Bed├╝rftigen beschrieben. Diese Mildt├Ątigkeit rettet ihm in einer der eher ├╝berdrehten Schl├╝sselszenen im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf. Das magische Element wird mit Skepsis betrachtet. Der eifers├╝chtige Gro├č- Wesir bef├╝rchtet insbesondere beim Bau Aladins Palasts Magie, erstaunlicherweise blockt der Sultan jegliche berechtigte Vermutung in dieser Richtung ab. Der afrikanische Zauberer und in einem unn├Âtig ├╝berzogenen Ende dessen Bruder werden oft als Geister bezeichnet. Es ist allerdings erstaunlich, dass der afrikanische Zauberer Aladin mit samt seinem Ring und dem entsprechenden Geist in der H├Âhle zur├╝ckgelassen hat und erst Monate sp├Ąter kontrolliert, ob er wirklich tot ist. Dieses Vorgehen wirkt genauso unglaubw├╝rdig wie das Verkleiden seines Bruders als Hellseherin. Diese unlogischen Vorgehensweisen passen in die schlichte Zeichnung der Figuren. Aladin ist ein naiver Taugenichts mit einem guten Gesp├╝r f├╝r den Moment und einer Gier, die er zumindest vordergr├╝ndig unter Kontrolle halten kann. Obwohl eine reiche Prinzessin, einen pr├Ąchtigen Palast und ein gutes Leben sicherlich der Definition von egoistischer Gier entsprechenden. Seine Mutter ist einfach, ehrlich und rechtschaffen, von der harten Arbeit gebeugt. Die Prinzessin bildsch├Ân, aber naiv. Der Sultan mal milde, dann wieder rachs├╝chtig. Insgesamt werden die Figuren nur schemenhaft ausgestaltet, sie dienen alle als Boten einer allerdings fragw├╝rdigen Moral dieser besonderen Fabel. Nat├╝rlich ist der Plot eine klassische Entwicklungsgeschichte allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Aus dem armen Taugenichts wird ein reicher und gesellschaftlich angesehener Edelmann. Das umgekehrte Vorzeichen steht daf├╝r, dass diese Entwicklung im Grunde ohne eigene Arbeit erfolgt ist. Fragw├╝rdig ist die Pr├Ąmisse, dass ein einfacher Mann eher mit Erfolg umgehen kann als ein etablierter Kaufmann. Aber dem einfachen Volk wird diese teilweise zu einfach pr├Ąsentierte Darstellung gefallen. Immerhin h├Ąlt Aladin mit Hilfe seines Lampengeistes den Reichen und arroganten den Spiegel ins Gesicht. Er erf├╝llt die im Grunde unerf├╝llbaren W├╝nsche des eifers├╝chtigen Gro├čwesirs und dringt in die Phalanx der Reichen aus. Alleine aus diesem Grunde ÔÇô Opium f├╝rs Volk ÔÇô ist die Geschichte trotz des stringenten, fast episodenartigen Erz├Ąhlstils und den einfach gezeichneten Charakteren lesenswert. Der exotisch phantastische Orient, wie es ihn in dieser Form niemals gegeben hat, wird vom ├ťbersetzer Galland und wiederum dank der guten deutschen ├ťbertragung zum Leben erweckt. Ob die Geschichte von Galland hinzugef├╝gt worden ist oder Bestandteile der originalen ÔÇ×1001 NachtÔÇť Texte ist, spielt dabei eine untergeordnete Rolle.



Antoine Galland: "Geschichten aus 1001 Nacht nach Galland"
Anthologie, Hardcover, 185 Seiten
Edition B├╝chergilde 2008

ISBN 9-7839-4011-1258

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