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Die Bibliothek von Babel



Saki

Die Verschwiegenheit der Lady Anne

rezensiert von Thomas Harbach

In Deutschland ist der sich unter dem japanisch anmutenden Pseudonym Saki schreibende Hector Hugh Munro in erster Linie durch seine Satire “Als Wilhelm kam” bekannt geworden. Der Heyne Verlag hat diesen Band im Rahmen seiner SF- Bibliothek als Taschenbuch neu aufgelegt, dass antiquarisch noch zu erträglichen Preisen zu erhalten ist. In vor liegenden Geschichten im Rahmen der “Bibliothek von Babel” spielt das Geschehen aus dem Ersten Weltkrieg weniger eine politische, als ein soziale Rolle. Boshaft, sarkastisch, pointiert und niemals vergebend geht Munro auf seine eigene Kindheit ein. Er ist 1870 in Burma geboren worden - anscheinend sind viele bedeutende britische Schriftsteller wie Kipling in den Kolonien geboren worden, um dann dem Mutterland Bewunderung entgegenzubringen oder es bis aufs Blut zu kritisieren, ein ambivalentes Verhalten gegenüber dem Empire findet sich in keinem Werk - , wuchs aber bei zwei strengen, lieblosen Tanten in England auf. Mit dieser aus seiner Sicht unmenschlichen Erziehung setzt er sich in einer Reihe der hier versammelten Geschichten bitterböse auseinander. Nach dem Studium ging er zurück nach Burma, mußte aber aus gesundheitlichen Gründen nach einem Jahr wieder nach England zurückehren. In England arbeitete er als Journalist und schrieb unter dem Pseudonym Saki seine geistreichen, kritischen Satiren, seine Fabeln und seine phantastischen Kurzgeschichten. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete er sich als einer der Ersten und starb 1916 beim Angriff auf Beaumont- Hamel.


Die Titelgeschichte “Die Verschwiegenheit der Lady Anne” ist eine klassische Pointengeschichte. Eine zweite Lektüre wird, nachdem der Leser das sarkastische Ende wohlwollend zur Kenntnis genommen hat, nicht mehr nötig sein. Viel interessanter sind gleich zu Beginn Gedanken und Sehnsüchte, welche der Hecot Hugh Munro mehrmals während der Erziehung durch seine beiden Tanten gehegt hat: so überlegt er, ob die Stimmung seiner Tanten eher einem Taubenschlag oder einer Munitionsfabrik entspricht. Der Erzähler - einwandfrei Sakis Alter Ego - sieht sich dann als der Junge mit dem brennenden Streichholz in der Hand. Vorzüglich beschreibt er den in diesem Fall einseitigen Versuch, nach einem Streit zu sondieren, ob die Luft rein ist oder man sich doch besser noch einmal in aller Form entschuldigen sollte. Dabei spielt er keine Rolle, ob diese Geschichte vor hundert Jahren oder gestern geschrieben worden ist. Die Machtkämpfe um das goldene Kalb des Familienfriedens sind zeitlos und Sakis ansprechender, aber pointierter Stil machen die Titelarbeit zu einer interessanten Lektüre. In “Der Märchenonkel” stehen die Langeweile der Erziehung und die Aufregung des Fremden gegenüber. Ein Mann erzählt einigen Kindern eine übertriebene, aufregende und nicht unbedingt kinderfreundliche Geschichte. Am Ende ist die Erzieherin schockiert, der Erzähler hat aber seinen Willen bekommen: die Kindern haben für einen Moment schweigend zugehört. Im Vergleich zum fast spartanischen Hintergrund der ersten Story wirkt diese hier sehr bemüht, der Rahmen dient er als fade Entschuldigung, eine wilde, aber nicht unbedingt originelle Phrase von sich zu geben. Das Ende ist bissig, aber zu boshaft. Hier erdrückt Sakis Bestreben, die oberflächlichen zuckersüßen Geschichten, welche Kinder erzählt werden, als oberflächlich und naiv zu entlarven. Deutlich besser ist “Die Rumpelkammer”. Was als Strafe beginnt, wird zu einer aufregenden Suche in einem Teil des Hauses, der bislang den Kindern verschlossen ist. Die jugendliche Unbekümmertheit wird von Saki in einfache, aber starke Sprachbilder gefasst. Im Vergleich zu den ersten Geschichten wirkt auch der Hintergrund realistischer, zeitloser. Saki geht es in diesem Text weniger darum, die falschen Erziehungsmethoden seiner Zeit zu geißeln und eine gewisse Selbstständigkeit für die Jugendlichen zu fordern, sondern auch die positiven Seiten einer unbeschwerten, abenteuerlichen Jugend herauszuarbeiten. Die phantastischen Elemente sind nur oberflächlich vorhanden, aber die Suche in der Rumpelkammer wird zu einem Ausflug in die eigene Phantasie.
Neben den Satiren auf die Erziehungsfoltern seiner Jugend hat Saki eine Reihe von bösen Fabeln geschrieben. Die nächsten beiden Geschichten „Gabriel Ernest“ und „Tobermory“ zeigen, welche unterschiedliche Perspektive Saki bei seinen Tiergeschichten gesucht hat. So ist die erste Form eine Katergeschichte, die teilweise den gestiefelten Kater in einem bürgerlichen Ambiente impliziert, der allerdings eine Spur von Wahnsinn und schließlich tiefstem Hass in seinen Mitmenschen hinterlässt. Effektiver hat Saki das klassische Moment der Fabel - die Tiere agieren stellvertretend für die Menschen und zeigen deren Fehler auf - auf den Kopf gestellt. Sein Tier wird erst durch die menschlichen Züge und Handlungsweisen so einschüchternd und bedrohlich. Beide Texte sind reifer und vor allem nuancierter als die manchmal zu kritischen Erziehungsgeschichten geschrieben. Im Vergleich zu suchen sucht Saki nicht den Eulenspiegel seinen Lesern ungeduldig über das Haupt zu schlagen, um die Botschaften seiner verkorksten Erziehung an die Öffentlichkeit zu bringen. Seine Tierfiguren sind teilweise sehr sensibel, sehr dreidimensional mit der richtigen Mischung aus Vertrautheit und tierischen Instinkt gezeichnet. Sie sollen aber weniger als Parabel auf die Fehler der Menschen dienen, sondern seine Tiere werden zu Menschen und verlieren ihre tierischen Instinkte. Eine beunruhige Version, vor allem in der sehr intensiv geschriebenen „Tobermory“, die einer erfolgreichen Gruselgeschichte am nächsten kommt.

