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Die Bibliothek von Babel



Franz Kafka

Der Geier

rezensiert von Thomas Harbach

Neben Voltaire dürfte der Tscheche Franz Kafka die überraschende und nicht unbedingt folgerichtige Integration in eine Sammlung ausschließlich phantastischer Werke sein. Aber wie auch schon bei Chesterston, dessen “Pater Brown” Texte Borges für dessen Sammlung ausgesucht hat, kann der Leser auch der Argumentation des Herausgebers folgen, der in nicht nur einen Vertreter des absurden Paranoia Zweiges der Genreliteratur sieht, sondern vor allem einen kritischen Geist, der sich viel intensiver mit seinen persönlichen Ängsten und allen Spielarten von Kontrolle sowohl staatlicher als auch intellektueller Natur auseinandergesetzt hat. Seine Werke stehen nicht selten für die Ausweglosigkeit des Seines, wobei seine Charaktere nicht immer freiwillig diesen nihilistischen Weg gehen. Im Vorwort geht Borges insbesondere auf Kafkas drei Romane ein, von denen nur einer zu seinen Lebzeiten erschienen ist. Borges ist sicherlich auch einer der wenigen Herausgeber phantastischer Literatur, welcher Kafka 1917 noch zu Lebzeiten des tschechischen Autoren gelesen hat. 1883 in Prag geboren studierte Kafka Rechtswissenschaften in München und Prag. Auf dem Sterbebett vertraute er 1924 sein Werk seinem Freund Max Brod an, mit der Maßgabe es zu vernichten. Wie Borges sehr expliziert im Vorwort beschreibt, eine Einladung, sich um die Werke zu kümmern. Max Brod gab dann auch die beiden Romane “Der Prozess” und “Das Schloss” heraus, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem von Orson Welles und Michael Haneke verfilmt worden sind. In den Mittelpunkt dieser Sammlung stellt der Argentinier in erster Linie die kürzeren bis sehr kurzen Arbeiten Kafkas. Er ist der Meinung, das Kafka in seinen Romanen die in den Kurzgeschichten herausgearbeiteten Motive wieder aufgenommen und extrapoliert hat. Die eigentliche Schizophrenie seiner Charaktere und die Paranoia lassen sich am ehesten in seinen kurzen Werken ablesen.
Viele Texte wie “Der Geier” sind bösartige Fragmente, die sich erst in der Phantasie der Leser entwickeln. Zu Kafkas Stärken gehört sein intensiver, sehr kompakter, aber trotzdem ungewöhnlich nüchterner Stil. Das er sich mit seinen Texten immer wieder auseinandergesetzt und diese fast wie ein Forscher immer wieder umgeschrieben hat, bis die Mischung stimmte, zeigt sich zum Beispiel am ersten Satz der Titelgeschichte: “Es war ein Geier, der hackte in meine Füße”. Dieser surrealistische Alptraum wird durch die Unmöglichkeit der Erzählstruktur verstärkt, denn handlungstechnisch kann der Ich- Erzähler dem Leser diese Geschichte nicht erzählen. Auch setzt sich Kafka in dieser mit knapp drei Seiten sehr kurzen Geschichte bitter ironisch mit einigen gesellschaftlichen Idealen auseinander und malt ein nihilistisch dunkles Bild. In “Prometheus” variiert Kafka die bekannte Sage. Mit jeder Variation entfernt sich der Autor mehr und mehr von der ursprünglichen Geschichte und verblüfft zuerst seine Leser, dann schockiert er sie. Es ist das Spiel mit dem Erwarteten, dem Bekannten, das seine Geschichten so auszeichnet. Er extrapoliert im Grunde unauffällige, fast alltägliche Situationen ins Absurde und Groteske und schockiert damit sein Publikum. Erst im nächsten Schritt fordert er seine Leser zum Nachdenken des Goutierten auf. In “Die Kreuzung” erbt der Ich- Erzähler eine Kreatur, welche eine Mischung aus Lamm und Katze darstellt. Alleine die Kombination des friedlichen Schafs mit dem Jäger Katze zeigt die Schizophrenie, welche Kafka in der Gesellschaft immer wieder vorgefunden und aus seinem allerdings ängstlich exzentrischen Winkel kommentiert hat. Dabei bemüht sich der Autor, ein ambivalentes Bild der Kreatur zu zeichnen, das der Phantasie der Leser alle Möglichkeiten offen lässt. In “Elf Söhne” beschreibt der Autor durch den stolzen Vater die Eigenschaften seiner elf Söhne. Bis auf den letzten Sohn stellt der Erzähler an jedem mindestens einen Makel fest. Es ist erstaunlich, das er sich vor dem charakterlich geeigneten und von seinem Wesen her sanftesten Sohn am meisten fürchtet. Diese Umkehrung der klassischen Erwartungen an der Literatur zieht sich wie ein roter Faden durch Kafkas Werk. Nicht in allen seinen Geschichten ist es ihm wirklich gelungen, seine bizarren Phantasien adäquat in Texte umzusetzen. Manche seiner Storys oder Allegorien wirken eher wie Stilübungen, die ein selbstbewusster Kafka wahrscheinlich nicht veröffentlicht hätte. Da der Nachlass ausschließlich von seinem Freund und heimlichen Bewunderer Max Brod betreut wurde, sind auch schwächere Arbeiten, deren Botschaft noch nicht so expliziert herausgearbeitet worden sind, publiziert worden. Unabhängig davon schwingt zumindest in einem kleinen Teil der Geschichte die Sehnsucht des Einzelgängers Kafkas nach einer Familie, einem festen Halt trotz aller Intimitäten mit.

