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Die Bibliothek von Babel



Borges (Herausgeber)

Russische Erzählungen

rezensiert von Thomas Harbach

In dieser Sammlung hat Borges mit Tolstoi und Dostojewski zwei weltbekannte Namen der russischen Literatur zusammengefasst. Leonid Andreev - ein auch nicht unbekannter Autor - vervollständigt das Trio. Alle drei sehr unterschiedlichen Geschichten behandeln zum Teil grotesk überzeichnet das Thema Tod. Leider ist Borges Vorwort im Gegensatz zu den anderen Bänden der „Bibliothek von Babel“ ungewöhnlich kurz und wirkt auch verstümmelt. So wird die Reihenfolge der hier präsentierten Geschichten verwechselt und Andreev mit einer ausgesprochen empfehlenswerten Story schreibt Borges überhaupt nicht. Dreiviertel des Vorworts nimmt Dostojewski ein. Der Leser hat den Eindruck, als wollte der Argentinier jede Geschichte dieser Sammlung mit eigenen Anmerkungen einführen und bei der zweiten sowie dritten Story sind diese Vorwörter irgendwie auf der Strecke geblieben. Unabhängig von dieser überraschenden Schwäche bringen die drei Geschichten dem Leser die russische Seele, aber auch das melancholische Element dieses Vielvölkerstaates näher.
In ihrer Kritik und satirischen Schärfe wirken die Texte zeitloser als es ihre Entstehungsdaten vermuten lassen.

