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Die Bibliothek von Babel



Edgar Allan Poe

Der entwendete Brief

rezensiert von Thomas Harbach

Der zwanzigste Band der „Bibliothek von Babel“ besteht aus einer Kriminalgeschichte und gruseligen Storys Edgar Allan Poes, welche der Amerikaner in seiner produktivsten Phase zwischen 1840 und 1845 verfasst hat. Bei der Auswahl der Texte hat Borges Wert darauf gelegt, das thematische Spektrum Poes Schaffens möglichst breit darzustellen. In seinem kurzen, aber in diesem Fall sehr informativen Vorwort geht Borges auf Poes Jugend ausführlicher als viele andere Anthologien ein. So kam Poe 1809 als Kind wandernder Schauspieler zur Welt. Seine Eltern starben früh und ein einflussreicher Geschäftsmann namens John Allan nahm sich Poe an. In seiner Jugend lebte er mit seinen Adoptiveltern unter anderem in England. Mit knapp achtzehn Jahre kehrte Poe nach Amerika zurück, verdingt sich ab 1827 in der amerikanischen Armee und wurde dort kurze Zeit später während seines Studiums in der Militärakademie von West Point unehrenhaft aus der Armee entlassen. Schon zu dieser Zeit hat er einige Gedichte und Texte veröffentlicht. 1835 heiratete Poe seine erste dreizehnjährige Cousine Virginia Clemm, die zehn Jahre später an Schwindsucht verstarb. In der Dekade seiner Ehe verfasste Poe den Großteil seines Werkes, obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon Alkohol- und Spielsüchtig gewesen ist. Mit „Arthur Gordon Pym“ nahm Poe 1838 Elemente von Hermann Melvilles realistischem „Moby Dick“ vorweg, seine klassische Detektivfigur Dupin ist ein Vorbild für Sherlock Holmes und mit seinen Gruselgeschichten hat Poe vor allem Hodgson beeinflusst. 1849 verstarb Edgar Allan Poe an seiner Alkoholsucht. Wie nicht selten haben die schwierigen Lebensumstände das Werk eines Dichters geprägt. Viele seiner Ängste und Neurosen sind in dessen auch heute noch lesenswerte und Bahnbrechende Texte eingeflossen.

„Der entwendete Brief“ ist die dritte Geschichte um den Ermittler Dupin. Er ist schon in Poes berühmter Novelle „Morde in der Rue Morgue“ sowie in „Das Geheimnis der Marie Roget“ aufgetreten. Der Präfekt der Pariser Polizei bittet den privaten Ermittler Dupin um Hilfe. Ein Brief mit einem sehr delikaten Inhalt ist einer hochgestellten Persönlichkeit gestohlen worden. Der Dieb ist bekannt, es ist ein nicht weniger bekannter Minister. Nur konnte die Polizei bei Hausdurchsuchungen das Beweisstück nicht auffinden. Am Leib trägt der Minister den Brief auch nicht. Dupin findet das Schriftstück im Handumdrehen und belehrt den Präfekten über seinen einflussreichen Freund, den Ich- Erzähler der Novelle. Schon von der Struktur her zeigt sich der Einfluss auf Doyles Holmes Geschichten. Zum einen der Ich- Erzähler, welcher durchaus als Alter Ego und Stichwortgeber für den überforderten Leser durchgehen kann. Dann die überforderte, aber arrogante Polizei, welche Hilfe suchend den mit modernsten Methoden arbeitenden Detektiv aufsucht und natürlich Dupin selbst, der im Grunde die Holmes Methode vom Ausschluss aller Möglichkeiten auf den Punkt genau in dieser Geschichte erfindet. Schon während der Präfekt ihm berichtet, weiß der Detektiv, wo er mit seiner Suche beginnen muss. Wie Holmes braucht er den Tatort nur aufsuchen, um sich seine Vermutungen bestätigen zu lassen. Im Gegensatz allerdings zu Holmes interessieren ihn in erster Linie neben der intellektuellen Befriedigung die monetären Aspekte des Falls – die Rückgabe des Schriftstücks wird von einer außerordentlich hohen Belohnung begleitet. Dupin steht in seiner Exzentrik und Brillanz Sherlock Holmes in nichts nach, bzw. nimmt dessen markante Charakterzüge vorweg. Im Gegensatz allerdings zu dem spannungstechnisch überlegenen Erzähler Doyle macht Poe den Fehler, seine Leser nicht nur belehren zu wollen, er will sie mit Dupins – stellvertretend für den Autoren – Wissen als dumm dastehen lassen. Bis der Detektiv die Lösung präsentiert, muss der Leser/ Zuschauer eine Reihe von Monologen über sich ergehen lassen. Der Detektiv raucht während seiner Vorträge eine Meerschaumpfeife! Dupin wird von Poe zu distanziert, um nicht sogar von entrückt zu schreiben, charakterisiert, er wirkt nicht sympathisch, sondern arrogant. Unabhängig davon ist die Lösung, welche Poe präsentiert, überzeugend und logisch nachvollziehbar aufgebaut. Der Leser wird die Geschichte allerdings kein zweites Mal zur Hand nehmen, da er die Auflösung schon kennt und der Weg dorthin zu ausführlich und zu steif ist.

