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Die Bibliothek von Babel



Jack London

Die konzentrischen Tode

rezensiert von Thomas Harbach

Auf den ersten Blick ist die Integration Jack Londons in die phantastische Bibliothek von Babel eine Überraschung. Auf den zweiten Blick macht sie Sinn, denn “Die eiserne Ferse” - das letzte Mal in einer anderen Edition “Ozeanischer Bibliothek 1983” auf Deutsch erschienen - stellt einen der ersten politischen Science Fiction Romane dar. Auch in andere seiner Texte sind phantastische Elemente eingeflossen. Das J. L. Borges aber für die Präsentation Londons im Rahmen seiner Bibliothek von den fünf Geschichten nur zwei mit phantastischen Elementen ausgewählt hat, überrascht dann doch. Um keine Zweifel aufkommen zu lassen, auch oder besonders die drei klassischen Abenteuergeschichten sind packend und ungemein unterhaltsam, aber der Leser erfährt aus ihnen mehr über den Abenteurer Jack London als seine politische Ausrichtung.

Jack London ist 1876 als Sohn eines herumziehenden Astrologen in San Franzisko unter dem bürgerlichen Namen John Griffith geboren worden. Er lebte und überlebte in den gewalttätigen Vierteln an der Küste, zog als Goldsucher nach Alaska, war Soldat und Perlentaucher. Diese Erlebnisse sind in die Geschichte “Das Haus Mapuhis” eingeflossen, Wie Hermann Melville eine Generation früher hat London seine eigenen Erlebnisse als Grundlagen sehr vieler seiner frühen Geschichten genutzt. Seine Bücher sind so erfolgreich gewesen, dass London ab seinem 24. Lebensjahr finanziell unabhängig gewesen ist. Er kaufte sich eine für damalige Verhältnisse teure Yacht und bereiste die Welt. Mit vierzig Jahren tötete er sich vom Leben “ausgelaugt” selbst. Er hinterlässt ein umfangreiches, aber sehr unterschiedliches Werk. Sehr geprägt von Darwins Theorien hat er sich immer wieder dem Kampf und der Auslese der Besten verschrieben. Insbesondere in der ersten Story unterstreicht er schließlich, dass der menschliche Intellekt und seine Gier nichts sind im Vergleich zu den Urelementen. Borges spricht in seinem Vorwort davon, dass Kipling und Nietzsche ihn geprägt haben. Bei den vorliegenden Geschichten fällt allerdings auch der Einfluss eines schon angesprochenen Melville, der bodenständige Realismus eines anderen Weltenbummlers Friedrich Gerstäcker und schließlich mit dunklere Note versehen der klassische Abenteuergarn mit einer bitteren Pointe eines Jules Vernes auf. Seine utopisch- politischen Geschichten verbinden die Ideen eines H.G. Wells mit Londons politisch immer sozialistischer werdenden Einstellungen. Die hier versammelten Arbeiten machen neugierig auf weitere Romane und Kurzgeschichten aus Jack Londons Werk, auch wenn die Grundlage mehr naturalistisch als phantastisch ist.



Die Auftaktgeschichte “Das Haus Mapuhis” zeigt Einflüsse von Hermann Melville und zumindest teilweise Robert Louis Stevensons Südseegeschichten. Mapuhi hat eine schwarze Perle gefunden. Er will sie nur gegen den Bau eines Hauses verkaufen, muss sich allerdings aufgrund seiner aufgelaufenen Schulden mit einem geringeren Verkaufspreis zufrieden geben. Ein furchtbarer Orkan fegt über die Inseln und tötet neben vielen Bewohnern auch die europäischen Käufer, welche mit ihren Schiffen untergehen. Es ist sicherlich ungewöhnlich, im reichhaltigen Schaffens Jack Londons eine derartig märchenhafte Abenteuergeschichte zu finden. Insbesondere bei der Schilderung des Orkans und seiner verheerenden Wirkung auf den ungeschützten Inseln zeigt sich der Welt erfahrene Reporter. Sachlich kompakt mit tragischen Episoden beschreibt Jack London die grausame Natur. Um diesen Garn herum spinnt er zu Beginn einen frühen Melville mit der exotischen Schönheit der Südsee und der Skrupellosigkeit der Europäer. Am Ende wird der Kapitalismus durch die Natur besiegt, während die “sozialistische” Kommune die Urgewalten überlebt und erkennt, dass Bares das einzige Wahre ist. Dieses Ende ist ein wenig zu sehr pathetisch und wirkt im Vergleich zu den Naturereignissen blass und aufgesetzt. “Das Gesetz des Lebens” folgt der Schule eines Friedrich Gerstäckers. Mit simplen Bildern und einer subjektiven Perspektive beschreibt der Autor die letzten Tage eines alten Indianers, der von seinem weiter ziehenden Volk ohne Nahrung oder Waffen zurückgelassen hat. Vor den Augen des sterbenden Mannes ziehen einige wenige wichtige Augenblicke seines beschwerlichen Lebens vorbei, während sich um ihn herum die Wölfe zum letzten Mal sammeln. Wäre nicht der nihilistische Ton, könnte “Das verlorene Gesicht” als Extrapolation Jules Vernes oder Coopers betrachtet werden. Der Plot der Geschichte bezieht sich auf eine verzweifelte List. Das Ende ist vorhersehbar, der ganze Verlauf ungewöhnlich nihilistisch. Die ersten drei der insgesamt fünf Geschichten sind klassische Abenteuerstoffe ohne phantastische Elemente. Jack London bemüht sich, den Ereignissen historische oder naturalistische Fakten hinzuzufügen. Es gibt keine phantastische Elemente. Sie zeigen aber Jack Londons Stärken: er kennt sich in der Welt aus und verfügt über die beneidenswerte Fähigkeit, sie vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen. Seine Helden sind keine charismatischen Führerpersönlichkeiten, sondern Menschen, die mit Not und Mühe überleben und ihre kargen Existenz sicher können. Es sind im Grunde - bis auf den naiven standhaften Mapuhi - Verlierer, die ihre kurzen Leben in vollen Zügen gelebt haben. Dabei haben sie öfter die kleinen Auseinandersetzungen des Lebens verloren als gewonnen. Das letzte, was ihnen bleibt, ist in Würde zu sterben. Aber um diese Würde müssen sie mit Intelligenz oder Fatalismus kämpfen. Es sind aber zutiefst menschliche Dramen, die sich hier abspielen und denen Jack London mit seinem einfachen, aber effizienten Schreibstil Leben einhaucht. Noch ist der Autor weit entfernt von seinen politischen Idealen, welche in die folgenden beiden phantastischen Storys einfließen.

