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Die Bibliothek von Babel



Jorge Luis Borges

25. August 1983

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „25. August 1983“ legt Borges im Rahmen seiner Bibliothek von Babel auch einen halben Band mit seinen Geschichten vor. Die andere Hälfte des Buches nimmt ein ausführliches Interview ein. Da in diesem Gespräch auch auf seine literarische Beeinflussung in Bezug auf die in der Bibliothek versammelten Lieblingswerke eingegangen wird, ist der vorliegende fünfte Band der Edition im Grunde eine große Einführung – das Interview – und Vorstellung – die fünf hier versammelten Geschichten – des Herausgeber Jorge Luis Borges.

Es empfiehlt sich den Abschluss des Bandes – eine Zeittafel und ein sechzigseitiges Interview – zum Anfang zu machen. Die Zeittafel gibt nicht nur einen soliden Überblick über Borges literarisches Schaffen und seinen persönlichen Werdegang, sie zeigt seine außergewöhnliche Stellung in einem Argentinien auf dem Weg von der Diktatur zur brüchigen Demokratie. Im vorangestellten Interview werden diese nüchternen Daten und Fakten mit Leben erfüllt. Zusammen bilden sie eine empfehlenswerte Kombination, die es vor allem dem Gelegenheitsleser ermöglicht, den Schriftsteller Borges und den Philosophen Borges als eine durchaus sympathische, intellektuell bodenständige Persönlichkeit zu verstehen. Maria Esther Vazquez hat das Interview „Borges gleich Borges“ für einen Band der gesammelten Erzählungen 1981 zusammengestellt. Sie hat Borges auf einige seiner Auslandsreisen begleitet, nach dem der an einer Augenkrankheit leidende Schriftsteller nicht mehr mit seiner Mutter fahren konnte. Der Bogen des Interviews beginnt mit den literarischen Vorbildern bzw. den Inspirationen seiner Jugend. Es ist schon erstaunlich, wie offen Borges ohne arrogant zu wirken davon spricht, die einzelnen Sprachen in erster Linie phonetisch und über die Literatur zu erlernen. Das Beispiel mit der Bibel als Buch der Bücher ist einprägsam. Es bleiben allerdings Zweifel, dass diese Art des Selbststudiums wirklich reicht, um literarische Werke in der Originalsprache wirklich verstehen zu können. Sollte es der Fall sein, wäre es keine Würdigung der zum Teil als sprachliche Stilisten bekannten Autoren. Das in insbesondere „Don Quixote“ als Buch, aber wahrscheinlich auch als Lebensart fasziniert hat, ist ein weiterer Aspekt dieses sehr ausführlichen Interviews. Obwohl Borges im Herzen Argentinier ist, hat ihn vor allem seine frühe Zeit in Europa in Punkto Disziplin, aber auch Perspektive geprägt. Im Verlaufe des Interviews wird deutlich, dass insbesondere die phantastische Literatur auf Borges in erster Linie als Lektüre, aber nicht als literarische Gattung, in der er sich selbst einen Namen machen wollte, beeindruckt hat. Erst nach einem Unfall, in dessen Verlauf er befürchtet hat, sein Augenlicht zu verlieren, hat er sich diesen Schrecken von der Seele geschrieben. Durch die thematisch geschickt gewählte Unterteilung des Interviews – diese weißt er auf verschiedene Interviews hin, die er redigiert zusammengefasst worden sind – bespricht Borges verschiedene Facetten seines an Erlebnissen reichhaltigen Lebens und setzt sie sympathisch immer wieder in einen direkten Kontrast zu seiner bodenständigen, bescheidenden Persönlichkeit. Er ist sich seines Einflusses und seines literarischen Wirkens durchaus bewusst, sieht sie aber als Teil einer nationalen Bewegung. Wenn er zwischen den aktiven Taten seiner Vorfahren für die argentinische Republik und seiner passiven literarischen Beobachterrolle differenziert, schwingt ein wenig Bedauern mit. Allerdings kann er zwischen den Idealen, zu denen die Literatur neigt, und der dunklen Realität der Geschichte unterscheiden. In Hinblick auf die hier versammelten fünf Geschichten ist das Interview eine ideale Einleitung, den Menschen in Verbindung mit seinem Werk zu betrachten.

Es wäre vermessen, den ersten Text eine reine Geschichte zu nennen. „Die Bibliothek von Babel“ ist ein Gedankenmodell, der Versuch, das Wissen der Menschheit zu ordnen und diese Ordnung gleich wieder zu zerstören. In der ersten Hälfte des literarischen Essays baut Borges eine perfekte, eine beeindruckende Bibliothek auf. Eine Kugel mit sechseckigen Flächen, in denen sich Millionen von Büchern befinden. Die Perfektion wird durch das unvollendete Buch gestört. Dieses Wissen ist von nicht perfekten Menschen geschaffen worden. Diesen Kontrast zwischen seinem Gedankenmodell und der Realität, der Illusion und dem Faktum versucht Borges in einfache, prägnante Worte zu packen. Dieser Versuch scheitert aber an der zu großen Aufgabe. Das Sprachgewirr könnte in einer modernen Gesellschaft genauso überwunden werden wie die Unterschiedlichkeit der Gedanken. Das Plädoyer für die Toleranz hat in dieser so wichtigen Bibliothek keinen Platz. Nicht zuletzt aufgrund des schwierigen Ansatzes, dieses Bild wirklich interpretieren zu können, bleibt dem Leser „die Bibliothek von Babel“ im Gegensatz zu dieser Buchreihe fremd. Viele Ideen, Motive, die Borges hier impliziert anspricht, werden sich in den insgesamt neunundzwanzig anderen Bänden der Reihe zumindest angedeutet wieder finden, nur der Schöpfer selbst ist nicht in der Lage, ein reines Wort zu führen.
Die Titelgeschichte „25. August 1983“ ist von der Ausgangssituation her keine Überraschung. Wie im Werk eines fast jeden Phantasten begegnen sich zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten des gleichen Mannes. Die beiden Borges stammen aus unterschiedlichen Zeitepochen, die stürmische Jugend trifft auf das gesetzte Alter. Die Dialoge sind allerdings pointiert und unterhaltsam geschrieben, Borges schafft es, seine beiden anderen Ichs – sollten etwa drei Personen diese Geschichte gestaltet haben – ungewöhnlich sympathisch zu beschreiben. Das offene Ende ist eher eine Frage als eine Antwort. Im Vergleich zu der ersten Geschichte zeigt diese kurzweilige Story Borges erzählerische Stärke. Ein gutes, auf der Höhe der Zeit befindliches beobachtendes Auge, das Einfühlungsvermögen, selbst aus einer bekannten Idee zumindest eine lesenswerte Geschichte zu zaubern und schließlich die Weisheit, das eigene Ich nicht immer mit dem notwendigen Ernst zu betrachten.

