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Die Bibliothek von Babel



Nathaniel Hawthorne

Das große Steingesicht

rezensiert von Thomas Harbach

Mit Nathaniel Hawthornes „Das große Steingesicht“ veröffentlicht Borges in seiner Bibliothek von Babel einen Autoren, der mit seinen moralischen Parabeln zwar über einhundert Jahre vor ihm geschrieben und veröffentlicht hat, dessen pointierte, sarkastische und sehr intelligente Beobachtungen des Lemming- Verhaltens der Menschen sich vor allem in Borges surrealistischen Fugen widerspiegeln. Während einer seiner Vorfahren an den Hexenprozessen von Salem als Richter teilgenommen hat und sein Vater im fernen Indien als Kapitän auf große Fahrt einem Fieber erlegen ist, hat Hawthorne die unmittelbare Umgebung des Nordostens der USA niemals verlassen. Er ist von seiner Mutter und ihren Verwandten isoliert aufgezogen worden. Dank seiner dichterischen Begabung hat er schließlich eine Privatschule in Maine besucht, anschließend für diverse Zeitungen gearbeitet und schließlich sich vom Schreiben ernährt. Zu dieser Zeit gelang das nur Washington Irving und James Fenimore Cooper. Später sollte Hawthorne ein großes Vorbild für Hermann Melville sein. Moby Dick ist seinem Freund gewidmet. Zusammen mit Edgar Allen Poe und Hermann Melville zählt Hawthorne zur dunklen Romantik der amerikanischen Literatur. Er setzt sich in seinen Texten mit Schuld und Sühne, Verführung und Glauben auseinander. Seine Kurzgeschichten durchfließt eine nicht zu leugnende Melancholie gepaart mit der Skepsis des Außenseiters. „Der scharlachrote Buchstabe“ ist Pflichtlektüre bei den meisten amerikanischen Colleges. Insgesamt fünf sehr unterschiedliche Geschichten hat Borges in dieser Sammlung zusammengefasst.

Wakefield ist ein typischer Hawthorne gerückt. In allen Belagengen durchschnittlich. Diese Figuren erfindet der Dichter mit einer fast perfiden Freude, um sie dann entweder passiv oder aktiv aus ihren ruhigen Lebensbahnen zu reißen. Aus Neugierde und Eitelkeit beschließt er, seine Frau auf die Probe zu stellen: Er verlässt am Anfang der Woche das Haus, gibt sich geheimnisvoll, deutet aber ihr gegenüber an, spätestens am Freitag wieder zurück zu sein, plant jedoch insgeheim erst am Montag heim zu kommen. Er richtet sich für die Woche in einem Haus nur eine Straße weiter ein – bleibt dann aber aus einer merkwürdigen Laune heraus zwanzig Jahre fort. Einmal begegnet er seine Frau und flüchtet vor ihr, während diese ihren Mann nach zehn Jahren nicht mehr wieder erkennt. Aus dem Experiment ist inzwischen Furcht geworden, Furcht wieder in das Vertraute zurückzukehren. Anfangs lässt den Leser Wakefields exzentrisches Verhalten ehr schmunzeln, im Verlauf der Story nimmt er Abstand von der Figur. Die Andeutungen des moralisch fragwürdigen übergeordneten Erzählers gehen eher ins Leere und versuchen Wakefields Charakter positiver darzustellen als er in Wirklichkeit ist.
Die Prämisse von „Das große Steingesicht“ ist deutlich ambitionierter: Ernst wächst im Tal unter dem gütigen Blick des großen Steingesichts auf. Dieses ist das Abbild eines ehrwürdigen und weisen Mannes im nahen Gebirge. Ist man so weit entfernt, dass es gerade noch zu erspähen ist, dann scheint es das Antlitz eines Lebenden zu sein, doch kommt man nahe heran, dann zerfällt es in eine bloße Ansammlung von Erkern und Kerben im Gestein. In jenem Tal nun wird eine alte Legende erzählt: Dereinst wird ein Mann kommen, des das Ebenbild des großen Steingesichts ist. Dieser Mann wird ein großer Erlöser sein. Ernst hat eine nahezu spirituelle Verbindung zum Wahrzeichen des Tals – und wartet sehnsüchtig auf dessen menschliche Verkörperung. Als der Erlöser vermeintlich auftritt, entpuppt er sich für Ernst als Enttäuschung. Auch wenn Hawthorne seiner moralischen Geschichte eine sagenhaften Märchenstruktur gegeben hat, konzentriert er sich am Ende zu stark auf die moralische Parabel, das Demut, Bescheidenheit und Streben nach Weisheit/ Wissen oberste Gebote im menschlichen Leben sein sollte. Das Macht korrumpiert und verführt, das Gewalt nicht der richtige Weg sein soll und sein kann. Der Leser kann sich der Figur des Ernst zu wenig nähern, als das die Geschichte wirklich überzeugend ist.
Die handlungstechnisch aktuellste Geschichte ist „Das Brandopfer der Erde“. Eine bitterböse Satire auf das Lemmingverhalten der Menschen, die ihren Geist nicht mehr zum Denken nutzen. Über die Zeiten sehr aktuell, insbesondere in Hinblick auf die Bücherverbrennungen im Dritten Reich beschleicht den Leser ein ungutes Gefühl. Aber Hawthorne unterscheidet nicht zwischen den Glaubensrichtungen, in dieser Geschichte sind alle Menschen fehlerhaft. In einer nicht näher bestimmten Zeit und vor allem als Ausgangspunkt in einem nicht konkretisierten Ort innerhalb der USA haben die Müllberge sich enorm vergrößert. Man beschließt diese in einer einsamen unbewohnten Ebene zusammenzudrängen und mit einer großen Feierlichkeit verbunden zu verbrennen. Dem schließen sich die Reformatoren an, die dazu noch Unnützes ins gewaltige Feuer werfen. Den Anfang machen Erinnerungsstücke an den Adel und dessen Privilegien. Auch wenn die Mehrheit sich mit großer Innbrunst an deren Verbrennung beteiligen, gibt es einige, die an diesen Symbolen festhalten wollen. Dann wenden die Reformer sich anderen unnützen Dingen zu. Bücher folgen, der Mensch soll sich nicht mehr toten Gedanken unterwerfen. Schließlich werden Geld und Wertpapiere verbrannt, Grundschuldbriefe. Impliziert kehrt Hawthorne Menschheit – inzwischen finden diese rituellen Verbrennungen auf allen Kontinenten statt – in eine Frühform des Sozialismus zurück, in dem es keine individuellen Besitztümer geben soll. Dieser Schritt ist eher unbewusst und im Zuge der Euphorie getan worden.
Hawthornes Geschichte ist eine böse Satire auf die Vergänglichkeit… die Vergänglichkeit des Menschen per se und seinen Starsinn. Auch wenn es sinnvoll ist, das kulturelle Erbe zu erhalten, deutet Hawthorne an, dass das Leben lebenswert ist und die Menschen im Hier und Jetzt sich den Herausforderungen stellen sollten. Es gibt eine Handvoll von Volksverführern, welche die gute Idee der Mühlverbrennung im großen Stil dazu nutzen, unbequemes zu säubern und die eigenen Ideale in den Vordergrund zu stellen. Vieles kann und will Hawthorne in dieser kurzweilig zu lesenden Geschichte nur andeuten. Sie ist aber einer der Höhepunkte dieser Sammlung.

