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Die Bibliothek von Babel



Gilbert Chesterton

Apolos Auge

rezensiert von Thomas Harbach

Mit dem siebenten Band der Edition Babel prĂ€sentiert Jorge Luis Borges auf den ersten Blick verblĂŒffend eine Sammlung von „Pater Brown“ Kriminalgeschichten aus der Feder des streng glĂ€ubigen Katholiken Gilbert Keith Chesterton. Insbesondere in Deutschland ist das Bild des intelligenten Hobby- Ermittlers durch Heinz RĂŒhmanns nicht immer akkurate Darstellung in diversen „Pater Brown“ Filmen vorgeprĂ€gt worden. Chestertons hier prĂ€sentierte KriminalerzĂ€hlungen sind dagegen sehr klug und kunstvoll konstruierte Kriminalgeschichten, die sich eher an Sherlock Holmes und seinem Verfasser Arthur Conan Doyle orientierten. Im Mittelpunkt der Geschichten steht immer ein rĂ€tselhafter Vorfall, an dem Pater Brown eher passiv teilnimmt. Oft werden ihm die Fakten verbal ĂŒbermittelt, der Pater besucht den Tatort und mittels einer guten Beobachtungsgabe und einem wachen Verstand kann er ohne die wissenschaftlichen Hilfsmittel a la Holmes den TĂ€ter ĂŒberfĂŒhren. Dabei geht es weniger um Action, sondern intelligente Unterhaltung. Wie in seinem realen Leben Chesterton ist auch Pater Brown ein aktiver Verfechter des katholischen Glaubens. Er begegnet in den hier versammelten fĂŒnf Geschichten in erster Linie Vertretern der heidnischen Religionen, denen Pater Brown mit gesundender Skepsis, aber keinen Vorurteilen begegnet.


Die erste Geschichte „Die drei Reiter der Apokalypse“ besteht im Grunde aus einer vielschichtigen Eröffnung und dann der Auflösung in Form einer verbal vorgetragenen historischen Begebenheiten, welche die von Obert Pound herausfordernd gestellten RĂ€tsel auflösen und die entsprechende BegrĂŒndung liefern soll. Es ist erstaunlich, wie selbstsicher und offensiv Chesterton seine Leser mit Halbwahrheiten und verklausulierten Floskeln reizt, um dann insbesondere das MilitĂ€r als stupide, egoistisch und falsch zu entlarven. Die drei Reiter der Apokalypse sind drei Offiziere der preußischen Armee im besetzten Polen, die unterschiedliche Befehle zwecks der Hinrichtung eines polnischen Populisten ans Ziel bringen sollen. Der Konflikt auf der untersten Offiziersebene ist nur ein Spiegelbild der Diskrepanzen zwischen den Adligen und den oberen RĂ€ngen. Es ist ein dunkles, kritisches Bild, das Chesterton malt. Was die Kurzgeschichte allerdings zu einem LesevergnĂŒgen erster GĂŒte macht, sind die vielen auch in der deutschen Übersetzung gelungenen Wortspiele, die auch die Phantasie des Lesers zu beschĂ€ftigen wissen.

