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Abenteuer



Jörgen Braker

Die Reliquien von Lissabon

rezensiert von Thomas Harbach

Nach “Zeelander”, der Lebensgeschichte Störtebekers, aus dem Jahre 2005 legt der Direktor und Professor des Museums für hamburgische Geschichte mit “Die Reliquien von Lissabon” keine direkte Fortsetzung vor, aber einen historischen Roman, der einige wenige Schlüsselfiguren übernimmt. Es empfiehlt sich, mit dem Nachwort zu beginnen, in welchem Braker die historischen Fakten darlegt. Diese alleine klingen schon so unglaublich, das der Leser die eigentliche Geschichte des Buches mit anderen Augen betrachtet. So ist in Hamburg kein Störtebeker laut den historischen Aufzeichnungen hingerichtet worden. Diese Möglichkeit hat Braker ja schon am Ende des “Zeelanders” impliziert. Nur die Hinrichtung des Gödeke Michel - die Gefangennahme und Hinrichtung nimmt das erste Fünftel des vorliegenden Romans ein - ist historisch verbürgt, allerdings zeigt Braker, das die Vitalienbrüder nicht die blutrünstigen Seeräuber gewesen sind, als die sie immer dargestellt worden sind. Vielmehr bezeichnet er sie als Söldner auf See, die für die unterschiedlichen Monarchien und Glaubensrichtungen gekämpft haben. So stellt er noch einmal die Versorgung der hungernden Bevölkerung Stockholms während der Belagerung der Stadt heraus.

Eine weitere historische Quelle berichtet nur wenige Jahre nach Gödeke Michels Hinrichtung, das den Verurteilen die Reliquien des Heiligen Vincentius vor ihrer Tötung abgenommen worden sind. Anscheinend sollte Gödeke Michel in Lissabon eine Kirche stiften und könnte die Reliquie schon 1384 erhalten haben, als möglicherweise seine Vitalienbrüder die Stadt während einer anderen Belagerung über die See versorgten.

Die dritte historische Quelle ist die Reise des Hamburger Ratsherren Nikolaus Schoke im Jahre 1402 ein Jahr nach der Hinrichtung der Vitalienbrüder auf Kosten der Stadt nach Santiago de Compostela. Die Reise, welche Nioklaus Schoke unternimmt stellt den Kern des vorliegenden Romans dar.

Die Fiktion ist, das Gödeke Michel unmittelbar vor seiner Hinrichtung Nikolaus Schoke das Gelübde abgenommen hat, die Reliquien eigenhändig nach Portugal zurückzubringen. Damit erschüttert der im Allgemeinen nur als blutrünstiger Bandit bekannte Michel das Weltbild des hanseatisch treuen, intelligenten, wenn auch in Hinblick insbesondere die hanseatische Politik eher naiven Schoke. Insbesondere bis zu dieser Szene ist “Die Reliquien von Lissabon” ist gerade klassischer Abenteuerroman, in welchem Jörgen Braker insbesondere seinen Lesern die Romantik der Piraterie nimmt und das Geschehen in den Sielen und Rinnen der Nordsee packend und eindringlich beschreibt. Er macht auch nicht den Fehler, Gödeke Michel zu romantisieren. Eine ähnliche Vorgehensweise hat auch den “Zeelander” bestimmt. Er zeichnet die beiden Figuren im Zusammenhang mit der wilden Zeit, teilweise als Opfer der Politik, dann aber auch wieder als Täter. Nicht umsonst konnten sie sich einen geheimnisvollen Schatz zusammenrauben, mit dessen Hilfe Gödeke Michel ursprünglich die Kirche bauen lassen wollte. Während Michel im vorliegenden Buch und Störtebeker in “Zeelander” sehr eindringlich, aber auch nuanciert und überzeugend charakterisiert worden sind, ist die Abneigung Brakers gegenüber der “Politik” und ihren Handlangern sowie den Kaufleuten und ihren schmierigen Geschäften deutlich erkennbar. Nicht umsonst wirkt der Hamburger Ratsherr Nikolaus Schoke wie ein Fisch aus dem Wasser. Jörgen braver bemüht sich, ihm nicht nur individuelle Züge, sondern vor allem eine Persönlichkeit zu geben. Im Vergleich allerdings zu seinen historischen Beschreibungen, auf die noch eingegangen werden soll, wirken seine Figuren teilweise noch ein wenig leblos. Ein deutlicher Fortschritt im Vergleich zu seinem Erstling, der noch zu sehr als Historie und zu wenig als Roman aufgebaut worden ist, aber Braker ist noch nicht gänzlich in der Lage, einen Sympathiebogen zwischen Leser und seinen Charakteren zu schlagen. Trotz vieler Bemühungen, ihre Handlungen zu erklären, bleiben sie distanziert und teilweise fremd. Das mag sicherlich an der Unfähigkeit der Leser liegen, ihre Handlungen in ihrer Zeit wirklich einschätzen zu können, aber einige deutlich emotionalere Szenen hätten dem Roman gut getan.

