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Die Bibliothek von Babel



Jacques Cazotte

Der verliebte Teufel

rezensiert von Thomas Harbach

Vor einigen Jahren fasste der berühmte argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges in dreißig Bänden phantastische Literatur aus drei Jahrhunderten zusammen. Alle Veröffentlichungen dieser Reihe sind literarische Werke die ihn auf seinem persönlichen Lebens- und Entwicklungsweg als Schriftsteller begleitet oder beeindruckt hatten. Die Edition Weitbrecht im Thienemann Verlag hat die mit einem exklusiven Vorwort des Argentiniers versehene Edition in Deutschland veröffentlicht, jetzt legt die Edition Büchergilde die damals so genannte „Bibliothek von Babel“ – um die Tiefe der weltweiten phantastischen Literatur zu betonen – in handlichen Hardcovern neu auf. Neben bekannten Schriftstellern wie Kafka, Poe, Jack London oder Hermann Melville erscheinen zum ersten Mal seit vielen Jahren eher unbekannte, vergessene und/ oder Wegweisende Romane in sehr gut übersetzten und vor allem schön gestalteten Ausgaben. Den Auftakt dieser in Dreierblöcken erscheinenden Edition macht nicht der erste Band – „Der Freund des Todes“ von Pedro A. de Alarcon – sondern Jacques Cazottes „Der verliebte Teufel“, der sechste Band der Edition. Cazottes Leben ist wahrscheinlich genauso farbenprächtig wie seine wenigen heute noch bekannten Werke, es stellt sich insbesondere nach der Lektüre des Vorworts unwillkürlich die Frage, ob der Protagonist dieser Kabale und Liebe nicht eine Inkarnation des Autoren darstellt. Nach einer Anstellung in der Marineverwaltung siedelte der am 17.Oktober 1719 geborene Cazotte für einige Jahre nach Martinique um, machte dort ein Vermögen, das er nach seiner Rückkehr nach Paris verloren hat, begann 1752 oder 1753 mit seinen ersten eigenen Erzählungen. Vorher fiel er durch liebevolle oder bissige Parodien orientalischer Geschichten auf, setzte sich mit dem Mystischen und Paraphysischen oft bissig, dann wieder ironisch verklärt auseinander und veröffentlichte 1772 den hier vorliegenden Kurzroman, sein bekanntestes Werk, das allerdings 1776 gründlich überarbeitete und in seine Sammlung „Scherzhafte und moralische Werke“ integrierte. Cazotte gehörte trotz einem schweren Augenleiden zum Kreis der Illuminaten, war Royalist und wurde im Zuge der Französischen Revolution 1792 verhaftet und im gleichen Jahr hingerichtet. „Der verliebte Teufel“ gehört noch heute noch zu seinen bekanntesten Werken. Dabei lässt sich eine – allerdings in umgekehrter Struktur – Ähnlichkeit zum ersten „Faust“ nicht verleugnen. In diesem Fall wird mehr und mehr der Teufel scheinbar zum Opfer des Menschen, sucht neue Wege, sich weiter zu entwickeln und Emotionen zu erleben – während Faust ja im Grunde erst nach dem Wissen und dann nach Macht über das sittsame Mädchen Gretchen strebt. Dabei bleibt unklar, ob der Teufel das Spiel die ganze Zeit beherrscht hat oder sich selbst zumindest für einen Augenblick in seiner eigenen Intrige gefangen gesetzt hat. Provoziert wird der Teufel auf jeden Fall durch das lasterhafte und zügellose Verhalten eines jungen Spaniers – do Alvaro de Maravillas -, der aus einer Laune heraus den Teufel beschwört. Diese Gelegenheit lässt dieser sich nicht natürlich nicht entgehen, neckt sein potentielles Opfer mit verschiedenen Verkleidungen und entscheidet sich für ein Auftreten als junger Dienstbote, bevor er sich für die Rolle eines jungen Mädchens entscheidet. Mit Charme und sanften Druck, mit Koketterie und Erotik, mit verschlagener Manipulation suggeriert