„Mr. Higginbothams Katastrophe“ hält im Vergleich zu „Das Brandopfer der Erde“ dem Menschen in seiner Naivität im Kleinen den Spiegel ins Gesicht.
Dominicus Pike ist ein fahrender Tabakhändler, der nicht nur mit dem wertvollen Stoff handelt, sondern aufgrund seiner Neugierde Klatsch und Tratsch in den einzelnen Dörfern austauscht. Eines Morgens erfährt von einem schändlichen Mord an dem ehrenwerten Mr. Higginbothams. Die Quelle ist ein finsterer Geselle, doch Pike beginnt die Geschichte mit einer persönlichen Note ausgeschmückt ohne den Wahrheitsgehalt zu überprüfen in den anderen Dörfern zu erzählen. Es ist Hawthorns erster Versuch einer Kriminalgeschichte. Edgar Allan Poe wird dieser Faden später deutlich besser und effektiver aufnehmen. Das Verbrechen an sich steht allerdings nicht im Mittelpunkt der Story, sondern die Geschwätzigkeit des Menschens und seine eitle Selbstdarstellung auf Kosten anderer. Erst am Ende bemüht sich Hawthorne, unabhängig von seiner ironischen Kritik an seinen Mitmenschen den Plot aufzulösen. Die erste Hälfte der Geschichte ist allerdings eine köstliche Verballhornung der fahrenden Händler.
In der Allegorie „Des Pfarrers schwarzer Schleier“ geht es nur um die Sünde. Im Mittelpunkt steht der bis dahin vorbildliche Pfarrer Hooper Bislang hat er eher mit Überzeugung als mit Drohung versucht, seine Schäfchen auf den rechten Wegen zu halten. Eines Sonntags aber hält er einen Gottesdienst, bei dem er sein Gesicht hinter einen Schleier verbirgt. Er liefert auch keine Erklärung, als ihn seine Gemeinde zur Rede stellt. Fortan verbirgt er sich bis ins Grab hinter dem Schleier. Damit wird der melancholische Mann plötzlich der Gemeinde unheimlich. Man kommt überein, ihn zur Rede zu stellen.
Impliziert beschäftigt sich die Geschichte mit dem Zweiten Gesicht. Hawthorne setzte dieses zweite Gesicht mit der Sünde gleich, dem Verheimlichen von bestimmten Aspekten einer Persönlichkeit. Beweise liefert er für seine These nicht. Aufgrund der skurrilen Grundidee eine unterhaltsame, lesenswerte Geschichte.

Nathaniel Hawthornes Geschichten leben von den interessanten, außerordentlichen Ideen und seinen exzentrischen Figuren. Bis auf Wakefield, der in seiner ganzen Erscheinung durchschnittlich und unscheinbar sein muss, damit der Plot so effektiv ist, bemüht sich Hawthorne trotz der Kürze der Texte, die Protagonisten dreidimensional zu beschreiben. Bis auf Wakefield spielen alle Storys in den USA. Die Texte sind alle sehr geradlinig, sehr stringent geschrieben. Dabei vergehen durchaus auf den wenigen Seiten ganze Jahrzehnte. Stellenweise ist Hawthornes bekehrender Geist aber kontraproduktiv und einige der Texte wirken überdurchschnittlich belehrend. Nicht selten will er seine Botschaften mittels Wiederholungen explizierter darstellen als das es seine These erfordert. Trotz dieser Schwächen sind die Geschichten nicht zuletzt aufgrund der Tatsache lesenswert, einen frühen uramerikanischen Erzähler kennen zulernen, der sich weniger mit der Eroberung der Westens als den Menschen im Osten auseinandergesetzt hat.

Nathaniel Hawthorne: "Das große Steingesicht"
Anthologie, Hardcover, 152 Seiten
Edition Büchergilde 2007

ISBN 3-9401-1109-0

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