Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: SachbĂŒcher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Die Bibliothek von Babel



Gustav Meyrink

Der Kardinal Napellus

rezensiert von Thomas Harbach

Gustav Meyrink ist unter bĂŒrgerlichen Namen Meyer in Wien als unehelicher Sohn eines Staatsministers und einer Hofschauspielerin 1868 geboren worden. Er lebte in MĂŒnchen, Hamburg und Prag. Die AffinitĂ€t zu dieser goldenen Stadt wird in „Der Golem“ ein literarisches Denkmal setzen. Einige Jahre arbeitete er als Banker in Prag, bevor er unverschuldet sein GeschĂ€ft schließen musste. Danach arbeitete er als Redakteur und begann 1905 als freier Schriftsteller zu arbeiten. Das Ziel seiner oft satirisch ĂŒberzogenen Kritik ist immer das BĂŒrgertum gewesen. SpĂ€ter verfasste er neben „Der Golem“ eine Reihe anderer phantastischer Werte, in denen er sich hauptsĂ€chlich mit ĂŒbersinnlichen PhĂ€nomen und metaphysischen existentiellen Fragen auseinandersetzte. Dabei spielte fĂŒr ihn die klassische Magie immer eine wichtigere Rolle als die fortschreitende Technisierung der Gesellschaft. Als Mitglied der theosophischen Loge Germania verband er Ideen des Buddhismus mit der jĂŒdischen sowie christlichen Mystik. Neben seinen schriftstellerischen Arbeiten ĂŒbersetzte er sowohl Charles Dickens als auch Rudyard Kipling in Deutsche. Im Rahmen der „Bibliothek von Babel“ veröffentlicht Borges drei kĂŒrzere Texte von Gustav Meyrink. In seinem Vorwort verweist Borges auf die Tatsache, dass er insbesondere in den hier zusammengefassten Kurzgeschichten Vorstufen zu „Der Golem“ sieht. Auch wenn Meyrink nicht expliziert auf die jĂŒdische Geschichte zurĂŒckgreift, sondern teilweise aus dem Nichts heraus eigene religiöse Sekten erschafft, bestechen die Texte durch ihre surrealistische fremdartige AtmosphĂ€re auf einem soliden, bĂŒrgerlichen Fundament. Dabei kann sich der Leser niemals sicher sein, ob Meyrinks Figuren das Geschehen wirklich erleben oder es sich um AuswĂŒchse ihrer Angstpsychosen handelt. Nicht selten enden die Texte mit mehr Fragen als Antworten.
So schließt sich der Kreis mit Meyrinks Tod. Er ist stehend in Starnberg begraben worden und auf seinem Grabstein hat er die Inschrift „Vivo“- Ich lebe – anbringen lassen. Diese Inschrift ist auch der SchlĂŒssel zur ersten Kurzgeschichte der Sammlung: „J.H. Obereits Besuch bei den Zeitegeln“. Hier vermischt der Autor neben der obskuren Inschrift auf einem Grab Unsterblichkeit mit Mystik. Ganz bewusst verliert die Story nach den ersten Zeilen ihre logische Stringenz und wird zu einer Geschichte innerhalb einer Geschichte. Mit der obskuren und distanzierten Figur des J.H. Obereits, welche dem ErzĂ€hler natĂŒrlich auf einem Friedhof begegnet, erfindet Meyrink im Grunde ein unchristliches Spiegelbild des ewigen Juden. Verdammt dazu, einsam und alleine zu leben. Unsterblich und wie der fliegende HollĂ€nder verflucht. Im Gegensatz zu einigen spĂ€teren Texten ist sein Schicksal nicht nur selbst verschuldet, den letzten Stein des Anstoßes hat sicherlich die menschliche Arroganz des Forschens gegeben, aber das Ende ist in dieser Form nicht beabsichtigt gewesen. Meyrink gewĂ€hrt dem Leser wie H.P. Lovecraft nur einen kleinen Blick hinter die Kulissen dieser im Grund unbeschreiblichen Sonderlinge. Er setzt sich erstaunlich unkonventionell mit den Fragen nach dem erfĂŒllten Leben und dem erwĂŒnschten Tod auseinander, sucht nach anderen Möglichkeiten, die IndividualitĂ€t der Menschen zu erhalten und zeigt die kontinuierliche Bedrohung durch die vergehende Zeit auf. Die Dialoge zwischen Obereit und dem ErzĂ€hler sind philosophisch komplex und trotzdem auf eine simple, ansprechende Art und Weise nachdenklich stimmend. Meyrinks fiktive Scheinwelt verbindet sich untrennbar mit einer unauffĂ€lligen RealitĂ€t. Kaum hat sich der Vorhang auch nur fĂŒr einen Moment geöffnet, zieht ihn der Autor/ ErzĂ€hler am Ende der stringenten, atmosphĂ€risch sehr dichten, aber handlungstechnisch nicht immer konsequenten Geschichte umso fester zu.
