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Abenteuer



Hans Herrmann

Im Garten der Hesperiden

rezensiert von Thomas Harbach

Mit Hans Herrmanns “Im Garten der Hesperiden” legt der Atlantis- Verlag einen Abenteuerroman vor, dessen phantastische Elemente in erster Linie aus der Verbindung unabhĂ€ngiger historischer Ereignisse und daraus folgernd einer interessanten Verschwörungstheorie inklusiv einer ominösen Bedrohung besteht. FĂŒr den 1963 in der Schweiz geborenen und dort lebenden Herrmann ist es seine erste Romanveröffentlichung. Er lebt verheiratet mit zwei Kindern im schweizerischen Burgdorf und arbeitet als Lokalredakteur bei einer Zeitung. Neben TheaterstĂŒcken, Kabarettprogrammen und Kurzgeschichten hat Herrmann auch lokalhistorische Studien verfasst. Auch wenn seine Geschichte in der idyllischen Schweiz in einem abgeschiedenen Kloster endet, fĂŒhrt es vorher den jungen Deutschritter Heinrich von Lohnsfeld ans Ende der bekannten Welt. Von Lohnsfeld wird aufgrund seiner Sprachenkenntnisse - unter anderem indisch und arabisch - zu den Oberen seines Ordens bestellt. Dort wird ihm ein Geheimauftrag anvertraut. Er soll zusammen mit dem KapitĂ€n Kilpert und dessen windschnellem Schiff eine Schiffsroute nach Indien finden, um dem klammen deutschen Orden die Möglichkeit zu geben, den GewĂŒrzhandel aufzunehmen. Das ist zumindest die offizielle Mission, in Wirklichkeit soll von Lohnsfeld den Stein der Weisen suchen. Anscheinend hat auch der KapitĂ€n des Schiffes einen eigenen ganz anders lautenden Auftrag erhalten. Im Verlaufe der Mission und insbesondere nach Entdeckung einiger Inseln erstĂ€rkt sich fast stĂŒndlich das Mißtrauen zwischen den beiden sehr unterschiedlichen MĂ€nnern.

Hans Herrmann hat den Roman aus der Ich- Perspektive aufgebaut. Das macht es dem Autoren leichter, die vielfĂ€ltigen historischen Fakten und Vermutungen zu bĂŒndeln. Der Leser bleibt auf Augenhöhe und die Einbindung von Tagebuchaufzeichnungen wĂ€hrend der Hinfahrt rafft die ansonsten sicherlich fĂŒr den Leser eher belanglose Reise deutlich zusammen. FĂŒr die RĂŒckfahrt nutzt Hans Herrmann dieses stilistische Mittel ebenfalls, nimmt sich aber in einem sehr interessanten und atmosphĂ€risch wichtigen Abschnitt des Buches selbst jegliche Spannungsmittel. Da sich hier auch das Schicksal von wichtigen Protagonisten des Romans entscheidet, bzw. sie von einem Augenblick auf den nĂ€chsten unter mysteriösen UmstĂ€nden verschwinden, wĂ€re es angebrachter gewesen, diese Ereignisse gĂ€nzlich aus der Ich- Perspektive zu erzĂ€hlen und den Leser viel enger an das Geschehen heranzurĂŒcken. So bleibt beim Leser das unbestimmte GefĂŒhl, dass fĂŒr Hans Herrmann sein Buch den entsprechenden Höhepunkt mit den Entdeckungen in der geheimnisvollen Pyramide auf der Insel erreicht hat. Dabei hĂ€tte sich die Spannungsschraube noch deutlich steigern lassen. Auf der anderen positiven Seite ist der Roman bis zu dem eher schwĂ€cheren Ende sehr stringent und sehr kompakt konzipiert. Immer wieder mischt der Autor historische wichtige Fakten kompakt, aber niemals belehrend in seine Handlung und so entsteht aus den Augen des durchaus kritischen, intelligenten und teilweise sehr Zeit ein wenig vorauseilenden Heinrich von Lohnsfeld ein farbenprĂ€chtiges, ĂŒberzeugendes Portrait des heraufdĂ€mmernden 15. Jahrhunderts. Auf den ersten Blick mag es befremdlich wirken, wenn ein Autor den Atlantis- Mythos, das Geheimnis der Templer, das politische Schicksal des Deutschritterordens und schließlich ein Seemannsgarn in der Tradition R. L. Stevensons mit einem Hauch Störtebeker miteinander verbindet. Weiterhin fĂŒgt er die Suche nach dem Stein der Weisen hinzu und Erfindungen der letzten ĂŒberlebenden Templer, die erst Jahre/ Jahrzehnte spĂ€ter gemacht werden. Diese auf den ersten Blick wilde und ungeordnete Mischung hĂ€tte das Buch zum Kippen bringen können, aber Hans Herrmann konzentriert sich sehr souverĂ€n auf das ErzĂ€hlen seiner Geschichte und bemĂŒht sich im positiven Sinne niemals, den einzelnen hier prĂ€sentierten Fakten einen tieferen Sinn zu geben und den Handlungsstrom gar durch unglaubwĂŒrdige ErlĂ€uterungen zu unterbrechen. Es sind die Abenteuer Heinrich von Lohnfeld, welche er als junger Mann erlebt und die ihn spĂ€ter - daher der RĂŒckgriff auf eine Art Memoiren - fĂŒr den Rest seines Lebens beschĂ€ftigen werden. FĂŒr viele Dinge hat der junge Mann auch keine ErklĂ€rung, erst das ĂŒberlegene Wissen des Lesers schließt die LĂŒcken zwischen Lohnfelds Unwissenheit und den Dingen, die er niedergeschrieben hat. Mit dieser Methode beginnt der Roman nach dem langen, klassischen Seeabenteuerrauftakt dem Leser ans Herz zu wachsen.

