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Die Bibliothek von Babel



Rudyard Kipling

Das Haus der WĂŒnsche

rezensiert von Thomas Harbach

Heutzutage ist Rudyard Kipling in erster Linie durch seine Dschungelabenteuer - „Kim“ und „Das Dschungelbuch“ - noch bekannt. Wahrscheinlich weniger durch die originalen Texte, sondern die verschiedenen Verfilmungen. Dabei wird außer acht gelassen, dass Kipling fĂŒr sein Werk mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden ist. Der 1865 in Bombay geborene Kipling hat den Kolonialismus des britischen Imperiums in seinen Jugendjahren selbst erlebt. Erst mit sieben Jahren ist er nach England gekommen. Trotzdem hat er immer mit Achtung vom britischen Empire geschrieben, auch wenn seine Haltung gegenĂŒber der britischen Politik durchaus als kritisch zusammengefasst werden kann. Es ging ihm in seinen sehr unterschiedlichen Geschichten immer um das Schicksal des Individuums in einer komplexer und politisch werdenden Welt. Nicht alle Texte dieser Sammlung sind wirklich phantastisch, aus heutiger Sicht sind sie aber alle exotisch. Das Themenspektrum ist ungewöhnlich breit. Von der klassischen Abenteuergeschichte, fĂŒr welche Kipling so berĂŒhmt geworden ist, bis zu den SchĂŒtzengrĂ€ben des Ersten Weltkriegs. Kipling kehrt schließlich mit siebzehn Jahren nach Bombay zurĂŒck und begann dort seine fĂŒr ihn so markanten Geschichten zu verfassen. 1936 starb er hoch geehrt in London. Borges geht in seinem ausfĂŒhrlichen Vorwort auf die StĂ€rken und SchwĂ€chen Kiplings Werk und vor allem seine Position zwischen Bernhard Shaw und H.G. Wells als britischer Schriftsteller ein.


