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Die Bibliothek von Babel



Robert Louis Stevenson

Die Insel der Stimmen

rezensiert von Thomas Harbach

Als 24. Band der “Bibliothek von Babel” erscheinen mit Robert Louis Stevensons vier Geschichten Texte eines Urvaters des psychologischen Horrors. Nur in der dritten Story lässt sich die literarische Wurzel “Jekyll und Hydes” am deutlichsten erkennen. Die Südseegeschichten sind von seinen letzten Lebensjahren geprägt, in denen das süße, leichte Leben immer im Kontrast zu Krankheit und frühzeitigem Tod gestanden haben. Stevenson ist 1850 in Edinburgh geboren worden. Er studierte Technik und Rechtswissenschaft. Früh erkrankte er an Tuberkulose. Er musste seine schottische Heimat, welcher er schließlich in “David Balfour” ein literarisches, aber kritisches Denkmal setzte, immer öfter in Richtung Süden verlassen. Zu dieser Zeit verfasste er Reiseberichte. Den Klassiker “Die Schatzinsel” verfasste er in für seinen Stiefsohn. Jede Nacht stellte er ein Kapitel fertig. Mit diesem Buch gelang ihm sowohl der literarische als auch kommerzielle Durchbruch. Diesen Erfolg konnte er nur noch mit der Novelle “Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde” 1886 wiederholen. Oskar Wilde nahm Stevensons literarische Vorgehensweise in “Das Bildnis des Dorian Gray” wieder auf. Auch wenn viele andere seiner Bücher - siehe “The Wrecker” - ambitionierter und insbesondere aus Stevensons Sicht besser als die beiden populären Werke, konnte er diesen doppelten Erfolg nicht mehr wiederholen. Da seine Krankheit kontinuierlich fortschritt, wanderte er schließlich 1890 nach Samoa aus. Vier Jahre später starb er im Alter von 44 Jahren.

Eines seiner Südseeabenteuer ist die Titelgeschichte „Die Insel der Stimmen“. Keola ist mit Lehua verheiratet, der Tochter des Inselzauberers Kalamake. Dieser verfügt über eine schier unendliche Quelle an Silberdollars, mit denen er sich ein luxusseriöses Leben auf der Südseeinsel erkauft. Durch einen Zufall wird Kalamake gezwungen, seinen Schwiegersohn in das Geheimnis des Geldes einzuweihen. Mittels eines Zaubers kann Kalamake in einer andere Dimension zu einer traumhaften Insel wechseln. Aus den am wunderschönen Strand liegenden Muscheln werden beim Übergang Silberdollars. Dieser schier unerschöpfliche Reichtum weckt Begierden in Keola. Dem Schwiegervater bleibt nicht anderes übrig, als seinen Schwiegersohn bei einem gemeinsamen Fischertörn auszusetzen. Keolas Odyssee führt über die harte Arbeit auf einem Segelschiff zu einer Insel mit freundlichen Ureinwohnern mit seltsamen Gelüsten und schließlich zu einem großen Konflikt zwischen unsichtbaren Monstren und Zauberern. In der sehr kompakt geschriebenen Geschichte verbindet die Verführung durch die Europäer und die Mythen der Südseebewohner zu einer modernen Odyssee. Gegen Ende der Geschichte übertreibt Stevenson mit seiner schwarzweiß Malerei, denn im Grunde hat sich Keola mit seiner plötzlich erwachenden Gier und seinem Neid gegenüber dem Älteren sich sein Schicksal selbst zuzuschreiben. Diese Reise wird für ihn zu einem persönlichen Reifeprozess, an dessen Ende er mit seinem bisherigen Leben wieder zufrieden ist. Der Autor erläutert die sehr unterschiedlichen Fähigkeiten Kalamakes nicht weiter, die Verwandlung in ein gigantisches Seemonster gehört zu den eindrucksvoll geschriebenen Sequenzen der Geschichte. Der Flair und Zauber der Südsee einer längst vergangenen Epoche wird insbesondere zu Beginn der Geschichte von Stevensons genauer Beobachtungsgabe erweckt. Die zweite Story „Der Flaschenteufel“ hat zwar seinen Ausgangspunkt auf Hawai, aber der Plot könnte genauso gut, wenn nicht sogar effektiver in Stevensons schottischer Heimat spielen. Ein Seemann kommt während eines kurzen Landgangs mit einem Mann vor seinem wunderschönen Haus ins Gespräch. Dieser bietet ihm eine Flasche mit einem Teufel, welcher die Wünsche der Menschen erfüllt. Allerdings um den Preis seiner Seele, es sei denn, es gelingt dem Besitzer, die Flasche zu einem niedrigen Preis als von ihm bezahlt zu verkaufen. Das Gebot steht zur Zeit bei 50 Dollar. Der Seemann willigt ein, erbt plötzlich ein sagenhaftes Vermögen und baut sich ebenfalls ein Traumhaus. Er heiratet eine schöne Frau und verkauft die Flasche weiter. Plötzlich entdeckt er nach wenigen Jahren des Glücks Lepraflecken auf seinem Rücken. Er macht sich auf die Suche nach dem Flaschenteufel, um ihn zurückzukaufen. Dabei stellt er voller Entsetzen fest, dass der Preis inzwischen sehr niedrig ist und ein Kauf ihm seine Seele kosten könnte. Trotz des – für die damalige Zeit – modernen Ambiente erzählt Stevenson einen klassischen Märchenplot, dass Besitz im jeden Preis nicht alles ist und das man das Glück auch finden kann, wenn man die Augen aufhellt, ehrlich und aufrecht seinen Weg durchs Leben geht. Diese Botschaft stellt der Autor plakativ in den Mittelpunkt seiner Geschichte, seine Protagonisten entkommen nur dank ihrer Intelligenz und ihrer gegenseitigen Liebe dem Schicksal, in die Hölle verbannt zu werden. Insbesondere der Mittelteil der Novelle ist ein wenig zu langatmig erzählt, das Ende in Faust´scher Tradition zumindest erahnbar. Der Beginn des Textes mit dem Eindringen des Übernatürlichen in eine im Grunde alltägliche Situation ist meisterhaft geschrieben worden. Gegen Ende des Handlungsbogens stellt Stevenson dagegen eine Reihe von Thesen auf – warum erkennen die Naturvölker Tahitis die Besitzer der Flasche als Ketzer, während sie in ihrer Heimat als ehrbare Bürger ohne Makel leben konnten? -, für die er keine überzeugende Begründung liefert. Die Charaktere sind – wie in „Die Insel der Stimmen“ zu distanziert charakterisiert worden, dem Leser fehlt eine überzeugende Identifikationsbasis, um mit ihrem Schicksal mitfühlen zu können. Von diabolischer Verschlagenheit ist allerdings das übernatürliche Element. Der Autor zeichnet dieses Werkzeug inklusiv Teufel mit einer überzeugenden Mischung aus Versuchung und Simplizität. „Der Flaschenteufel“ ist eine gute Überleitung zu den beiden folgenden, klassischen Gruselgeschichten der Sammlung.

