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Die Bibliothek von Babel



Lord Dunsany

Das Land des Yann

rezensiert von Thomas Harbach

Im Rahmen seiner Bibliothek von Babel legt J. L. Borges einen Band mit Geschichten des in Irland geborenen und in Großbritannien verstorbenen Lord Dunsany – 1878 bis 1957 vor. Viele Kritiker werfen dem aus adligen Hause und finanziell anscheinend unabhängigen Dunsany eine gewisse Trägheit in seinem literarischen Werk vor. Als wenn ihm aufgrund seiner Herkunft der Drang zum Schreiben gefehlt hat. Dabei reicht das Spektrum seiner Texte von sekundärliterarischen Artikeln bis zu humorvollen Kriminalgeschichten. ER hat sowohl im Burenkrieg als auch dem Ersten Weltkrieg gedient. Das er im Gegensatz zu einigen anderen Adligen ein eher abgeschiedenes Leben geführt hat, kann der aufmerksame Leser seinen hier versammelten Texten entnehmen. Wie er mehrmals erklärt hat, wolle er nicht über die Realität schreiben, sondern nur über Dinge, die er selbst geträumt hat. Diese außergewöhnliche Perspektive verrät auf den ersten Blick die surrealistisch- grotesken Strukturen seiner Geschichten, weist aber auch auf die Schwäche einer gängigen Plotstruktur vor allem mit einem befriedigen Abschluss hin.


Die erste Geschichte „Am Rand der Gezeiten“ extrapoliert eine Idee aus dem Werk Edgar Allan Poes – das lebendig begraben Motiv – auf eine interessante Weise, um schließlich doch auf einer enttäuschenden Note zu enden. Der Ich- Erzähler und Protagonist berichtet von seinen ersten Eindrücken nach dem eigenen Tod und dem anscheinend Jahrzehntelangen Wettstreit zwischen zwei Gruben, die seinen Körper immer wieder umbetten. Anfänglich vergnügt, dann irritiert wird das Bild immer befremdlicher, surrealistischer, bis aus dieser anscheinend grotesken Freizeitbeschäftigung eine philosophische Extrapolation der Evolution des Menschen über das inzwischen untergegangene London hinaus wird. Stilistisch dicht und ansprechend, atmosphärisch beklemmend und doch faszinierend, realistisch und gleichzeitig surrealistisch mit dem enttäuschenden Ende, das alles nur ein intensiver Traum gewesen ist. Mit dem Aufwachen beginnt der Protagonist nicht unbedingt erfrischt, aber zumindest ausgeschlafen einen neuen Tag. Hier wäre zumindest ein offeneres, doppeldeutiges Ende empfehlenswerter gewesen. So überzeugen die sprachlichen Bilder – selbst in der deutschen Übersetzung – besser als der gesamte Kontext. Viele Motive werden sich in den folgenden Geschichten wiederholen. Borges selbst schreibt über Dunsany in seinem kurzweilig zu lesenden Vorwort, dass dieser in erster Linie über seine Träume und nicht den Realismus seiner Umwelt schreiben wollte und zumindest dieser Ansatz ist ihm in der Auftaktstory voll und ganz gelungen. „Das Schwert und das Idol“ ist eine Evolutionsgeschichte im Stile von Kurd Lasswitz „Homchen- ein Märchen aus der Kreidezeit“ . Der Zufall bedingt die Entdeckung der Schmiedkunst bei den Vorfahren der Menschen, führt zu einer stetigen Unterdrückung innerhalb der Clans und schließlich zum ersten Licht der Vernunft. Ohne großartige Dialoge konzentriert sich Lord Dunsany alleine auf die beschreibende Handlungsebene. Dabei leidet die Story in erster Linie unter einer fehlenden Charakterisierung der einzelnen Protagonisten. Damit nimmt er zum Teil der geradlinigen Handlung ihre Effektivität, auch wenn sich der Handlungsbogen kurzweilig lesen lässt. Zu den Höhepunkten der Sammlung gehört „Carcassone“, eine Hommage an die Legende vom fliegenden Holländer und die Arroganz, aber auch den Mut der Menschen, ihr Leben selbst zu bestimmen und sich von dunklen Prophezeiungen nicht einschüchtern zu lassen. Als ein Wahrsager dem König vorhersagt, dass er niemals die legendäre Stadt Carcassone erobern wird, zieht er mit seinem Heer aus, sein Schicksal zu überwinden und seinen Triumph zu perfektionieren. Nach anfänglichen Erfolgen mit kleinen Siegen gegen Feinde oder einfach nur Städte, die auf dem Weg lagen, wird aus ihrem Heerzug mehr und mehr eine Illusion. Anscheinend sind sie verflucht, über Jahrhunderte vergeblich ihrem Ziel hinterher zu rennen, blind der Realität gegenüber werden sie zu einem Mythos. Lord Dunsany hat in dieser längeren Story insbesondere stilistisch sich bemüht, die Sprachmuster der klassischen Ballade in einen Prosatext umzusetzen. Schwungvoll optimistisch beginnt die Jagd nach dem imaginären Ziel, das aus einem Lied heraus entstanden zu sein scheint, dessen Wahrheitsgehalt niemand kennt. Im Verlaufe der schier unendlichen Suche wird der Tenor dunkler, die Helden werden zu ihrem eigenen Mythos. Angepeitscht von dem Minnesänger motivieren sie sich auf ihrer schier endlosen Suche immer wieder selbst Der Leser kann im Gegensatz zu den Protagonisten das Ende der Geschichte erahnen. Die traumartige sagenhafte Atmosphäre, die geradlinige und doch packende Handlung und die selbst in der guten deutschen Übersetzung erkennbare Sprachstruktur machen „Carcassone“ zu einem Lesevergnügen allererster Güte.