Zu den besten Geschichten in der Gruseltradition E.T.A Hoffmanns gehört „Der Untergrund“. Ein Mann läßt sich von einem eher unbekannten Künstler ein Bild auf den Rücken tätowieren, ohne die teilweise grotesken Folgen bis in die Spitzen der italienischen Politik zu erahnen. Sehr pointiert und trotz der absurden Vorgänge ernsthaft geschrieben extrapoliert Saki mit sichtlichen Vergnügen eine im Grunde eher normale Situation. Ein wenig erinnert diese Satire an die immer stärker ansteigende Kriegsgefahr vor dem Ersten Weltkrieg, in welcher schließlich ein Attentat die Lawine des Krieges dank der undurchschaubaren Bündnisse und Versprechungen ausgelöst hat. Ein gut geschriebener Text, bei welchem der Leser an einigen wichtigen Stellen nur noch sein Haupt schütteln kann. Mit „Die Therapie“ nimmt der Autor den gelangweilten, stoischen britischen Mittelstand auf die Schippe. Schwester und Bruder leben seit vielen Jahren nach der Uhr. Rituale dürfen nur durch wichtige Botschaften - Telegramme sind Botschaften Gottes - unterbrochen werden. Diese fast an Apathie grenzende Lebensweise kann nur durch eine Unruhekur unterbrochen werden. Der überraschte Bruder nimmt das Angebot eines Fremden kann. Schnell verbreiten sich im Dorf Gerüchte, die in der Verfolgung der 26 Juden gipfeln. Ein Vorläufer von David Fischers „The Game“ mit einer zu makaberen und nihilistischen Betonung. Im Vergleich zu einigen anderen britischen Autoren wie Kipling oder Stevenson - beide sind ebenfalls in der Bibliothek von Babel publiziert worden - fehlt am Saki der warmherzige Ton und er treibt seine dunklen Scherze auf Kosten anderer zumindest in der vorliegenden Story viel zu weit. Unabhängig von dieser düsteren Note aber eine bitterunterhaltsame Geschichte, welche den Traditionsbewussten Briten den Spiegel direkt ins Gesicht hält. „Der Friede von Mowsle Barton“ nimmt die Motive des Hexenaberglaubens auf. Geschickt betrachtet Saki dieses im Grunde archaische Thema aus zwei Perspektiven: Neid und Klatsch der arbeitenden dörflichen Bevölkerung, Ignoranz und Macht der alten Frau, die im Verlaufe der sehr geradlinigen Geschichte niemals wirklich aufdeckt, ob sie übernatürliche Kräfte hat oder nicht. Alleine das sie einen entsprechenden Eindruck bei ihren Mitmenschen hinterlässt, ist für sie Genugtuung. Allerdings wirken die Figuren zu eindimensional gezeichnet, um wirklich einen Eindruck oder eine Warnung vor der eigenen Dummheit im Leser zu hinterlassen. Sehr viel farbenprächtiger und exotischer präsentiert sich Sakis Hommage an die Märchen aus „1001 Nacht“ - „Wachtelfutter“. Ein Kaufmann steht vor dem Bankrott. Eine exotische Reisebegleitung betritt seinen Laden und fortan beginnt das Geschäft zu blühen. Jeder möchte sich im Schatten dieser exotischen Menschen sonnen, ohne zu ahnen, dass es alles eine Illusion ist. Eine unterhaltsame Geschichte, die allerdings plottechnisch weit an den Haaren herbeigezogen und stellenweise ein wenig spröde wirkt. Saki hat aber sehr viel Spaß, die Borniertheit der englischen Mittelklasse zu entlarven.
„Die offene Tür“ nimmt eine Idee H.G. Wells vorweg. Dabei nutzt Saki aber eher eine gruselige Prämisse als implizierte Parallelweltmöglichkeiten. Gegen Ende des sehr kurzen Texts versucht der Autor noch die Glaubwürdigkeit des Protagonisten zu erschüttern, eine unnötige Maßnahme, welcher dem eigentlichen Plot sehr viel von seiner Effektivität nimmt.

