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Abenteuer



Emilio Salgari

Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels

rezensiert von Thomas Harbach

Im Vorwort von Doktor Paola Barbon fĂŒr den ersten von insgesamt elf locker zusammenhĂ€ngenden Romanen Salgaris „Malaysia“ Zykluses versucht die Autorin die Faszination des so genannten italienischen Karl Mays zu erlĂ€utern. Je mehr der Leser sich sowohl in das vorliegende Werk als auch das eher tragische Leben Salgaris in stĂ€ndigem Kampf gegen seine Armut und seine knauserigen Verleger bis zu seinem Selbstmord vertieft, um so deutlich wird, dass der Vergleich zu Karl May genauso hingt wie zu den wissenschaftlichen ErzĂ€hlungen eines Jules Vernes. Viel mehr verbindet - bis auf die persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse Salgari mit dem inzwischen im Schatten Mays stehenden Robert Kraft. Beide mussten sich durch Lohnschreiberei ĂŒber Wasser halten. Die Verlage verdienten sehr gut an ihren Romanen, wĂ€hrend sie selbst knapp gehalten worden sind. Im Gegensatz zu Salgari konnte Robert Kraft durch eine betrĂ€chtliche Erbschaft zeitweise diesem Joch entfliehen. Beide Autoren ließen ihre Geschichten in exotischen LĂ€ndern und in verschiedenen Genren spielen. Im Gegensatz zu May, der bis auf ganz wenige Ausnahmen auf Ich- ErzĂ€hler europĂ€ischer wenn nicht sogar arischer PrĂ€gung mit einem entsprechenden christlichen Sendungsbewusstsein zurĂŒckgegriffen hat, integrierten Robert Kraft und Sagari ihre Protagonisten mehr in die jeweilige exotische AtmosphĂ€re des Kontinents, auf welchem die Geschichte gerade spielte. Aber selbst im Vergleich zum eher global orientierten Robert Kraft ging Salgari noch einen Schritt weiter, in dem er auf Einheimische insbesondere im Malaysia- Zyklus den Schlangentöter Tremal- Naik und natĂŒrlich den berĂŒhmten Piraten Sandokan zurĂŒckgegriffen hat. Nicht selten identifizieren sich seine Helden mit Tieren und in den Ursprungsfassungen einiger seiner Romane - damals noch fĂŒr periodisch publizierte Magazine geschrieben - unterschieden sich ihre brutalen Aktionen nicht von den wilden Tieren. Ein Motiv Salgaris ist das Eindringen einer „weißen“ Frau in die eher homoerotische MĂ€nnerwelt. In „Der Tiger von Mompracem“ verliebt Sandokan in Marianne, deren Onkel ihn vor dem Tode gerettet hat. Im vorliegenden Roman „Die Geheimnisse des schwarzen Dschungel“ erscheint Tremal- Naik Ada in einer Vision. Sie ist eine Gefangene der gefĂŒrchteten Thugs, der Schlingenmörder. Der Schlangentöter macht sich umgehend auf, die junge Frau aus den Klauen der gefĂŒrchteten Sekte zu befreien. Dabei helfen ihm zwei treue Diener, ein Hund und ein riesiger Tiger, den er - ohne das es nĂ€her von Salgari erlĂ€utert wird - gezĂ€hmt hat. Der Tiger ist auch das Symbol Sandokans, das golden von seiner Piratenfahne prangt. Auf der Suche nach Ada fĂŒhrt der Weg erst auf eine einsame Halbinsel und schließlich mitten unter die Thugs. Nachdem Tremal- Naik beim ersten Angriff schwer verwundet wird, starten die Thugs eine Gegenoffensive. Sie zwingen den SchlangenjĂ€ger dazu, einen wichtigen ThugfĂŒhrer aus der Hand der weißen Kolonialherren zu befreien und KapitĂ€n Macpherson zu ermorden. Tremal- Naik ahnt im Gegensatz zu den Lesern nicht, das Macphersen Adas Vater ist, der sich ebenfalls auf der Suche nach seiner Tochter befindet.