In “Die konzentrischen Tode” wird ein reicher Industriemagnat von einer Gruppe Intellektueller um 20 Millionen Dollar erpresst. “Die Lieblings des Midas” drohen, jeden Tag einen normalen Menschen aus ihrer Mitte zu ermorden, bis die Forderung erfüllt ist. Anfänglich als Scherz aufgefasst beginnt der Industrielle nach den ersten Taten ganze Schäre vom Geheimdiensten auf die Terroristen anzusetzen, bis ihm schließlich nur noch eine Lösung bleibt. Aber selbst auf diese Situation haben sich die Gesichtslosen und nur mit Briefen agierenden Antagonisten eingestellt. Jack Londons Kritik an der industriellen Revolution und der Spaltung der Gesellschaft in reich und arm ist deutlich erkennbar und heutzutage genauso aktuell wie zum Zeitpunkt der Entstehung der Geschichte. Nur sind die Wechselwirkungen inzwischen global. Pointiert mit bissigere Ironie zeigt der Autor, wie leicht die Reichen zu verunsichern sind. Das das Proletariat für die Durchsetzung der eigenen Interesse keine Rücksicht auf die Mitglieder der eigenen Gesellschaftsschicht nimmt, ist eine der zwiespältigen Noten, welche London aus spannungstechnischen Gründen kommentarlos in den Text einfließen lässt. Eine sehr gut geschriebene bösartige Geschichte mit einem nihilistischen Ende und zusammen mit “Das verlorene Gesicht” der Höhepunkt der Sammlung. In der letzten Story “Der Schatten und das Funkeln” geht es um ein Experiment mit einer unsichtbar machenden Farbe und deren Auswirkungen auf die Seele des Versuchsobjektes. Vergleicht man diese Geschichte mit H.G. Wells Originalroman “The invisible Man” fallen sehr viele Ähnlichkeiten auf: wenn der Mensch die Grenzen der Natur mit seinen Experimenten überschreitet, droht nur noch der Verlust der Seele und des Wahnsinns. Die Forscher selbst sind besessen von ihrer Idee und zu keinem normalen Leben fähig. Der Plot liest sich insbesondere zu Beginn schwerfällig und Jack London überbetont einzelne Charakterzüge seiner Protagonisten. Auf der anderen Seite gehört zu den Höhenpunkten der Geschichte den Schwenk vom jugendlichen Übermut zum erwachsener Rücksichtslosigkeit, den der Autor mit wenigen Federstrichen zeichnet.

Die fünf Geschichten der Sammlung sind alle auf die eine oder andere Art und Weise lesenswert. Sie zeigen, wie vielfältig Jack Londons Werk über den klassischen Abenteuerschriftsteller hinaus gewesen ist. Es sind keine phantastischen Texte, aber qualitativ fantastische Geschichten. Aus heutiger Sicht ist es immer fesselnder und authentischer, Abenteuergeschichten aus der Zeit zu lesen, in welcher die Autoren diese wie im vorliegenden Fall auch erlebt haben. Die Texte wirken dreidimensionaler und packender. Aus Sicht der “Bibliothek von Babel” ist “Die konzentrischen Tode” kein Eckpfeiler der dreißigbändigen Edition und Jack London als Meister der phantastischen Literatur zu bezeichnen, ist auch ein wenig übertrieben, aber zumindest eröffnet Jack London - wie Borges in seinem lesenswerten Vorwort geschrieben hat - unbekannte, fremde Welten, in welche der Leser - auch wenn sie sich auf unserer Erde befinden - nicht unbedingt gerne eintreten möchte.

Jack London: "Die konzentrischen Tode"
Anthologie, Hardcover, 142 Seiten
Edition Büchergilde 2007

ISBN 9-7839-4011-1142

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