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Die Bibliothek von Babel



Gustav Meyrink

Der Kardinal Napellus

rezensiert von Thomas Harbach

Gustav Meyrink ist unter bürgerlichen Namen Meyer in Wien als unehelicher Sohn eines Staatsministers und einer Hofschauspielerin 1868 geboren worden. Er lebte in München, Hamburg und Prag. Die Affinität zu dieser goldenen Stadt wird in „Der Golem“ ein literarisches Denkmal setzen. Einige Jahre arbeitete er als Banker in Prag, bevor er unverschuldet sein Geschäft schließen musste. Danach arbeitete er als Redakteur und begann 1905 als freier Schriftsteller zu arbeiten. Das Ziel seiner oft satirisch überzogenen Kritik ist immer das Bürgertum gewesen. Später verfasste er neben „Der Golem“ eine Reihe anderer phantastischer Werte, in denen er sich hauptsächlich mit übersinnlichen Phänomen und metaphysischen existentiellen Fragen auseinandersetzte. Dabei spielte für ihn die klassische Magie immer eine wichtigere Rolle als die fortschreitende Technisierung der Gesellschaft. Als Mitglied der theosophischen Loge Germania verband er Ideen des Buddhismus mit der jüdischen sowie christlichen Mystik. Neben seinen schriftstellerischen Arbeiten übersetzte er sowohl Charles Dickens als auch Rudyard Kipling in Deutsche. Im Rahmen der „Bibliothek von Babel“ veröffentlicht Borges drei kürzere Texte von Gustav Meyrink. In seinem Vorwort verweist Borges auf die Tatsache, dass er insbesondere in den hier zusammengefassten Kurzgeschichten Vorstufen zu „Der Golem“ sieht. Auch wenn Meyrink nicht expliziert auf die jüdische Geschichte zurückgreift, sondern teilweise aus dem Nichts heraus eigene religiöse Sekten erschafft, bestechen die Texte durch ihre surrealistische fremdartige Atmosphäre auf einem soliden, bürgerlichen Fundament. Dabei kann sich der Leser niemals sicher sein, ob Meyrinks Figuren das Geschehen wirklich erleben oder es sich um Auswüchse ihrer Angstpsychosen handelt. Nicht selten enden die Texte mit mehr Fragen als Antworten.
So schließt sich der Kreis mit Meyrinks Tod. Er ist stehend in Starnberg begraben worden und auf seinem Grabstein hat er die Inschrift „Vivo“- Ich lebe – anbringen lassen. Diese Inschrift ist auch der Schlüssel zur ersten Kurzgeschichte der Sammlung: „J.H. Obereits Besuch bei den Zeitegeln“. Hier vermischt der Autor neben der obskuren Inschrift auf einem Grab Unsterblichkeit mit Mystik. Ganz bewusst verliert die Story nach den ersten Zeilen ihre logische Stringenz und wird zu einer Geschichte innerhalb einer Geschichte. Mit der obskuren und distanzierten Figur des J.H. Obereits, welche dem Erzähler natürlich auf einem Friedhof begegnet, erfindet Meyrink im Grunde ein unchristliches Spiegelbild des ewigen Juden. Verdammt dazu, einsam und alleine zu leben. Unsterblich und wie der fliegende Holländer verflucht. Im Gegensatz zu einigen späteren Texten ist sein Schicksal nicht nur selbst verschuldet, den letzten Stein des Anstoßes hat sicherlich die menschliche Arroganz des Forschens gegeben, aber das Ende ist in dieser Form nicht beabsichtigt gewesen. Meyrink gewährt dem Leser wie H.P. Lovecraft nur einen kleinen Blick hinter die Kulissen dieser im Grund unbeschreiblichen Sonderlinge. Er setzt sich erstaunlich unkonventionell mit den Fragen nach dem erfüllten Leben und dem erwünschten Tod auseinander, sucht nach anderen Möglichkeiten, die Individualität der Menschen zu erhalten und zeigt die kontinuierliche Bedrohung durch die vergehende Zeit auf. Die Dialoge zwischen Obereit und dem Erzähler sind philosophisch komplex und trotzdem auf eine simple, ansprechende Art und Weise nachdenklich stimmend. Meyrinks fiktive Scheinwelt verbindet sich untrennbar mit einer unauffälligen Realität. Kaum hat sich der Vorhang auch nur für einen Moment geöffnet, zieht ihn der Autor/ Erzähler am Ende der stringenten, atmosphärisch sehr dichten, aber handlungstechnisch nicht immer konsequenten Geschichte umso fester zu.