„Markheim“ folgt der Tradition „Jekyll und Hyde“s. Markheim möchte für seine Freundin ein Geschenk in einem Laden kaufen und tötet aus Wut den Besitzer. Nach der Tat begegnet er entweder dem Teufel oder seinem personifizierten schlechten Gewissen. Dieses zeigt ihm in den Weg in den Abgrund und den Galgen auf. Wie Markheim über Jahre immer größere Verbrechen begangen hat. Als der Teufel ihm schließlich einen vorläufigen Ausweg anbietet, lehnt Markheim schließlich ab. Nach dem stimmungsvollen Auftakt besteht der Mittelteil der Geschichte aus der inneren Zerrissenheit des Protagonisten. Im Vergleich zur berühmten Novelle bleibt allerdings nicht der erzählerische Raum, Markheim dem Leser vorzustellen. Auch erläutert Stevenson die übernatürliche Begegnung nach der Mord am Kaufmann nicht weiter, sondern manifestiert es widerspruchslos als Ausdruck des kriminellen Geistes. Die Zwiegespräche sind allerdings sehr überlegt und pointiert geschrieben und gehören zu den eindrucksvollsten Passagen der ganzen Sammlung. Das Ende ist auf den ersten Blick eine Überraschung, in seiner Konsequenz folgt Markheim allerdings seinem Vorbild Dr. Jekyll.

In “Die krumme Janet” beschreibt Stevenson eine vom Teufel besessene Frau. Unabhängig ob diese Besessenheit wirklich ist, beschreibt der Autor in markanten Bildern die Vorurteile der Dorfbewohner. Janet selbst arbeitet für den gottesfürchtigen Priester des Dorfes, der schließlich in ihr eine Prüfung seines Glaubens sieht. Die Geschichte ist im Vergleich zu den anderen Texten deutlich steifer und umständlicher geschrieben. Ihr fehlt der originelle Witz der anderen Geschichten, der Ton ist dunkler, warnender. Die Auflösung ist dagegen zu ambivalent. Stevenson macht keinen Hehl aus der Tatsache, dass seine Sympathien auf Seiten des Priester sind. Diese Position begründet er nicht. Keiner der Protagonisten wird überzeugend charakterisiert, eine Notwendigkeit bei einem aus heutiger Sicht weder überraschenden, noch wirklich überzeugenden Plot.

Die vier Geschichten geben einen sehr guten Einblick in Robert Louis Stevensons Werk über “Die Schatzinsel” hinaus. Da zwei der Texte während seiner letzten Lebensstation auf Samoa geschrieben worden sind, gelingt es ihm sehr gut, die Exotik und Leichtigkeit der Südsee in einfache, prägnante Worte zu fassen. Stevenson verzichtet auf jegliche Seefahrerromantik, die Gefahren kommen insbesondere in der längsten Geschichte “Der Flaschenteufel” von der westlichen Zivilisation und nicht aus der Kultur der Einheimnischen. Deutlich schwächer sind die beiden in England spielenden Texte. Während “Markheim” zumindest auf der Dialogebene Pluspunkte sammeln kann, ist die letzte Story durchschnittlich. Wie sein Leben ist auch sein literarisches Werk von Höhen und Tiefen durchzogen. Bei seinen Abenteuergeschichten hat er zwar niemals mehr etwas so Populäres wie “Die Schatzinsel” geschrieben, aber die beiden ersten Texte entsprechen auf literarisches Ebene qualitativ diesem Klassiker. Die beiden Gruselgeschichten dagegen können “Jekyll und Hyde” nicht das Wasser reichen.

Robert Louis Stevenson: "Die Insel der Stimmen"
Anthologie, Hardcover, 148 Seiten
Edition Büchergilde 2008

ISBN 3-9401-1124-4

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