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Die Bibliothek von Babel



Leon Bloys

Unliebsame Geschichten

rezensiert von Thomas Harbach

Mit Leon Bloys präsentiert Jorge Luis Borges einen heute inzwischen vergessenen Autoren, dessen Werk eher dem Randbereich der phantastischen Literatur zuzuordnen ist. In erster Linie geht es dem 1846 geborenen Bloys – der ursprünglich eine Karriere als Maler angestrebt hat, schließlich aber bei der Prosa hängen geblieben ist - in seinen Kurzgeschichten darum, seinen spießigen, gottlosen Mitmenschen den Spiegel vors Gesicht zu halten und ihre Schwächen zu entlarven. Der Autor kämpfte in seinem belebten Leben als Freischärler gegen Preußen – die Antipathie gegen die Deutschen schwingt in einigen seiner Geschichten mit – und fühlte sich als gläubiger Christ dazu verpflichtet, insbesondere den Klerus anzugreifen. In der letzten Geschichte dieser Sammlung „Kains schönster Fund“ erinnert der arme Schriftsteller – im Vergleich zum armen Poeten – an ein Alter Ego Bloys, der sein Leben lang in Armut verbracht hat. Dazu kamen zahlreiche Schicksalsschläge. Zum Teil spricht aus den zwölf Kurzgeschichten aus der Neid auf die Bürgerlichkeit, dieser Klasse gehörte er trotz seiner Hoffnungen und seinem Einsatz für das französische Vaterland nie an.


