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Artikel



Die unsichtbare Tätigkeit

Erfahrungen eines Romanübersetzers

von Bernhard Kempen, www.epilog.de

Dr. Bernhard Kempen
Dr. Bernhard Kempen ist Autor, Journalist und freiberuflicher Übersetzer und hat zahlreiche Artikel über Phantastik in Literatur und Film verfasst. Als Übersetzer hat er rund 50 Bücher ins Deutsche übertragen, darunter auch so namenhafte Autoren wie William Shatner, Michael Marshall Smith oder Ian Watson sowie eine Reihe Star Trek Romanen. Zur Zeit arbeitet er an der "New Frontier" Reihe von Peter David.


Romanübersetzer haben einen undankbaren Job. Besonders frustrierend ist die Tatsache, daß diese Tätigkeit für die meisten Leser offenbar völlig unsichtbar bleibt. Davon wurde ich selbst vor einiger Zeit auf eindrucksvolle Weise überzeugt, als verschiedene Bekannte bei mir anfragten, ob ich schon von einem kürzlich erschienenen prähistorischen Roman gehört hätte, weil diese Leute wußten, daß ich mich sehr für »Steinzeitliteratur« interessiere. Ich mußte diesen wohlmeinenden Bekannten nun erwidern, daß ich dieses Werk sogar sehr gut kenne. Ich kenne es vielleicht sogar besser als die meisten deutschen Leser - weil ich es nämlich selbst übersetzt habe. Dabei wurde mir gleichzeitig bewußt, daß ich offenbar der einzige Mensch bin, dem auf der Seite 3 die unter den Titel des Romans gesetzten Zeilen »Ins Deutsche übertragen von Bernhard Kempen« sofort unübersehbar ins Auge springen.
Aber es gibt natürlich auch Leser, denen bewußt ist, daß irgendwer seine Finger im Spiel gehabt haben muß, wenn es den Roman eines amerikanischen Autors plötzlich in einer deutschsprachigen Version zu kaufen gibt. Doch davon abgesehen kursieren in der Leserschaft kaum mehr als ein paar vage Vorstellungen über das, was ein Übersetzer eigentlich so den lieben langen Tag treibt.
Ich arbeite seit 1991 - und hauptberuflich seit 1993 - als Übersetzer und habe in dieser Zeit etwas über 50 Titel vor allem aus dem Bereich der Science Fiction übersetzt. Von Anfang an hatte ich einen gewissen Bezug zu Star Trek, da meine Karriere mit der Tek-Serie von William Shatner begann, von der ich sechs Bände übersetzen durfte, bis die Serie eingestellt wurde. Ebenfalls für den Bastei-Verlag habe ich unter anderem die neun Bände der prähistorischen Saga Die großen Jäger von William Sarabande und die Mana-Bücher von Ian Watson ins Deutsche übertragen. Seit 1995 habe ich außerdem knapp dreißig Star-Trek-Romane und -Sachbücher für den Heyne-Verlag übersetzt.
Welche berufliche Qualifikation muß ein Übersetzer eigentlich für seinen Job mitbringen? Ich habe Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie studiert, aber das Fachwissen, das ich während des Studiums erworben habe, nützt mir bei der Übersetzung eines Science-Fiction-Romans nur wenig. Im Verlauf meiner Arbeit wären mir ausführliche Kenntnisse in der Waffenkunde, der arktischen Biologie oder der Kultur Finnlands weitaus nützlicher gewesen.
Es dürfte jedem sofort einleuchten, daß jemand, der englische Romane ins Deutsche übersetzt, Englisch können sollte. Was mich betrifft, habe ich allerdings weder Anglistik noch Amerikanistik studiert. Viel mehr Eindruck kann ich bei potentiellen Auftraggebern machen, wenn ich erwähne, daß ich ein Jahr lang in England studiert habe. Doch auch hier muß ich sagen, daß ich während dieser Zeit die nützlichsten Dinge außerhalb der Bibliothek und der Seminarräume gelernt habe. Allerdings denke ich heute, daß ich damals vielleicht in die USA hätte gehen sollen. Dann würde ich mehr von Baseball verstehen, was für das Verständnis amerikanischer Romanliteratur äußerst hilfreich sein kann.
Natürlich gibt es an jeder besseren Universität Studiengänge, in denen man sich zum Übersetzer ausbilden lassen kann. Eine solche Qualifikation mag ganz nützlich sein, wenn jemand Science-Fiction-Romane übersetzen will. Doch die erfolgreichen Absolventen eines solchen Studiums, die sich Diplom-Übersetzer nennen dürfen, arbeiten meistens in Bereichen, in denen sich viel mehr Geld verdienen läßt - zum Beispiel in Wirtschaft, Justiz oder Politik. Sie übersetzen keine Literatur, sondern Verträge, Gesetzestexte und andere Dokumente. Ich habe mich einmal mit einer Diplom-Übersetzerin unterhalten, und dabei konnten wir den Unterschied zwischen ihrer und meiner Arbeit treffend auf den Punkt bringen:
Diplom-Übersetzer müssen korrekt übersetzen, und Literatur-Übersetzer müssen gut übersetzen.
Deshalb haben sich die Verlagsredakteure nie sonderlich für meine akademische Ausbildung interessiert. Ein Übersetzerkollege hat mir sogar eingeschärft, daß ich bei solchen »Bewerbungsgesprächen« auf gar keinen Fall erwähnen sollte, daß ich Doktor der Literaturwissenschaft bin. In der Regel läuft es nämlich so ab, daß der Verlag von einem potentiellen Übersetzer zunächst eine Probeübersetzung von 20 oder 30 Seiten sehen will. Und genau das ist der Punkt. Die Redakteure wollen sich mit eigenen Augen davon überzeugen, was jemand kann. Ein Übersetzer braucht keine Abschlußzeugnisse, sondern er muß übersetzen können.