Zu den modernen Märchen gehören “Schakale und Araber”. Ein Reisender schläft in der Wüste abseits der Karawane. Das Heulen der Schakale hindert ihn am Einschlafen. Diese treten an ihn heraus und fordern ihn auf, den Tieren im Kampf gegen die Araber beizustehen. Diese verschmutzen die Wüste. Ob dieses Märchen Anspielungen auf die lärmenden Touristengruppen enthält, die auch vor der goldenen Stadt nicht halt gemacht haben, lässt sich wahrscheinlich nicht mehr eruieren. Die Umkehr allerdings bestehender Verhältnisse mündet in einem scharfzüngigen, pointierten Ende.

Viel interessanter sind die Geschichten, in denen Kafka nicht nur das Scheitern unkonformer Menschen in einer starren Gesellschaft beschreibt und die Hilflosigkeit einfacher Menschen unüberwindlicher Antagonisten gegenüber. In zwei Texten wird die Suche nach einer Persönlichkeit, die aus der Masse herausragt, zu einer Sucht. Das erste Beispiel ist “Ein Hungerkünstler”, in welcher ein Mann vierzig Tage in einem Käfig ohne Nahrung auskommen kann. Er wird zu einer Sensation in Europa. Nur der Hungerkünstler kennt sein Geheimnis und ist enttäuscht, wenn der Impressario seinen Selbstversuch immer nach 40 Tagen abbricht. Für den Hungerkünstler viel zu kurz, er ist inzwischen seinem Wahn verfallen. Als sich die Zeiten ändern und die Menschen den Hunger nicht mehr kennen, trennt sich der Hungerkünstler von seinem Impressario, um sich ein neues Ziel zu suchen. Kafka stellt auf der einen Seite den schnellen, im Grunde auf dem Leiden des Anderen beruhenden Ruhm in den Mittelpunkt seiner Geschichte, auf der anderen Seite kann es sich zu einer Sucht entwickeln, die Bewunderung der Massen in sich aufzusaugen. Kafka beschreibt beide Positionen eher ambivalent, bleibt in seiner Wertung neutral, verurteilt allerdings die Sensationslust der Massen, die nach immer neuen Attraktionen suchen. Der Grundton ist ironisch, aber mehr und mehr setzt sich eine melancholische Note durch. Kafka gelingt es allerdings sehr gut, eine Sympathieebene zwischen dem Hungerkünstler und seinen Lesern aufzubauen, die im übertragenen Sinne auch seinen Gedankengängen bewundernd folgen. In “Erstes Leid” geht Kafka noch einen Schritt weiter. Wieder steht ein Mitglied des Vaudeville im Mittelpunkt seiner Geschichte. Dieses Mal ein Trapezkünstler, der immer weniger und dann nur ungern sein Trapez verlässt. Auch während der Vorstellungen bleibt er auf dem Trapez. Obwohl er die Vorstellungen nicht stört, zieht er nicht nur die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich, es spricht sich herum, das der Seilkünstler zum Einsiedler wird. Das Ende der interessanten und teilweise nur erheiternd geschriebenen Groteske ist ungewöhnlich und zeigt Kafkas Stärke, seine Storys zwar mit einem offenen Ende zu versehen, aber die Gedanken der Leser in eine Richtung zu lenken. Im Vergleich zu “Der Hungerkünstler” wirkt sie aber leichter, ganz bewusst oberflächlicher angelegt, auch wenn die bitterböse Botschaft zwischen den Teilen viel tiefer in die Leser eindringt.