Die letzten beiden Geschichten der Sammlung „Sredni Vashtar“ und „Die Aufschneider“ gehören zu Sakis Meisterwerken. In der Ersten wird der Leser niemals erfahren, ob es sich bei Vashtars um einen gefallenen Gott handelt, den nur ein Kind erkennen kann. Hier nimmt der Autor Neil Gasmans „American Gods“ und Teile seiner „Sandmann“ Geschichten stimmungstechnisch vorweg. Saki läßt für eine derartig kurzes Prosatext viele Möglichkeiten offen, wie die Protagonisten wird der Leser niemals die Wahrheit erfahren und muss sich am Ende mit einer Reihe kraftvoller Bilder begnügen. Die Geschichte könnte sowohl Fabel - aus der Perspektive des Frettchens - als auch Parabel - aus der Sicht des Kindes - oder aus der Sicht des Gottes eine reine Farce sein. „Die Aufschneider“ dagegen ist ein wunderschönes Märchen, dass sich - obwohl in Europa spielend - an die Exotik des Ostens anlehnt. Meisterhaft werden in dem einen Protagonisten Hoffnungen und Erwartungen erweckt, er glaubt der versponnenen Märchenwelt aus „1001 Nacht“, um dann dunkel düstere auf den Boden der Realität zurückgeholt zu werden. Ein Schock, von dem er sich nicht mehr erholen wird. Dabei geht Saki mit keiner Silbe darauf ein, ob das Märchen in der Geschichte auch nur ein einziges Korn Wahrheit enthält. Deutlich leichter, weniger nihilistisch als „Sredni Vashtar“ niedergeschrieben überrascht der Text mit seinem dann dunklen, ironisch übersteigerten Ende.
Das thematisch Spektrum der hier angebotenen Geschichten ist nicht zuletzt aufgrund deren Kürze sehr breit. Von der im Grunde harmlosen Fabel über märchenhaftes bis zum klassischen dunklen britischen Humor. Alles ist vorhanden und selten finden sich wirklich optimistische Aspekte in seinen Texten. Selbst die Händler, die von der Zirkustruppe profitieren, können nur einen kurzen Augenblick ihrem Glück nicht trauen, dann werden sie zu Geschäftsleuten, die in erster Linie Geld verdienen wollen und durch diesen augenscheinlichen Trick auch können. Saki geht kritisch mit den aristokratischen Generation um, entlarvt sie als inhaltlose Chiffren, welche die jungen Menschen behindern und nicht fördern. Sich selbst sieht er in zahlreichen Texten als Freigeist, der zu lange im Gefängnis seiner Tanten gefangen gehalten worden ist. Nicht umsonst endet die erste Geschichte auf einer dunklen, sardonischen Note. J.L. Borges hat einige sehr schöne Texte ausgesucht, um den britischen Satiriker von seinen unterschiedlichen Seiten kennen zu lernen. Wem diese Geschichten gefallen haben, sollte Sakis wenige längere Texte - zwei Romane sind sowohl bei Festa als auch schon angesprochen im Heyne- Verlag erschienen - aufsuchen, um den Eindruck zu vertiefen. Wer sich Sakis Satiren von seinen längeren Werke her nähert, wird teilweise enttäuscht, wie unnötig geradlinig und wenig nuanciert der Autor auf seine derben, aber starken Pointen zumarschiert und auf dem Weg dahin weder Freund noch Feind kennt .

Saki: "Die Verschwiegenheit der Lady Anne"
Anthologie, Hardcover, 142 Seiten
Edition Büchergilde 2008

ISBN 9-7839-4011-1234

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