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Die Bibliothek von Babel



Giovanni Papini

Der Spiegel auf der Flucht

rezensiert von Thomas Harbach

Borges selbst gibt in seinem Vorwort zum neunzehnten Band der „Bibliothek von Babel“ freimütig zu, dass er die Geschichte Giovanni Papinis als Jugendlicher gelesen und schnell wieder vergessen hat. Trotzdem ist sein Einfluss insbesondere auf den deutschen Expressionismus deutlich spürbar. Papini ist am 09. Januar 1881 in Florenz geboren worden. Nach dem Studium gründete er die programmatische futuristische Zeitschrift „Lacerba“. Wenige Jahre später wandte sich Papini betrachtet man seine hier vorliegenden Texte eher überraschend dem katholischen Glauben zu und arbeitete bis zu seinem Tod 1956 als gefeierter Gelehrter. Die hier versammelten Texte sind von Autoren wie Edgar Allan Poe sicherlich geprägt worden. Aber wie kaum ein anderer phantastischer Autor geht er in seinen Arbeiten auf die inneren Widersprüche des Menschen ein und arbeitet dessen Potential zur Selbstzerstörung intelligent und vor allem diskussionswürdig heraus.


In der ersten Geschichte der Sammlung setzt sich Giovanni Papini mit dem klassischen Motiv des Doppelgängers, des zweiten Ichs auf originelle Weise auseinander. Der Erzähler kehrt nach vielen Jahren in die kleine Kreisstadt aus der hektischen Großstadt zurück, in welcher er viele Jahre gelebt hat. Er sucht die ihm bekannten Orte auf. Unter anderem einen kleinen abgeschiedenen Garten mit einem Teich. Dieser ist verwahrlost, voll abgestandenem Wasser und abgefallenen Blättern. Im Wasser spiegelt sich sein eigenes Gesicht, nur viele Jahre jünger. Der Erzähler beginnt eine Diskussion mit seinem sieben Jahre jüngeren Ich. Papini arbeitet sehr schön die Unterschiede zwischen den beiden Protagonisten heraus, die sich leicht auf alle Menschen übertragen lassen. Die im Leben gemachten Erfahrungen verändern die eigenen Ansichten oft nur impliziert, aber spürbar. Es ist unmöglich, den eigenen Weg zurückzugehen und die gemachten Erfahrungen mit der Weisheit des fortgeschrittenen Alters noch einmal zu wiederholen. Auf der einen Seite zeichnet der Autor das Bild eines naiven, vom Erzähler fast lächerlich gemachten Ichs, auf der anderen Seite wird allerdings der Erzähler, das ältere Ich, mehr oder minder in den Bann geschlagen und kann sich schließlich nur mit Gewalt retten. Ob diese Begegnung wirklich stattgefunden hat oder nur Teil eines schlechten Traums, einer Einbildung ist, lässt Papini offen. Insgesamt eine unterhaltsame Geschichte mit überdenkenswerten Ideen, sie enthält allerdings keine phantastischen Elemente. Sprachlich sehr ansprechend, atmosphärisch dicht gelingt es dem Autoren, den äußerlichen wie auch später innerlichen Zerfall in einfache, aber eindrucksvolle Worte zu fassen. Erst am Ende des Textes erkennt der aufmerksame Leser, dass der Zerfall dieser kleinen Kreisstadt in einem engen Zusammenhang mit den inneren Veränderungen des Erzählers steht.