Die Titelgeschichte der Sammlung „das Haus der WĂŒnsche“ zeigt Kiplings StĂ€rken, aber auch SchwĂ€chen. Zwei alte Frauen erzĂ€hlen sich gegenseitig an ihren nicht einfachen Leben- dabei erkennt der Leser Kiplings innere Verbundenheit mit dem britischen Imperium. Auf der implizierten Handlungsebene ist es die Geschichte großer Lieben, aber auch großer Opfer. Kipling arbeitet mit Symbolismen, fĂŒr den Leser bedeutet das gleichzeitig, dass er sich erst in den Text hereinarbeiten muss, um die ZusammenhĂ€nge zwischen den einzelnen Ebenen zu verstehen. Der Auftakt dieser Sammlung ist so gĂ€nzlich anders von seinen eher an ein jugendliches Publikum gerichteten Geschichten wie „Kim“ oder „Das Dschungelbuch“, dass man doch seine Zeit und ein wenig Muße braucht, um diese PrĂ€missen zu akzeptieren. Eine gewisse Lebenserfahrung hilft dann, um die nicht immer von Kipling gĂ€nzlich ausgearbeiteten Ideen – die einzige SchwĂ€che der unterhaltsam, wenn auch gesetzt konzipierten Story – zu verstehen. Wie Borges in seinem Vorwort pointiert anmerkt, reagieren die beiden Ă€lteren Frauen weder auf das AlltĂ€gliche noch das Wundersame mit dem gleichen Minenspiel. Diese stoische Haltung gegenĂŒber dem Leben und dem ganzen Rest verwirrt auf den ersten Blick, die Pointe muss sich an die OberflĂ€che der Geschichte kĂ€mpfen. Die nĂ€chste Geschichte „Ein Krieg der Sahibs“ hat Kipling wahrscheinlich zuerst in einem indischen Dialog geschrieben und dann ins Englische ĂŒbersetzt. Auf der einen Seite macht es diese affektierte ErzĂ€hlstruktur unzugĂ€nglicher, auf der anderen Seite versteckt diese stilistische Eigenart allerdings Kiplings kritische Botschaft. Die kleine bitterböse Story wird in erster Linie den AnhĂ€ngern von „Der Mann, der König sein wollte“ gefallen, auch wenn der Autor gĂ€nzlich auf eine westlich- imperialistische Perspektive verzichtet hat. Leider bleiben dem Leser die Charaktere fremd und teilweise scheint sich Kipling zu sehr am Geschmack seiner britischen Landsleute in Hinblick auf die devote Haltung der Inder ihren Kolonialherren orientiert zu haben. Wie sehr die unmenschlichen Vernichtungsorgien des Ersten Weltkriegs die Soldaten fĂŒr ihr Leben gezeichnet hat, arbeitet Kipling sehr prĂ€gnant und intensiv in der nĂ€chsten Geschichte „Eine Madonna im SchĂŒtzengraben“ heraus. Der Protagonist wird von seiner Begegnung mit einem Gespenst (?) noch Jahre nach Ende des Krieges heimgesucht. Wie in verschiedenen anderen Antikriegsgeschichten - siehe auch Vonneguts „Schlachthof 5“ - versucht Kipling das Unfassbare in einfache, aber einprĂ€gsame Bilder zu bannen. Dem Autoren gelingt es, die Endzeitstimmung in der SchĂŒtzengraben, die Leichenberge und die greifbare Verzweifelung der jungen ĂŒberforderten Soldaten sehr gut darzustellen. Das in dieser Umgebung die Begegnung mit dem ÜbernatĂŒrlichen keine Bedrohung, sondern fast einen fatalistischen Ausweg darstellt, wird von Kipling ĂŒberzeugend und vor allem auf eine geradezu simple Art impliziert. Wie in allen seinen Geschichten gibt es keine vorgefertigten Antworten, der Leser muss sich seinen Weg durch den Dschungel des menschlichen Lebens kĂ€mpfen. Damit stellt ihn der Autor auf die gleiche Stufe wie seine Protagonisten. Mit der Kirche als Hort des Aberglaubens und vor allem als Verhinderer des Fortschritts setzt sich Kipling in „Das Auge Allahs“ auseinander. Er reduziert die Kirche auf den Abt eines Klosters, kann so sich besser mit den sehr ambivalenten Positionen der Vertreter des wahren Glaubens auseinandersetzen. Ein Mönch bringt ein Mikroskop mit, dass er einer ausgewĂ€hlten Anzahl von Menschen zeigt. Die zwei Ärzte entdecken unter dem Mikroskop Krankheitskeime, ihnen gelingt es allerdings nicht, die richtigen SchlĂŒsse ziehen, weil der Abt in seinem Gott als allwissender Schöpfer Bild getroffen die richtige Erkenntnisse sehr gezielt und effizient verhindert.,
Die Kritik an der Kirche ist nicht nur sehr direkt und aggressiv, allerdings gelingt es Kipling nicht, diesen spĂŒrbaren Konflikt zwischen den Wissenschaft und dem Glauben nachhaltig und pragmatisch genug herauszuarbeiten. Der Leser hat in einigen Passagen dieser Geschichte des GefĂŒhl, als fehlte Kipling plötzlich der Mut, seine Idee bis zum bitterbösen Ende zu durchdenken. Das Sujet selbst ist interessant extrapoliert, im Vergleich zu den anderen Geschichten der Sammlung sind die Figuren dreidimensionaler und ĂŒberzeugender gezeichnet worden. Das sie hier nur stellvertretend fĂŒr ihre Glaubensrichtungen und Ansichten agieren, steht außer Frage, aber Kipling gibt ihnen zumindest eine adĂ€quate BĂŒhne. Mit „Der GĂ€rtner“ schlĂ€gt Kipling noch einmal den Bogen zum Ersten Weltkrieg. Mit ruhigen Tönen, sprachlich auch in der deutschen Übersetzung ansprechend schildert er die Suche einer Ziehmutter nach ihrem im Ersten Weltkrieg getöteten Sohn. Der Leser weiß im Gegensatz zu ihr, dass der Sohn schon gefallen ist. FĂŒr sie gilt er als offiziell vermisst. Ohne phantastische Elemente aber sehr einfĂŒhlsam gelingt es Kipling, im Leser das Bild des Verlusts, der Einsamkeit entstehen zu lassen. Kein Pathos, kein Versuch, den Irrsinn des Krieges ĂŒberhaupt in AnsĂ€tzen erklĂ€ren zu wollen, eine stumme Anklage gegen das Massenmorden insbesondere in den SchĂŒtzengrĂ€ben des Ersten Weltkriegs.

Die hier versammelten fĂŒnf Geschichten sind sicherlich insbesondere die Leser, die bislang mit Kipling wenig oder gar nicht direkt vertraut sind, eine Offenbarung. Es empfiehlt sich, nicht mit den Erwartungen klassischer Abenteuerliteratur an die Texte heranzugehen. Kipling ist ein kritischer, aber nicht lauter Beobachter seiner Zeit gewesen, der sich manchmal zu Lasten der AtmosphĂ€re und der Stimmigkeit bemĂŒht hat, zutiefst menschliche Tragödien zu erzĂ€hlen und seine Geschichten auf den Leser wirken zu lassen. Er weigert sich konsequent und nachhaltig, seine Plots weiter zu erlĂ€utern. Im Außenstehenden Betrachter entstehen eine Reihe von nicht immer angenehmen Bildern, die weiterfĂŒhrenden ErklĂ€rungen muss er sich selbst zusammenreimen. Die Sammlung unterstreicht, wie vielseitig Kipling in seinem langen Schaffen gewesen ist und vor allem wie stark er seine Umgebung und vor allem seine Zeit in seinen Geschichten reflektiert hat.

Rudyard Kipling: "Das Haus der WĂŒnsche"
Anthologie, Hardcover, 168 Seiten
Edition BĂŒchergilde 2007

ISBN 3-9401-1113-9

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