Die Titelgeschichte „Der Kardinal Napellus“ setzt sich mit Orden und Sekten auseinander. Ganz bewusst verfremdet Meyrink in dieser Geschichte die christlichen Symbole. Er verändert sie zu einem heidnischen Ritual. Mit dem Orden der blauen Brüder hat der Autor wie so oft in seinem Werk das in seinen Augen nur scheinbar christliche Bürgertum satirisch verfremdet dargestellt und überzeichnet mit sehr spitzer, boshafter Feder seine zu Klischees reduzierten Charaktere. Inhaltlich ist sein Text ein interessanter Kontrast zwischen der klassischen Gruselgeschichte mit dem unheimlichen Gemäuer, das am Ende wie sein nicht minder obskurer Besitzer dem Verfall unterliegt, und dem inneren Wahnsinn. Das Meyrink einen Ich- Erzähler als im Grunde passiven Beobachter und Mittler zwischen dem Leser und der Zwischenwelt etabliert, nimmt dem Text einen Teil seiner Effektivität, macht aber auch die Ereignisse greifbarer. Ein Zufallsschicksalsgemeinschaft, die aus dem Nichts heraus mit einem offenbar Wahnsinnigen konfrontiert wird. Wie auch in der nächsten Geschichte ist der Einfluss der potentiellen und Gotteslästerlichen Geheimgesellschaften schon spürbar. Ganz zeitlos ohne nähere Hinweise auf den Ort der Tat. Meyrink bemüht sich, so ambivalent wie möglich zu argumentieren und zieht in der stilistisch sehr überzeugend geschriebenen Story den Leser besser in das Geschehen als beim Auftakttext der Sammlung. Die letzte und längste Geschichte „Die vier Mondbrüder“ dringt sehr tief in das Innere seines wichtigsten Protagonisten ein. Sie beginnt scheinbar harmlos, wenn sich der Kammerdiener als unauffälliger, aber dienstbarer Geist vorstellt. Er beobachtet das seltsame Verhalten seiner beiden Herren, von denen der erste in seiner Haltung sehr stark an eine Hommage gegenüber Bram Stokers „Dracula“ erinnert, ohne das die Worte Vampir oder Blut überhaupt fallen. Ganz bewusst erweckt und manipuliert Meyrink hier die Erwartungshaltung seiner Leser. Bis zur Mitte der Geschichte hält er diese im Nachhinein falsche Prämisse durch, um so dann den Boden unter seinem Charakter und damit auch dem Leser wegzuziehen. Die Grenzen zwischen der inneren und äußeren Welt verschwimmen, ohne das der Leser ein abschließendes Urteil fällen kann. Noch weniger als in den ersten beiden Geschichten ist er in der Lage, die Situation zu beurteilen. Das liegt unter anderem auch am Schachzug, keinen außen stehenden Erzähler oder Mittler hinzuziehen, sondern die wichtigste Person die Geschichte erzählen zu lassen. Wie die einzelnen Figuren schließlich miteinander verschmelzen und sich der Auftakt als Vision herausstellt, wird von Meyrink meisterlich subtil dargestellt. Weiterhin hat er in seiner bizarren Vision alle Möglichkeiten, außergewöhnliche Nebenfiguren zu erschaffen und diese schließlich als Hirngespinste zu entlarven. Es ist schon erstaunlich, welche Sorgfalt in diese Geistesschöpfungen geflossen ist. Außerdem arbeitet er mit zwei Handlungssträngen, von denen der erste sehr schnell als bizarre Fiktion zu erkennen ist, dessen zweiter Strang am Ende aber die größere Überraschung birgt.Im Vergleich zu der ersten Geschichte der Sammlung, in deren Vordergrund eine makabere Idee gestanden hat, welche den wachen und neugierigen Geist Meyrinks wahrscheinlich zeit seines Lebens beschäftigt hat, rechnet er in der letzten Geschichte der Sammlung von den Schubladendenker gnadenlos ab und zeigt, das viele Wege im Wahnsinn enden.
Die drei hier versammelten Geschichten geben einen guten Überblick über Meyrinks frühes Schaffen, sind aber viel zu wenig, um sich wirklich einen Eindruck über das Werk des kontinentalen Phantasten zu verschaffen. Warum Borges nur drei Texte aus der Unzahl von kurzen Werken Meyrinks ausgesucht hat, bleibt sein Geheimnis. So finden sich nur Frühwerke, deren Themen sich in seinen späteren Romanen deutlich differenzierter, aber auch komplexer wieder finden. Insbesondere seine Verwurzelung in der europäisch- christlichen bzw. jüdischen Geschichte kommt viel zu wenig zum Ausdruck. Gerade diese Bezüge machen Romane wie „Der Golem“ auch mehr als achtzig Jahre nach ihrer Entstehung zu einer Pflichtlektüre der frühen deutschen Phantastik. Hier werden diese Themen nur gestreift und geben einen nicht ausreichenden Eindruck von der Vielfältigkeit seines Werkes. Zumindest im Grundtenor unterscheiden sich die hier versammelten Geschichten, auch wenn die Obsessionen des Autoren sehr klar und deutlich zu erkennen sind. Aufgrund der mit drei eindeutig zu wenigen Geschichten soll trotz der Qualität der Ausgabe der Edition Büchergilde insbesondere auf die wieder zugänglichen Romane Meyrinks wie „Der Golem“ oder „Walpurgisnacht“ hingewiesen werden sowie die Lektüre seiner Kurzgeschichtensammlungen hingewiesen werden. Der vorliegende Band der „Bibliothek von Babel“ mit gut ausgewählten Geschichten ist trotz des lesenswerten Vorworts, in welchem man sehr viel über Borges Ehrgeiz lernt, wegen einzelner Werke eine Sprache zu lernen, zu schmal.

Gustav Meyrink: "Der Kardinal Napellus"
Anthologie, Hardcover, 88 Seiten
Edition Büchergilde 2007

ISBN 3-9401-1118-X

Weitere Bücher von Gustav Meyrink:
 - Walpurgisnacht
 - Zeitegel, kosmischer Horror und Weltuntergang

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