Die wichtigste Voraussetzung für jemanden, der fremdsprachige Literatur ins Deutsche überträgt, wird leider viel zu oft unterschätzt. Ein Übersetzer sollte sich nämlich vor allem gut in der deutschen Sprache ausdrücken können.
Wenn ich mit Leuten rede, die damit liebäugeln, vielleicht eines Tages als Übersetzer zu arbeiten, dann frage ich inzwischen als erstes, ob sie schon einmal selbst etwas geschrieben haben - sei es ein unvollendeter Roman, anonyme Artikel für eine Tageszeitung oder auch nur ein heimliches Tagebuch. Denn die Tätigkeit des Übersetzens kommt der des Schriftstellers bereits recht nahe. Und somit ist klar, daß beide über ähnliche Voraussetzungen verfügen sollten. Irgendwer hat sogar gesagt, daß verhinderte Schriftsteller die besten Übersetzer seien.
Von Bekannten höre ich immer wieder, daß ich den absoluten Traumberuf habe. Ich muß nicht jeden Morgen ins Büro rennen, sondern kann mir meine Arbeitszeit und meine Pausen nach Belieben einteilen. Ich habe keine nervenden Kollegen und auch keinen Chef, der mir ständig auf die Finger schaut. Wenn ich heute keine Lust habe, kann ich morgen oder übermorgen etwas mehr tun. Ich kann mir meine Arbeit selbst und völlig frei einteilen. - Diese Vorstellungen sind sicherlich nicht völlig falsch, doch ganz so paradiesisch sieht die Wirklichkeit nicht aus.
Denn es ist nicht jedermanns Sache, ohne jeden Druck durch vorgegebene Arbeitszeiten die nötige Leistung zu erbringen, damit der Auftraggeber schnell genug den nächsten Scheck schickt. Wer von der Tätigkeit des Übersetzens leben will, ist nicht nur sein eigener Chef, sondern muß auch dessen Aufgaben übernehmen. Das heißt, man benötigt eine große Portion Selbstdisziplin, damit man die Zeit nicht mit angenehmeren Dingen verplempert, sondern jeden Morgen aufsteht und ein selbst vorgegebenes Mindestpensum schafft.
Und wer nicht über eine gewisse Neigung zum Stubenhocker verfügt, sollte sofort jeden Gedanken an eine solche Berufslaufbahn vergessen. Wer nicht in der Lage ist, einen kompletten Arbeitstag am Schreibtisch zu verbringen, wer nicht längere Zeit allein sein kann, wer die gelegentliche Plauderei mit Kollegen vermissen würde - der eignet sich nicht zum Übersetzer.
Ich persönlich habe das große Glück, mit einer Frau verheiratet zu sein, die einer geregelten Arbeit als Chefsekretärin nachgeht. Damit meine ich gar nicht unbedingt die finanzielle Sicherheit, die ihr fester Job uns bietet, falls sich meine Auftragslage einmal verschlechtern sollte. Viel wichtiger ist für mich, daß ich auf diese Weise einen Grund habe, jeden Morgen zusammen mit meiner Frau aufzustehen und mich an die Arbeit zu machen, nachdem sie das Haus verlassen hat. Wenn ich statt dessen bis mittags ausschlafen würde, um mich irgendwann an den Computer zu setzen und ein wenig zu arbeiten, während sie ihren Feierabend mit ihrem Mann genießen möchte, wäre das zwangsläufig der Beginn einer schweren Ehekrise. Für meine Frau ist es ohnehin schwer genug, jeden Tag bei Sonnenschein oder Schneesturm ins Büro zu hetzen, während ich an manchen Tagen die Wohnung gar nicht verlassen muß.
Das wichtigste Arbeitswerkzeug für einen Übersetzer ist ein gutes Wörterbuch. Manche Leute wundern sich tatsächlich, wenn ich »zugebe«, daß ich während des Übersetzens immer wieder mein Wörterbuch konsultiere. Offenbar glauben diese Leute, daß ich so gut Englisch kann, daß ich selbst die entlegensten antiquierten Wendungen oder sämtliche Fachbegriffe aus dem Business English im Kopf hätte. Dazu muß ich sagen, daß ich es grundsätzlich ablehne, mein Gedächtnis mit Vokabeln zu belasten, die ich vielleicht zwei- oder dreimal im Leben für meine Arbeit benötige. Ein Übersetzer sollte überhaupt keine Scham dabei empfinden, auch einen verhältnismäßig alltäglichen Begriff im Wörterbuch nachzuschlagen - wenn man das Gefühl hat, daß die Standardübersetzung, an die man sich aus dem Schulunterricht erinnert, nicht richtig zu passen scheint. Denn jedes Wort kann Nebenbedeutungen oder Bedeutungsvarianten haben, die man nicht unbedingt in der Schule lernt. Hier lauern Tücken, auf die unerfahrene Übersetzer immer wieder mit Vorliebe hereinfallen. Wenn man beispielsweise in einer deutschen Übersetzung von irgendeinem »diamantenförmigen« Gegenstand liest, so stand mit Sicherheit der Begriff »diamond-shaped« im Originaltext. Dazu muß man wissen, daß »diamond« im Englischen nicht nur »Diamant«, sondern auch die Spielkartenfarbe »Karo« bedeuten kann. Die korrekte Übersetzung für »diamond-shaped« wäre also »karoförmig«.
Wörterbücher sind nicht zum Auswendiglernen, sondern zum Nachschlagen da. Und wenn ich einen fremdsprachigen Text ins Deutsche übersetzen will, brauche ich kein einsprachiges Synonym-Wörterbuch, sondern eins, das mir sagt, wie etwas auf deutsch heißt. Es nützt mir überhaupt nichts, wenn ich genau verstehe, wenn ich mir in allen Einzelheiten vorstellen kann, wie sich eine Sache verhält. Als Übersetzer muß ich nämlich wissen, wie das Ding auf deutsch heißt.
Damit dürfte jedem sofort einleuchten, daß es keineswegs mit nur einem einzigen Wörterbuch getan ist. Als Übersetzer sollte man außerdem ein gutes Lexikon und möglichst viele Nachschlagewerke zu möglichst vielen Gebieten zur Verfügung haben. Viele Dinge stehen nämlich nicht in reinen Wörterbüchern oder werden dort, vor allem, wenn es um Fachbegriffe geht, nur ungenau oder gar falsch wiedergegeben. Wenn man jedoch eine ungefähre Vorstellung davon hat, was der Autor meint, kann man den genauen Begriff ohne allzuviel Mühe in einem deutschsprachigen Lexikon nachschlagen.