Eine ähnliche Qualität erreicht die Titelgeschichte „Das Land des Yann“. Eine Reise auf einem langen Fluss entlang an verschiedenen Städten, deren Kultur verschiedenen Göttern huldigt. In dieser Würdigung liegt immer eine kleine moralische Episode versteckt, in der Dusany die Unzulänglichkeiten des einfachen Menschen den scheinbar unfehlbaren Göttern gegenüberstellt. Am Ende der phantastischen Reise entpuppt sich das alles zum wiederholten Male als Traum. Im Gegensatz insbesondere zu der ersten Geschichte „Am Rand der Gezeiten“ funktioniert dieses Mal der Abschluss deutlich besser, da insbesondere die surrealistisch phantastischen Episoden inklusiv des Lebensfluss den Leser besser vorbereiten. Mit wenigen prägnanten Beschreibungen erschafft der Autor eine gänzlich fremde, phantastische archaische Kultur. Trotzdem wirken die einzelnen Begegnungen seltsam aktuell und vertraut. Die Kurzgeschichte ist insbesondere von der Allegorieseite auf einem Niveau mit Joseph Conrads „Das Herz der Finsternis“, wenn auch der Realismus Afrikas durch eine gänzlich fremdartige Landschaft ersetzt worden ist.

„Die Wiese“ ist eine auf den ersten Blick unterhaltsame Anekdote, deren bitterer Hintersinn sich erst mit der Pointe erschließt. Diese kurzen Texte stehen in einem harten Kontrast zu gänzlich weltfremd erscheinenden Phantasten. Das ausgerechnet der Dichter das Rätsel auflösen muss, ist der I- Punkt auf einer nachdenklich stimmenden sehr kurzen Story. Nicht unbedingt länger ist „Die Bettler“. Ihr fehlt aber dieser pointierte Realismus, diese feinfühlige Übertragung einer scheinbar alltäglichen Situation in den Bereich der Groteske. Dunsany entpuppt sich als scharfer Beobachter, der aus einer alltäglichen Begegnung mit fremdartigen gekleideten Menschen ins Träumen gerät und schließlich daraus ein Gedankenschloss allererster Güter entwirft. Was ihm aber in diesem Text fehlt, ist der Bogen zurück zum Ausgangspunkt, zu einer scharfen bissigen Pointe, die insbesondere Texte wie „Die Wiese“ so einzigartig zeitlos machen

