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Abenteuer



Emilio Salgari

Die Piraten von Malaysia

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Die Piraten von Malaysia” setzt der Wunderkammer- Verlag nicht nur seine Reihe von Romanen des Italieners Emilio Salgari und seinem populĂ€ren Malaysia Zyklus fort, der Band fĂŒhrt im Grunde die Plots der ersten beiden bislang veröffentlichten Romane dieser Reihe zusammen. In den Jahren 1891 bis 1893 in verschiedenen Tageszeitungen veröffentlicht kreuzen sich die Wege Tremal- Naiks (“Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels” mit denen Sandokans und des Portugiesen Yanez aus “Tiger von Mompracem”. Da anscheinend “Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels” weniger bekannt gewesen sind, fĂŒgt Emilio Salgari dem vorliegenden Roman eine kurze Zusammenfassung der tragischen Abenteuer Tremal Naiks hinzu, wĂ€hrend die an “Romeo und Julia” erinnernde Liebesgeschichte zwischen der an der Cholera verstorbenen Marianne und dem berĂŒhmtesten Piraten Malaysia nur oberflĂ€chlich im Verlauf des Romans gestreift wird.
Elsa MĂŒller extrapoliert in ihrem ausfĂŒhrlichen Vorwort eine Reihe von Aspekten in Salgaris Werk, die in “Die Piraten von Malaysia” fast exemplarisch abzuhacken sind. Die absolute Liebe, die fĂŒr die meisten weiblichen Figuren Salgaris tragisch in Wahnsinn oder Tod endet. Beide Facetten treffen im Grunde im vorliegenden Band aufeinander. Marianne hat sich fĂŒr die Zivilbevölkerung Mompracem und ihrem Kampf gegen die Cholera geopfert; ein Verlust, den Sandokan erstaunlicherweise wie Teile seiner Gegenspieler noch nicht verkraftet haben. Tremal Naik ist wĂ€hrend einer Jagd im Dschungel eine ĂŒbernatĂŒrlich wirkende junge Frau begegnet, die von den Thugs entfĂŒhrt worden ist. Es handelt sich - in einer der eher konstruiert wirkenden Passagen des Buches - um Mariannes Cousine, die am Ende der Jagd durch den schwarzen Dschungel ihren Verstand verloren hat, wĂ€hrend Tremal Naik von seinen europĂ€ische Feinden fest genommen und ins GefĂ€ngnis gesteckt worden ist. Sandokan sieht im grausamen Schicksal der so genannten Jungfrau der Pagode eine Chance, sein schlechtes Gewissen gegenĂŒber der toten Marianne auszugleichen und zumindest ihre Cousine wieder dem Mann zuzufĂŒhren, der sie abgöttisch liebt. Sandokan hat durch einen wĂ€hrend eines Überfalls gefangen genommenen Dieners vom Schicksal Tremal Naiks erfahren und beschließt mit Yanez, Tremal Naik zu befreien.

