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Die Bibliothek von Babel



Henry James

Die Freunde der Freunde

rezensiert von Thomas Harbach

Der Schriftsteller Henry James wuchs in einer wohlhabenden Familie auf und lernte sehr früh die literarischen Klassiker kennen und lieben. Seit seinen frühen zwanziger Jahren hat er einen Teil seiner Zeit mit dem Schreiben von Kurzgeschichten und vor allem sekundärliterarischen Texten für diverse Zeitschriften verbracht. James musste nie schreiben, um davon zu leben. Das zeichnet zum Teil die Exzentrik einiger seiner Geschichten aus, vor allem die Abneigung für ein Publikum per se zu schreiben, sondern in erster Linie seine nicht immer freundlichen Beobachtungen des eigenen Gesellschaftsstandes niederzuschreiben. James hat sehr lange in Europa gelebt und ist im Ersten Weltkrieg auch nach England ausgewandert. Seine nicht phantastischen Romane stellen oft den Amerikaner in Europa in den Mittelpunkt der Handlung. Die Idee der Entfremdung wird sich auf einer anderen Ebene auch in seinen phantastischen Geschichten wieder finden. Während er in seinem Maintreamwerk sich mit dem Antagonismus Europas gegenüber den naiven Ungebildeten Amerikas auseinandersetzte, wirken seine übernatürlichen Erscheinungen oft intellektuell überlegen, aber nicht unbedingt moralisch reiner. Oft ist das Doppelgängermotiv der Eintritt in die andere Welt und nicht selten wissen seine Protagonisten nichts von dem Mister Hyde, der sich in ihrer Nähe versteckt. James verzichtet fast gänzlich auf übergeordnete Erzähler. Der Leser befindet sich in den Geschichten immer auf Augenhöhe der einzelnen Charaktere. Diese Vorgehensweise erhöht die Intimität und die Dramatik seiner Texte. Da sich James allerdings nicht selten weigert, dem Leser eine abschließend befriedigende Erklärung anzubieten, wirken einige der Novellen formaltechnisch ansprechend, in Bezug auf den Plot unvollendet und teilweise provozierend. James konzentriert sich sehr stark auf den Innenleben seiner Figuren – mitunter wird dieses in einem scharfen Kontrast zu einer steifen und antiquierten Gesellschaft beschrieben. Er gilt als Meister der indirekten Charakterisierung, was auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig ist. Lässt sich der Leser auf dieses Spiel ein, beginnen die vor mehr als einhundert Jahren geschaffenen Protagonisten auf einer erstaunlich modernen Ebene zu leben.

Der Ich-Erzähler, ein Londoner Dramenautor, macht in „Das Privatleben“ mit einer illustren Runde Urlaub in einem Hochtal der Alpen. Der Beginn erinnert unwillkürlich an Lord Byrons und Mary Shelleys illusteren Freundeskreis, der schließlich in den Schweizer Bergen Meisterwerke der Gruselliteratur geschaffen hat. Und nicht den nur Frankenstein.
Lord Mellifont ist ein eloquenter Staatsmann ersten Rangs, während seine Frau Lady Mellifont, eine düstere und zurückhaltende Person. Begleitet werden sie vom geistreichen Schriftsteller Clare Vawdrey und der beliebten, aber arroganten Schauspielerin Blanche Adney, die mit ihrem Gatten reist. Als Mrs. Adney und Lord Mellifont von einem gemeinsamen Spaziergang zurückkommen, fällt dem Erzähler auf, dass etwas vorgefallen ist. Er drängt die Schauspielerin ihm davon zu berichten – und kommt einem höchst sonderbaren Geheimnis auf die Spur: Es scheint, als habe der Staatsmann kein Privatleben, als lebe er zwei Leben auf einmal. Er verstrickt sich immer mehr in Widersprüche. Er ist zur gleichen Zeit mit seinen Freunden zusammen und schafft für Lady Mellifont die Theaterrolle ihres Lebens. Als der Ich- Erzähler dem Geheimnis dieses Phänomens auf die Spur kommen will, macht er eine überraschende Entdeckung.
Anfangs entwickelt sich die Geschichte als Sittengemälde, doch sobald der Erzähler den Vorfall bemerkt, wird aus dem eher beschaulichen Plot eine Mystery- Geschichte. James nimmt sein beliebtes Motiv vom Doppelgänger wieder auf. In der vorliegenden Story teilt er die Persönlichkeit, den Charakter eines Menschen in zwei Hälften, den extrovertierten Lebemann und den introvertierten Künstler. Aus der exzentrischen Sichts Henry James können beide nicht in- und miteinander leben, das Ergebnis ihres getrennten Handelns wird aber in einer Person präsentiert. Diesen Unterschied hat Henry James im Grunde zeit seines Lebens ebenfalls durchexerziert. Auf der einen Seite stiller Beobachter, finanziell unabhängig, auf der anderen Seite ein Mensch, der durchaus als Voyeur seiner Epoche bezeichnet werden kann. Obwohl der Autor kein Erklärungen oder Hinweise auf ein übernatürliches Phänomen anbietet, keine schaurigen oder gar bedrohlichen Situationen beschreibt, fesselt der Text schnell die Leser. Das Ende ist offen, zu offen. Das Doppelgängermotiv wird er in seinen Gespenstergeschichten effektiver und packender wieder aufgreifen, der vorliegende Text wirkt wie eine literarische Spielerei, eine Posse auf die ach so feine und doch oberflächlich – gelangweilte Gesellschaft.