Damit die Arbeit leichter fällt, sollte man als Übersetzer vielseitig interessiert sein und über die Bereitschaft verfügen, sich auch über die exotischsten Sachgebiete kundig zu machen. Dabei läßt sich nie vorher sagen, welche Sachgebiete gefordert sind. Es hat auch nichts damit zu tun, welche Art von Literatur man übersetzt. In jedem Roman kann es um die seltsamsten und verblüffendsten Dinge gehen. Schließlich lebt die Literatur und ganz besonders die Science Fiction vom Ungewöhnlichen.
Damit dürfte allmählich klargeworden sein, wie man seine erste Übersetzung bei einem Verlag unterbringt. Man geht in eine gut sortierte Buchhandlung, kauft sich ein interessantes englischsprachiges Buch, übersetzt es und schickt das Manuskript an irgendeinen Verlag, in der Hoffnung, daß dieser es annimmt und die Arbeit mit einem dicken Scheck belohnt.
So geht es natürlich nicht!
Bei dieser Vorgehensweise bekommt man mit fast hundertprozentiger Sicherheit sein Manuskript zurückgeschickt, und zwar ganz unabhängig davon, wie gut oder schlecht die Übersetzung ist. Die Wahrscheinlichkeit ist einfach zu hoch, daß die Übersetzungsrechte dieses bestimmten Buches von einem ganz anderen Verlag aufgekauft wurden. Und selbst wenn man tatsächlich den richtigen Verlag erwischt hat, wird es vermutlich bereits von einem anderen Übersetzer bearbeitet.
Ein Übersetzer ist auf die Gnade der Verlage angewiesen, das heißt konkret, er nimmt die Aufträge an, die ihm angeboten werden. Er gilt zwar als selbständiger Unternehmer, aber das wohl nur, damit die Verlage keine Sozialversicherungsbeiträge zahlen müssen.
Das Honorar für eine Übersetzung wird seitenweise berechnet. Je nach Schwierigkeitsgrad liegt es zwischen etwas über zehn und knapp 40 DM, wobei der Spitzensatz nur von Übersetzern anspruchsvoller Literatur erreicht wird. Bezahlt wird nach dem Umfang des abgelieferten Übersetzungstextes, wobei eine Manuskriptseite aus 30 Zeilen zu 60 Anschlägen besteht, was einer halben bis dreiviertel Buchseite entspricht.
Übersetzen ist also Akkordarbeit. Wie gut oder schlecht man damit verdient, hängt letztlich nur davon ab, wie schnell man übersetzen kann. Und das wiederum liegt nicht nur an den Fähigkeiten des Übersetzers, sondern auch am Schwierigkeitsgrad des Originaltextes. Es versteht sich von selbst, daß sich eine Actionszene mit kurzen, knappen Sätzen schneller »runterübersetzen« läßt als eine dezidierte psychologische Analyse des Protagonisten mit einer fulminanten Akkumulation von distinguierten Fremdwörtern.
Star-Trek-Romane gehören eindeutig in jene Kategorie von Literatur, die sich verhältnismäßig leicht übersetzen läßt - auch wenn die Fans das vielleicht nicht gerne hören. Die Handlung ist geradlinig aufgebaut, die Dialoge sind unkompliziert, und philosophische Ausschweifungen halten sich in Grenzen. Auch mit dem vielbeschworenen techno babble gibt es kaum Probleme, da er sich in der Regel fast wörtlich übertragen läßt - aus einer biomolecular replication wird die »biomolekulare Replikation«, und eine dilithium vector calibration ist nichts anderes als eine »Dilithium-Vektorkalibrierung«.
Für die Übersetzung eines handelsüblichen Star-Trek-Taschenbuches benötige ich einen knappen Monat. Das löst bei manchen Leuten immer wieder Erstaunen aus, weil sie sich nur schwer vorstellen können, wie man einen kompletten Roman in so kurzer Zeit bewältigen soll. Dazu muß man jedoch berücksichtigen, daß Übersetzen für mich ein Full-Time-Job ist und daß jeder Übersetzer mit der Zeit eine gewisse Routine entwickelt - vor allem, wenn man an einer Serie arbeitet, in der sich viele Dinge in ähnlicher Form wiederholen.
Jeder Übersetzer hat seine eigene Arbeitsmethode, daher kann ich hier nur von mir persönlich sprechen. Ich gehe so vor, daß ich den Roman nicht vorher lese, sondern unmittelbar in die Übersetzung einsteige. Wenn ich auf Passagen stoße, deren Sinn ich nicht verstehe, weil ich das Ende des Buches noch nicht kenne, lasse ich diese Stellen zunächst einmal offen oder markiere sie als klärungsbedürftig. Anschließend gehe ich noch einmal den kompletten Text durch, um genau solche Probleme zu klären und stilistische Patzer wie unklare Formulierungen oder Wortwiederholungen und schlichte Tippfehler zu korrigieren. Bis zu diesem Arbeitsstadium mache ich alles am Computerbildschirm, auch wenn viele Übersetzer darauf schwören, die Endkorrektur auf Papier durchzuführen.
Erst wenn alles korrigiert und formatiert ist, drucke ich das Manuskript im geforderten Format aus und schicke den mehrere Zentimeter dicken Papierstapel samt Diskette und Rechnung an den Verlag. Ein paar Wochen später kommt der Scheck oder die Überweisung, und nach durchschnittlich einem halben Jahr erhalte ich ein Päckchen mit einer Handvoll Belegexemplare des fertig gedruckten Buches - während ich schon längst am übernächsten Star-Trek-Titel sitze.
Für mich ist die Arbeit erledigt, wenn ich das Paket zur Post gebracht habe, doch während des halben Jahres bis zum Erscheinen des Buches passiert natürlich noch einiges mit dem Manuskript. Bevor es an die Setzerei und Druckerei geht, landet es zuerst auf dem Schreibtisch des Lektors. Dieser liest sich das abgelieferte Manuskript noch einmal mehr oder weniger aufmerksam durch, um Fehler zu beseitigen, die der Übersetzer übersehen hat.