„Das Büro d`Echange de Maux“ ist eher dem unheimlichen Genre als der bisher zusammengefassten Fantasy- Geschichten zuzuordnen. Es gibt in einer großen Stadt eine Kaschemme, in der für 20 Franc Eintrittsgebühr und 50 Franc Vertragsgebühr Unglücke zwischen den Mitgliedern ausgetauscht werden können. Der Ich- Erzähler beobachtet das seltsame Geschehen einige Zeit, wird von dem verschlagen aussehenden Kneipenbesitzer über die seltsamen Vorgänge unterrichtet und beschließt letzt endlich, auch einen kleinen Tausch vorzunehmen. In seinem Fall handelt es sich eher um menschliche Schwächen – die Furcht von Seekrankheit gegen die Furcht, in einem Aufzug steckenzubleiben. Das phantastische Element wird ausgesprochen ernsthaft abgehandelt und so trotz des grotesken Gedanken glaubwürdig. Lord Dunsany verzichtet auf jegliche über das notwendige Mindestmaß herausgehende Charakterisierung und gibt der Story somit eine gewisse Zeitlosigkeit. Von der bizarren, aber interessanten Idee über die geradlinige Ausführung – insbesondere stilistisch nimmt er sich im Vergleich zu seinen ausufernden Beschreibungen in den vorangegangenen Texten deutlich zurück – bis zur durchschnittlichen Pointe eine gut zu lesende Geschichte.

Den Abschluss bildet „Eine Nacht im Pub“, ganz bewusst in der Form eines Theaterstückes mit ausschließlichen Dialogen und wenigen Regieanweisungen geschrieben. Drei Halunken haben einer indischen Priesterschaft aus ihrem Götzen einen großen Rubin gestohlen. Im Pub begegnen ihnen schließlich drei Priester, welche die Beute ihnen wieder abjagen wollen und gegen Ende des kurzweilig zu lesenden Textes der eigentliche Besitzer des Rubins. Aufgrund des letzten Aktes und den fehlenden Möglichkeiten, diese Erscheinung überzeugend – außerhalb des Schattenspiels darzustellen – funktioniert dieses Stück eher auf Papier als auf der Bühne. Wie in seinen unzähligen Kriminalgeschichten schafft es Lord Dunsany, die Arroganz und Selbstverliebtheit der Verbrecher treffend darzustellen. Ihre Begegnung mit der „Realität“ wird für sie nach dem anfänglichen Triumph zur Tragödie. Die Dialoge sind gut geschrieben, wirken aber ein wenig zu glatt, zu geschliffen für einfache Verbrecher. Die Regieanweisungen sind sehr dürftig, alleine die Gespräche sollen das Stück tragen.

Die hier versammelten Geschichten zeigen das Spektrum Lord Dunsanys umfangreichen phantastischen Gesamtwerk. Von den surrealistischen Traumspielereien bis zu den Abgründen des Verbrechens ist alles vorhanden. Die einzelnen Texte sind überzeugend geschrieben, viele Ideen werden eher impliziert als wirklich extrapoliert. Nicht zuletzt aufgrund der eher blümigen Sprache wird die Aufmerksamkeit des Lesers gefordert. Im Gegensatz insbesondere zur Weird Fiction bemüht sich der Autor, neben dem Element des Traumhaften eine zugängliche Handlung zu ersinnen. Die Mischung funktioniert in den längeren Texten – jeweils um die dreißig allerdings großzügig gedruckte Seiten – besser als in den fast fragmentarischen Episoden. „Das Land des Yann“ ermöglicht es dem Leser, sich ein erstes Bild des Iren zu machen, danach kann er entscheiden, ob sich eine weitere Entdeckungsreise in seiner in erster Linie antiquarisch erhältlichen anderen Werke für ihn lohnt. Den ersten Schritt sollte er auf jeden Fall machen, Lord Dunsany gehört mit William Morris zu den frühen britischen Autoren, die eine Wiederentdeckung längst verdient haben.

Lord Dunsany: "Das Land des Yann"
Anthologie, Hardcover, 132 Seiten
Edition Büchergilde 2007

ISBN 3-9401-1108-2

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