der Teufel in Gestalt der liebenswerten und außerordentlich hübschen, sowie natürlich reichen Biondetta, dass selbst als verkleideter Teufel sie die gleichen Bedürfnisse wie jede andere junge Frau hat. Sie manipuliert ihn geschickt mit Gaben, Briefen aus der Heimat und einer nicht zu leugnenden aggressiven Verführung. Gemeinsam beginnen sie eine Reise von Venedig in die spanische Heimat. Mehr und mehr beginnt der junge Mann seine Identität zu verlieren und büßt seinen eigenen Willen ein. Dabei nutzt der Teufel geschickt dessen Schwächen aus. Eine Entscheidungsunlust, eine fehlende Konsequenz in Bezug auf Richtungsweisende Entscheidungen, seine Spielsucht. Als Maravillas eines Abends sein Vermögen verspielt hat und mit Schulden zurückkommt, gibt ihm der Teufel die Möglichkeit und die Barschaft, das Geld zurück zu gewinnen. Das geschieht auf beeindruckende Weise am nächsten Tag. Zum ersten Mal erkennen aber Protagonist und Leser, dass ihm mit dieser neuen Fähigkeit der Reiz am Spiels, der Reiz am Risiko genommen wird. Während der Teufel eher belustigt, aber interessiert diese charakterliche Veränderung registriert, beginnt sich Maravilla zumindest phasenweise aus dem Einfluss der lieblichen jungen Frau zu lösen. Beginnend mit der alltäglichen Liebe und der manchmal fatalen Auswirkungen emotionaler Blindheit beginnt Cazotte in einem auch heute noch gut zu lesenden, wenn auch manchmal ein wenig schwülstigen Stil eine im Grunde sehr einfache Geschichte zu erzählen. Im Vorwort erwähnt Borges, dass zumindest dieser Romane viele Elemente des französischen Symbolismus und der Romantik vorweggenommen hat. Viele Ideen werden verschlüsselt und immer wieder aufs Neue eingepackt dem Leser präsentiert. Die Kürze des Textes verführt zum Überfliegen, aber nach und nach wird aus der Geschichte einer nicht echten, aber fatalen Beziehung eine interessante Betrachtung des sozialen, familiären und vor allem religiösen Umfelds. Mit dieser unbewussten, aber nicht indirekten Erweiterung der Perspektive gewinnt die Geschichte an Tiefe. Cazotte macht kein Hehl aus seiner Ansicht, dass der Protagonist seine „süßen“ Leiden verdient. Er ist arrogant, selbst verliebt und überheblich, aus einer Laune heraus beschwört er einen Teufel, der sein verführerisches Spiel beginnt. Das Ende des kurzen Textes ist allerdings enttäuschend, im Schoß der Familie und der Religion kann er vom Teufel bewahrt werden, sein bisheriges Tun wird vergeben und der Weg zu einem neuen Leben steht offen. Im Gegensatz zu „Faust“ braucht der Teufel auf keine List zurückzugreifen, seine Taten werden in diesem die Intention des Textes negierenden Kapitel als Täuschung per se zurückgewiesen, ohne das Cazotte den Ansatz einer überzeugenden Erklärung liefert oder willig ist, über Floskeln hinaus zu argumentieren. Damit werden die phantastischen Elmente der Geschichte auf einen Schlag negiert und die Faszination der Verführung und die stetige Versuchung, das wahre Leben zu finden negiert. Insbesondere in der ersten Hälfte des Buches – wie auch in seinem realen Leben – hat Cazotte immer wieder betont, dass der Mensch seine eigene Identität finden muss. In diesem Fall muss der Teufel als eher banale Erklärung herhalten, wenn dieser Selbstfindungsprozess die Grenzen von Anstand und Moral verletzt. Eine banale Erklärung und im Grunde eine billige Ausrede für die Ausschweifungen der Jugend. Das der Teufel sich in der Rolle als verführte oder verführerische junge Frau sehr wohl fühlt, ist augenscheinlich. Ob es hier ein Spiel ist oder eine selbst für ihn neue Erkenntnis wird