Nikolaus Schoke muss sich nicht nur den üblichen Gefahren einer solchen Reise aussetzen, verschiedenen Gruppen haben davon Kenntnis erlangt, was er in dem verschlossenen Lederbeutel mit sich trägt und wollen ihm die Reliquien abnehmen. Dabei scheuen sie auch nicht vor Mord zurück. In einer wirklich effektiv geschriebenen Szene wird Schoke suggeriert, das Störtebeker noch leben könnte. In Hamburg halten sich die Gerüchte, das die Namen der Vitalienbrüder vertauscht worden sind und ihr Anführer in letzter Sekunde fliehen konnte. Aus diesem dramatischen Szenario macht Braker dann allerdings zu wenig. Hier hätte der Zweifel noch tiefer in Schokes Verstand gesäht werden können. Auch wirken einige der Gefahren sehr gut extrapoliert, die Auflösung mit der Hilfe in letzter Sekunde dann wieder zu einfach gestaltet. Diese Rettungen wiederholen sich zu oft und der Leser hätte dem Ratsherren ein wenig mehr Eigeninitiative gewünscht, um sich auch als Persönlichkeit zu entwickeln. Jörgen Bracker als Autor hätte einige Szenen deutlich dramatischer und intensiver beschreiben können. Der Absturz der Weihkugel in der Kirche gehört zu den wenigen wirklichen Höhepunkten, die Flucht aus dem Tower mit Hilfe einer hilfreichen Hand dagegen ist langweilig und eine enttäuschende Auflösung nach der vorangegangenen Szenen. Teilweise überspannt Bracker auch den Bogen, um seinem Stoff eine Dynamik und Spannung zu geben, welche die Handlung alleine nicht immer benötigt. Auch eine Reise durch eine fremdartige Welt, welche der Historiker für seine Leser öffnet, kann nicht nur spannend, sondern dramatisch vollkommen ausreichend ein.

Und diese historische Welt, die Bracker vor seinen Lesern wieder mit Leben bevölkert, ist die eigentliche Stärke des Buches. Unauffällig, aber stets lehrreich, niemals belehrend führt der Autor die Leser in die Welt des sehr frühen 15. Jahrhunderts ein. Auf den ersten Blick ist sicherlich verblüffend, das trotz aller Härte eine spürbare Gastfreundschaft herrscht. Das beginnt bei den Leprakranken auf ihrer Insel und endet schließlich beim vermögenden Juden, der Schoke auf dem letzten Abschnitt seiner Reise per Schiff nach Lissabon befördert, nur um noch einmal diese Stadt zu sehen. Es ist vielleicht kein Zufall, das Schoke diese offenen Hände einem Fremden gegenüber ausschließlich im Ausland begegnen. Die Szenen in Hamburg und mit eher frühdeutschen Monarchen sind von Egoismus und Habgier gekennzeichnet. Seine historische Szenerie ist mit sehr vielen authentischen Gegenständen und Gebräuchen angereichert. Nach den Szenen auf See mit der gnadenlosen Jagd auf Gödeke Michel – wobei sich die Jäger fast als brutaler als ihre Opfer entpuppen – ist der Übergang in diese spätmittelalterliche Welt dank Nikolaus Schoke als Reisebegleiter übergangslos. Der Leser bleibt immer auf Augenhöhe des Protagonisten. Die plottechnische Vorgehensweise überbrückt die Distanz zu den wie schon erwähnt nicht immer dreidimensional gezeichneten Charakteren. Mit Schokes Augen begegnet der Leser den Gefahren, aber auch Wundern auf dieser teilweise dem Zufall untergeordneten Reise von Hamburg über die Kanaren nach Lissabon. Der Leser hat allerdings immer das Gefühl, er bewege sich zusammen mit Schoke in einem realistischen Abbild der historischen Welt. Hier zeigen sich Brackers Kenntnisse als Direktor des Museums für hamburgische Geschichte. Die Fakten erscheinen fundiert recherchiert und sind überzeugend wiedergegeben worden. Im Anhang geht der Autor auch noch einmal auf seine Quellen ein. Dabei unterscheidet er zwischen seinen eigenen Spekulationen, mit denen er die historisch verbürgte Reise anreichert und den niedergelegten Informationen. Aber insbesondere der Abstecher auf die kanarischen Inseln wirkt im Gesamtkontext des Plots allerdings eher wie ein Fremdkörper. Wie es sich allerdings für einen soliden Roman gehört, fährt im Grunde trotz seiner Position als Ratsherr ein eher naiver, aber treuer Jüngling auf die See hinaus und kehrt als Mann zurück. Am Ende der Reise hat er mehr zu Hause verloren als an Erfahrung gewonnen. Auf dieser eher düsteren Note beendet Bracker einen als historische Geschichte unterhaltsam zu lesenden Roman.


Jörgen Braker: "Die Reliquien von Lissabon"
Roman, Hardcover, 352 Seiten
Murmann- Verlag 2008

ISBN 9-7838-6774-0210

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