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Die Bibliothek von Babel



PÂŽu Sung _ling

Gast Tiger

rezensiert von Thomas Harbach

NatĂŒrlich fĂŒhrt Jorge Luis Borges Reise durch die phantastische Literatur auch nach China. Mit dem Chinesen stellt er seinen Lesern einen ErzĂ€hler vor, dessen ErzĂ€hlungen und Fabeln - das Liao-Tschai - im Reich der Mitte die gleiche Bedeutung wie die Geschichten aus “1001 Nacht” gewonnen haben. Über ihren ErzĂ€hler weiß die Geschichte nur wenig zu berichten. Er scheiterte 1651 an der GelehrtenprĂŒfung in den Geisteswissenschaften und wandte sich anschließend ausschließlich seiner literarischen Arbeit zu. Noch wĂ€hrend seines Lebens und Schaffens sind ihm die Spitznamen “der letzte Unsterbliche” und “Quelle der Weiden” verliehen worden. Wie bei einigen anderen BĂ€nden seiner Bibliothek hat Borges nicht nur eine Reihe von unabhĂ€ngigen Kurzgeschichten zusammengestellt, sondern zwei Kapitel aus einem lĂ€ngeren Werk entnommen. Die beiden Ausschnitte aus dem Roman “Der Traum der roten Kammer” geben keinen Einblick in das mit mehr als vierhundertvierzig Protagonisten und wahrscheinlich ĂŒber dreitausend Seiten umfangreichste Buch der Welt. Die erste Geschichte ist “Pao YĂŒs Traum”. Pao YĂŒ trĂ€umt, das seine Dienerin Hsi- Yen ihn nicht mehr erkennt. Der TrĂ€umer trifft dann auf sein Ebenbild, das ihm von einem weiteren Traum berichtet. Lewis Carroll ist sicherlich von der Geschichte beeinflusst worden, als er die Begegnung zwischen Alice und dem roten König beschrieben hat. Im Vergleich allerdings zu Lewis Carrolls Roman geht Pao YĂŒ einen Schritt weiter. Obwohl die Geschichte mit drei Seiten verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kurz geraten ist, gelingt es dem Autoren, eine dunkle, packende AtmosphĂ€re entstehen zu lassen. Ebenfalls aus “Der Traum der roten Kammer” steht die mit zwei Seiten noch kĂŒrzere ErzĂ€hlung “Der Wind-und-Mond-Spiegel”. Der Protagonist Kia Yui verzerrt sich nach einer fĂŒr ihn unerreichbaren Frau. Er kann weder mehr richtig schlafen noch arbeiten. Ein taoistischer Bettler gibt ihm einen Rat, der natĂŒrlich fĂŒr Kia Yui nicht ĂŒbersehbare Gefahren birgt. Yuis heimliche Gedanken werden fĂŒr einen Text der siebzehnten Jahrhunderts erstaunlich offen ausgedrĂŒckt. Das der Protagonist am Ende zumindest vordergrĂŒndig seine WĂŒrde behĂ€lt und seine GelĂŒste selbst befriedigen muss, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Trotzdem bleibt dem Leser insbesondere der Protagonist fremd. In wie weit die beiden kleinen Episoden im Gesamtwerk isoliert oder in einem breiteren Kontext betrachtet werden mĂŒssen, lĂ€sst sich mangels einer kompletten Übersetzung des gesamten Werkes nicht eruieren. Im Vergleich allerdings zu den oft sehr moralischen Fabeln dieser Sammlung unterhalten die Geschichten auf solidem Niveau, lassen aber auch keinen Einblick in den gesamten Roman zu.

