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Die Bibliothek von Babel



Pedro Antonio de Alarcon

Der Freund des Todes

rezensiert von Thomas Harbach

Das J. L. Borges für den Auftaktband der „Bibliothek von Babel“ einen spanischen Autoren ausgesucht hat, dürfte wenig überraschen. Argentinien und Spanien verbindet eine nicht immer glorreiche Geschichte. Wie Borges in seinem Vorwort selbst zugibt, ist die Auswahl allerdings an phantastischen spanischen Geschichtenerzählern gering. Er wählte zwei Texte – eine Novelle und eine Kurzgeschichte – aus Pedro Antonio de Alarcons „Unwahrscheinliche Geschichten“ aus. Alarcon ist 1833 in Cuadix geboren worden. Von frühestes Jugend an bezeichnete er sich nicht nur als Antimonarchist und befürwortete liberale Reformen, zu seiner Erziehung gehörten die literarischen Bände einer Klosterbibliothek, obwohl er selbst mit der Kirche und dem Glauben per se anfangen konnte. Er meldete sich später freiwillig zum Feldzug gegen Marokko. Seine ernüchternden Erfahrungen verarbeitete er in einem Briefroman, der ihm literarische Ehre und eine finanzielle Grundlage für seine weiteren Werke einbrachte. Mit zunehmendem Alter wurden seine Ansichten konservativer, während sein literarischer Erfolg wuchs. Er heiratete. Aus der Ehe stammen vier Kinder. Anscheinend mit seinem Leben unzufrieden, stellte Alcaron erst seine politischen Aktivitäten und schließlich das Schreiben ein. 1881 starb er in der Nähe von Madrid. Sein literarisches Werk ist reichhaltig. Immer wieder ging es ihm darum, seine Finger in die Wunden der spanischen Gesellschaft zu legen. Die beiden hier gesammelten phantastischen Geschichten dagegen greifen Bierces dunklen Fabel voraus und zumindest „Der Freund des Todes“ wirkt wie eine Parabel auf Goethes „Faust“. Der „Freund des Todes“ – wie er sich mehrmals fast prahlerisch selbst bezeichnet – ist der junge mittellose Schneidersohn Gil Gil. Seine Mutter war eine Schönheit, die wahrscheinlich ein Verhältnis mit dem Grafen Rionuevo hatte. Nach dem Tod von Gils Eltern nimmt der Graf ihn als Pagen an seinem Palast auf. Er verliebt sich in Elena, die Tochter des Herzogs. Als der Graf früh stirbt, wird er von dessen Frau vom Palast verbannt. Ab diesem Moment beginnt eine nicht enden wollende Pechsträhne. Zu Beginn der Geschichte ist Gil bereit, sich das Leben zu nehmen. Da tritt der Tod auf den Plan. Er offenbart dem Jüngling, dass er für das Leid in Gils Leben verantwortlich ist. Als Ausgleich hat er Gott gebeten, Gils Seele zu retten. Gil soll ein Wunderarzt werden und mit einigen Tricks des Todes schnell einen Adelstitel und Ruhm gewinnen. Das Ziel soll sein, Elena endlich rechtmäßig in die Arme schließen zu dürfen.

Ohne zu viel über die Pointe zu verraten, muss Alarcons Novelle im Verlaufe der Jahre eine Reihe von phantastischen Schriftstellern beeinflusst haben. Zumindest Bierce wird die Novelle gekannt haben, bevor er zumindest „An Occurence at Owl Creek Bridge“ verfasste. Alarcon selbst nutzt eine historische Begebenheit in der europäischen Geschichte aus, um Gil in eine außergewöhnliche Machtposition zu schieben. Der Tod gibt ihm die Fähigkeit, aus dessen Handeln abzulesen, wie lange ein Mensch noch zu leben hat. Historisch stand Philipp der V. vor einem Dilemma. Sein Sohn Ludwig, der I. und König von Kastilien ist schwer krank. Sein Neffe, Ludwig der XV. und König von Frankreich ist ebenfalls schwer krank, scheinbar aber auf dem Weg zur Besserung. Um welchen Thron soll sich Philipp in dieser Situation bemühen, Kastilien oder Frankreich? Gil dagegen verfügt über das Wissen, wer von den beiden kranken Herrschern zuerst sterben wird. Er braucht einen Titel, Ruhm und Geld, um die Tochter des Grafen zu ehelichen. Gil wird damit für einen Augenblick zu einer Art gebildeten Rasputin, der seine Macht und sein vordergründiges Wissen geschickt ausspielt. Dabei bemüht sich Alarcon, die Figuren nicht zu ambivalent darzustellen. Wie am Hof die dekadenten, egoistischen Gesellschaften wird Gil in erster Linie von einem einzigen Verlangen getrieben: seine Elena zu ehelichen. Zu Beginn zeichnet der Autor Gil als sprunghaften, sehr eindimensionalen Charakter, der entweder begeistert oder verzweifelt ist. Aus heutiger Sicht ist zu berücksichtigen, dass die strengen gesellschaftlichen Trennungen zwischen Volk und Adel keine Romeo und Julia Geschichte zu lassen, aber als Typ entspricht er eher Goethes „Werther“ als einem spanischen Edelmann oder Helden. Alarcon gibt sich nicht die Mühe, die Figur sympathisch oder positiv zu zeichnen: mal erscheint er hilfsbereit und freundlich, dann wieder misstrauisch bis aggressiv. Der Leser kann sich nicht vorstellen, dass er mit dem edlen Fräulein Elena wirklich über eine längere Zeit glücklich werden kann und wird. Der Tod dagegen ist charmant und intelligent. Er liebt es, mit Respekt behandelt zu werden. Aber wie in Goethes „Faust“ ist er auch ein Trickser und Täuscher. Der Autor stellt ihn teilweise verschmitzt und eher wie einen harmlosen Narren dar. Seine Antworten auf Gils ungläubige Fragen dagegen sind pointiert und voller bissiger Ironie. Der Tod nimmt seine Aufgabe erst, schiebt aber alles andere auf das „Leben“, von dem sich die Menschen nur unter Schmerzen trennen können. Der Tod dagegen ist die Ruhe und Erlösung. Spätestens an diesen Bemerkungen lässt sich die Pointe der Geschichte festmachen und ein aufmerksamer Leser verfolgt nicht nur den sozialen, aber unglaublichen Aufstieg eines Niemands, sondern erkennt, wie leer und bedeutungslos inzwischen die gekrönten Häupter mit ihren Kriegsspielen und ihrer Dekadenz sind. Immerhin kann ein Schneiderjunge ihre Ränkespiele zu seinen eigenen Gunsten ausnutzen. Am Ende der Geschichte, welche im 24. Jahrhundert spielt, zeigt er sein wahres Gesicht. Der Leser kann nicht beurteilen, ob er wirklich aus einem schlechten Gewissen heraus letzt endlich für Gil gehandelt hat oder diese romantische Tragödie für ihn einen mordsmäßigen Spaß darstellt. Alarcon will auf diese offene Frage keine Antwort geben. Diese gedankenschnelle Reise um die Welt gehört zu den schönsten Augenblicken der Novelle. Das Ende der Geschichte ist romantisch bis kitschig, aber auf dem Weg dahin karikiert er das höfische Benehmen genauso wie die brüchigen politischen Allianzen, die aus seiner Sicht alleine aufgrund der Führungsschwächen zum Scheitern verurteilt sind.