In den beiden Auftaktgeschichten untersucht Leon Bley mit scharfer bösartiger Zunge die bröckelnden Fassaden der echten Bürgerschicht und den Emporkömmlingen, die ihre Wurzeln nicht ablegen können. „Der alte Hausgast“ ist der Vater, ein Kleinkrimineller, der sich schließlich wieder in das ehrenwerte Haus – ein Bordell – seiner Tochter flüchtet. Diese sinnt auf die erst beste Gelegenheit, den alten Mann wieder loszuwerden, während in „Der Kräutertee“ ein Junge über die vielleicht kriminelle Vergangenheit seiner allein erziehenden Mutter sinniert, ohne die Zusammenhänge wirklich erfassen zu können. Auffällig ist Boys oft provozierender Stil, ganz bewusst zerstört er nicht nur die Illusionen, mit denen sich diese fast zur Karikatur reduzierten Menschen umgeben, sondern er diffamiert auch die Umgebung, in der sie sich zu bewegen wünschen. „Die Religion des Monsiur Pleus“ ist eine überdenkenswerte Allegorie. In der ersten Hälfte der Geschichte wird ein geiziger, in Lumpen lebender und doch an Geld reicher Mann beschrieben, dessen Enthaltsamkeit die Grenze vom Geiz zum Wahnsinn schon überschritten hat. Nach seiner Ermordung aus Habgier offenbart der Ich- Erzähler dessen Besessenheit. Das Geld ist auf eine Art und Weise in den Kreislauf der Wirtschaft zu den Menschen zurückgeflossen, die seinem ihm von der Umwelt aufgesetzten Wesenszug widerspricht. Wenn sich der Erzähler am Ende des kurzweilig zu lesenden, aber die Klischees des jüdischen Wucherers – der Protagonist wird ausdrücklich als Nichtjude identifiziert - manifestierenden Textes dem Leser diese Botschaft überbringt, bleibt auf beiden Seite der Unglaube zurück. „Die Gefangenen von Longjumeau“ ist eine eigenartige, aber auch einzigartige Geschichte. Mit kräftigen „Farben“ beschreibt der Autor eine Romanze und Hochzeit zwischen zwei sich ehrlich liebenden Menschen. Erst mit subtilen Andeutungen, dann immer direkter ohne eine Erklärung zu liefern wird aus dem Liebesidyll ein Gefängnis. Ob es sich um ein übernatürliches Phänomen oder einen ersten Schritt in den Wahnsinn handelt, bleibt wie bei allen von Bloys Geschichten unerklärt und ungeklärt. Im Vergleich zur folgenden Story – „Eine mittelmäßige Idee“ funktioniert sie aber sehr viel besser. Hier versuchen in der Tradition Balzacs vier junge Männer – im Gegensatz zu Balzacs Zwölf - eine idealisierte Lebensgemeinschaft nach strengen religiösen Regeln für sich selbst aufzubauen. Sie scheitern schließlich an der Liebe zu einer Frau. In ihrer Engstirnigkeit versuchen sie das weibliche Wesen nicht mit ihren Regeln zu konfrontieren, sondern sie zu überwachen und zu drangsalieren. Das ein solches Verhalten nur in einer hier zumindest angedeuteten Katastrophe enden kann, ist offensichtlich. Im Vergleich zu der vorangegangenen Geschichte gelingt es Bloys aber nicht, eine Anti- oder Sympathieebene zwischen Leser und Protagonist herzustellen, die für seine abrupten katharsisartigen Enden obligatorisch ist. „Die fruchtbare Strafe eines Zahnarztes“ könnte durchaus ein Vorläufer von Edgar Allan Poes Kurzgeschichten und in der Tradition eines E.T.A Hoffmanns stehen. Ein Verbrechen – egal ob aus Gier oder Leidenschaft – gehört bestraft. Diese Strafe erfolgt nicht immer durch die Justiz, nicht selten überschreitet der Geist den schmalen Grad zwischen Normalität und Wahnsinn aufgrund der Schuldgefühle. Ein Zahnarzt verliebt sich in eine hübsche junge Frau und tötet den Nebenbuhler. Erst ein Portrait des Toten, durch einen Zufall von der Ehefrau gefunden und im Grunde inzwischen als wertlos befunden, löst in rascher Folge eine Kette von verhängnisvollen Ereignissen aus, an deren Ende schließlich der Wahnsinn steht. Obwohl wie im Grunde alle Texte dieser Sammlung sehr stark gerafft und weniger eine Kurzgeschichte als ein Fragment zeichnet sie eine morbide Atmosphäre aus. Mit der nächsten Geschichte greift Leon Bloys das Thema Inzest in direkter und für die Zeit wahrscheinlich skandalöser Form auf. „Alles was du willst…?“ öffnet sich wie Zwiebel, jede Schale verbirgt ein anderes dunkles Geheimnis. Wenn am Ende der Geschichte der Hinweis auf den Glauben folgt, wirkt dieser eher wie ein ironisches Lippenbekenntnis als eine wirklich Alternative. Auf dem Weg zur dieser wahrscheinlich falschen Erkenntnis erfährt der Leser durch den anonymen Protagonisten – selbst wenn die Charaktere in seinen Texten Namen haben, wirken sie doch eher wie Chiffren, wie Allegorien – dessen tragisches Schicksal, das sich allerdings gänzlich anders herausstellt als gedacht. Mit dieser dunklen Geschichte zeigt Bloys allerdings auch auf, unter welchen erniedrigenden Umständen insbesondere junge Waisen für ihr eigenes Überleben sorgen mussten. Kirche oder Käufliche Liebe. Auch wenn die Figuren sehr unsympathisch und distanziert beschrieben worden sind, rührt ihr fragmentarisch mehr und mehr ins noch nicht bekannte surrealistische gehende Schicksal. Und damit hat die Geschichte ihren Zweck erfüllt. Das Thema des „Lebendig Begraben“ als Höhepunkt einer bürgerlichen Satire, eine Auseinandersetzung mit dem Spießertum in Reinkultur steht im Mittelpunkt der fast zur Farce überspitzten Geschichte „En Mordsbrand“. In diesen kurzen Texten verbindet Bloys originelle Ideen mit seinen bissigen, nicht immer passenden, aber zumindest polemisch interessanten Kommentaren einer frühkapitalistischen Ständeordnung. Dagegen wirken andere Storys wie „Eine Märtyrerin“ überzogen, verbrämt, aus heutiger Sicht starr und altbacken. In ihnen kann der aufmerksame Leser allerdings erkennen, dass für den Autoren sehr wohl ein Unterschied zwischen echtem Glauben und dem oft anzutreffenden Schein besteht. In dieser Geschichte entlarvt er den falschen Standesdünkel des mehr und mehr aufkommenden Bürgertums, der einzige Punkt, welcher die nicht unbedingt gut nuancierte und vor allem schwerfällige Geschichte noch heute lesenswert macht. Sie gehört allerdings zu den schwächsten Arbeiten dieser Sammlung. Mit „Der Silberblick“ wendet sich Bloys nicht nur der Arroganz der Gesellschaft zu, an Hand eines blinden Bettlers, der aufgrund seiner unbewiesenen Gabe der Hellsichtigkeit unterdurchschnittlich im Vergleich zu seinem Stande verdient, zeigt er mit einer nicht zu übersehenden Verachtung die Scheinheiligkeit der Kirche, der Bürgerschicht und schließlich den Bettlers selbst, der zu Reichtum gekommen seine Gabe verliert und als Sinnbild für diese feindliche Gesellschaft „blind“ wird. Der Kritik steht allerdings keine adäquate Handlung gegenüber. Das macht die Lektüre dieser fragmentarischen Episoden mehr als einmal eher zur einer Pflichtübung als zu einem literarischen Vergnügen. „Niemand ist vollkommen“ ist eine Aufzählung menschlicher Schwächen und Versuchungen, wobei nicht ganz klar herausgestellt wird, ob diese Schwächen schon im Charakter angelegt sind oder von außen beeinträchtigt werden. Insbesondere eine Untersuchung menschlicher Charakterdefizite benötigt allerdings sympathische, dreidimensionale Charaktere, welche diese Geschichte nicht aufweist. Damit wird die eigentliche Zielrichtung deutlich verfehlt. „Kains schönster Fund“ ist dagegen wieder eine klassische Gruselgeschichte, wobei der Schrecken am Ende beschrieben wird, der Weg dahin weder dem Protagonisten, dem Ich- Erzähler noch dem Leser offenbart wird. Das Schicksal des armen Autoren unter der Knute seiner brachialen Wirtin ändert sich mit dem ersten literarischen Erfolg, sein gruseliger Fund wirkt eher wie ein Epilog als elementarer Bestandteil der Geschichte.