Einen bitterbösen und folgerichtigen Schritt weiter geht die zweite Geschichte „Eine völlig absurde Geschichte“. In diesem Fall schreibt wiederum der Ich- Erzähler und Misanthrop seine Memoiren. Es scheint sich bei ihm um eine bekannte Persönlichkeit zu handeln. Es klopft mehrere Tage nacheinander zaghaft an die Tür. Am dritten Tag tritt der Fremde unaufgefordert ein und präsentiert dem Ich- Erzähler sein Lebenswerk, einen erfundenen Roman. Entweder macht ihn der Erzähler innerhalb eines Jahres berühmt oder der junge Mann will sich sofort umbringen, falls ihm das Buch missfiele. Als dem Erzähler das Werk vorgelesen wird, erkennt er ungeschminkt seine eigene Lebensgeschichte. Sie unterscheidet sich stark von seinen verlogenen eigenen Memoiren. Erst fühlt er sich brüskiert, dann sucht er verzweifelt einen aus der Sicht des Menschenfeindes nur folgerichtigen Ausweg. Wie in der ersten Geschichte weiß der Leser nicht, ob es sich um einen phantastischen Zufall oder die Manifestation eines schlechten Gewissens handelt. Im Vergleich zu ersten Story konzentriert sich Papini weniger stark auf die Umgebung, diese wird auf das Wesentliche reduziert, sondern in erster Linie auf den Ich- Erzähler. Verdammte er in „Zwei Erscheinungen im Wasserbecken“ sein jüngeres Ich als naiv, belügt er in der zweiten Geschichte nicht nur seine Umwelt, sondern in erster Linie sich selbst. Giovanni Papini hat hier nicht nur eine lesenswerte Allegorie über das Sinn des Lebens und vor allem die eigene Einstellung dazu geschrieben, sondern entlarvt die eitlen Selbstbetrüger als Narren, die sich ihr eigenes Grab schaufeln. Thematisch passt eine in der Sammlung weiter nach hinten veröffentlichte Geschichte „Der Seelenbettler“ sehr gut. Ein junger ehrgeiziger Schriftsteller ist mit seinem Dasein und seiner kargen Existenz nicht mehr zufrieden. Er möchte ein Meisterwerk schreiben. Grundlage soll die Lebensgeschichte des ersten Menschen sein, dem er begegnet. Der erste Passant, dem er begegnet, erzählt ihm sein derartig belangloses und geplantes Leben, das es sowohl dem Erzähler als auch dem Leser graust. Mit bösartigen Spitzen nimmt der Autor Papini das geordnete Leben der Beamten und der Spießer auf die Schippe. Er hält diesen durchschnittlichen Menschen den Spiegel ihrer belanglosen, emotionslosen und vor allem gesichtslosen Existenzen mitten ins Gesicht und hinterlässt einen nachhaltigeren Eindruck mit seinem Appell an das vielleicht nicht erfolgreiche, aber zumindest gespürte Leben eines freien Geistes als schon in „Eine völlig absurde Geschichte“.

Einen Schritt als die ersten beiden Geschichten weiter geht „Ein geistiger Tod“. Der Ich- Erzähler verfolgt die ungewöhnliche Theorie, dass die meisten Tode in Wirklichkeit Selbstmorde sind. Die Opfer hätten nicht den Willen gehabt, sich gegen den Tod zu wehren. In einem gebrauchten Buch, das er aufgrund der an die Seiten gekritzelten Hinweise kauft, findet er geistige Ergüsse eines Verwandten Geistes. Dieser will den umgekehrten Weg gehen, sich kraft seines Geistes töten. Faszinierend sucht er den Menschen auf und verfolgt seinen Niedergang. „Ein geistiger Tod“ könnte im übertragenen Sinne eine Allegorie auf den Niedergang der Literatur sein. Immerhin finden sich die Randbemerkungen ausgerechnet in Dostojewskis „Besi“. Im klassischen Sinne ist es eine dunkle, nihilistische Geschichte, durchaus von Poe beeinflusst und ein Vorläufer zu den Werken, welche Lovecraft später geschrieben hat. Der Lebensüberdruss, welcher schließlich zu einem willentlichen Ableben führt, spiegelt die dekadente Oberschicht vor dem Ersten Weltkrieg etwas verzerrt, aber durchaus treffend wieder. Im Vergleich zu seinen ersten beiden hier versammelten Geschichten bemüht sich Giovanni Papini, seine exzentrischen Figuren etwas dreidimensionaler, aber leider nicht zugänglicher zu charakterisieren. Das Thema Selbstmord durchzieht die Literatur ja seit vielen Jahrhunderten, aber Papini hat in der hier vorliegenden Geschichte viele Thesen einfach auf den Kopf gestellt und kommt mit seiner im Grunde absurden Idee durch.