Die zweite Geschichte „Die große Frau“ ist eine klassische Gruselgeschichte um eine schicksalhafte Begegnung und die mannigfaltigen Interpretationen des Erzählers. Gabriel berichtet bei einer Flasche Wein vom Schicksal eines Freundes. Diesen hat er bei seinem letzten Besuch verstört angetroffen. Der Freund hat seit frühester Jugend panische Angst vor einsamen Frauen auf abgeschiedenen Straßen in der Dunkelheit. Alarcon lässt in seine Leser selbst bestimmen, ob der Freund unter einer hysterischen Phantasie leidet oder wirklich einen Todesboten gesehen hat. Durch die Nutzung eines übergeordneten Erzählers verliert die sehr ruhig geschriebene Geschichte weiter an Dynamik und das unbestimmte Ende verliert sich eher im Dunkel des Plots. Der Leser kann nicht abschließend beurteilen, ob es sich wirklich um eine phantastische Geschichte handelt oder nicht. Da aber die einzelnen Figuren insbesondere im Vergleich zum längeren Text deutlich gröber und eindimensionaler zeichnet worden sind, man zu wenig über den Freund erfährt, fehlt die Motivation, die implizierte Botschaft herausarbeiten zu wollen. Auch wenn „Die große Frau“ chronologisch mehr als einhundert Jahre nach „Der Freund des Todes“ spielt, lässt sich kein großer Unterschied feststellen. Stilistisch sind die beiden Arbeiten sehr ähnlich angelegt. Aus heutiger Sicht wirkt sein Schreibstil altertümlich, aber in der gelungenen Übersetzung kommt der Hang des Autoren zu einer blumigen, sehr stark beschreibenden Sprache hervorragend zum Ausdruck. Nicht umsonst hat der Leser an einigen Stellen den Eindruck, in die literarische Welt des „Don Quixote“ versetzt worden zu sein. Die einzigartig märchenhafte und dekadente Atmosphäre der spanischen Gesellschaft wird auf jeden Fall sehr gut herausgearbeitet und trägt zur Faszination beider Texte bei. Alarcon legt im Grunde zu wenig Wert auf die Hintergründe – auch in der Novelle gibt er nur so viele Informationen wie notwendig preis – seiner Geschichten. Es geht ihm um die humanen Aspekte und vor allem um die Frage, wie religiös man sein Leben gestalten muss oder kann, um wirklich in den Himmel zu kommen. Dabei löst er sich von den Extremen Sünder gleich Verdammnis, Heiliger gleich Himmel. Anscheinend traut er seinen liebenswert skurrilen Figuren den Zwischenschritt zu. Mit Pedro Antonio de Alarcons „Der Freund des Todes“ legt Borges einen Autoren wieder auf, dessen schmales phantastisches Werk eine Neuentdeckung lohnt. Insbesondere die erste längere Arbeit ist eine ungewöhnliche, aber nicht düstere Geschichte um Leben und Tod. Alarcon versieht seine göttliche Tragödie mit sehr vielen diskussionswürdigen Facetten und die philosophische Tiefe befriedigt trotz eines vorhersehbaren Plots. Der Weg dahin ist allerdings mit einigen positiven Überraschungen gepflastert.

Pedro Antonio de Alarcon: "Der Freund des Todes"
Anthologie, Hardcover, 152 Seiten
Edition Büchergilde 2007

ISBN 3-9401-1101-5

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