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Abenteuer



Emilio Salgari

Der Tiger von Mompracem

rezensiert von Thomas Harbach

Emilio Salgari hat schon 1883/ 1884 unter dem Titel „Der Tiger von Malaysia“ die Liebesgeschichte des bengalischen Fürsten und berühmten Piraten Sandokan für die Zeitschrift La nuova Arena als seinen dritten Roman in einem jugendlichen Alter von knapp über zwanzig Jahren niedergeschrieben. In der ursprünglichen Fassung kommt Sandokan beim Kampf um seine ewige Liebe Marianna ums Leben. Vielleicht liegt es auch an seinem jungen Alter, das insbesondere die romantischen Gefühle so expliziert, so euphorisch auf der einen Seite, melancholisch depressiv auf der anderen Seite aus Sandokan förmlich herausschießen.Wie in dem ausführlichen Vorwort insbesondere von Ann Lawson Lucas erläutert wird, verkörpert der ursprüngliche Sandokan noch mehr den klassischen Heldetypos Salgaris, der in seinen Handlungen sich kaum vom Tier unterscheidet. Nicht umsonst hat Salgari Sandokan sogar das Blut seiner Feinde trinken lassen. Die im Jahre 1900 veröffentlichte Fassung unter dem Titel „Der Tiger von Mompracem“ veröffentlichte Buchfassung beschreibt neben dem im Grunde unnatürlichen bis kitschigen Happy End einen deutlich gemäßigteren Heldentypus.