Der Lektor wird oft als der natürliche Feind des Übersetzers angesehen. Grundsätzlich vermittelt es ein beruhigendes Gefühl, daß da noch jemand ist, der einem die Fehler ausmerzt, die man in der Eile übersehen hat. Zum Alptraum wird diese Vorstellung jedoch, wenn man viel Arbeit auf eine besonders schwierige Passage verwendet hat und befürchten muß, daß der Lektor sie aus Unkenntnis des Hintergrunds gnadenlos zusammenstreicht oder so umschreibt, daß der Sinn völlig entstellt wird.
Ich habe selbst ein paarmal als Lektor gearbeitet, daher weiß ich, wie groß die Versuchung ist, einem Text seinen eigenen Stempel aufzudrücken und Dinge zu korrigieren, die nicht unbedingt falsch sind, sondern einfach nur dem eigenen Geschmack widersprechen.
Nun ist das Manuskript soweit, daß es zum Setzer gegeben werden kann. Übrigens hat es sich erst im Verlauf der letzten zwei oder drei Jahre bei den großen Verlagen durchgesetzt, daß neben dem korrigierten Manuskript eine Diskette mit der Übersetzungsdatei an die Setzerei weitergeben wird. Noch vor kurzem war es gang und gäbe, daß die Manuskripte in der Setzerei noch einmal komplett neu abgetippt wurden. Es versteht sich von selbst, daß bei dieser Vorgehensweise haufenweise neue Tippfehler in den Text geraten. Und da einige Taschenbuchverlage aus Kostengründen auf eine anschließende Endkorrektur verzichten, kann man sich vorstellen, wie es zum gehäuften Auftreten von »Dreckfuhlern« in vielen Büchern kommt.
So wies mich einmal ein Bekannter, der eine meiner Übersetzungen gelesen hatte, darauf hin, daß in dem betreffenden Roman von einem »Elektroschwamm« die Rede sei. In der Science Fiction sind der Phantasie bekanntlich kaum Grenzen gesetzt, aber wie ein elektrisch betriebener Badeschwamm funktionieren soll, war nicht nur meinem Bekannten, sondern auch mir schleierhaft. Als ich daraufhin die Originaldatei meiner Übersetzung durchstöberte, stellte ich fest, daß ich an dieser Stelle das Wort »Elektrokamm« geschrieben hatte, was bereits wesentlich sinnvoller klingt. Außerdem war es genauso vom Autor gemeint. Ich bin mir nicht sicher, ob es sich bei dem »Elektroschwamm« um einen simplen Tippfehler handelt, oder ob sich hier jemand bei der Texterfassung einen kleinen Scherz erlaubt hat.
Ein anderes Gerücht, von dem ich gelegentlich höre, besagt, daß ein Übersetzer eng mit »seinem« Autor zusammenarbeitet, daß beide in ständigem Briefkontakt stehen und sich vielleicht sogar regelmäßig treffen, um Details der Übersetzung zu klären. So etwas ist - leider - die große Ausnahme. Die Leute im Verlag würden mich für verrückt erklären - oder vielleicht sogar die Zusammenarbeit aufkündigen - wenn ich mit der Bitte käme, mir eine »Dienstreise« in die USA zu spendieren, um ein paar Unklarheiten mit dem Autor auszudiskutieren.
Ich bin erst einem der von mir übersetzten Autoren persönlich begegnet, als dieser während einer Lesereise durch Europa auch in Berlin Station machte. Übrigens erfuhr ich erst bei dieser Gelegenheit, daß der Autor mit dem männlichen Pseudonym William Sarabande eine Autorin war. In einem zweiten Fall hatte ich brieflichen Kontakt mit dem britischen Autor Ian Watson, der sich wirklich eifrig bemühte, mir den Sinn einer Reihe von Anspielungen und erfundenen Begriffen zu klären. Zu meiner Überraschung konnte er mir jedoch nicht alle meine Fragen beantworten, da er in einigen Fällen selber nicht mehr wußte, was er sich dabei gedacht hatte.
Was ist nun das Besondere daran, als Übersetzer für die Star-Trek-Reihe zu arbeiten? - Abgesehen davon, daß im Unterschied zur übrigen SF in Star Trek Transporter und nicht Transmitter zum Einsatz kommen und daß mit Phasern und nicht mit Lasern geschossen wird.
Star Trek wird von einem Team aus vier Stammübersetzern bearbeitet. Das sind zur Zeit in erster Linie Andreas Brandhorst, Ronald M. Hahn, Uwe Anton und ich. Ein Team, das effektiv arbeiten will, braucht einen Koordinator, und diese Aufgabe wird seit einiger Zeit von Andreas Brandhorst ausgeübt. Wenn es um die Frage geht, wie ein neuer Begriff übersetzt werden soll, sprechen wir uns mit Andreas ab, damit das Star-Trek-spezifische Vokabular mit einheitlichen deutschen Begriffen wiedergegeben wird und nicht jeder seinen eigenen Kram macht. Außerdem hat Andreas eine Liste mit Star-Trek-Fachbegriffen zusammengestellt, die von den Übersetzern regelmäßig konsultiert wird. Zusätzlich gibt es einen speziellen Lektor im Heyne-Verlag, Rainer Michael Rahn, der sämtliche Star-Trek-Publikationen gegenliest und dafür sorgt, daß keiner von uns aus der Reihe tanzt. So hat mir Herr Rahn anläßlich meiner ersten Star-Trek-Arbeit einen ausführlichen Vortrag darüber gehalten, daß der Begriff »Starfleet« im Gegensatz zur deutschen Fernsehfassung unverändert ins Deutsche übernommen und ohne Artikel verwendet wird. Man wird also nicht »aus dem Dienst der Starfleet entlassen«, sondern »aus dem Dienst von Starfleet« oder noch besser »aus dem Starfleet-Dienst«.
Bereits daran sieht man, daß wir unabhängig von der deutschen Synchronisation der Fernsehserie arbeiten. Zum einen kommt es verhältnismäßig selten zu direkten Überschneidungen, da nur sehr wenige Fernsehfolgen als Romanfassung veröffentlicht werden, und die meisten Romane nicht auf Fernsehfolgen oder Filmen beruhen. Andererseits erschien beispielsweise die deutsche Übersetzung des Romans zur Voyager-Pilotfolge lange vor dem Start der Serie im deutschen Fernsehen, während ich für die Übersetzung des DS9-Titels The Way of the Warrior bereits auf die deutsch synchronisierte Fernsehfolge zurückgreifen konnte. Ich habe jedoch ganz bewußt darauf verzichtet, die deutschen Dialoge einfach abzuschreiben, weil die Romanübersetzung und die Film- und Fernsehsynchronisation zwei völlig unterschiedliche Dinge sind.