weder diskutiert noch extrapoliert. Geht der Leser von der einfachen Erklärung aus, dass es sich um eine neue Art des Seelenfanges handelt, so ist die effektiv und überzeugend. Insbesondere in der ersten Hälfte des Textes möchte der Leser den Teufel als Sieger sehen, so sehr legt er mit fast bissiger Ironie und Intelligenz die Schwächen des arroganten Adligen offen, zerlegt seine bisherige Lebensweise in ihre nichtigen Bestandteile und beginnt für ihn ein neues Leben zu entwickeln, dessen Ziel der Übergang der Seele in die Hölle ist. Auch wenn das Portrait des Schutzbefohlenen weiblichen Wesen aus heutiger Sicht alle Klischees beinhaltet und ihr Verhalten Züge der Parodie trägt, ist es selbst nach zweihundertfünfzig Jahren immer noch teilweise belustigend, teilweise nachdenklich gut zu lesen, welche weiblichen Waffen die Frauen in ihrem Köcher haben. Wie sehr es das Opfer verdient, diesen Waffen ausgesetzt zu werden, erhöht das Lesevergnügen. Das ambivalente, eher schwächliche Ende mit der Flucht in die Religion – die im Gegensatz zu den anderen angesprochenen spirituellen Strömungen den echten Glauben verkörpert – wirkt allerdings wie ein Kompromiss der Obrigkeit gegenüber, die Zeit war noch nicht reif, den Teufel in diesem sinnlichen Spiel siegen zu lassen. Die Familienwerte – hier zeigt sich der konservative Royalist Cazotte überdeutlich – können in stürmischen Zeiten als feste Burg angesehen werden. Auf den noch nicht einmal einhundert Texten verfolgt der Leser den Kampf der dunklen eingeladenen Mächte um die menschliche Seele, die sich der körperlichen reife anschließende intellektuelle Entwicklung eines jungen Mannes und das Erwachen nach einer Liebesnacht. Das Erstaunliche an dieser Geschichte ist allerdings, dass es keine wilde Ehe ist, sondern der Offizier und der Teufel in Frauengestalt heiraten, bevor sie die eigentliche Ehe vollziehen. Sehr offen lässt Cazotte zumindest in der letzten Fassung aus dem Jahr 1776 ob nach dem Verlust seines Ehrgefühls und seines letzten Verstandes Maravilla wirklich dem Teufel unterliegt oder ob es sich – wie teilweise angedeutet – auch um einen - feuchten – Traum handeln könnte. In beiden Fällen stellt allerdings die Rückkehr zur Familie und in den Schoß der Religion die Erlösung dar. Hier kann sich Cazotte aber auch einen Schuss Ironie nicht verkneifen, denn die eigentliche Heilung erfolgt durch einen eher windig beschriebenen Theologen namens Quebracuemos, ins Deutsche übersetzt Hörnerbrecher. Exorzist wäre wahrscheinlich die gängigere Berufsbezeichnung.

„Der verliebte Teufel“ ist in erster Linie aufgrund seines ungewöhnlichen, sehr kurzweilig zu lesenden Plots aus heutiger Sicht einen Blick wird. Der Stil ist insbesondere zu Beginn des Textes gewöhnungsbedürftig, ein wenig zu kompliziert und zu schwülstig, aber mit sanfter Ironie geschrieben, die mehr und mehr an Bissigkeit gewinnt. Insbesondere in den Werken eines E.T.A. Hoffmann wird der aufmerksame Leser einige Strömungen dieses Kurzromans wieder finden und zusammen mit Goethes „Faust“ gehört es zu den ersten Büchern, die Verführung und Verantwortung an Fallbeispielen zu untersuchen beginnen. Beide machen sich es allerdings in Bezug auf die Auflösung diese inneren Konfliktes auch denkbar einfach, egal wie schlecht der Mensch auch sein kann, mit ein wenig Reue bleibt der Weg ins himmlische Paradies offen und der Teufel zieht den Kürzeren.

Jacques Cazotte: "Der verliebte Teufel"
Roman, Hardcover, 120 Seiten
Edition BĂĽchergilde 2007

ISBN 3-9401-1106-6

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