Ebenso ĂŒberzeugend hat Hans Herrmann seine beiden Hauptfiguren entwickelt. Heinrich von Lohnfeld ist der junge intellektuelle Rittermönch. Zu Beginn vertraut er seinen Vorgesetzten vom Deutschen Orden blind und fĂŒhlt sich ob der schwierigen Aufgabe geehrt. Das er mit dem Schwert umgehen kann, erfĂ€hrt der Leser schon im Auftaktkapitel. Er ist sich seiner SchwĂ€chen wie fehlender Erfahrung durchaus bewusst und versucht eher aus dem Hintergrund nach dem Auffinden der Inseln die Expedition zu leiten. Wenn der Autor von Lohnfeld aus dem Alter heraus die Torheit und Entschlossenheit seines jungen Alter Egos bewundern oder verdammen lĂ€sst, gewinnt die Geschichte an Tiefe. Sein GegenĂŒber ist der erfahrene JJ Kilpert, ein charismatischer KapitĂ€n von großer AutoritĂ€t, dem es gelingt, seine Mannschaft mit der richtigen Mischung aus langer Leine und Furcht zu fĂŒhren. Kilpert umgibt ein furchtbares Geheimnis, anscheinend gehörte er zu der Piratenbande um Klaus Störtebeker und soll als einziger vor der Hinrichtung aus dem GefĂ€ngnis dank einflussreicher Gönner geflohen sein. Er ist ins Ausland geflohen, hat dort die nautische Kunst von den Mauren erlernt und ist mit einem eigenen Kommando unter falschen Namen zurĂŒckgekommen. Hans Herrmann prĂ€sentiert diese “Fakten” sehr ĂŒberzeugend, ohne fĂŒr eine einzige These einen Beweis zu liefern. Aus diesen MosaikstĂŒcken setzt der Autor seine einzelnen Figuren sehr geschickt und ĂŒberraschend dreidimensional zusammen. Nur am Ende verabschiedet sich Hans Herrmann auf eine eher nebensĂ€chliche Weise von einer wichtigen Figur. Auf den nĂ€chsten Seiten fragt sich der Leser, ob das wirklich alles gewesen ist. Hier hĂ€tte Hans Herrmann insbesondere in Hinblick auf die dĂŒstere nihilistische AtmosphĂ€re der RĂŒckfahrt dem Buch einige gute Szenen - dabei hĂ€tten Bram Stokers berĂŒhmter Roman oder William Hodgson Seefahrergeschichten als gute Vorbilder dienen können - hinzufĂŒgen können.

UnabhĂ€ngig von dieser SchwĂ€che ist es schon erstaunlich, welches Themenspektrum der Autor auf knapp einhundertsiebzig Seiten sehr kompakt, aber niemals langweilig abhandelt. Die Handlung insbesondere mit den verschiedenen historischen StrĂ€ngen, die hier zusammenlaufen, droht immer wieder ein wenig zu kippen, aber Hans Herrmann fĂ€ngt sie mehrmals im letzten Moment ab. Der Leser sollte es als historische Spekulation ohne Netz und doppelten Boden sehen, in welcher Hans Herrmann ĂŒber das geheimnisvolle Verschwinden einiger Templer philosophiert und der Handlung Respekt, aber keinen wissenschaftlichen Forscherernst entgegenbringen. So funktioniert der Plot am effektivsten. Von der Struktur her ist “Im Garten des Hesperiden” eine interessante, lesenswerte Abenteuergeschichte mit einigen atmosphĂ€risch sehr ĂŒberzeugenden Szenen. Herrmann gelingt es, das Leben und Überleben in dieser Zeit dem Leser sehr plastisch vor Augen zu fĂŒhren. Vielleicht hĂ€tte er den Text in der ersten HĂ€lfte noch etwas spannender strukturieren können, aber seine beiden wichtigsten Protagonisten tragen die Handlung auch ĂŒber die anfĂ€nglich ruhigen, aber gut geschriebenen Passagen. Zusammenfassend ist “Im Garten des Hesperiden” eine positiv altmodische Abenteuergeschichte mit vielen guten Ideen, in einem angenehm lesenswerten Stil geschrieben und das Titelbild von Timo KĂŒmmel unterstreicht die wilde Seefahrerromantik und die exotische Faszination fremder Orte.


Hans Herrmann: "Im Garten der Hesperiden"
Roman, Softcover, 167 Seiten
Atlantis- Verlag 2008

ISBN 9-7839-3674-2961

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