Wer gelegentlich englischsprachige Literatur oder gar Star-Trek-Romane im amerikanischen Original liest und dabei das Gefühl hat, fast alles zu verstehen, stellt sich jetzt vielleicht die Frage: Was soll am Übersetzen eigentlich so schwierig sein?
Ein klarer, eindeutiger Satz wie »He turned around« macht natürlich überhaupt keine Probleme. »Er drehte sich um«, und damit hat es sich.
Bereits etwas schwieriger wird es bei Sätzen, die dem Bereich der Redewendungen angehören. Wer über Grundkenntnisse der englischen Sprache verfügt, dürfte wissen, daß ein Satz wie »You’re welcome« nicht etwa heißt, daß jemand willkommen oder herzlich willkommen ist. Diese Redewendung läßt sich im Deutschen mit »Keine Ursache« wiedergeben. Oder: »Schon gut«, »Nichts zu danken«. Oder auch: »Es war mir eine Ehre«. Für welche Wendung man sich letzlich entscheidet, sollte man vom Zusammenhang, in diesem Fall vom Charakter oder der Stimmung der sprechenden Romanfigur abhängig machen.
Ein guter Übersetzer darf nicht zu sehr am originalen Wortlaut kleben, sondern muß unbedingt seine Phantasie spielen lassen und ein Gefühl für den richtigen Stil besitzen.
Irgend jemand hat das Vorurteil in die Welt gesetzt, englische Sätze seien wesentlich einfacher strukturiert als deutsche. Als Übersetzer kann ich dazu nur sagen: Diese Behauptung entbehrt jeglicher Grundlage. Es ist mir schon häufiger passiert, daß ich einen englischen Satz in zwei deutsche auflösen mußte, damit der deutsche Leser nicht völlig den Überblick verliert. Eine besondere Tücke sind in diesem Zusammenhang die Partizipialkonstruktionen, durch die es im Englischen möglich ist, auf relativ elegante Weise eine Unmenge von Aktionen in nur einem einzigen Satz unterzubringen. Üblicherweise löst man so etwas im Deutschen in Nebensätze auf, die man mit »als« oder »während« - oder wenn es paßt, auch mit »nachdem« - einleitet. Dabei muß man jedoch achtgeben, daß einem keine Vergleiche mit »als« in die Quere kommen, damit sich dieses Wörtchen im Deutschen nicht unangenehm häuft. Daß man es auch ganz anders machen kann, soll folgender konstruierter Satz zeigen:

»He turned around, reacting to the sudden noise, his senses immediately alarmed to danger, thinking fast and forcing himself to a decision.«

Diesen Satz könnte man folgendermaßen übersetzen:

»Er drehte sich um, auf das plötzliche Geräusch reagierend, seine Sinne unverzüglich von der Gefahr alamiert, schnell nachdenkend und sich zu einer Entscheidung zwingend.«

Diese nahezu wörtliche Übersetzung verstößt zwar an keiner Stelle gegen die Regeln der deutschen Grammatik, aber gleich mehrfach gegen den guten Stil. Ein solcher Satz wäre schlichtweg eine Zumutung für den Leser.
Also ein neuer Übersetzungsversuch:

»Er drehte sich um, als er plötzlich ein Geräusch hörte. Er wußte sofort, daß Gefahr drohte. Ihm blieb keine Zeit zum Nachdenken. Er mußte sich entscheiden.«

