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Die Bibliothek von Babel



Arthur Machen

Die leuchtende Pyramide

rezensiert von Thomas Harbach

Arthur Machen bezeichnet sich selbst nicht als Waliser. Obwohl er 1863 in Wales geboren worden ist. Er sieht sich als Kelten, als einen Ur Briten, der noch nicht von den zahlreichen Eroberern verdorben worden ist. Machen wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Nach dem Studiun schrieb er Essays, Kurzgeschichten und eine Reihe von mystischen Romanen. Dabei griff er immer wieder auf die alten keltischen Sagen zurück und ließ seine Figuren die Schrecken und Wunder der Vergangenheit wieder erleben. Zu seinen herausragenden Arbeiten gehört die Novelle „The Bowman“, in welcher er Bogenschütze in eine der frühen Schlachten des Ersten Weltkriegs eingreifen lässt. Er übersetzte das Werk Rabelais ins Englische. Machen inspirierte unter anderem H.P. Lovecraft zu seinem Cthulhu Mythos. In den frühen neunziger Jahren sind einige seiner Werke im Piper- Verlag erschienen. Borges selbst weist in seinem Vorwort nicht nur auf die zahlreichen Autoren hin, welche Machens Werke inspirierte, er sieht in ihm einen der wenigen romantischen Phantasten, welche die reichhaltige Sagenwelt des ursprünglichen Britanniens bzw. Keltenreiches effektiv und gezielt in seinen zum Teil auch reinen Kriminalgeschichten eingesetzt hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg verstarb Machen 1947 in Cardiff.