„Die Rose des Paracelsus“ ist eine Parabel auf die flüchtige Allmacht der Wissenschaft im Zeichen des Irrglaubens, das der Mensch unfehlbar ist. Mit prägnanten kompakten Bildern und sprachlich überzeugend komprimiert erzählt Borges wie in der vorangegangenen Geschichte eine bekannte Fabel von Alchemie und Gier. Das interessante an seinen hier versammelten Geschichten ist die Distanz, die er auf der einen Seite zwischen Leser und seiner Geschichte schafft, um seine Lehren und Überzeugungen nicht belehrend zu präsentieren. Das erzählerische Element steht deutlich im Hintergrund, ihm geht es um die Moral, den Spiegel, den er seinen Lesern vor die Augen hält. „Der blaue Tiger“ ist im Grunde eine Extrapolation der vorangestellten Geschichte, hier wird die Suche nach einem Fabeltier zum Spiegelbild der stetigen Suche des Menschen nach Vollkommenheit. Kaum hat dieser das Ebenbild der Eleganz und Schönheit gefunden, verliert er sich schon in den nächsten Zielen. Im Gegensatz zu den anderen Storys beherrscht die erste Hälfte von „Der blaue Tiger“ das Erzählende, getragen von der Anmut und der Scharfzüngigkeit Kiplings erschafft Borges mit wenigen Worten eine faszinierende, fremdartige und doch im Kern vertraute Atmosphäre. Obwohl sich seine Protagonisten vor einer fremden Welt und Kultur bewegen, können sie ihre Wurzeln, ihr westliches Denken nicht ablegen und bleiben in der Fremde immer Fremde. Auch in seinen Interviews geht Borges auf dieses Thema ein: obwohl er in der Schweiz erzogen worden ist, bleibt Argentinien immer seine Heimat. Jede Reise, die ihn nach Buones Aires zurückführt, ist für ihn etwas Besonderes. Seine brüchigen Charaktere dagegen haben keine Heimat und keinen Ort, an den sie zurückkehren können oder möchten.
Der Höhepunkt der Geschichten ist die „Utopie eines müden Mannes“. Mit boshafter Präzision zerlegt Borges durch die Begegnung zweier Menschen aus sehr unterschiedlichen Zeiten die Heiligtümer der Menschheit von der Religion über die Regierungen bis zur überflüssigen Kunst in ihre Bestandteile. Es ist die Leichtigkeit, mit welcher der Autor seinem Leser einen Eulenspiegel vor die Nase hält. Der Mensch kann zwar tausende von Büchern lesen, es kommt aber nur auf eine Handvoll wirklich wichtiger Texte an. Politiker können Millionen von Menschen regieren, sie werden sie aber selten wirklich verstehen. Borges bietet in dieser pointierten Geschichte weder eine Erklärung noch den Versuch einer Lösung an. Mit der Weisheit eines alten Mannes kritisiert er nicht die Jugend, sondern nur die eigenen vergeudeten Chancen und kommt zur einfachen Erkenntnis, dass das Leben in jeder Zeit zu schön ist, um es unnötig zu verschwenden.

„Der 25. August 1983“ ist ein Schlüsselband, um hinter die Kulissen der Bibliothek von Babel zu schauen. Weniger von der Prosaseite – die Kurzgeschichten sind fast interessant zu lesen, bis auf die „Utopie eines müden Mannes“ aber nicht unbedingt literarische Meisterwerke, sondern eher lustvolle Spielereien mit einem Genre, das Borges als Leser geliebt und als Autor verachtet hat – sondern in erster Linie wegen des ausführlichen und vor allem lesenswerten Interviews. Borges offenbart viel von seiner Persönlichkeit, ermöglicht es dem Leser, seinen Standpunkt zu hinterfragen und zu akzeptieren. Aus dieser Perspektive heraus lässt sich auch die Auswahl der anderen Autoren für seine Sammlung verstehen, es wäre allerdings schön gewesen, wenn sich ein Fragekomplex um die Bedeutung dieser Autoren für ihn selbst und vielleicht für das Genre gedreht hätte. So bleiben auch nach der Lektüre aller dreißig Bände zu viele Fragen offen. Aber vielleicht entspricht diese Unvollkommenheit auch eher Borges Wesen als manche Laudatio eines übereifrigen Kritikers.

Jorge Luis Borges: "25. August 1983"
Anthologie, Hardcover, 155 Seiten
Edition Büchergilde 2007

ISBN 3-9401-1105-8

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