Einer ganzen Generation von Jugendlichen ist Sandokan in erster Linie durch die vierteilige Miniserie von Sergio Sollima mit Kabir Bedi in der Hauptrolle bekannt. Einige Bücher um den malaiischen Prinzen/ Piraten erschienen in stark gekürzten Fassungen im Schneiderbuchverlag. Der Verlag Wunderkammer hat den Text aus dem Jahre 1900 im Rahmen der elfteiligen Malaysia- Reihe neu übersetzen lassen und präsentiert die Geschichte um eine großartige Liebe zum ersten Mal ungekürzt auf Deutsch. Dabei ist die Geschichte Sandokans schnell erzählt. Sie beginnt in einer stürmischen Nacht im Jahre 1849, als die britischer Kolonisten inzwischen dank geschickter wie auch brutaler Taktik und ihrer militärischen Überlegenheit die Piratenplage im Keim blutig erstickt hat. Sandokan entschließt sich zu einer neuen Kaperfahrt aufzubrechen und wird dabei von einer ihm militärisch überlegenen Korvette und durch Verrat aus den eigenen Reihen mit seinen Mannen geentert. Schwer verletzt fällt Sandokan über Bord und wacht schließlich im Haus Lord Guillonk auf, welcher dem Fremden zu getan ist. Seine bildhübsche Nichte Marianne kümmert sich um Sandokan. Dieser verliebt sich unsterblich in das junge Mädchen, das seine Gefühle erwidert. Löst sich der Leser von Sandokans charismatischen Heldenstatus und seiner Mission, gegen alle direkten (inklusiv im Grunde aller weißen Kolonisten) Mörder seiner Familie vorzugehen, tritt Sandokan die Gastfreundschaft Lord Guillonks mit Füßen und macht ihn alleine durch sein eigenes Fehlverhalten zu einem Todfeind. Emilio Salgari verzichtet auf jegliche Graufärbung oder gar Bewertung Sandokans Verhalten. Wie in zahlreichen seiner anderen Romane gibt es nur Extreme. Absolute Liebe, für die Sandokan nicht nur sein bisheriges Leben aufgeben würde, sondern vor allem direkt oder indirekt seine Tigerchen – die Mitglieder seiner Piratenbande und deren Angehörige – verrät bzw. in den Tod schickt. Natürlich jubeln sie geblendet und naiv ihrem charismatischen Anführer zu, aber gute einhundert Jahre nach Entstehen des Buches und die Folgen zweier Weltkriege erkennend, muss dieser Zwiespalt auch angesprochen werden. Sandokan hat sich – so sagt es wenigstens die Legende – über viele Jahre als verantwortungsvoller Anführer erwiesen, der trotz seines blutigen Handwerks machen Feind geschont, sehr viele andere aber skrupellos und brutal im Kampf niedergemetzelt hat. Kaum ist Sandokan Marianna erschienen, verwandelt er sich im Grunde in einen blinden liebestrunkenen Jüngling, für den kein Preis zu hoch ist, um seine Prinzessin in seinen Armen zu halten. Hätte Sandokan wenigstens den Mut gehabt, nach der ersten Befreiung Mariannas nach Java zu fliehen anstatt sie auf seine Insel mitzunehmen, hätte die kommende Tragödie sicherlich verhindert werden können. Auf der anderen Seite gäbe es nicht einen derartig kraftvollen wie emotionsgeladenen Liebesroman vor exotischer Kulisse. Die blinde Euphorie Sandokans Männer und selbst das immer wieder beschwichtigende und Risiken herauf beschwörende Verhalten des portugiesischen Freundes und Blutsbruder Yanez lässt sich nur als märchenhaft und irreal beschreiben. Dieses absolute Vertrauen – inklusiv einer gottgleichen Heroisierung – missbraucht Sandokan, in dem er Dutzende von Männern ganz bewusst in den Tod schickt, um Marianna aus den Händen ihres Vormundes und keinesfalls eines Verbrechers zu befreien. Im Vergleich zu „Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels“, in dem der Schlangentöter eine von den Thugs gefangen gehaltene weiße Frau vor dem Opfertod retten, befreien und schließlich für sich gewinnen wollte, sind Sandokans Motive egoistischer, aber zumindest im romantisch kitschigen Abenteuerroman nicht weniger edel. Technisch konzentriert, fast fokussiert Salgari alles auf den Tiger von Malaysia. Es gibt keine Szene, in der er nicht unmittelbar oder zumindest mittelbar beteiligt ist. Eine zweite Handlungsebene findet nicht statt. Diese Vorgehensweise so eng wie möglich unter Verzicht auf die Ich- Erzählebene an den Protagonisten heranzurücken, macht viele der Kampfszenen intensiver, spannender und dynamischer. Auf der anderen Seite wird das beschriebene Geschehen unwirklicher. Sandokan ist der einzige Charakter, der wirklich dreidimensional, wenn auch emotional überzogen bis übertrieben, heroisiert, wie eine Ikone beschrieben worden ist. In seinem Schatten verblasst der weise Ratgeber Yanez, der im Grunde eher verzweifelnd den Tiger aus immer schwieriger werdenden Situationen retten muss. Wie