Der eigentliche des Plot des vorliegenden Romans lĂ€sst sich in wenigen Worten zusammenfassen. Die einzige Überraschung ist der Cliffhangar am Ende des ersten Teils und das Tremal- Naik in der zweiten HĂ€lfte des Buches anfĂ€nglich unter einem falschen Namen agiert. Das gehört aber inzwischen zum Plan der Thug, den einflussreichen Macphersen loszuwerden. Trotz der teilweise vorhersehbaren Handlung inklusiv des offenen und auf Fortsetzungen hindeutenden Epilogs ist „Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels“ selbst heute und unabhĂ€ngig von dem leicht schwĂŒlstigen, aber euphorischen Stil eine wunderbare LektĂŒre. Gleich das Auftaktkapitel mit der Beschreibung des Ganges, des Flusses des Lebens und des Sterbens in Indien zeigt auf die Unendlichkeit, die stetige Wiederholung - positiv gesprochen - des Lebenskreislaufes in Salgaris Werk hin. Die Geschichte lebt von den zahllosen Hintergrundinformationen, die in erster Linie zwanglos in die Handlung eingestreut werden und keinesfalls belehrend wirken. Salgari hat offensichtlich bis auf eine kleine Schiffsreise auf der Adria in sehr jungen Jahren sein Heimatland Italien nicht verlassen. Seine Recherchen bzw. seine Quellenstudien sind zu allen seinen auf unterschiedlichen Kontinenten und zu unterschiedlichen Zeiten spielenden Geschichten immer umfangreich und so weit ĂŒberprĂŒfbar auch richtig gewesen. Dem Autoren gelingt es, vor den Augen des insbesondere jugendlichen Lesern eine fremdartige Welt zu erschaffen, wie es sie in dieser Form niemals gegeben hat, wie sie aber möglich gewesen ist. Dabei werden phantastische Elemente - wie die Freundschaft zwischen Schlangentöter und Tiger - mit historischen Fakten - die Besetzung durch die arroganten Briten - und geographischen Besonderheiten - der Dschungel bot außerhalb der tief eindringenden FlusslĂ€ufe ideale Verstecke insbesondere fĂŒr Piraten und die fĂŒr eine Befreiung Asiens und ihre Göttin Kali kĂ€mpfenden Trugs - zu einem harmonisch erscheinenden Ganzen kombiniert. Durch die Geschwindigkeit, mit welcher Salgari seine BĂŒcher herunter geschrieben hat, ließen sich Wiederholungen nicht vermeiden. So findet sich zweimal im vorliegenden Band eine Szene, in welcher ein VerrĂ€ter aus Fluss - bzw. Seenot gerettet wird. Zweimal wird ein wichtiger Protagonist nach einem schweren Verletzung wie tot zurĂŒckgelassen und kann sich von seinen Wunden wieder erholen. VerrĂ€ter schleichen sich immer wieder und scheinbar ohne großes Mittrauen in die Lager ihrer Feinde und können dort entweder wichtige Fakten ausspionieren oder mit dem Meucheln beginnen. Zweimal gelingt es dem Schlangentöter in die Anlage der Feinde einzudringen, um zweimal Ada vor der Opferung an die Göttin Kali zu retten. UnabhĂ€ngig aber von diesen Wiederholungen, welche Salgari teilweise geschickt mit leichten Variationen verdeckt, entwickelt der Roman von der ersten Begegnung zwischen Schlangentöter und der als Vision erscheinenden Ada - eine Ă€hnliche Idee nutzt Sir Henry Rider Haggard in seinem berĂŒhmten Zyklus um „Sie“ - bis zur endgĂŒltigen ( ?) Vernichtung der Thugs auf den letzten, zu hektisch und zu komprimiert niedergeschriebenen Seiten ein ungewöhnliches, fast atemloses Tempo. Dabei nimmt sich Salgari auf der anderen Seite Zeit, insbesondere den guten wie schurkischen Nebenfiguren