Leon Bloys Geschichte leben von ihren eher bodenständigen Figuren. Dabei scheut sich der Autor nicht, diese Personen wie auf einer Bühne vorzuführen. Fast grotesk entlarvt er ihre Schwächen, ohne Lösungsmöglichkeiten anzubieten oder Alternativen aufzuzeigen. Bei den vordergründig an Satire grenzenden Beschreibungen geht allerdings das Plotelement nicht selten verloren. Der Schrecken wird nicht selten als eine Art Epilog nachgeschoben. Dadurch lässt sich Bloys auch keinem Genre zuordnen. Zu Lebzeiten erntete er für seine manchmal sehr lesenswerten, dann wieder eher fragmentarischen Geschichten keine literarischen Ehren. Die Neuveröffentlichung im Rahmen der „Bibliothek von Babel“ eröffnet sein Werk nicht nur einer neuen Lesergenerationen, sondern einem gänzlich anderen Zeitgeist. Es ist wichtig, die Geschichten in ihrem historischen Kontext zu betrachten, dann bereiten sie dem Leser viel Vergnügen, „unliebsam“ waren die Geschichten vielleicht vor knapp einhundertfünfundzwanzig Jahren.

Leon Bloys: "Unliebsame Geschichten"
Anthologie, Hardcover, 115 Seiten
Edition Büchergilde 2007

ISBN 3-9401-1104-X

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