„Der letzte Besuch des kranken Gentleman“ ist eine schwierig zu greifende Geschichte. Im Grunde ist es nur ein Fragment, das dem Leser sehr viele Möglichkeiten der Interpretation anbietet. Der Ich- Erzähler erhält Besuch von einem Bekannten, den er als kranken Gentleman bezeichnet. Bei diesem letzten Besuch sieht sich der kränklich aussehende Mann als real gewordenen Traum, er ist in eine andere Daseinsebene übergewechselt. Handlungstechnisch stellt der Text eine interessante Variation des „geistigen Todes“ dar. Allerdings sind die Folgen viel undurchsichtiger und vor allem beschreibt Papini sein Leben als grausam. Düstere Bilder entwirft der Autor, allerdings hat man das Gefühl, als wäre dieser Text nur Bestandteil eines umfangreicheren Werkes gewesen. Thematisch ist „Ich will nicht länger der sein, der ich bin“ eine weitere Variation der Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich dar. Während der Ich- Erzähler in „Zwei Erscheinungen in einem Wasserbecken“ sein jüngeres Ich nicht mehr ertragen kann, fühlt sich der Erzähler dieser Geschichte in seiner Haut nicht mehr wohl, die Umgebung ist ihm lästig und langweilig geworden. Die einzige Alternative sieht er nicht darin, sein bisheriges Leben zu verändern – in keiner der Papini Storys kann der Erzähler diese Barriere wirklich überwinden - , sondern sein Leben zu beenden. In dieser geballten Form ist die pessimistische Welt schier erdrückend und in einer Geschichte nach der anderen sucht der Autor im Grunde nur nach neuen Wegen, die Existenz erst zu entmenschlichen und dann zu vernichten. Dabei erfolgt die Zerstörung immer aus dem Inneren heraus, es sind niemals Akte der Gewalt oder des Krieges, welche die Menschen in seinen Geschichten töten. Die Auflösung des Plots ist auf den ersten Blick zu simpel, aber ist selten von anderen Autoren verwandt worden. Das macht die kurzweilige Geschichte lesenswert, auch wenn die fehlende nuancierte Charakterisierung seiner Protagonisten Papinis Werk auf den ersten Blick trivialer und oberflächlicher erscheinen lässt als die Geschichten wirklich sind. „Wer bist Du?“ könnte der Vorläufer einer Reihe von Gruselgeschichten sein, in denen ein unscheinbarer Mensch plötzlich nicht mehr von seiner Umwelt erkannt wird. Giovanni Papini variiert dieses Thema ein wenig. Der Leser denkt augenblicklich an einen frühzeitigen Tod und eine Seelenwanderung. Dem ich- Erzähler fällt sein Verschwinden nur auf, weil er an zwei Tagen nacheinander keine Zeitung und keinen einzigen Brief mehr erhält. Am Abend sucht er seine Freunde auf, die ihn ebenfalls nicht wieder erkennen. Alle behandeln ihn wie einen Fremden. Am Ende der Geschichte liefert der ich- Erzähler stellvertretend für den Autor keine rechte Erklärung ab. Er versucht zwar aufzuzeigen, wie fragil das Leben an sich ist, aber er schließt handlungstechnisch nicht den Kreis. Der Erzähler ist zwar aus seiner selbst gewählten Isolation hinter Zeitungen und Briefen ausgebrochen, aber in seinem neuen „Leben“ wirkt er misstrauischer und schwermütiger. Das Unerklärliche hat Spuren hinterlassen. Das sehr offene und vor allem keine der aufgeworfenen Fragen beantwortende Ende negiert den interessierten Eindruck, welche das Ausgangsszenario hinterlässt.