„Owen Wingrave“ ist einer der Texte, die für Henry James so typisch sind. Pointiert und doch ambivalent, kritisch ironisch und doch schließlich sich dem System beugend, intelligent und frustrierend zu gleich. Betrachtet man schließlich auch noch Henry James Leben, dann wirkt die Geschichte wie von einem anderen Menschen geschrieben. Aufgrund der Neutralität der USA im Ersten Weltkrieg ist Henry James Engländer geworden. In der hier vorliegenden Geschichte scheint er sich gegen das Militär im Besonderen und vor allem den Krieg als speziellen Hebel der Politiker zu wenden. Owen Wingrave ist das Mitglied einer Familie, deren Männer traditionell Offiziere der Streitkräfte werden. Vorsichtshalber bleibt James ein wenig vage, was die eigentliche Armee angeht. Aufgrund der langen Tradition scheint es sich allerdings um eine europäische zu handeln, aufgrund des hier angesprochenen Klassenbewusstseins sehr wahrscheinlich um die Britische. Wingrave besucht die Vorbereitungsseminare des angesehenen Ausbilders Spencer Coyle. Er hat sehr gute Noten, ist im Grunde der Jahrgangsbeste. Von einem Tag auf den anderen entscheidet sich Wingrave, nicht mehr Offizier zu werden. Er hält jede kriegerische Auseinandersetzung für falsch und die Begründungen für unmoralisch. Nacheinander versuchen ihn Mr Coyle, sein Kamerad Lechmere und schließlich seine Tante Wingrave wieder auf den traditionellen und damit richtigen Weg zu bringen. Seine Verlobte stammt aus einem ebenfalls traditionsreichen Geschlecht, in dem die männlichen Vertreter nicht nur gedient, sondern in diversen Kriegen ihr Leben für das Vaterland gegeben haben. Auch sie kann die Entscheidung Wingraves nicht nachvollziehen. Über weite Strecken ist Henry James Geschichte ein lesenswertes, ein interessantes Sittengemälde. Der Leser sympathisiert offenkundig mit dem rebellischen Owen Wingrave, der auf keine Polemik zurückgreift, sondern mit einfachsten Mitteln eine pazifistische Position einnimmt. Es ist viel meiner seine Umgebung, die sich mehr und mehr hinter Klischees versteckt. Wäre „Owen Wingrave“ eine moderne Parabel, so würde der Verweigerer schließlich siegen und mit seinem Beispiel die Welt verändern. Da es sich um eine viktorianisch gotische Gruselgeschichte handelt, muss er scheitern. Das Ende ist frustrierend in seiner Erklärungslosigkeit, ist aber stimmig geschrieben worden. Wie in vielen anderen Henry James Texten wird nicht expliziert beschrieben, ob es in den alten Häusern wirklich spukt. Warum der Geist dann allerdings den Pazifisten „töten“ sollte, während er selbst im Krieg ums Leben gekommen ist, erscheint auf den ersten Blick als faszinierender Widerspruch und vor allem als starker Kontrast im Wesen der vordergründigen Moralisten Henry James. In der Titelgeschichte „Die Freunde der Freunde“ wird ein seltsamer Nachlass von einem Autoren gesichtet. Er bittet den Leser um Rat, wie mit einer Erzählung einer Tagebuchautorin verfahren werden sollte. In diesem Rahmen wird von einer unheimlichen Begebenheit berichtet. Die beiden Bekannten der Autorin scheinen unabhängig voneinander einem Geist begegnet zu sein. Wie in „Turning of the Srew“ verbindet James moralisch- gesellschaftliche Motive mit seinen übernatürlichen Begegnungen. Was „Die Freunde der Freunde“ allerdings zu einem eher durchschnittlichen Lesevergnügen macht, ist die Oberflächlichkeit, mit der Henry James seine Figuren entwickelt und vor allem der doppelte Rahmen, welcher den Leser vom Geschehen distanziert. Da ist zum einen der Herausgeber, der sich hilflos an die Leser wendet und zum anderen die Idee, das eine Tagebuchschreiberin in einer fiktiven Geschichte eine aus ihrer Sicht wahre Begebenheit beschreibt. Wie in vielen seiner Texte bleibt Henry James sehr lange eng mit der Realität verbunden, um dann eher impliziert auf die übernatürlichen Vorgänge einzugehen. Ein oder zwei Geschichten wirken aufgrund dieser Herangehensweise sehr gut, mit dem dritten Text nutzt sich dieses Element sehr schnell ab und unterdurchschnittlich konzipierte Geschichten wie „Die Freunde der Freunde“ überzeugen nur am Anfang. In diesem Fall ist der Leser den einzelnen Protagonisten in Hinblick auf den Plot sehr weit voraus und wird auch nicht mehr von dem vorhersehbaren Ende überrascht oder gar schockiert.
Die letzte Novelle „Die Blamage der Northmores“ enthält die wenigsten phantastischen Elemente, ist aber in seinem Aufbau eine glänzende Satire auf die überwiegend in sich selbst verliebte High Society Britanniens. Zwei Freunde und Weggefährten sind kurz hintereinander verstorben. Lord Northmore ist in seinen Kreisen beliebt und geachtet gewesen. Warren Hope dagegen wird immer für den Wasserträger des Lords gehalten. Das ärgert die Witwe Hope, die in ihrem Mann den eigentlichen Antreiber bei den gemeinsamen Forschungen gesehen hat. Sie will den verhassten Lord als Blender und Angeber denunzieren und gleichzeitig ihrem Mann die rechte Ehre erweisen. Der Leser ist unschlüssig. Sind die Motive der Witwe Hope redlich, handelt es sich wirklich um ein verkanntes Genie, das nun posthum aufgrund seiner Korrespondenz auf den entsprechenden Schild gehoben werden kann oder handelt es sich um verletzten Stolz? Die Geschichte lebt von dieser Ambivalenz und Henry James weigert sich im Grunde über das Ende des Textes hinaus, diese Fragen wirklich zu beantworten. In diesem Fall zurecht, denn Kunst entsteht meistens erst im Auge des Betrachters. Aus Henry James persönlicher Sicht setzt er sich mit einem auch gegenwärtigen aktuellen Thema auseinander: wann hört der Dienst am Freund auf und beginnt die Ausbeutung? Dem Leser wird das Geschehen ausschließlich aus der subjektiven Perspektive der Witwe Hope erzählt. Nicht zuletzt aus diesem Grund bleiben Reaktionen und Kommentare subjektiv. Diese Verzerrung einer möglichen Wirklichkeit macht den Reiz der Geschichte aus, auch wenn sie keine übernatürlichen Elemente – in diesem Fall wären diese auch kontraproduktiv gewesen – enthält.