einen Moment des Ruhms zu gönnen. Die Dialoge sind ungewöhnlich farbenprĂ€chtig und anfĂ€nglich nicht leicht zu lesen, im Verlaufe der Geschichte gewöhnt man sich allerdings sehr gut an sie und beginnt die etwas blumige Sprache zu genießen. Im Gegensatz zu verschiedenen Autoren dieser Epoche verzichtet der Autor auf eine schwarz weiß Zeichnung zwischen Einheimischen und weißen Kolonisten. Auf beiden Seiten gibt es grausame Menschen und der Held zögert keine Sekunde, um wichtige Informationen zu erhalten, zur Folter zu greifen. Salgaris Malaysia ist selbst in der fĂŒr die Neuauflagen zu Lebzeiten des Autoren deutlich entschĂ€rften Fassungen eine raue, eine grausame Welt. UnabhĂ€ngig von ihren dunklen Seiten sind insbesondere Salgaris „Helden“ auf der emotionalen Ebene angreifbar und opfern fĂŒr die Liebe einer nicht selten weißen unschuldigen und jungen Frau ihr ganzes Hab und Gut, ihre treuen Diener und schließlich sogar in der Urfassung von „Sandokan“ ihr Leben. Dieses explosive Reagieren auf die anfĂ€nglich nicht sichere Erwiderung ihrer GefĂŒhle wirkt teilweise zu stark ĂŒberzogen bis kitschig. Der Leser muss aber diese handlungstechnischen Katalysatoren insbesondere in den ersten BĂ€nden des Malaysia- Zykluses akzeptieren, ansonsten funktioniert Salgaris exotische Abenteuerwelt ebenso wenig wie hinsichtlich ihrer ĂŒberdimensionalen, fast tierischen Helden wie Sandokan oder Tremal- Naik. Der Leser muss dem christlichen Gedankengut des deutschen Übermenschen im Ausland abschwören. Die Nuancen zwischen Schurken und Helden sind gering. Die Actionszenen sind immer blutig, Salgari schreibt seine Abenteuerstoffe mit einem sehr breiten Pinsel. Euphorie und Depression wechseln sich in den Figuren ab. Insbesondere die Handlungen der Helden sind im Vergleich zu Karl May und auch Robert Kraft oder gar Jules Verne nicht immer durchgeplant und zeigen die Überlegenheit des Guten ĂŒber die Bösen. Nicht selten ist es rohe Kraft, alleine der Wille, der schließlich den Sieg gegen im Grunde zahlenmĂ€ĂŸig ĂŒberlegene Feinde bringt. Wahrscheinlichkeiten und Logik spielen bei Salgari keine Rolle. Wer seine Abenteuerstoffe wohl geordnet und nachvollziehbar hat, der ist bei dieser Generation von Autoren an der falschen Anschrift. „Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels“ ist ein prĂ€chtiger Abenteuerschinken von selbst heute noch ungeheurer Dynamik mit ungewöhnlichen, manchmal ein wenig grob gezeichneten Protagonisten und einer Handlung, die im Grunde einem Fiebertraum entsprungen sein könnte. Die ungekĂŒrzten Texte in der schönen Neuausgabe des Wunderkammer Verlages geben einen exzellenten und wichtigen Einblick in das sicherlich angreifbare, aber auch auf eine wundersame Weise in eine einfachere Kindheit zurĂŒckversetzende Werk eines der grĂ¶ĂŸten italienischen Abenteuerschriftsteller, welcher die große Welt zwischen den Buchdeckeln seiner Werke eingefangen und ganzen Generationen von italienischen Jugendlichen in die heimischen Schlafzimmer gelegt hat.


Emilio Salgari: "Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels"
Roman, Hardcover, 342 Seiten
Wunderkammer- Verlag 2008

ISBN 9-7839-3906-2103

Weitere Bücher von Emilio Salgari:
 - Der Tiger von Mompracem
 - Die Piraten von Malaysia

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