Ein weiteres Thema in Papinis Geschichten ist die Freundschaft – entweder die ehrliche von Herzen kommende oder die erzwungene. Der Freund des Erzählers ist einen Tag vor seinem 34. Geburtstag rastlos. Er hat das gleiche Alter wie Jesus Christus erreicht und nichts Großes vollbracht. Da auch sein Freund noch nichts im Leben erreicht hat, will er sich für den Erzähler quasi opfern, ich motivieren, mehr aus seinem Leben zu machen. Wie auch in einigen anderen der hier gesammelten Geschichten – siehe „Der Seelenbettler“ und „Eine völlig absurde Geschichte“ – ist es dem Autoren wichtig, die Stellung des Menschen nicht nur in seiner Umwelt, sondern vor allem in Hinblick auf sein eigenes Leben zu untersuchen. Dabei sind seine Erkenntnisse erschütternd. Viele Menschen übertreiben und lügen in Hinblick auf ihre eigene Historie, andere Menschen haben und werden niemals etwas erleben. Diese tiefe Sinnkrise durchzieht Papinis Werk wie ein dicker roter Faden. Es ist daher nicht überraschend, das er sich wenige Jahre später zum katholischen Glauben bekannt hat und in der Kirche einen neuen Halt in seinem unsteten und anscheinend nach seinen Texten zu urteilen nicht zufrieden stellenden Leben gesucht hat. In der Titelgeschichte „Ein Spiegel auf der Flucht“ greift der Autor das alte Tage von „Carpe Diem“, ergreife den Tag auf. Ein Fremder spricht den Erzähler auf einem Bahnhof an und zählt die Segnungen des Fortschritts auf. Der Erzähler möchte dagegen am liebsten die Zeit festhalten. Die sehr kurze Story zeichnet ein melancholischer Grundton aus, welcher konform mit den schon angesprochenen Themen geht. Ein Mensch, der bislang im Gegensatz zur Zivilisation nichts aus dem eigenen Leben gemacht hat, hat eine realistische Chance – aus Verzweifelung Selbstmord zu begehen – oder einen phantastischen Traum – die Zeit anzuhalten, um intellektuell und karrieretechnisch aufzuholen. Als Allegorie ist die Geschichte allerdings zu offen, zu angreifbar im Vergleich zu anderen Arbeiten dieser Sammlung. Die letzte Story „Der nicht zurückerstatte Tag“ ist von der Struktur her ein modernes Märchen. Der Erzähler verbringt seine Zeit gerne mit alten Prinzessinnen. Obwohl ihre Epoche längst abgelaufen ist, können sie ihm zumindest interessante Geschichten erzählen. Als die Erzählerin – ein Novum dieser Sammlung – noch 21 Jahre alt gewesen ist, bat ein alter Mann sie um die Leihgabe eines Lebensjahres für seine kranke Tochter. Sie solle aber die geliehene Zeit bis auf den letzten Tag zurückerhalten. Eine tragische, dunkle Geschichte, welche wahrscheinlich auch Michael Ende zu seinen „Zeitdieben“ in Momo inspiriert haben könnte. Im Vergleich zu den anderen sehr offenen Storys beendet Papini sein Werk auf einer vorhersehbaren nihilistischen Note. Es gelingt ihm aber in diesem Märchen, trotz seiner Kürze einzigartig Charaktere zu erschaffen, welche trotz der absurd phantastischen Prämisse im Gedächtnis des Lesers verbleiben.

Giovanni Papini ist nicht – wie Borges zugegeben hat – ein Autor, dessen Werk gelesen und dann wieder vergessen ist. Die Grundstimmung seiner Texte ist fatalistisch melancholisch. Der in allen Geschichten dominierende Ich- Erzähler wirkt nicht zufällig wie ein Alter Ego Papinis. Oft ist dieser sehr passiv, in einigen deutlich emotionaleren Geschichten geschieht ihm etwas, auf das er reagieren muss. Die eigentlichen Texte sind weniger phantastisch, als surrealistisch. Papini setzt sich mit den Phänomenen des Alterns und der Zeit auseinander. Er spricht sicherlich eine ältere Leserschicht an. Als Autor verweigert er sich in fast allen Geschichten, allgemein gültige Lösungen zu präsentieren. Er bleibt vage und gibt seinen Lesern die Möglichkeit, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Obwohl die Texte im 19. Jahrhundert spielen, verzichtet der Autor auf differenzierte Hintergrundbeschreibungen. Seine Figuren bestimmen sich in erster Linie bis auf den Ich- Erzähler durch ihre Handlungen. Stimmungstechnisch setzt Papini viele Ideen Edgar Allan Poes in märchenhaften Allegorien fort. Er bemüht sich, einen den Menschen unangenehmen Punkt zu finden und beginnt dann seine Theorien zu entwickeln. Die Texte sind im Grunde zeitlos, manche erscheinen in unserer heutigen Konformität anstrebenden Gesellschaft aktueller als während ihrer Entstehung. Eine wunderschöne Sammlung eines Autoren, der zu Unrecht von der Zeit vergessen worden ist. Borges hat ihn aus der Versenkung mit der Integration in die „Bibliothek von Babel“ gerettet und damit zumindest vorläufig die größte Angst des Autors ein wenig zur Seite geschoben. Mit seinem Leben und Werk keine Spuren auf unserer Welt zu hinterlassen.

Giovanni Papini: "Der Spiegel auf der Flucht"
Anthologie, Hardcover, 132 Seiten
Edition Büchergilde 2008

ISBN 9-7839-4011-1197

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