Mit „Die seltsamen Schritte“ prĂ€sentiert Borges die erste Pater Brown Geschichte. Wer jetzt aber an einen Sherlock Holmes im Priesterrock denkt, wird ĂŒberrascht, wie gesellschaftskritisch bis zur Satire mit dem StandesdĂŒnkel und den Marotten der Adligen umgeht. Die Mitglieder eines exzentrischen Clubs treffen sich in einem Hotel, das in erster Linie GĂ€ste abwehrt zu ihren jĂ€hrlichen Clubtreffen. Pater Brown ist nur anwesend, weil einer der fĂŒnfzehn Kellner – mehr als es GĂ€ste zu geben scheint – vor dem wichtigen Treffen plötzlich gestorben ist und die letzten Weihen erhalten soll. Der Pater lauscht in seinem kleinen Zimmer verschiedenen Schrittfolgen und wird schließlich in den Diebstahl des wertvollen silbernen Fischgedecks verwickelt. Chesterton stellt deutlich heraus, dass es ihm um die AufklĂ€rung des Verbrechens, aber nicht unbedingt die Bestrafung des TĂ€ters geht. Wie Sherlock Holmes fasziniert ihn das Problem mehr als die eigentliche Bestrafung. Dabei löst er in der vorliegenden Geschichte den Fall eher beilĂ€ufig, da ihm der TĂ€ter im wahrsten Sinne des Wortes durch einen Zufall in die Arme lĂ€uft. Der Ablauf der Tat und das Vorgehen des TĂ€ters allerdings basiert auf einer Reihe von derartigen ZufĂ€llen, das die GlaubwĂŒrdigkeit des Plots zu sehr strapaziert wird. Als Satire auf das exzentrische Verhalten der Adligen ist die Story allerdings sehr amĂŒsant und lesenswert.

„Die Ehre des Israel Gow“ ist ein perfektes Vehikel fĂŒr Pater Brown. Alle Indizien in einem schottischen Schloss deuten auf Ritualverbrechen von einer heidnischen Gesellschaft. Ganz bewusst wird der Leser mit theologischen Vermutungen und hanebĂŒchen zusammengesetzten Theorien ĂŒber das grĂ€ssliche Schicksal des exzentrischen Lords verwirrt, bis die Auflösung nicht nur furchtbar einfach – aber fĂŒr den Leser nicht vorher erkennbar – ist, sondern vor allem aufzeigt, dass kein Verbrechen im kriminalistischen Sinne stattgefunden hat, sondern nur jemand das Testament allzu wörtlich genommen hat. Pater Brown setzt schließlich die einzelnen VersatzstĂŒcke zu einer verblĂŒffend einfachen, aber nachhaltigen Lösung zusammen. Chesterton setzt in der ersten HĂ€lfte der Geschichte fast ausschließlich auf AtmosphĂ€re und indirekte HandlungsfĂŒhrung. Der Zuschauer erhĂ€lt alle Fakten ausschließlich aus den Dialogen der Protagonisten. Diese Vorgehensweise verengt die Perspektive und lĂ€sst leichter meisterhafte Manipulation zu. Der Autor nutzt diese PrĂ€misse allerdings auch fĂŒr einige Anfeindungen gegenĂŒber den falschen Religionen. Aus der Lebensgeschichte Chestertons weiß der Leser, dass mit dieser Einstellung alle Glaubensrichtungen bis auf die Katholische gemeint sind.

Der erste richtige Kriminalfall mit Tat, Deduktion und schließlich ÜberfĂŒhrung des/ der TĂ€ters ist „Apollos Auge“. Pater Brown besucht seinen Freund, den Detektiv Flambeau in seinem neuen BĂŒro. Dieses liegt dem Anwesen eines Sektierers gegenĂŒber, der jeden Mittag von seinem Balkon aus die Sonne anbetet. WĂ€hrend des aktuellen Gebetes wird eine junge Frau aus seinem BĂŒro getötet. Sie stĂŒrzt in einen leeren Fahrstuhlschacht. Der Detektiv und die Sektierer gehen von einem Selbstmord aus, wĂ€hrend Pater Brown auf Mord tippt. Die Auflösung der Tat ist verblĂŒffend effektiv gestaltet. Es handelt sich um zwei parallel begangene Verbrechen, die sich auf eine unheilvolle und diabolische Art negieren Wie einige von Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes“ FĂ€llen ist die Mischung aus Konzeption und Konstruktion ĂŒberzeugend, Chesterton nimmt sich allerdings nicht den Raum, die Nebenfiguren dreidimensional zu entwerfen. Dadurch geht das tragische Moment verloren. Wie wenig Chesterton vom heidnischen Glauben hĂ€lt, wird von Pater Brown ĂŒberdeutlich gemacht. Das perfide aus Habgier begangene Verbrechen und die gnadenlose Umsetzung sind der Höhepunkt dieser kleinen „Pater Brown“ Sammlung.