Kafka ist ein scharfäugiger Beobachter scheinbar unauffälliger Phänomene. In “Ein alltäglicher Vorfall” beschreibt er die Reise A., der mit B. ein Geschäft abschließen will. Seine erste Reise nach H. dauert nur zehn Minuten, am zweiten Tag ohne eine augenscheinliche Veränderung der Umstände ist er zehn Stunden unterwegs. Mit jeder weiteren Reise kommt eine Eigentümlichkeit hinzu. Der Grundton der Geschichte ist ironisch heiter, aber mit eindringlichen Bildern beschreibt Kafka die Veränderung des Individuums. Aus dieser im Grunde umgekehrten Evolution entsteht der Schrecken des Plots, der in seiner sehr sachlich vorgetragenen Art keine stilistische Katharsis in den einzelnen Charakteren findet, sondern direkt in das Herz der Leser eindringt. In “Ein Bericht für eine Akademie” beschreibt einen Affen, der im Grunde zu einem Menschen geworden ist und von seiner Veränderung vor einer fiktiven Akademie berichtet. Er beginnt, als er im Auftrage Hagenbecks aus seiner Heimat entführt worden ist und endet eben auf dem Podium, wo er dem bornierten Publikum den Spiegel ins Gesicht hält. Er zeigt, das der Mensch sich kaum vom Affen in seinem aggressiven Verhalten unterscheidet und das die dominante Stellung, welcher er zu besitzen glaubt, im Grunde eine Illusion ist. Insbesondere die Nutzung der direkten Ansprache des Lesers in Form einer Rede - der Leser wird unwillkürlich zum Zuhörer - unterstützt den eher ironisch verzerrten Plot sehr eindringlich.

Sowohl in “Das Stadtwappen” als auch “Beim Bau der chinesischen Mauer” greift Kafka auf historischen Bauten zurück. Einmal den Turm zu Babel und dann die Chinesische Mauer. In der ersten Geschichte entlarvt er die Idee, das eine Generation zwangsläufig die unfertigen Projekte der Vorfahren zu Ende führen, als Illusion. In der zweiten Geschichte berichtet der Ich- Erzähler vom Bau der Chinesischen Mauer, die in zwei 500 Meter langen Mauerabschnitte aufeinander zu gebaut werden. Mit dieser ungewöhnlichen Vorgehensweise soll das endgültige Ziel besser verdeutlicht werden - das Aufeinanderzugehen - , eine kontinuierliche Arbeit an der Mauer würde bedeuten, dass die einzelnen Ingenieure und Architekten weder ihren Anfang noch ihr Ende beim Mauerbau sehen könnten. Diese Vorgehensweise soll die Motivation der einzelnen Arbeiter und Planer erhöhen. Kafka verändert im Verlaufe der Geschichte den Tenor. Aus der reinen Beschreibung der ungewöhnlichen Bauweise wird schließlich eher unausgegoren eine Verschwörungsgeschichte, wobei im Hintergrund das anonyme System steht, das das Individuum in eine endlose und im Grunde deprimierende Aufgabe zwingt.

Kafkas Sammlung “Der Geier” enthält weniger phantastische Geschichten, sondern Grotesken und surrealistische Arbeiten. Die Bandbreite der hier gesammelten Texte ist sehr sorgfältig gewählt. Alle wichtigen Themen in Kafkas nicht unbedingt umfangreichen Werk werden angesprochen. Borges muss allerdings widersprochen werden, Kafkas drei Romane sind inhaltlich bedeutender, die Themen wie Isolation, Einsamkeit und Hilflosigkeit gegenüber dem allmächtigen Staat werden vielleicht ein wenig zu langatmig präsentiert, aber Kafkas gelingt es in seinen Romanen besser, die zwar auf Chiffren reduzierten Charaktere in ihrem verzweifelten Bemühen zu beschreiben. Einige der hier gesammelten Texte erscheinen eher wie Fragmente, zwar sehr pointiert und zielstrebig geschrieben, aber der Erzähler zieht sich zu schnell und zu überhastet aus dem Geschehen zurück und überlässt zu viel der Phantasie seiner Leser. Wenn Kafka in Geschichten wie “Ein Hungerkünstler” oder “Beim Bau der chinesischen Mauer” erzähltechnisch mehr Raum zur Verfügung hat, wirkt der Text abgerundeter - trotz der offenen Gedankenmodelle - und für den Leser befriedigender. Wie auch Voltaires Sammlung “Mikromegas” ist Kafkas “Der Geier” keine einfache Lektüre, aber sie regt zum Nachdenken an. Das Kafka zumindest in den Randbereich der Phantastik hat Borges mit dieser Sammlung unterstrichen.


Franz Kafka: "Der Geier"
Anthologie, Hardcover, 98 Seiten
Edition Büchergilde 2008

ISBN 9-7839-4011-1128

Leserrezensionen

Leserrezensionen
07.06.10, 15:35 Uhr
dass
unregistriert


dass wird oft/meistens falsch geschrieben; letzter Satz unvollständig, sonst ganz informativ