Die zweite Story der Sammlung „Das Manuskript in der Flasche“ wirkt wie eine Fingerübung für seinen populären Roman „Arthur Gordon Pym“, den wiederum Jules Verne in seinem Werk „Die Eissphinx“ fortsetzte. Der finanziell unabhängige Erzähler und Schreiber der Nachricht in einer aufgefundenen Flaschenpost schifft sich zu Beginn seines Berichts von Batavia aus auf einem Segler ein, der wenige Tage in einem mysteriösen Sturm zu einem kaum schwimmfähigen Wrack zerschlagen wird. Die einzigen Überlebenden sind ein alter schwedischer Seemann und der Erzähler, die von einem Geisterschiff, einem fliegenden Holländer aufgenommen werden. Den ersten Teil der Geschichte bestimmt das Leiden seines Protagonisten nach dem Schiffbruch. Durstig und hungrig treiben die beiden Männer auf der jetzt sich wieder beruhigen See. Poe gelingt es sehr überzeugend, die Seefahrerromantik zu relativieren und atmosphärisch düster die Gefährlichkeit der unwägbaren See herauszuarbeiten. Der zweite Teil der kurzweilig zu lesenden Novelle besteht ausschließlich aus den Erlebnissen an Bord des Geisterschiffs. In seinen Aufzeichnungen behauptet der Autor, noch bei klarem Verstand zu sein. Aufgrund seines Leidens auf der offenen See bezweifelt nicht nur der Leser diese Aussage. Poe lässt offen, ob es sich bei dem Geisterschiff um eine wirkliche Erscheinung oder eine Wahnvorstellung handelt. Auch das Ende der Novelle ist frustrierend offen. Stimmungstechnisch sehr solide geschrieben überträgt Poe die Saga vom fliegenden Holländer in seine Gegenwart des 19. Jahrhunderts. Sicherlich hat die Geschichte nicht nur Hodgson, sondern teilweise auch H.P. Lovecraft und sein Cthulhu Werk beeinflusst, wenn auch Lovecraft die übernatürlichen Elemente in seinen Geschichten explizierter ausarbeitet.

Die dritte Geschichte geht in den spirituellen Bereich. In „Der wahre Sachverhalt im Falle Valdemar“ setzt sich der Ich- Erzähler mit dem Mesmerismus auseinander. Anscheinend wirkt sich dieser nicht bei sterbenden Menschen aus, bis ein Wissenschaftler seine Untersuchungen bei seinem unter Schwindsucht leidenden Freund Ernst Valdemar beginnt. Da dieser den Zeitpunkt seines Todes sehr gut bestimmen kann, verabreden die Freunde, dass der Wissenschaftler im Augenblick des Todes sein Experiment starten darf. Die Geschichte ist in seinem sehr nüchternen, distanzierten Stil geschrieben. Trotz ihrer Kühle werden die einzelnen Figuren ungewöhnlich überzeugend charakterisiert und der Schrecken gewinnt dadurch eine schier erdrückende Dimension. Sehr subtil glaubt der Leser zu Beginn den nüchternen Bericht eines Forschers, eines Arztes zu lesen, bevor er unmittelbar in das Geschehen hineingezogen wird. Wie kaum ein zweiter Autor seiner Zeit insbesondere auch im Vergleich zu Hawthorne einige Jahre früher gelingt Poe aus dem Nichts heraus Alptraumwelten zu erschaffen, die sich erst in der Phantasie seiner Leser zusammenfügen.