Wie schon der Titel dieser Sammlung herausstellt, sind Tiere oder Tierbilder wichtige Elemente der chinesischen phantastischen Literatur. Im “Der Tiger von Chao- Cheng” wird der einzige Sohn einer Witwe von einem Tiger gefressen. Die Witwe lĂ€sst das Tier mittels eines betrunkenen Richters verhaften, welcher ihm auferlegt, solange die Witwe lebt, fĂŒr sie zu sorgen. Das macht er auf eine bewundernswerte Art und Weise, wie es der getötete Sohn niemals vermocht hĂ€tte. In diesem Fall wird dem Auge um Auge, Zahn um Zahn Prinzip eine allgegenwĂ€rtige Gerechtigkeit entgegengesetzt, von der schließlich alle Menschen, aber nicht unbedingt der Tiger profitiert. Die Geschichte unterstreicht allerdings am Ende, das Tiere die treueren Wesen sein können. Aber die Tiere symbolisieren nicht selten auch menschliche StĂ€rken und SchwĂ€chen. In “Der Wolftraum” bedienen die Wölfe im Traum einen Mann. Sie reichen ihm Leichenteile. Alle Beamte die kurzweilig zu lesenden Geschichte sind korrupt. So arbeitet der Richter Ting offen immer öfter fĂŒr die Unterwelt und fĂ€llt ihnen genehme Urteile. Der Richter Pai Chia hat vorher eine steile Karriere in den entfernten Provinzen gemacht, weil er sich nicht immer an die Regeln gehalten hat.
Nur die Allegorie in ihren TrĂ€umen zeigt ihnen ihr korruptes Verhalten in der Form der Wölfe auf. Allerdings ist es fraglich, ob die einzelnen Protagonisten aus ihren sehr realen TrĂ€umen wirklich etwas fĂŒr sich Lernen. Die Schlange der Korruption scheint schon zu tief in sie eingedrungen zu sein. Wenn die Menschen aber in ihrer BekĂ€mpfung hilflos sind, greifen die Götter wie in “Rache” ein. Der reiche Chuang erschlĂ€gt wegen einer Liebelei seinen Nebenbuhler und besticht den Richter. Der Bruder der Ermordeten will sich an Chuang rĂ€chen. Um sein Gewissen
Rein zu halten, greifen die Götter ein. Und gegen die ĂŒbernatĂŒrlichen Wesen sind selbst die korrupten Beamte hilflos. In „Der Mann, der in einen Brunnen geworfen wurde“ erscheint ein Geist den Zecher Tai, der ihm schreckliche Qualen im Dies - und Jenseits prophezeit, wenn er sich nicht sofort bessert. Als er nicht sofort auf diese Warnung reagiert, wird er von seinem eifersĂŒchtigen Nachbarn in einen Brunnen gestoßen und dort lebendig begraben. Da er sich aber schon auf dem Weg der moralischen Besserung befunden hat, wird er gerettet und beginnt eine Reihe von unglaubwĂŒrdigen, aber interessant erzĂ€hlen Wundern zu bewirken. UnabhĂ€ngig davon ist die Moral - wie bei einer Vielzahl anderer Geschichten - ĂŒberdeutlich herausgestellt worden. In „Die PrĂŒfung zum Schutzengel“ wird demonstriert, wie gut die Götter die Ordnung auf der Erde organisiert haben. Die grundlegende Ironie des Textes zeigt sich in dem Verhalten der Götter, welche einfach die Rolle des großen PrĂŒfers ĂŒbernehmen.

In einigen anderen der insgesamt sechzehn Geschichten oder Geschichtchen stellen die Geister - oft durch Frauen symbolisiert - die Verbindung zwischen der Erde der Menschen und der nĂ€chsten Existenzebene her. Dabei prĂŒfen sie das Verhalten ihrer “SchĂŒtzlinge” auf der Erde und gewĂ€hrend den guten, glĂ€ubigen Menschen oft noch einmal einen Aufschub. Diese Geste wird oft vom Neid der korrupten Beamten oder selbstherrlichen Großbauern begleitet. Die Texte kritisieren die aus der Sicht des ErzĂ€hlers korrupte chinesische Nation. In einer der besten Geschichten der Sammlung “In der Unterwelt” erweist sich selbst die Hölle als korrupt. Die Korruption auf der Erde wird ĂŒbertrieben extrapoliert und halten somit dem Leser den Spiegel direkt ins Gesicht. UnabhĂ€ngig von diesen zeitkritischen Komponenten findet sich am Ende einer Reihe Texte eine zu ĂŒberzogene, zu stark belehrende Moral. Aus der Distanz von mehr als dreihundertfĂŒnfzig Jahren ermĂŒdet diese sehr zielgerichtete Vorgehensweise. Es empfiehlt, die teilweise fast anekdotenkurzen Geschichten nicht in einem Tusch zu lesen, sondern durchaus zwischen den einzelnen Texten lĂ€ngere Pausen zu machen. Die meisten Charaktere sind ganz bewusst eindimensional charakterisiert worden. Damit soll eine zu große Identifizieren mit dem Schicksal der Charaktere verhindert werden und die aufgetragenen Botschaften eine gewisse AllgemeingĂŒltigkeit erhalten. Das nimmt einer Reihe von Texten ihre EffektivitĂ€t, ein heutiger Leser verfolgt das Geschehen eher belustigt als interessiert. Trotz dieser SchwĂ€chen zeigen eine Reihe der hier versammelte Storys ĂŒberraschende AnsĂ€tze, die Plots sind insbesondere in Hinblick auf ihrer doch im Kern allzumenschlichen ĂŒbernatĂŒrlichen Wesen originell konzipiert. Das Themenspektrum ist ungewöhnlich breit. Vielleicht wĂ€re es - wie dem Band mit drei sehr unterschiedlichen russischen Geschichten oder den argentinischen ErzĂ€hlungen - sinnvoller gewesen, Texte aus unterschiedlichen Epochen und verschiedener Autoren in einem Band zusammenzufassen. So ist der Einblick insbesondere in die chinesische Phantastik eher begrenzt, aber trotzdem lohnenswert.

PÂŽu Sung _ling: "Gast Tiger "
Anthologie, Hardcover, 101 Seiten
Edition BĂŒchergilde 2008

ISBN 9-7839-4011-1210

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