Der Amerikaner Henry James hat seine Geschichten überwiegend in Südengland angesiedelt, dem wohl traditionellsten Teil des britischen Königreichs. Und Tradition braucht er bei der feinfühligen Zeichnung seiner liebenswerten, aber auch exzentrischen Charaktere. Keiner der Protagonisten könnte woanders als in der schimmligen Atmosphäre des britischen Empire existieren, in welcher Tradition und Anstand jegliche Veränderung, jeglichen intellektuellen Fortschritt unterdrücken. Aus heutiger Sicht wirken die Protagonisten teilweise ein wenig naiv und engstirnig, für die Zeit, in welcher die Geschichten entstanden sind, müssen einige von Henry James vordergründig anarchistischen Einstellungen als reine Provokation gewirkt haben. Was alle Figuren – wahrscheinlich auch wie ihre Regierung auszeichnet – ist die Unschlüssigkeit, die Entscheidungsunlust und schließlich das Scheitern. Die detaillierten Beschreibungen stören insbesondere in zwei der vier hier versammelten Geschichten einen stringenten Plotaufbau und das Ende wirkt teilweise zu abrupt, zu impliziert, um wirklich überzeuge zu können. Ganz bewusst verzichtet Henry James auf den übergeordneten Erzähler, selbst der Ich- Erzähler möchte am liebsten passivster Beobachter des Geschehens sein. Mit dieser Zurückhaltung macht es sich James bei einigen der nur latent als wirklich überzeugend zu bezeichnenden Plots nicht einfach. Die Kritik an der britischen Gesellschaft, die Karikatur einer intellektuellen Scheinselbständigkeit ist für ihn wichtiger als eine vielschichtig erzählte Geschichte. In „Die Freunde der Freunde“ sind nicht seine besten und vor allem bekanntesten Storys oder Novellen versammelt. Es sind aber für Henry James ausgesprochen typische Texte, die seine Stärken – vor allem eine sehr gute Beobachtungsgabe und einen fast boshaften Spot – mit guten Ansätzen – der Pazifismus in „Owen Wingrave“ ist hier besonders herauszustellen, die Geschichte erinnert in ihrer Struktur an die Nicht Holmes Geschichten Arthur Conan Doyles – zu lesbaren und erstaunlich modernen Geschichten verbinden. Als Einstieg in Henry James nicht immer einfache Welten ideal geeignet. Der nächste Schritt sollte und muss allerdings zu seinen schaurigen Klassikern erfolgen. Wer sich schon mit Henry James Texten beschäftigt hat, wird vielleicht aufgrund der Auswahl Borges ein wenig enttäuscht sein.

Henry James: "Die Freunde der Freunde"
Anthologie, Hardcover, 234 Seiten
Edition Büchergilde 2007

ISBN 3-9401-1111-2

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