Die Titelgeschichte „Der Kardinal Napellus“ setzt sich mit Orden und Sekten auseinander. Ganz bewusst verfremdet Meyrink in dieser Geschichte die christlichen Symbole. Er verĂ€ndert sie zu einem heidnischen Ritual. Mit dem Orden der blauen BrĂŒder hat der Autor wie so oft in seinem Werk das in seinen Augen nur scheinbar christliche BĂŒrgertum satirisch verfremdet dargestellt und ĂŒberzeichnet mit sehr spitzer, boshafter Feder seine zu Klischees reduzierten Charaktere. Inhaltlich ist sein Text ein interessanter Kontrast zwischen der klassischen Gruselgeschichte mit dem unheimlichen GemĂ€uer, das am Ende wie sein nicht minder obskurer Besitzer dem Verfall unterliegt, und dem inneren Wahnsinn. Das Meyrink einen Ich- ErzĂ€hler als im Grunde passiven Beobachter und Mittler zwischen dem Leser und der Zwischenwelt etabliert, nimmt dem Text einen Teil seiner EffektivitĂ€t, macht aber auch die Ereignisse greifbarer. Ein Zufallsschicksalsgemeinschaft, die aus dem Nichts heraus mit einem offenbar Wahnsinnigen konfrontiert wird. Wie auch in der nĂ€chsten Geschichte ist der Einfluss der potentiellen und GotteslĂ€sterlichen Geheimgesellschaften schon spĂŒrbar. Ganz zeitlos ohne nĂ€here Hinweise auf den Ort der Tat. Meyrink bemĂŒht sich, so ambivalent wie möglich zu argumentieren und zieht in der stilistisch sehr ĂŒberzeugend geschriebenen Story den Leser besser in das Geschehen als beim Auftakttext der Sammlung. Die letzte und lĂ€ngste Geschichte „Die vier MondbrĂŒder“ dringt sehr tief in das Innere seines wichtigsten Protagonisten ein. Sie beginnt scheinbar harmlos, wenn sich der Kammerdiener als unauffĂ€lliger, aber dienstbarer Geist vorstellt. Er beobachtet das seltsame Verhalten seiner beiden Herren, von denen der erste in seiner Haltung sehr stark an eine Hommage gegenĂŒber Bram Stokers „Dracula“ erinnert, ohne das die Worte Vampir oder Blut ĂŒberhaupt fallen. Ganz bewusst erweckt und manipuliert Meyrink hier die Erwartungshaltung seiner Leser. Bis zur Mitte der Geschichte hĂ€lt er diese im Nachhinein falsche PrĂ€misse durch, um so dann den Boden unter seinem Charakter und damit auch dem Leser wegzuziehen. Die Grenzen zwischen der inneren und Ă€ußeren Welt verschwimmen, ohne das der Leser ein abschließendes Urteil fĂ€llen kann. Noch weniger als in den ersten beiden Geschichten ist er in der Lage, die Situation zu beurteilen. Das liegt unter anderem auch am Schachzug, keinen außen stehenden ErzĂ€hler oder Mittler hinzuziehen, sondern die wichtigste Person die Geschichte erzĂ€hlen zu lassen. Wie die einzelnen Figuren schließlich miteinander verschmelzen und sich der Auftakt als Vision herausstellt, wird von Meyrink meisterlich subtil dargestellt. Weiterhin hat er in seiner bizarren Vision alle Möglichkeiten, außergewöhnliche Nebenfiguren zu erschaffen und diese schließlich als Hirngespinste zu entlarven. Es ist schon erstaunlich, welche Sorgfalt in diese Geistesschöpfungen geflossen ist. Außerdem arbeitet er mit zwei HandlungsstrĂ€ngen, von denen der erste sehr schnell als bizarre Fiktion zu erkennen ist, dessen zweiter Strang am Ende aber die grĂ¶ĂŸere Überraschung birgt.Im Vergleich zu der ersten Geschichte der Sammlung, in deren Vordergrund eine makabere Idee gestanden hat, welche den wachen und neugierigen Geist Meyrinks wahrscheinlich zeit seines Lebens beschĂ€ftigt hat, rechnet er in der letzten Geschichte der Sammlung von den Schubladendenker gnadenlos ab und zeigt, das viele Wege im Wahnsinn enden.
Die drei hier versammelten Geschichten geben einen guten Überblick ĂŒber Meyrinks frĂŒhes Schaffen, sind aber viel zu wenig, um sich wirklich einen Eindruck ĂŒber das Werk des kontinentalen Phantasten zu verschaffen. Warum Borges nur drei Texte aus der Unzahl von kurzen Werken Meyrinks ausgesucht hat, bleibt sein Geheimnis. So finden sich nur FrĂŒhwerke, deren Themen sich in seinen spĂ€teren Romanen deutlich differenzierter, aber auch komplexer wieder finden. Insbesondere seine Verwurzelung in der europĂ€isch- christlichen bzw. jĂŒdischen Geschichte kommt viel zu wenig zum Ausdruck. Gerade diese BezĂŒge machen Romane wie „Der Golem“ auch mehr als achtzig Jahre nach ihrer Entstehung zu einer PflichtlektĂŒre der frĂŒhen deutschen Phantastik. Hier werden diese Themen nur gestreift und geben einen nicht ausreichenden Eindruck von der VielfĂ€ltigkeit seines Werkes. Zumindest im Grundtenor unterscheiden sich die hier versammelten Geschichten, auch wenn die Obsessionen des Autoren sehr klar und deutlich zu erkennen sind. Aufgrund der mit drei eindeutig zu wenigen Geschichten soll trotz der QualitĂ€t der Ausgabe der Edition BĂŒchergilde insbesondere auf die wieder zugĂ€nglichen Romane Meyrinks wie „Der Golem“ oder „Walpurgisnacht“ hingewiesen werden sowie die LektĂŒre seiner Kurzgeschichtensammlungen hingewiesen werden. Der vorliegende Band der „Bibliothek von Babel“ mit gut ausgewĂ€hlten Geschichten ist trotz des lesenswerten Vorworts, in welchem man sehr viel ĂŒber Borges Ehrgeiz lernt, wegen einzelner Werke eine Sprache zu lernen, zu schmal.

Gustav Meyrink: "Der Kardinal Napellus"
Anthologie, Hardcover, 88 Seiten
Edition BĂŒchergilde 2007

ISBN 3-9401-1118-X

Weitere Bücher von Gustav Meyrink:
 - Walpurgisnacht
 - Zeitegel, kosmischer Horror und Weltuntergang

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::