Obwohl die grundlegende Idee drei sehr unterschiedliche MĂ€nner - der Portugiese Yanez, der Inder Tremal Naik und schließlich auch der Bornese Sandokan - zusammenzufĂŒhren, wirkt die AusfĂŒhrung des Romans stellenweise ein wenig statisch und Sandokans Planungen ausgesprochen riskant. Eine Ă€hnliche Vorgehensweise fĂŒhrt in “Tiger von Mompracem” ebenfalls zum Untergang seines kleinen Inselreiches und dem Tod unzĂ€hliger Tigerchen, die ihm pflichtbewusst in den sicheren Untergang folgen. Yanez versucht sich in der Verkleidung eines englischen Lords an den Hof einzuschleichen und dort Möglichkeiten zu eruieren, Tremal Naik aus dem GefĂ€ngnis zu befreien. Es ist im Grunde unglaublich, das ihm ohne eine ĂŒberzeugende PrĂŒfung seiner IdentitĂ€t TĂŒr und Tor geöffnet werden und er - in diesem Punkt nicht ungeschickt - seine Fragen stellen kann. Selbst wenn der Leser diese schon in “Tiger von Momprecam” zumindest andeutungsweise verwandte Facette ein zweites Mal akzeptiert, folgt ein eher verzweifelter Plan, in dem Tremal Naik durch eine Mixtur in einen todesĂ€hnlichen Schlaf versetzt, begraben und schließlich rechtzeitig von Sandokan wieder gerettet wird. Diese Passagen sind von Emilio Salgari ausgesprochen spannend und stilistisch ansprechend, wenn auch fast wie in einer grandiosen Heldenoper inklusiv der etwas schwĂŒlstig bombastischen Dialoge beschrieben worden. Eingebettet in die Gesamthandlung - der Plan ist durch einen offensichtlichen Zufall entdeckt worden und James Brookes Truppen eilen zum Friedhof, um Sandokan endgĂŒltig zu töten - ragen diese Ideen, die ein wenig an eine SchlĂŒsselidee aus “Der Graf von Monte Christo” erinnern - hĂ€tte der Autor diese Szene deutlich intensiver, atmosphĂ€risch dichter und auch spannender beschreiben können. Kaum sind Termal Naik als auch Sandokan “vereinigt”, dreht sich ebenfalls wie in den beiden zuvor veröffentlichten Werken das “GlĂŒck” der Helden. Trotz einer ausgesprochen kitschigen und unglaubwĂŒrdigen FamilienzusammenfĂŒhrungsszene mit einem plötzlich in einem anderen Licht gesehenen “Helden” Sandokan fĂŒhren die Piraten mit ihrem AnfĂŒhrer nur noch RĂŒckzugsgefechte. James Brookes Armee ist zu mĂ€chtig, als das Sandokan dieses Mal nicht auf Mompracem ihm lange Widerstand leisten kann. Am Ende stehen nur noch sieben Piraten inklusiv der Jungfrau der Pagode.
Im Grunde hat Emilio Salgari seine Helden in einen perfekten Cliffhangar geschrieben, aus dem es ihm Grunde kein Entkommen geben kann. Elsa MĂŒller fĂŒhrt in ihrem informativen Vorwort an, das Salgari fĂŒr die Buchveröffentlichung eine Reihe von Kapiteln hinzugefĂŒgt hat, in denen Sandokan sich nicht nur aus dieser auswegslosen Situation retten kann, sondern in denen auch James Brookes Macht im Zeitraffer gebrochen wird. Alleine die letzten dreißig Seiten hĂ€tten bei anderen Autoren des Abenteuergenres - sowohl Karl May als auch Alexandre Dumas - fĂŒr mindestens einen eigenstĂ€ndigen Roman ausgereicht. ZusĂ€tzlich wird die Handlungsinitiative von Sandokan/ Yanez weggezogen, was die Struktur des ganzen Plots in seiner bisherigen Entwicklung belastet. Bis zu dem hektischen Hindernislauf entwickelt sich “Die Piraten von Malaysia” in der fĂŒr Salgari so markanten wie gewohnten Art und Weise. Seine Helden entwickeln zwar PlĂ€ne, aber der Leser hat niemals das GefĂŒhl, als mĂŒssten sie wirklich lange ĂŒberlegen. Hindernisse werden entweder mit List - die Kaperung des deutlich grĂ¶ĂŸeren und besser bewaffneten Schiffes zu Beginn des Buches; die Einschleusung in den Palast des Feindes - oder mit Gewalt - die verzweifelte Verteidigung einer weiteren, im Grunde verlorenen Bastion nach der zu erst erfolgreichen Flucht/ Befreiung - zumindest vorlĂ€ufig ĂŒberwunden, wobei Salgari seinen Protagonisten im Gegensatz zum schon vorher angesprochenen Karl May oder dem Salgaris Spuren in Afrika folgenden Sir Henry Rider Haggard der endgĂŒltige Triumph versagt bleibt. Das grundlegend pessimistisch melancholische Wesen des “Italieners” per se schwingt sehr stark in seinen Texten mit und macht sie auch aus einer Distanz von fast einhundertfĂŒnfundzwanzig Jahren noch lesenswert und interessant.
Die HintergrĂŒnde sind im Vergleich zu anderen ErzĂ€hlern dieser Epoche farbenprĂ€chtig, exotisch, aber ausgesprochen direkt und auf Hintergrundinformationen weites gehend verzichtend - die Ausnahme bildet eine kurze Zusammenfassung der bisherigen Karriere James Brookes - beschrieben worden. Man spĂŒrt zwar nicht direkt die feuchte Hitze des malaysischen Dschungels, aber Salgaris Intention, zu unterhalten und als kleine Beigabe seinen Lesern die Welt zu zeigen, erinnert den Leser eher an einen sprachlich gewandteren, eloquenten Robert Kraft als an den angeblichen italienischen Karl May. Wie in seinen bisherigen Werken sind allerdings die Figuren eher ambivalent beschrieben. Yanez und Sandokan ragen aus der Masse heraus, Tremal- Naik tritt im Vergleich zu den beiden so typischen “Helden” Salgaris zu spĂ€t auf den Plan, um bis auf einige wenige verbale PlattitĂŒden wirklich an Persönlichkeit ĂŒberzeugen zu können. Ihre Dialoge erinnern noch mehr an TheaterauffĂŒhrungen, in denen alleine das gesprochene Wort das Publikum mitreißen muss. Da das Geschehen ĂŒber weite Strecken ausschließlich aus Sandokan bzw. Yanezs Perspektive beschrieben wird, fehlt dem Roman trotz des Vorhandseins Brookes ein klassischer Antagonist, vor dem sich der Leser wirklich fĂŒrchten kann. NatĂŒrlich im Gegensatz zu Sandokan und seinen Tigerchen.
Plottechnisch ist “Die Piraten von Malaysia” deutlich stringenter, stĂ€rker strukturiert durchgeplant. Die Actionszenen sind ĂŒber den ganzen Plot verteilt. Nach einer spannenden dramatischen Szene nimmt sich Salgari im Vergleich zu anderen Romanen aus seiner Feder sehr viel mehr Raum, um den nĂ€chsten Höhepunkt entsprechend vorzubereiten. Das zu abrupte, zu viel auf einmal wollende Ende lĂ€sst den gesamten Roman allerdings deutlich roher erscheinen als er wahrscheinlich in seiner ursprĂŒnglichen Fassung gewesen ist. Als Einstieg in die wunderbar phantasievolle Welt Emilio Salgaris eignet sich “Die Piraten von Malaysia” eher nicht. Es empfiehlt sich, mit “Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels” und natĂŒrlich “Tiger von Mompracem” - unabhĂ€ngig vom Bekanntheitsgrad der Verfilmung - zu beginnen, um verfolgen zu können, wie kommerziell geschickt Salgari fĂŒr die beiden im Grunde unabhĂ€ngigen Romanen eine einzige lesenswerte Fortsetzung gestrickt hat.

Emilio Salgari: "Die Piraten von Malaysia"
Roman, Hardcover, 326 Seiten
Wunderkammmer Verlag 2010

ISBN 9-7839-3906-2172

Weitere Bücher von Emilio Salgari:
 - Der Tiger von Mompracem
 - Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels

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