Diese Variante ist zwar keine hochliterarische Meisterleistung, aber sie hat alles, was eine gute Übersetzung ausmacht. Sie klebt nicht am Original, sondern bedient sich der Möglichkeiten der deutschen Sprache. Die temporeiche Aufeinanderfolge der englischen Partizipialkonstruktionen wird durch die kurzen und knappen deutschen Sätze völlig angemessen wiedergegeben.
An diesem Beispiel müßte deutlich geworden sein, worin der grundsätzliche Unterschied zwischen einer Übersetzungsübung in der Schule und einer lesbaren Romanübersetzung liegt.
Mit dem folgenden Beispielsatz möchte ich einmal etwas konkreter veranschaulichen, welche Dinge einem Übersetzer bei der Arbeit durch den Kopf gehen. Vor einiger Zeit habe ich das Buch Captain Quirk von Dennis William Hauck übersetzt, das inzwischen bei Heyne unter dem Titel Der Captain erschienen ist. Diese »unautorisierte Biographie« des Schauspielers William Shatners wird durch einen bemerkenswert ehrlichen Satz eingeleitet, den Shatner im Jahre 1991 geäußert haben soll. Er lautet:

»My greatest fear is that my fans will find me out.«

Dieser Satz bereitet auf den ersten Blick keine besonderen Probleme. Trotzdem erkennt jeder, daß man die Formulierung »to find me out« - auf keinen Fall wortwörtlich ins Deutsche übersetzen kann. Das Wörterbuch schlägt für diese Wendung daher die Verben »erwischen« oder »ertappen« vor. Die fast wortgetreue Übersetzung dieses Zitats könnte also lauten:

»Meine größte Angst ist, daß meine Fans mich ertappen werden.«

Dabei fragt man sich als deutscher Leser unwillkürlich, wobei die Fans ihn ertappen oder möglichst nicht ertappen sollen. Die englische Wendung »to find me out« dagegen drückt den Sachverhalt im Grunde völlig klar aus. Gemeint ist nämlich eine Erkenntnis über den wahren Charakter des Betreffenden. Das ist es, was die Fans möglichst nicht herausfinden sollen.
Eine nicht mehr ganz so wörtliche, dafür aber wesentlich sinnvollere Übersetzung könnte also lauten:

»Meine größte Angst ist es, daß meine Fans herausfinden werden, wie ich wirklich bin.«

Hier läßt sich noch eine kleine Schönheitskorrektur anbringen, indem man die Zukunftsform »herausfinden werden« - im Original »will find me out« - ins allgemeinere Präsens setzt. Da die Zeitformen im Deutschen nicht so präzise wie im Englischen gesetzt werden müssen, kann man das Futur also getrost weglassen und sagen:

»Meine größte Angst ist es, daß meine Fans herausfinden, wie ich wirklich bin.«

So ist dieser Satz völlig korrekt und stilistisch akzeptabel ins Deutsche übertragen worden. Genau dieser Wortlaut steht übrigens als Schlagzeile oder Aufhänger über dem Werbetext auf der Rückseite des deutschen Taschenbuchs.
Dieser Werbetext wurde nicht von mir geschrieben, sondern vom Verlagsredakteur, und ich habe diesen Text zum ersten Mal gesehen, als ich das fertig gedruckte Buch in den Händen hielt. Da das Originalzitat wie erwähnt eigentlich den Text des Buches einleitet, habe ich ihn also völlig unabhängig vom Klappentext noch einmal übersetzt. Und bei mir liest sich der Satz - auf Seite 5 dieser Ausgabe - folgendermaßen:

»Meine größte Befürchtung besteht darin, daß meine Fans mir einmal auf die Schliche kommen.«

man kann sich nun fragen, ob der Lektor oder jemand anderer aus dem Verlag dafür hätte sorgen sollen, daß dieses Zitat einheitlich übersetzt wird. Wie dem auch sei, auf diese Weise haben wir nun ein anschauliches Beispiel dafür, was ein Übersetzer alles aus einem scheinbar simplen englischen Satz machen kann.
Ich habe bereits klargestellt, daß ich die Klappentext-Übersetzung für völlig angemessen halte. Trotzdem ist es vielleicht ganz interessant, wenn ich einmal zu erklären versuche, warum bei mir etwas ganz anderes herausgekommen ist.
So halte ich die Formulierung »auf die Schliche kommen« für passener als »herausfinden, wie ich wirklich bin« - vor allem, wenn es um William Shatner geht. So wird meiner Ansicht nach das ironische Augenzwinkern besser zum Ausdruck gebracht, das ohne Frage in diesem Zitat liegt.
Ob man nun sagt, »Meine größte Angst ist es« oder »Meine größte Befürchtung besteht darin«, macht kaum einen Unterschied. Ich persönlich finde, daß die zweite, also meine Formulierung etwas eleganter klingt. Und ich finde es besser, vor allen in ironischen Bemerkungen eine geschliffene Formulierung mit einer etwas salopperen wie »auf die Schliche kommen« zu kombinieren. Ein berechtigter Vorwurf, den man mir machen könnte, wäre der, daß man ein vermutlich gesprochenes Zitat stilistisch nicht allzu elegant widergeben sollte.

