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Die Bibliothek von Babel



Leopoldo Lugones

Die SalzsÀule

rezensiert von Thomas Harbach

Leopoldo Lugones gilt als einer der einflussreichsten Dichter Argentiniens. In der Bibliothek von Babel veröffentlicht Borges eine Auswahl seines phantastischen Kurzgeschichten. In der vorletzten Story der Sammlung „Francesca“ kann sich der Leser allerdings auch von Lugones lyrischen FĂ€higkeiten ĂŒberzeugen, in den Plot sind verschiedene RĂ€tsel und moderne Gedichte integriert. Lugones selbst ist 1874 in der Provinz Cordoba geboren worden. Er hat als Lehrer und Journalist gearbeitet. SpĂ€ter ging er als Bibliotheksdirektor nach Buenos Aires. Lugones gilt als SchĂŒsselsautor Argentiniens. Im Rahmen der, der sich vor allem in der wechselhaften Geschichten der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts mit dem Gestern, dem Morgen und der Gegenwart beschĂ€ftigt hat. Politisch kann man ihn als ambivalent bezeichnen, im Verlaufe seiner 64 Lebensjahre hat er - wie das Land selbst - mehrmals die Fronten gewechselt. Vom Wesen her anscheinend melancholisch - dieser Geisteszustand fließt in die zweite und letzte Liebestragödie der Sammlung „Großmutter Julia“ sehr expliziert ein - hat er sich 1938 das Leben genommen. Auch wenn Borges davon spricht, den BegrĂŒnder der utopischen Literatur in Lateinamerika vor sich zu haben, stimmt diese These zumindest an Hand der vorliegenden Storys zu unterstreichen nicht ganz. Lugones benutzt utopische Ideen - Weltuntergang oder die Mad Scientist PrĂ€misse - , um die RĂŒckkehr zur ReligiositĂ€t und einem festen Glauben an Gottes Schöpfung zu propagieren und hĂ€lt dem Leser in Form seiner teilweise doch sehr exzentrischen Kreaturen den Spiegel ins Gesicht. Auch wenn Lugones Themen benutzt, welche auch H.G. Wells in seinen Romanen bevorzugte, zeigt sich die unterschiedliche Motivation der beiden Autoren in der Form ihrer AusfĂŒhrung. In erster Linie scheint Lugones aber Dichter gewesen zu sein. Wie Borges in seinem ausfĂŒhrlichen und interessanten Vorwort herausarbeitet, ist dessen Prosawerk nicht zu vernachlĂ€ssigen, aber in der Lyrik blĂŒhte er kritisch offensiv und melancholisch trostlos zu gleich auf.