Zwei der drei Geschichten stammen aus dem Episodenroman „Botschafter des Bösen“. Da Arthur Machen auf eine stark auf Erzählungen innerhalb von Erzählungen Struktur zurückgreift, stören diese Auszüge weniger als auf den ersten Blick gedacht. Allerdings ist es enttäuschend, wenn in England eine dreibändige Ausgabe mit seinen besten Weird Geschichten inzwischen vorliegt und Borges für seine Einführung zwei Geschichten aus einer Episodenroman entnommen hat, anstatt die ganze Bandbreite seines Schaffens zu demonstrieren. Wie auch im zweiten Text – „Die Geschichte vom weißen Pulver“ – ist die Ich- Erzählerin der Auftaktstory „Die Geschichte vom schwarzen Siegel“ eine junge Frau. Im Vergleich allerdings zu klassischen Geschichten in der Ich- Perspektive verfasst gelingt es Arthur Machen mit einem fast böswilligen Trick, die Erwartungshaltung des Lesers zu untergraben. Er ist nicht dank der Ich- Erzählerin bis zum zynischen Ende auf der Höhe des Geschehens. Der Leser lernt erst die junge, verarmte und Selbstmord gefährdete Frau kennen, die kurz vor ihrer Verzweifelungstat eine Anstellung vom Ethnologen Professor Gregg findet. Sie ist nicht nur die Gouvernante seiner Kinder, sondern dank ihrer etwas exzentrischen Ausbildung ausschließlich in der exquisiten Bibliothek ihres früh verstorbenen Vaters gerade zu prädestiniert, den Professor bei seinen Forschungen zu unterstützen. Nachdem dieser eine wissenschaftliche Schrift abgeliefert hat, widmet er sich einer phantastisch anmutenden These. Ein schwarzer wie ein Siegel aussehender Stein steht dabei im Mittelpunkt seiner Theorien. Er ist mit einer unbekannten Keilschrift versehen und in seiner unmittelbaren Umgebung verschwinden spurlos Menschen. Wie es sich für eine Reihe viktorianischer Texte gehört, ist insbesondere die Exposition schwerfällig und hat am Ende mit dem eigentlichen Plot wenig zu tun. Insbesondere die Vorstellung der Ich- Erzählerin mit ihrer verzweifelten Situation, ihrem Verhältnis zu ihren Verwandten und ihrer verzweifelten Suche nach Arbeit wird nach der ersten Begegnung mit dem sympathischen Gregg ad absurdum geführt. Hätte sie sich in die Dienste eines Widerlings begeben, wäre diese ausführliche Einleitung verständlich gewesen. Aber Gregg hinterlässt beim Leser den Eindruck eines typischen Forschers, ein wenig weltfremd, aber ohne Furcht seinen Theorien folgend. Bis zum bitteren Ende. Im Verlaufe der Geschichte allerdings zeigt sich, dass Arthur Machen insbesondere mit einer stimmigen, immer dunkler werdenden Atmosphäre, dem Einstreuen von historisch verbürgten oder fiktiven Fakten und schließlich der offenen unbefriedigenden Auflösung den Leser in erster Linie zum Nachdenken bringen möchte. Ganz bewusst unterliegt am Ende des Textes die damals moderne Wissenschaft der Ethnologie dem Volksaberglauben. Sein Abschiedsbrief wirkt ein wenig zu pathetisch. Machen nimmt sich zu wenig Zeit, dessen gefährliches Selbstexperiment vorzubreiten und vor allem fehlen zum Teil die Bogenschläge zwischen den Volksglauben – Wechselbalgs, entführte Frauen – und seinem eigenen Schicksal. Als Autor gelingt es ihm aber erstaunlich gut, die stimmige nebulose und vom Aberglauben durchtränkte britische Landschaft vor den Augen seiner Leser entstehen zu lassen. Mit der Ich- Erzählern verfügt er insbesondere im Vergleich zu der doch etwas naiven Berichterstatterin der nächsten Geschichte über eine sympathische Figur, welche mit beiden Beinen auf dem Boden steht und der es mit ihrem nicht nur ihrem Zuhörer, sondern auch dem Leser stringent erzählten Erlebnis gelingt, beide in ihren Bann zu schlagen. Ein auch heute noch gut zu lesender Auftakt, dessen roter Faden von Autoren wie Tanith Lee aber auch Lisa Tuttle in ihren neueren Werken ideentechnisch wieder aufgenommen worden ist. Dagegen ist „Die Geschichte vom weißen Pulver“ nicht nur ein Vorläufer von diversen Gruselgeschichten sowie Franz Kafkas „Die Verwandlung“. Sondern vielmehr wird der ahnungslose Umgang mit medizinischen Stoffen entlarvt, der vielen Menschen das Leben kostet. Im Gegensatz auch zu Stevensons „Jekyll & Hyde“ Geschichte ist im vorliegenden Text das Opfer unschuldig. Ihm wird eine Medizin verschrieben, die durch unsachgemäße Lagerung verursachte strukturelle Veränderungen, dem Patienten auf ungewöhnliche Weise schadet. Er verändert sich erst zu seinem Positiven. Aus dem Stubenhocker wird ein aktiver junger Mann, der sich vergnügt, bevor sich sein Körper verändert. Machen gelingt es allerdings aufgrund der distanzierten Erzählstruktur – in den entscheidenden Abschnitten wird der Leser ganz bewusst vom Grauen abgeschnitten, um den aus heutiger Sicht nicht mehr originellen Überraschungseffekt effektiv einsetzen zu können – nicht, nicht, eine bedrohliche schicksalhafte Atmosphäre zu entwickeln. Ihm fehlt im vorliegenden Text Lovecrafts direkte Vorgehensweise. Auch das Machen das Vertrauen in die Götter in weiß nachhaltig zu erschüttern sucht, wird nur unterdurchschnittlich herausgearbeitet. Inhaltlich bietet die Geschichte nur aufgrund ihrer einleitenden Prämisse eine Alternative zu den Äonen von ähnlichen Monster-im-Menschen-Texten. Die Figuren sind auch weniger detailliert als in der ersten Novelle der Sammlung herausgearbeitet worden. Diese Distanz macht den Leser für ihr Schicksal unempfänglich, zumal Machen im entscheidenden Moment das Entsetzen der Protagonisten und der Leser nicht noch einmal steigern kann. Das Ende wirkt abrupt und zu einfach gestaltet. Insbesondere der Epilog mit dem Brief der Chemikers ist deplatziert, er hätte handlungstechnisch vor die letzte Entdeckung gestellt werden müssen, um die Spannungsschraube noch einmal anzuziehen. Die Erwartungshaltung der Leser noch einmal zu steigern.