Der folgende Text „Der Mann in der Menge“ enthält übrigens wie auch „Die Grube und das Pendel“ keine phantastischen Elemente. Wie auch die Geschichten um den Ermittler Dupin, welche eindeutig in Paris und der Umgebung der französischen Hauptstadt spielen, gibt Poe hier den Handlungsort vor: London. In vielen anderen seiner Texte bleibt der Schriftsteller ganz bewusst vage, wie er auch selten vollständige Namen seinen Protagonisten gibt. Der Ich- Erzähler beobachtet in einem Cafe in London die an ihm vorbeiströmenden Menschen, bis er schließlich einen alten Mann in der Menge erkennt, welcher wie eine Maske in seinem ausdrucksstarken Gesicht Züge der Bosheit trägt. Der Erzähler interpretiert zusätzlich noch Herzenskälte und Bosheit in den Mann hinein, während er ihm durch die vollen Straßen einem unbekannten Ziel entgegen folgt. Poe baut in seinem stringenten, aber nicht zufrieden stellenden Plot einzig auf die Phantasie seiner Leser. In ihren Gedanken muss sich das Bild dieses alten Mannes vervollständigen, sonst funktioniert die Geschichte nicht. Zu seinen markantesten Texten gehört natürlich „Die Grube und das Pendel“. Der Ich- Erzähler ist von der Inquisition verhaftet und gefoltert worden. Er ist geschwächt und wacht in einem dunklen Verließ auf. Auf der einen Seite will er nicht auf die nächste Massenhinrichtung warten und sehnt einen schnellen Tod herbei, auf der anderen Seite allerdings beginnt sein Geist sich aus dem Delirium der Folter mehr und mehr zu befreien. Er widersetzt sich den sadistischen Spielen seiner Folterknechte und entkommt zumindest auf den ersten Blick zwei perfiden Fallen. Mit sadistischen Details und einem schwarzen Humor beschreibt Poe die schrecklichen Qualen seines Protagonisten, welcher im Grunde im Verlaufe der knapp einunddreißig Seiten starken Geschichte drei Tode sterben könnte. Unabhängig von der nihilistischen Atmosphäre erweist sich sein Protagonist im Gegensatz zu vielen schwächlichen Figuren, welche Poe erfunden hat, als Kämpfer, dessen Geist angegriffen, aber nicht gebrochen ist. Das Ende wirkt überstürzt, ist aber in seiner positiven Konsequenz nur folgerichtig. In kaum einer anderen Geschichte Poe zeigt sich dessen Fähigkeit zur Verdichtung so konsequent und zweckdienlich wie im vorliegenden Text. Liest man den Text zum wiederholten Male, ist es interessant, dass sich die meisten Verfilmungen nur auf zwei der drei Foltermethoden –beide im Titel erwähnt – konzentrieren, während die brennenden Wände keine signifikante Rolle auf der Leinwand oder im Fernsehen spielen. Das Ende ist allerdings überstürzt und wirkt ein wenig zu unbeholfen konstruiert.

Wie schon eingangs beschrieben repräsentieren die hier versammelten fünf Geschichten – eine morbide lyrische Ballade hätte der Sammlung sicherlich gut gestanden – im Grunde weite Teile von Edgar Allan Poes Werk. Das Spektrum reicht von der geradlinigen Kriminalgeschichte über seine kritischen, aber pointiert geschriebenen Satiren bis zur Texten, in denen der Wahnsinn schon erfolgreich nach seinen Figuren gegriffen hat. Wer sich intensiv mit Poes Leben und Werk beschäftigt, wird sicherlich viele bekannte oder sogar bekanntere Texte vermissen, aber im Zuge der Bibliothek von Babel mit dem Vater des Kriminalromans und der modernen Horrorgeschichte mit diesem Band mehr als Genüge getan.

Edgar Allan Poe: "Der entwendete Brief"
Anthologie, Hardcover, 133 Seiten
Edition Büchergilde 2008

ISBN 9-7839-4011-1203

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