Die richtige Übersetzung gibt es nicht. Erstens hängt es immer vom Zusammenhang ab, und zweitens ist es häufig reine Geschmackssache. Letztlich läuft es darauf hinaus, daß jeder Übersetzer genauso wie jeder Autor seinen eigenen Stil hat. Doch im Zweifelsfall sollte ein Übersetzer alle diese Möglichkeiten durchgehen und sich dann für die angemessenste - oder die angenehmste - entscheiden.
In einer Grammatik der englischen Sprache habe ich einmal die Behauptung gelesen, daß das Englische in grammatischer Hinsicht sehr große Ähnlichkeit mit dem Chinesischen aufweist. Das wurde damit begründet, daß sich ein Wort wie »right«, wenn es völlig allein im Raum steht, grammatisch und damit auch bedeutungsmäßig überhaupt nicht einordnen läßt. Erst im Satzzusammenhang wird erkennbar, ob die Adjektive »richtig« oder »rechts«, das Substantiv »Recht« oder gar das Verb »aufrichten« gemeint sind. Im Laufe meiner Tätigkeit als Übersetzer mußte ich jedoch feststellen, daß die Parallelen zwischen dem Chinesischen und dem Englischen - insbesondere dem Amerikanischen - noch viel weiter reichen. Dies wird vor allem an englischen Sätzen deutlich, deren Sinn man als Leser mühelos begreift, die jedoch in der wörtlichen deutschen Übersetzung absoluten Unsinn ergeben.
Ein solches Beispiel habe ich in Robert Sheckleys DS9-Roman Das Spiel der Laertaner gefunden. Dort ist von einer gewissen Allura die Rede, die zunächst etwas sagt und »then lighted another cigarette with crimson-tinted fingernails.« Dazu muß man wissen, daß die Spezies der Laertaner, der Allura angehört, sehr menschenähnlich gebaut ist. Und im Roman gibt es nirgendwo einen Hinweis, daß eine Laertanerin das Kunststück beherrschen könnte, sich eine Zigarette mit den Fingernägeln anzuzünden. In meiner Übersetzung habe ich das, was Sheckley meinte, folgendermaßen wiedergegeben: »... und griff mit scharlachroten Fingernägeln nach einer neuen Zigarette, um sie anzuzünden.«
Natürlich hätte man hier noch deutlicher darauf hinweisen können, daß sie die Zigarette mit den Fingern greift und die roten Fingernägel nur schmückendes Beiwerk sind, aber man sollte es auch nicht zu kompliziert machen.
Ein ähnliches Beispiel findet sich in Thomas Richards’ Buch Star Trek- Die Philosophie eines Universums, wo es heißt, in einer Episode ginge es um »people on an androgenous planet«. Auch hier ist natürlich nicht gemeint, daß der Planet ein androgynes, zweigeschlechtliches Wesen ist, sondern das Volk, das auf ihm lebt.
Nun könnte man sicherlich behaupten, daß die zitierten Autoren schlichtweg Blödsinn geschrieben haben, aber ich gewinne allmählich den Eindruck, daß man damit der englischen Sprache Unrecht tut. Da ich immer häufiger auf solche Stellen stoße, glaube ich, daß hier vielmehr ein Sprachwandel vorliegt. Im Englischen ist die Vorstellung, daß ein Adjektiv immer eine Eigenschaft des Substantives bezeichnet, vor dem es steht, nicht mehr so zwingend wie in der deutschen Sprache, die größeren Wert auf logische Zusammenhänge legt.
Diese und andere Unterschiede im Sprachaufbau sind außerdem für ein weiteres, nahezu unlösbares Problem jeder Übersetzung verantwortlich, nämlich die gefürchteten Wortspiele. Im Englischen lassen sich mühelos beliebige Wörter zusammenwürfeln, die ohnehin schon recht ähnlich klingen. Ein gelungenes deutsches Wortspiel dagegen hat einen ähnlichen Seltenheitswert wie ein vulkanischer Scherz. Wenn man als Übersetzer ein englisches Wortspiel nicht einfach unter den Tisch fallen lassen will, hilft nur noch eins, nämlich eine ausgeprägte sprachliche Phantasie. Man muß sich etwas einfallen lassen. Ratschläge, die über diese recht allgemeine Empfehlung hinausgehen, lassen sich nicht erteilen. Ich persönlich habe jedoch recht gute Erfahrungen mit Synonym-Wörterbüchern gemacht, aus denen man sich durchaus brauchbare Anregungen holen kann, wenn man von der eigenen Phantasie im Stich gelassen wird.
In der akademischen Diskussion über die Theorie des Übersetzens gibt es zwei konträre Ansätze. Beim ersten geht es darum, die Fremdheit eines fremdsprachigen Textes zu bewahren und sie auch durch ungewöhnliche deutsche Wendungen und Ausdrücke zu erhalten - oder zu konstruieren. Das beste Beispiel hierfür sind die berühmt-berüchtigten deutschen Homer-Übersetzungen, die einem auch durch die Sprache das Gefühl vermitteln, in eine völlig fremdartige Welt einzudringen.
Dazu ein Beispiel aus der klassischen deutschen Literatur:

»Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?«

Wenn man diese Zeilen angemessen in eine andere Sprache übertragen will, sollte man sich um eine ähnlich antiquierte Ausdrucksweise bemühen. Eine Übersetzung wie »Eh, Alte! Woll’n wir einen draufmachen?« vermittelt nahezu exakt dieselbe Bedeutung, nimmt aber zuwenig Rücksicht auf den sprachlichen und historischen Hintergrund des Faust.
Der zweite theoretische Ansatz legt größeres Gewicht auf den eigentlichen Sinn des Übersetzens. Demnach soll der Text dem Leser so präsentiert werden, daß er ihn versteht. Die Übersetzung soll sich an den zu erwartenden Kenntnissen des Lesers orientieren. Der Text soll in die Zielsprache transportiert werden. Im Fall zeitgenössischer Unterhaltungsliteratur bietet es sich im Grunde von selbst an, diesen zweiten Ansatz zu verwenden.
Aus diesem Ansatz habe ich mein persönliches Übersetzungsmotto abgeleitet. Es lautet: Man sollte einen fremdsprachigen Roman so übersetzen, als hätte ihn ein deutscher Autor geschrieben. Im Zweifelsfall stelle ich mir also die Frage: Was hätte der Autor an dieser Stelle geschrieben, wenn er Deutscher gewesen wäre - wenn er den Text in deutscher Sprache verfaßt hätte?