Nicht viel schlechter, aber in Bezug auf die Thematik beunruhigender ist „Das Duell des Dr. Hirsch“. Ein wichtiges Dokument scheint entwendet worden zu sein. Die Hinweise sind komplett falsch, so falsch, dass sie den Verdacht erwecken. Ein Offizier und ein obskurer Doktor Hirsch wollen um die Ehre streiten, sind aber nicht in der Lage, sich in die Augen zu sehen. Im Gegensatz zu vielen anderen Pater Brown Geschichten kommt es hier nicht nur auf jedes Detail ein, die Masse ergibt ein gĂ€nzlich anderes Bild als die Wahrscheinlichkeit vorhersagt. Wieder ist das Verbrechen nur der Katalysator der folgenden Ereignisse und zum wiederholten Male wird die Tat nicht gesĂŒhnt, der TĂ€ter bestraft In dieser kurzweilig zu lesenden Story kommt noch ein ironischer Höhepunkt hinzu. Die Barriere zwischen TĂ€ter und Opfer fĂ€llt. Das Ergebnis ist auf den ersten Blick verblĂŒffend, auf den zweiten konsequent und durch einige gezielte Hinweise von Brown gut vorbereitet.


UnabhĂ€ngig von den unterhaltsamen KriminalfĂ€llen mit dem ungewöhnlichen Ermittler ĂŒberzeugen die Geschichten durch ihre stimmungsvolle AtmosphĂ€re und selbst in der deutschen Übersetzung durch diverse Übersetzer Wort gewaltigen Sprache. Chestertons Beschreibungen gleiten immer wieder ins Symbolische ab. Da er sich vor seiner Zeit als Schriftsteller auch als Maler versucht hat, sind seine Geschichten sehr visuell orientiert. Die HintergrĂŒnde wie das dĂŒstere Schloss in „Die Ehre des Isreal Gow“ sind elementare Bestandteile der einzelnen Texte. Zusammen mit der geradlinigen, stringenten Handlung verbinden sie sich zu kompakten KriminalfĂ€llen. Der sympathische Ermittler Pater Brown kommt manchmal aufgrund der KĂŒrze der hier prĂ€sentierten Geschichten ein wenig zu kurz, zu schnell und zu direkt löst er die komplexen RĂ€tsel und prĂ€sentiert den verblĂŒffenden Polizisten sowie dem Leser die aufgrund seines Wissens nicht erkennbare Lösung. In den Roman nimmt sich Chesterton mehr Zeit und handlungstechnisch Raum, um seinen sympathischen Charakter weiterzuentwickeln und gleiche komplexe FĂ€lle zu lösen. Der Band ist in erster Linie den Lesern empfohlen, die einmal den einzigartigen Autoren Chesterton und seine berĂŒhmteste Schöpfung kennen lernen wollen. Wer schon ein Pater Brown Fan ist, wird nur die erste Story als deutsche Erstveröffentlichung im Rahmen der Bibliothek von Babel entdecken können. Die Geschichten ĂŒberraschen durch eine ĂŒberraschende Themenvielfalt, obwohl die eigentliche Struktur dem grundsĂ€tzlichen Muster der Detective BĂŒcher fast sklavisch folgt. Sie sind intelligent konstruiert, auch wenn sie manchmal das Verbrechen nur als unbedeutenden AufhĂ€nger fĂŒr theologische Diskussionen nutzen. Wer sich weiter mit dem britischen Phantasten beschĂ€ftigen möchte, seien zusĂ€tzlich die beiden Omnibus- TaschenbĂŒcher im Rahmen der SF- Bibliothek empfohlen.

Gilbert Chesterton: "Apolos Auge"
Anthologie, Hardcover, 165 Seiten
edition BĂŒchergilde 2007

ISBN 3-9401-1107-4

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