Fjodor M. Dostojewskis Erzählung „Das Krokodil“ ist weniger eine phantastische Geschichte als eine überdrehte Groteske, in welcher von Beginn an das Zynische bis ins Lächerliche extrapoliert worden ist. Der Text erschien zum ersten Mal 1865. Ein deutscher Schausteller ist mit seinem Krokodil in Russland unterwegs. Eine Attraktion im selbst ernannten Bürgertum. Ein „Mittelschichtler“ ärgert die Kreatur und wird von ihr verschluckt. Nach dem anfänglichen Schock stellt sich heraus, dass dieser Mann im Magen des Krokodils überlebt hat. Aus dieser Sensation möchte der Schausteller möglichst schnell viel Geld schlagen. Er erhöht die Preise um das Vierfache. Die Ehefrau und der beste Freund des Opfers versuchen dem Unglücklichen zu helfen. Aber weder das russische Rechtssystem kann ihnen helfen noch ist der Schausteller bereit, seine „vergoldete Attraktion“ zu schlachten. Das Krokodil wird überspitzt als ausländische Investition im russischen Staat dargestellt. Eine Tötung könnte das fremde Kapital schockieren. Es soll ein freier Markt sein, von Angebot und Nachfrage bestimmt. Natürlich regen sich einige nationalistische Kräfte, die aber gegen die Anziehungskraft der Kreatur mit dem in ihr lebenden russischen Bürger keine Chance haben. Dostojewskis Geschichte in ihrer Urform lässt sich sicherlich in viele Richtungen deuten. Zum einen kritisiert der Dichter insbesondere den Westen – bedenkt man, dass die Erzählung im 19. Jahrhundert nach den ersten demokratischen Revolutionen erschienen ist, würde Dostojewski anlässlich der Zustände sowohl im Westen als auch seinem heimischen Russland im Grab rotieren und den ganzen Staat von einem überdimensionalen Krokodil fressen lassen – mit seinen verzerrten Freiheitsidealen. Dabei kann der Autor weder den moralischen Zeigefinger heben noch ausschließlich nur auf die Fremden deuten. Seine russischen Mitbürger erliegen sehr schnell der Versuchung und Krokodile werden zu einer bevorzugten Delikatesse. Am Ende verspeisen die russischen Oberschichtler auf der ganzen Welt die Krokodile, nur die Mittelschicht bleibt in ihrem bequemen Gefängnis hängen. So verspottet der Autor auch den utopischen Sozialismus einer klassenlosen Gesellschaft und vor allem eines staatlichen Regulatoriums. Denn das Opfer hat einen Auslandspass für die nächsten drei Monate beantragt und sich von seiner Dienststelle frei stellen lassen. Also besteht auch nach dem Unfall kein Anlass für den Staat, diese Freistellung auszusetzen. Die Mühlen der russischen Behörden mahlen genauso langsam wie entsprechende Dienststellen auf der ganzen Welt. Die Medien machen zumindest kurzzeitig aus diesem Unglück eine Titelzelle, vergessen das Opfer aber genauso schnell wieder. Die Kritik an der freien Marktwirtschaft unter Einbindung ausländischer Investoren wirkt überzeichnet, denn der russische Staat kann anscheinend seinem Volk keine Alternativen anbieten. Zumindest diese Handlungsebene bleibt in der Luft hängen. Auch fast einhundertfünfzig Jahre nach ihrer Entstehung steckt in der Parabel sehr viel wahres, das heute vielleicht noch deutlicher zum Vorschein kommt als zur Zeit ihrer Entstehung. Aufgrund der Empörung, welche der Text in der russischen Öffentlichkeit hervorgerufen hat, konnte Dostjewski die Geschichte nicht vollenden. Vielleicht ist diese Schwäche auch die Stärke des Textes, denn der Leser kann und muss sich aufgrund des offenen Endes seine eigenen Gedanken machen und der gordische Knoten ist nicht leicht zu durchschlagen. Das Aufzeigen einer möglichen Lösung hätte die scharfe in dieser moralischen Fabel steckende Kritik wahrscheinlich erstickt. Leonid Andreevs zynische Parabel „Lazarus“ stellt die Christusmotive auf den Kopf. Lazarus ist gestorben und für drei Tage tot geblieben. Danach ist er wieder auferstanden. Zuerst sucht er die ihm bekannten Orte auf. Aber seine inneren Emotionen sind tot und er beeinflusst seine unmittelbare Umgebung negativ. Am Ende wird er zum einsamen lebenden Leichnam. Eine sehr dunkle Geschichte, die Andreev stringent und vor allem unglaublich konsequent erzählt. Er lässt seinen Lesern keinen Raum, sich mit der im Grunde auf eine Chiffre reduzierten Figur und ihren eher passiven Handlungen und Reaktionen zu identifizieren. Nicht selten erinnert Andreevs „Lazarus“ an einen Verwandten von Ingmar Bergmanns Tod. Nur ohne Sense und Mantel. Es fehlt schwer, in dieser Geschichte nach einer Botschaft zu suchen. Selten ist das menschliche Leben mit der in diesem Fall Irritation der zweiten Geburt konsequenter als auch deprimierender in wenigen nachhaltigen Bildern zusammengefasst worden. Aus der atheistischen Perspektive erscheint Lazarus erst wie Jesus Christus Zwilling. Im Gegensatz allerdings zu diesem verzweifelten Menschen erkennt der Leser sehr viel früher, dass er nur noch eine lebende Leiche ist. Von seiner Umwelt isoliert, von den Herrschenden gefürchtet wird er zum ewigen Juden, der dazu verdammt ist, über eine tote Erde zu wandeln. Eine stilistisch sehr ansprechend, unglaublich kompakt geschriebene Story.