In der ersten Geschichte der Sammlung möchte der Ich- ErzĂ€hler und Wissenschaftler Affen vom Sprechen ĂŒberzeugen. Er ist der Meinung, dass die Affen nur nicht sprechen, um nicht arbeiten zu mĂŒssen. AnfĂ€nglich von seinen Mitmenschen verlacht und zur Zirkusattraktion degradiert gelingt es dem Forscher in jahrelanger Arbeit, dem Affen einige wenige Buchstaben zu entlocken. Als er ihn nach einer Vorstellung jĂ€hzornig bestraft, zerbricht die Beziehung SchĂŒler- Lehrer mit fatalen Folgen. Das Ende ist ironisch pointiert und das einzige phantastische Element der Geschichte. Lugones zeigt den Wissenschaftler als Egoisten und Egomannen, der sich nur vordergrĂŒndig fĂŒr das anvertraute Tier interessiert. Das seine PrĂ€missen eher momentanen Launen als ernsthafter Forschung entsprechen, ist fĂŒr den Autoren nur ein willkommener Anlass, den schmalen Grad zwischen Genie und Wahnsinn zu untersuchen. Die soziologischen Kommentare – Sprache gleich Arbeit – sind dagegen eher oberflĂ€chlich und sinnfrei ĂŒber die Geschichte verteilt. Borges spricht in seinem Vorwort von „Der Feuerregen“ von einer der ersten argentinischen Utopien in der Tradition des Post Doomsday ErzĂ€hlungen eines H.G. Wells. Der Ich- ErzĂ€hler erlebt bis zum bitteren Ende einen feurigen Regen aus Kupfer, der schließlich die StĂ€dte vernichtet, die Existenz des menschlichen und tierischen Lebens beendet. Zwischen den Zeilen ist aber deutlich erkennbar, dass Lugones im Grunde die Geschichte Sodom und Gomoras neu erzĂ€hlt. Zu Beginn wird von dem sĂŒndigen und dekadenten Leben in den StĂ€dten erzĂ€hlt, am Ende spricht selbst der Ich- ErzĂ€hler von einem Strafgericht, ohne ein göttliches Wesen zu erwĂ€hnen. Dieser Text beinhaltet einige poetische Szenen - so reinigt sich der Ich- ErzĂ€hler vor seiner letzten Tat in einer Zisterne von allen weltlichen (?) SĂŒnden - und grĂ€ssliche Bilder typischer Katastrophentexte. Insgesamt sehr kompakt ganz bewusst mit nur wenigen Hintergrundinformationen versehen eine interessante, wenn auch von religiösen Motiven ĂŒberflutete und teilweise ein wenig zu pathetische Weltuntergangsgeschichte. Die Titelstory „Die SalzsĂ€ule“ nimmt das Motiv der zerstörten StĂ€dte wieder auf. Ein einsamer Mönch lebt seit vielen Jahren in Demut in einem vergessenen Kloster, bevor ihm eine machtvolle Aufgabe auf die Schultern gelegt wird. Im Vergleich zu den anderen Texten der Sammlung ist „Die SalzsĂ€ule“ sehr fragmentarisch und das offene Ende frustriert eher als das es eine Offenbarung darstellt. „Die Pferde von Abdera“ beginnt als Parabel und endet auf einem Mythos. Die stolzen Pferde wenden sich gegen ihre Herren und beginnen diese nicht nur zu töten, sondern ihre StĂ€dte zu zerstören. Unmittelbar vor der Niederlage der Menschen tritt ein anscheinend mĂ€chtigerer anderer Feind auf. Zu Beginn der Geschichte zeigt Lugones in prĂ€gnanten Bilder auf, wie sehr sich die Pferde durch die verhĂ€tschelnde Hand des Menschen von ihrem Ursprung entfernt haben. Anschließend entlarvt er die SchwĂ€chen der Menschen und zeigt zumindest kurzzeitig die Überlegenheit der Pferde. Exemplarisch verfolgt der Leser dank des Ich- ErzĂ€hlers das Entstehen eines GerĂŒchtes, die ersten Beweise, dann die Übertreibung und schließlich die blanke Panik mit teilweise absurden Meldungen. Das Ende der Parabel ist dann allerdings zu einfach gestrickt und entlĂ€sst den Leser nicht mit dem Eindruck, eine politische Geschichte gelesen zu haben, sondern einfach nur einem Mythos aufgesessen zu sein. „Ein unerklĂ€rliches PhĂ€nomen“ ist eine Verbeugung vor Edgar Allen Poe. Ein Reisender ĂŒbernachtet auf den Rat eines Freundes in einem Gasthaus und lernt den Besitzer kennen. Dieser beginnt ihm, seine Lebensgeschichte zu erzĂ€hlen und am Ende entdeckt der Leser zusammen mit dem Ich- ErzĂ€hler ein ĂŒberraschendes PhĂ€nomen. Leopoldo Lugones zeigt, dass er atmosphĂ€risch dicht eine im Grunde geradlinige, aber nicht sonderlich spannende Geschichte erzĂ€hlen kann. Mit der RĂŒckblendenstruktur innerhalb des Plots entfernt er den Leser noch einmal vom Geschehen und das Ende ist stimmungstechnisch unheimlich, ansonsten schlĂ€gt der Autor einen Bogen zur Auftaktstory „Yzur“, welche in dieser Hinsicht eher amĂŒsant als Furcht einflössend ist. Ein weiterer Autor, den Lugones Zeit seines Lebens bewunderte, ist Dante. „Francesca“ ist zwar keine göttliche Komödie, sondern eher eine menschliche Tragödie in Shakespeares Dimensionen, aber der Plot ist ungemein kompakt und Ă€hnelt „Der Schöne und das Biest“ . Im Vergleich zu den anderen Texten ist Lugones Stil deutlich schwungvoller und ausgefĂŒllter, der Plot selbst zu kompakt, um als Geschichte ĂŒberzeugen zu können.
Mit der letzten Geschichte der Sammlung „Großmutter Julia“ kommt Lugones endgĂŒltig bei Shakespeares Tragödien an. Großmuter und Neffe lieben sich seit vielen Jahren platonisch. Der Altersunterschied betrĂ€gt 20 Jahre, seit mehr als vierzig Jahren sind sie einander zugetan. Beide Menschen sind schĂŒchtern, introvertiert, die Großmutter reich und finanziell unabhĂ€ngig, der Neffe nach Beendigung seines Studiums im Ausland intellektuell geformt, aber emotional ein KrĂŒppel. Als sich die beiden schließlich ihrer GefĂŒhle bewusst werden, zerbricht die labile Lebens und Überlebensgemeinschaft. Eine melancholische Geschichte, in welcher Lugones ebenso wie in „Francesca“ Liebe wie Hass analysiert. Beide Texte beinhalten keine phantastischen Elemente, „Francesca“ ist mehr als dunkle Saga angelegt, wĂ€hrend „Großmutter Julia“ eindeutig die Tragödie dieser Sammlung ist. Die Charaktere sind mit liebevollen Details gezeichnet. Sie sind intelligent, aber auch exzentrisch. Insbesondere der Neffe wirkt wie ein Alter Ego des Autoren. Insgesamt eine sehr ruhige, aber eindringliche Geschichte, welche sich gegen die gesellschaftlichen Normen zu wenden sucht, aber keine Alternativen anbieten kann.

Die sieben Storys dieser Sammlung zeigen ein breites Spektrum von einer Weltuntergangsgeschichte mit religiösen Motiven bis zu einer tragischen Liebesgeschichte. Leopoldo Lugones ist ein Autor, der kraftvoll, sehr direkt schreiben kann, der allerdings einige der hier versammelten Texte durchaus hĂ€tte ausbauen können und sollen. Teilweise wirken sie insbesondere gegen Ende zu fragmentarisch, zu abrupt, als wolle der Autor plötzlich seine Gedankenmodelle vor dem Leser verschließen. Insbesondere „Feuerregen“ gehört zu den besten Storys der Sammlung. In ihr gelingt es Lugones, dem Untergang der Menschheit im Regen aus heißen KupferbĂ€llen ein bisschen tragische Schönheit abzuringen. Auch wenn Leopoldo Lugones zumindest in Europa nicht zu den Klassikern gezĂ€hlt werden kann, ermöglicht die Veröffentlichung seiner Geschichten im Rahmen der „Bibliothek von Babel“ ein erstes Herantasten an einen inzwischen selbst in der argentinischen Öffentlichkeit vergessenen Autoren, welcher dieses Schicksal so nicht verdient hat.

Leopoldo Lugones: "Die SalzsÀule"
Anthologie, Hardcover, 106 Seiten
Edition BĂŒchergilde 2007

ISBN 9-7839-4011-1159

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