in „Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels“ kommt es wieder zu einer Doppelung der Ereignisse. Zweimal verkleidet sich Yanez, um Marianna wichtige Botschaften in der Uniform des Feindes zu überbringen. Das ein Portugiese als Verwandter eines Mitgliedes des englischen Mittelstandes durchkommt, muss unter dichterische Freiheit verbucht werden. Die Freundschaft zwischen Sandokan und dem Portugiesen drückt sich alleine durch die blümeranten, etwas übertriebenen bis pathetischen Dialoge aus, in denen selbst kleinste Feststellungen ins Übertriebene gesteigert werden. Salgari verzichtet gänzlich auf eine Charakterentwicklung. Die einzige Figur, die sich parallel laufend den immer öfter und schnell vernichtenden Piratenverstecken entwickelt, ist Sandokan. Marianna scheint - ohne das Salgari sich die Mühe gibt, der Beziehung eine emotionale Tiefe zu schenken - so von Sandokan fasziniert, das sie dessen berüchtigte Bluttaten auch den eigenen Landsleuten gegenüber ins Reich der Fabel schiebt. Als Frau bleiben ihr als Emotionen Erschrecken, Furcht, grenzenlose Liebe und einer Sequenz die Chance, ihrem Geliebten einen Dolch zuzustecken. Sandokan erdrückt mit seiner übertriebenen Liebe jede Glaubwürdigkeit und lässt den Roman aus heutiger Sicht teilweise zu kitschig erscheinen. In der bekannten Verfilmung von Sergio Sollima ist beiden Figuren etwas mehr Hintergrund verliehen worden. Gleichzeitig vermisst der Leser im vorliegenden Roman einen ebenbürtigen Antagonisten wie James Brooks. Mariannas Onkel wird erst durch Sandokans Taten animiert, gegen ihn mit aller Gewalt vorzugehen und ein möglicher Konkurrent im Mariannas Hand wird von Sandokan gleich bei der ersten Befreiungsaktion eigenhändig getötet. Dieses Ungleichgewicht lässt einige von Sandokans tollkühnen Aktionen zu vorhersehbar erscheinen. Auf der anderen Seite zeigt Salgari schonungslos auf, das die Zeit der klassischen Helden sich ihrem Ende zuneigt und die bloße Überlegenheit der seelenlosen Technik - hier besser bewaffnete, aber nicht so manövrierfähige Schiffe - den Piratenmythos selbst in diesem entlegenen Winkel der Welt von den Meeren fegt. Mompracems Untergang wird von Salgari eher sachlich kühl als mit dem notwendigen Pathos beschrieben, aber die Schlacht um die Insel gehört zu den Actionhöhepunkten in einem Roman, in dem immer alles in Bewegung ist. Sandokans Exzentrik, seine Mischung aus übermotivierten archaischen Barbaren mit adligen Wurzeln und plötzlich liebenden Mann unterstreichen die Dynamik von Salgaris auf der einen Seiten hektischen Erzählstruktur, die auf der anderen Seite im ersten Drittel noch durch ausführliche und übertrieben erscheinende Dialoge ein wenig gebremst wird. Im Vergleich zu „Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels“ gibt es in der zweiten Hälfte des Buches nur noch kurze, abgebrochen wirkende Dialoge.
De Neuauflage im Wunderkammer- Verlag gibt einer neuen Lesergenerationen einen ersten Eindruck von Salgaris Erzählkünsten. Sich nicht weiter um Logik kümmernd zeichnet der Autor das Portrait eines Übermenschen in einer wilden archaischen Zeit, in welcher die Barbaren zumindest teilweise mehr Anstand und Kultur haben als die weißen Eindringlinge. Noch stärker als in seinen anderen Büchern zeichnet der Italiener ein dunkel- zynisches Portrait insbesondere der englischen Kolonialmacht, die mit Heimtücke, Verrat und roher Gewalt die edlen und tapferen Piraten schließlich ausrottet. Die Liebesgeschichte ist vielleicht das schwächste Element des Romans. Sie wirkt übertrieben und aufgesetzt, funktioniert aber im Kontext dieser im Grunde märchenhaften Abenteuererzählung zufrieden stellend. Jeder Leser dieses Buches wird und kann sich Kabir Bedi in der Rolle des Sandokans vorstellen - obwohl er diese Figur nicht als einziger Schauspieler verkörpert hat - und immer wieder Salgaris Original positiv mit dieser Fernsehschirminkarnation vergleichen „Der Tiger vom Mompracem“ ist ein selbst heute noch lesenswertes Buch mit zahlreichen Schwächen, die sich allerdings eher den Augen der desillusionierten und kritischen Erwachsen öffnen, als den Jugendlichen, für den die Neuauflage aus dem Jahre 1900 behutsam von Salgari entschärft worden ist.

Emilio Salgari: "Der Tiger von Mompracem"
Roman, Hardcover, 463 Seiten
Wunderkammer Verlag 2009

ISBN 9-7839-3092-158

Weitere Bücher von Emilio Salgari:
 - Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels
 - Die Piraten von Malaysia

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