Der längste und im Kern schwierigste Text der Sammlung ist Tolstois „Der Tod des Iwan Iljitsch“, welcher die Melancholie der russischen Seele allerdings in einer teilweise zu starren, fast didaktisch diktatorischen Form in den Mantel einer Tragödie packt. Gleich zu Beginn der Novelle erfährt der Leser vom Tod des Titelcharakters. Mit dieser Vorgehensweise löst Tolstoi die stringente Handlungsstruktur komplett auf. Ein umfangreicher Rückblick folgt. Das Problem dieses Rückblicks liegt in der Person des Protagonisten: sie wird dem Leser nicht sympathisch. Es passt dazu, dass sich Iljitsch als erfolgreicher, aber egoistisch emotionsloser Regierungsbeamter in dem Augenblick seines Lebens eine kleine Verletzung zufügt, in welcher seine kleine Familie sich im richtigen, gehobenen Stand der russischen Bevölkerung festgesetzt haben. Iljitsch wird krank und stirbt schließlich an seiner Verletzung. Er mit dieser Verletzung beginnt Tolstois Spiel mit der Reflektion. Iljitsch dient ihm als Resonanzkörper, um seinen russischen Mitmenschen den Spiegel ins Gesicht zu halten. Einmal dem Protagonisten selbst, der im Augenblick seines Triumphs - er richtet sich eine neue Wohnung passend ein - scheitert. Erst in diesem Augenblick wird ihm klar, dass er sich nicht von seinen Mitmenschen unterscheidet. Tolstoi kritisiert die Ärzte, die weder mit ihrer Erfahrung noch ihren medizinischen Mitteln die Krankheit in den Griff bekommen. Später greift die körperliche Schädigung auf die Seele über, Iljitsch beginnt sich den Tod zu wünschen. Tolstoi kritisiert die Familie, die Gesellschaft, die eher pflichtschuldig als aus Überzeugung nach dem Kranken sieht. Immer auf dem Weg zu neuen Vergnügen, die von seinem Gehalt bezahlt werden. Übertragen auf den Stadt ist sehr selten der Unterschied zwischen der adligen/ bürgerlichen Oberschicht und der immer ärmer werdenden Bevölkerung in einem einzigen Bild festgehalten worden. Im Augenblick des Todes wird Iljitsch allerdings zum zumindest intellektuell aufbegehrenden Revolutionär. Sein Leben lang ist er sklavisch treu den Regeln gefolgt, die andere - in diesem Fall die Gesellschaft - für ihn aufgestellt haben. Seine eigenen Entscheidungen haben eher eine Art formales Abnicken dargestellt. Die einzige Entscheidung, welche Iljitsch schließlich aus freiem Willen trifft, ist der Tod. Viele Punkte lassen sich sehr gut auf unsere heutige Zeit übertragen mit ihren faulen Kompromissen. Aber - und das ist die Schwäche dieser Novelle - Tolstoi kritisiert in dieser sehr belehrend geschriebenen Geschichte seine Leser, er bietet ihnen keine Alternativen an. Auch damit reiht er sich in eine Schar von Politologen, Schriftstellern und Politikern ein, die Kritik ohne progressiven Gegenvorschlag oder Alternativen als opportun ansehen. „Der Tod des Iwan Iljitsch“ ist eine sehr unangenehme Geschichte. Das Warten auf den Tod, das langsame Schwinden jeglicher Hoffnung auf ein längeres, besseres oder auch nur befreites Leben zerrt an den Nerven der Leser. Unabhängig von dieser nihilistisch kritischen Grundstimmung gelingt es Tolstoi aber, das russische Phlegma bis zum Tode in nachhaltige, sprachlich auch in der Übersetzung von Maria Bamberg erhalten gebliebene Bilder zu verpacken. Es ist keine phantastische Geschichte, es ist eine bitterböse Satire, die sich weniger gegen den Leser als den Protagonisten richtet.

Alle drei hier versammelten Geschichten stammen von den besten jemals lebenden und schreibenden russischen Autoren. Sie sind keine einfache Kost, sie spiegeln mit ihrer Fixierung auf den Tod auch nicht die Bandbreite der russischen phantastischen Literatur wieder. Tolstois Novelle ist nicht einmal eine phantastische Story. Aber nicht zuletzt aufgrund ihrer erzählerischen Brillanz und ihrem sprachlichen Anspruch sind die Texte absolut lesenswert und „Russische Erzählungen“ gehört zu den empfehlenswertesten Bänden der „Bibliothek von Babel“. Nicht zuletzt, um in einem greifbareren Text einen Vorgeschmack auf „Krieg und Frieden“ oder „Anna Karinina“ zu erhalten.

Borges (Herausgeber): "Russische Erzählungen"
Anthologie, Hardcover, 205 Seiten
Edition Büchergilde 2008

ISBN 9-7839-4011-1227

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