In der letzten Geschichte der Sammlung- die Titelstory „Die leuchtende Pyramide“ – taucht der okkulte Detektiv Mr. Dyson auf. Eine Figur, die Arthur Machen in einer Reihe von Geschichten verwendet hat. Deutlich als ermittelnde Detektive wie Sherlock Holmes angelegt. Erstaunlicherweise nimmt die Geschichte Ideen aus der Novelle „Die Geschichte des schwarzen Siegels“. Im Vergleich zu den Ich- Erzählern der anderen beiden Texte ist Mr. Dyson die einzige wirklich aktiv agierende Figur. Er kann am Ende zwar das Rätsel lösen, aber in Hinblick auf die Konsequenzen der Tat ist er genauso hilflos. Die Lektüre von „Die Geschichte des schwarzen Siegels“ bereitet den Leser zu stark auf die Pointe vor. Es empfiehlt, sich die Lektüre dieser kleinen Kurzgeschichtensammlung mit dem letzten Text zu beginnen. Arthur Machen hat mit Dr. Dyson einen charismatischen Ermittler erschaffen, der mit trockenem englischem Humor, ungewöhnlichen Methoden und zumindest in der vorliegenden Geschichte sehr großem Mut zur Lücke seine Fälle bearbeitet. Stellvertretend für den Leser trägt Mr. Dyson seinem Freund seine Thesen vor. Dadurch wirkt die Geschichte länger als sie tatsächlich ist. Im Gegensatz zu den Protagonisten kennt der außen stehende Betrachter zumindest in groben Zügen die Auflösung des Plots und ist bei weitem nicht so überrascht wie die Protagonisten. In erster Linie überzeugt die nicht nur in der vorliegenden Story überzeugende Charakteristik des charismatischen Detektivs. Diese bügelt eine Reihe von plottechnischen Schwächen gut aus. Auch die Sherlock Holmes Geschichten Arthur Conan Doyles können nicht immer überzeugen. Einige Fälle sind mit fahrlässiger Oberflächlichkeit konstruiert worden. Aber selbst in diesen durchschnittlich bis schwachen Texten funktioniert wie bei Arthur Machen das Zusammenspiel der Charaktere oder wie im vorliegenden Fall das Zusammenspiel zwischen Detektiv und Leser. Die anderen Figuren in den beiden kürzen Texten sind teilweise zu eindimensional, zu statisch beschrieben worden. Ihre Handlungen kann Machen allerdings mit wenigen effektiven Sätzen und Gesten überzeugend darlegen. Die Atmosphäre ist dunkle stimmig, aber niemals nihilistisch. Auch wenn es für die übernatürliche Phänomene keine überzeugenden Erklärungen gibt und Machen sich an einigen Stellen eher in archaische Legenden als Fakten flüchtet, funktioniert diese Ambivalenz insbesondere bei den hier präsentierten Teilen des Episodenromans „Botschafter des Bösen“ ausgezeichnet.

Von der Struktur her ähneln sich alle drei Texte. Im Mittelpunkt steht ein Rätsel, das in keinem der Fälle abschließend und endgültig geklärt wird. Am Ende steht die Entdeckung der Vorgänge, die in zwei Fällen in Katastrophen enden. In der letzten Geschichte ist das Unglück – das Verschwinden des jungen Mädchens – schon gesehen und dieser Fall wird im Grunde als Nebenleistung mit aufgeklärt. Sehr eng verknüpft Arthur Machen seine phantastischen Geschichten mit der originären keltischen bzw. britischen Sagenwelt. Dabei werden die Feens wieder zu den Furcht erregenden heimtückischen Kreaturen, die sie vor Shakespeares Texten gewesen sind. Poul Anderson hat in seinen inzwischen leider nur noch antiquarisch erhältlichen nordischen Fantasy- Werken einen ersten Schritt unternehmen, insbesondere die Elfen zu amoralischen, mächtigen und den Menschen in seiner Existenz verachtenden Kreaturen zu machen. Lisa Tuttle folgte in ihren letzten Werken dieser Tradition. Mit Arthur Machen hat der Leser die Möglichkeit, die Wurzeln dieser heidnisch-phantastischen Entwicklung in drei auch heute noch gut lesbaren Geschichten kennen zulernen.

Arthur Machen: "Die leuchtende Pyramide"
Anthologie, Hardcover, 160 Seiten
Edition Büchergilde 2008

ISBN 9-7839-4011-1166

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