Dieses Problem möchte ich an einem zugegebenermaßen extremen Beispiel demonstrieren. In diesem Fall handelt es sich um einen Roman, den ich nicht selbst übersetzt, sondern nur lektoriert habe, was jedoch nichts zur Sache tut. In der betreffenden Szene geht es darum, daß jemand auf einem der Marsmonde einen Stein wirft. Da dort bekanntlich nur eine sehr geringe Gravitation herrscht, ist dieser Wurf sozusagen von Welt- oder Universumsklasse. Der amerikanische Autor nutzt diese Stelle nun zu einem ausführlichen Exkurs über den historischen Rekordwurf eines berühmten Baseballspielers. Hier wird sofort jedem klar, daß diese Beschreibung für einen amerikanischen Leser einen ganz anderen Stellenwert als für den durchschnittlichen deutschen Leser besitzt. Für einen Amerikaner wird die fremdartige Situation auf der Oberfläche des Marsmondes durch diesen Vergleich anschaulicher gemacht. Für einen Deutschen hingegen bleibt die Passage größtenteils unverständlich oder sinnlos, weil es hierzulande sehr wenige Menschen gibt, die mit den Feinheiten des Baseballspiels vertraut sind. Ich habe mir daher als Lektor erlaubt, diesen gesamten Exkurs einfach aus dem Text zu streichen, zumal die Handlung anschließend nahtlos weitergeht.
Das ist natürlich eine sehr radikale Lösung, aber sie dürfte verdeutlichen, worauf ich hinauswill.
Wenn man beruflich mit der Produktion oder Bearbeitung von Literatur zu tun hat, sollte man schleunigst von einer großen Illusion Abschied nehmen, der man sich als »Nur-Leser« allzuleicht hingibt: Literatur ist nicht heilig! Texte sind keine göttlichen, unveränderlichen Botschaften!
Man sollte sich nämlich nicht wundern, wenn man auf der Suche nach einem exotischen Fachbegriff mindestens fünf Nachschlagewerke gewälzt und sich sachkundig gemacht hat und plötzlich feststellen muß, daß der Autor Unsinn geschrieben hat. Das ist durchaus nichts Ungewöhnliches - vor allem bei amerikanischen Autoren. Und in einem solchen Fall sollte man keine Hemmungen haben, die Sache in der Übersetzung richtigzustellen - sofern das möglich ist.
Dazu ein letztes Beispiel. Im Laufe meiner Arbeit bin ich einmal auf folgenden denkwürdigen Satz gestoßen:

»From volcanic substances we can estimate the age of the planet to be one hundred fifty billion years, somewhat older than the Earth, in fact.«

Es besteht kein Zweifel daran, daß der Autor diesen Satz niedergeschrieben hat, ohne zu wissen, was er da schreibt. Wenn dieser Planet tatsächlich einhundertfünfzig Milliarden Jahre alt wäre, würde das bedeuten, daß er fünf- bis zehnmal älter als das ganze Universum wäre - wenn man die Bandbreite der verschiedenen kosmologischen Theorien berücksichtigt. Auch die unterschiedliche Bedeutung der Zahl billion im Britischen und Amerikanischen hilft an dieser Stelle nicht weiter. Hier hätte schon ein Blick in die offizielle Star Trek Chronologie genügt, die das Alter des Universums in Übereinstimmung mit den gängigen Theorien mit fünfzehn Milliarden Jahren angibt.
Es ist eine Gewissensfrage, was man als Übersetzer mit einem solchen Satz macht. Mein persönliches Gewissen hat mir geraten, den Wert stillschweigend von einhundertfünfzig auf sechs Milliarden Jahre zu korrigieren, womit der Planet tatsächlich ein wenig älter als die Erde wäre.
Auf derselben Seite wird übrigens von diesem Planeten behauptet, daß an seiner Oberfläche eine paradiesische Durchschnittstemperatur von fünfzig Grad Celsius herrscht. Nun ist bekannt, daß Amerikaner nur wenig mit der Celsius-Skala anfangen können, aber der Autor spricht ausdrücklich von »fifty degrees Celsius«. Fünfzig Grad Fahrenheit kann er kaum gemeint haben, da es auf eine Temperatur von zehn Grad Celsius hinauslaufen würde - die zwar nicht bitterkalt ist, aber bei der die Besatzung kaum von einem Landeurlaub träumen würde. Daher habe ich auch diesen Wert stillschweigend auf dreißig Grad Celsius geändert.
Kein Autor ist vor Fehlern gefeit, die nicht nur aus Dummheit oder Unwissenheit, sondern auch aus der vielbeschworenen Betriebsblindheit entstehen können. Solche Fehler zu bemerken, wäre eigentlich die Aufgabe eines guten Lektors, aber auch hier scheint im amerikanischen Verlagswesen vieles im Argen zu liegen. Wenn man als Übersetzer solche Fehler bemerkt, sollte man sie nicht brav ins Deutsche übertragen, sondern das Wohl und den guten Ruf des Buchwesens im Auge behalten und sie korrigieren. Den Puristen sei an dieser Stelle gesagt, daß es so etwas wie eine originalgetreue Übersetzung einfach nicht gibt. Wenn man einen amerikanischen Roman in der deutschen Übersetzung liest, liest man ohnehin nicht mehr das, was der Autor ursprünglich geschrieben hat. Und letztlich ist der Übersetzer nur einer von mehreren Leuten, die ihre Spuren am Text hinterlassen haben.
Wer reine, unverfälschte Botschaften sucht, sollte Literatur grundsätzlich in der Originalsprache lesen - oder sein Heil bei religiösen Propheten suchen. Mein Job ist es, den Leuten zu helfen, die englischsprachige Texte nicht im Original lesen wollen oder können, die aber dennoch nicht auf die Abenteuer von Captain Kirk und Co. verzichten möchten. Und genauso wie ein guter Autor möchte ich diesen Leuten etwas geben, das sie verstehen und das ihnen beim Lesen Spaß macht.
Auch wenn es mich gelegentlich frustriert - aber die Tätigkeit eines Übersetzers sollte möglichst unsichtbar bleiben. Denn ein Buch ist dann gut übersetzt, wenn der Leser gar nicht bemerkt, daß es übersetzt wurde.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von epilog.de

Weitere Links zu diesem Thema:
 - John Scalzi: Geisterbrigaden
 - Peter David: Die Tochter des Captain
 - Anne C. Crispin: Sarek